Von der Idee zum Buch

Ein passender Text zum „Welttag des Buches“. Auch wenn es nicht so geplant war.

Heute habe ich die letzten beiden Texte eines Manuskripts an den Verlag geliefert. Die Arbeit des letzten Jahres ist somit abgeschlossen. Das Buch behandelt das Thema „Warten“ und wird im September 2018 im marixverlag in Wiesbaden erscheinen. Wie es dazu kam, oder hätte kommen können, erzähle ich in dem folgenden Text.

Von der Idee zum Buch

Am Anfang stand ein Zustand. Wie so oft saß ich in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und versuchte an einer Anthologie zu arbeiten, deren Abgabetermin noch zwei Monate entfernt war. Nur wollte die Arbeit nicht vorangehen. Meine Gedanken drehten sich um ein anderes Thema und ich war sehr unkonzentriert.

Was war geschehen? Zwei, drei Wochen zuvor hatte mich völlig unerwartet ein sehr reizvolles Angebot erreicht, das mein Leben auf den Kopf stellen würde. Der mir bekannte Auftraggeber, ein wohlhabender Geschäftsmann mit kulturellen Ambitionen, stellte außerdem eine, für meine Verhältnisse, verlockende Entlohnung in Aussicht. Wir tranken Kaffee und er erläuterte, welche Aufgabe mir zufiele. Ein Büro mit einem nagelneuen Apple-Computer stünde ebenfalls zur Verfügung, alles vom Feinsten. Als ich, eher scherzhaft, erwähnte, dann müsse ich ja jeden Tag mit dem Rad diesen Berg hochfahren, – tatsächlich kam ich völlig verschwitzt in der Villa über der Stadt an – wurde die Möglichkeit erwogen, ein E-Bike zu leasen. Was mein potentieller Auftraggeber sagte klang sehr überzeugend und glaubhaft. Spätestens zwei Monate später solle ich anfangen. Ich hörte mir alles an und konnte kaum fassen, was mir da gerade passierte. Da ich völlig unvorbereitet war, bat ich mir eine Bedenkzeit aus. Ich wollte mir das alles erst mal durch den Kopf gehen lassen. Zwei Wochen wurden gewährt.

In diesen zwei Wochen redete ich mit Freunden über das Angebot, machte mir viele Gedanken und notierte einige Fragen, die ich zuvor klären wollte. Die Tendenz, den Auftrag trotz einiger Bedenken anzunehmen, überwog. Inhaltlich war die Aufgabe durchaus reizvoll und ich traute mir zu, sie zu bewältigen.

Als die Bedenkzeit vorüber war, rief ich meinen potentiellen Auftraggeber an, um einen Termin zu vereinbaren. Ich wollte über die Fragen sprechen, die ich notiert hatte. Allerdings erreichte ich ihn nicht und er rief auch nicht zurück, was mich erstaunte. Schließlich hatte er bei unserem ersten Gespräch den Eindruck vermittelt, es müsse alles ganz schnell gehen. Einige Tage später schrieb ich eine Mail. Dieses Mal kam postwendend eine Antwort. Er entschuldigte sich, hätte viel zu tun und sei im Stress, würde sich aber in den nächsten Tagen melden. „Herzlichst, xxx“. Ich war beruhigt und wartete auf den Terminvorschlag, gedanklich schon mit meiner neuen Tätigkeit und meinem neuen Leben befasst.

Ich wartete, und dieses Warten ließ keinen Platz für anderes, es beherrschte meinen Alltag und mein Denken. Die Arbeit am Manuskript ging nicht voran. Zunächst war ich sehr zuversichtlich, die Verabredung zu einem weiteren Gespräch würde schon noch kommen. Etwa vier Wochen nach dem ersten Treffen und zwei Wochen nach Ende der Bedenkzeit dämmerte mir, dass es wohl nichts mehr werden würde mit einem neuen Leben. Tatsächlich war jenes „Herzlichst“ das letzte Wort, das ich von meinem Businessmann gelesen habe. Langsam versuchte ich mich wieder in meinem gewohnten Dasein einzurichten. Ich schrieb einen knarzigen Text über das Warten, das ich herzhaft verfluchte. Der Gedanke, was Warten eigentlich ist, ließ mich jedoch nicht mehr los. Immerhin werden etwa fünf Jahre unseres Lebens davon bestimmt.

