Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

Advertisements

Was ist Warten?

Angeblich verbringt der Mensch im Laufe seines Lebens ungefähr fünf Jahre mit Warten. Das ist eine Menge Zeit. Aber was ist dieses Warten eigentlich?

Es gibt unterschiedlichste Ausprägungen des Wartens. Da ist zum Beispiel das alltägliche Warten auf Bus, Bahn etc. Oder das Warten an der Kino- Konzertkasse. Eher lästige Situationen, die auch zeitlich anders empfunden werden. Eine Warteminute