Ich recherchierte und war etwas überrascht, kaum Texte zum Thema zu finden, jedenfalls keine literarischen. Es interessierte mich immer mehr, was andere über das Thema und den Zustand des Wartens denken, wie sie ihn empfinden. In einem weiteren Text, den ich mit „Was ist Warten?“ überschrieb und ins Internet stellte, bat ich um Antworten zu der Frage. Im Vergleich mit sonstigen Reaktion auf meine Beiträge, kamen zahlreiche Antworten, auch über Facebook und Twitter, die mich teilweise sehr überraschten. Für einige bedeutete das Warten eine willkommene Entschleunigung, andere nutzten es zum Nachdenken und Ideensammeln. Mir dämmerte, dass meine heftige Ablehnung des Wartens nur ein Teil der Wahrheit war. Das Thema schien tatsächlich auf ein breites Interesse zu stoßen, schließlich konnte jeder etwas aus eigener Erfahrung dazu beitragen. Die Idee zu einem Buch reifte. Unterschiedlichste Autoren sollten sich zu dem Thema äußern, in allen möglichen Formen und Stilen, und sich diesem alltäglichen Phänomen nähern. Vom satirischen Gedicht bis hin zum wissenschaftlichen Essay, alles sollte möglich sein. Mein Verleger, dem ich von der Idee erzählte, schien nicht abgeneigt, zögerte aber dennoch. Immerhin sagte er nicht gleich nein. Ich beendete die Anthologie fristgemäß. Dann widmete ich mich meinem neuen Lieblingsthema, recherchierte, sammelte Ideen, notierte Zitate und fing an, ein Exposé zu schreiben, das den Verleger endgültig überzeugen sollte. Das gelang so halbwegs. Er war angetan von meinen Vorstellungen zu dem Buch und gab mir grünes Licht, zunächst allerdings nur für weitere Recherchen und Akquise. Ein neues Exposé musste her, eines, das potentielle Autorinnen und Autoren überzeugen sollte, sich an dem Projekt zu beteiligen. Zur Buchmesse lag es vor und ich trug einige Exemplare immer bei mir. Alle Autorinnen und Autoren, denen ich von der Idee erzählte und mein Exposé in die Hand drückte, waren sofort von dem Thema angetan. Die Assoziationen sprudelten und alle sagten ihre Teilnahme sofort zu. Da wusste ich, dass es gelingen könnte, dieses Buch zu machen. Der Band sollte ausschließlich aus Originalbeiträgen bestehen. So musste ich namhafte Autorinnen und Autoren leider ablehnen, die mir bereits erschienene Texte angeboten hatten. Das war nicht immer einfach. Andere haben leider ihre Teilnahme aus zeitlichen Gründen absagen müssen.

Die Autorinnen und Autoren, die jetzt mit Beiträgen vertreten sind, kommen aus verschiedensten Disziplinen. Laien, Literaten, Journalisten, Satiriker, Verleger und Wissenschaftler sind vertreten und haben 32 Texte unterschiedlichster Art geliefert, die zusammen ein buntes Mosaik bilden. So wie ich es mir vorgestellt habe. Illustriert wird das Buch mit Fotografien des Frankfurter Fotografen Georg Dörr. Ich bin außerordentlich zufrieden und dankbar. Und jetzt heißt es warten bis September.

Am Anfang stand ein Zustand und am Ende steht ein Buch. Das ist das Beste, was aus den vier Wochen Warten werden konnte.

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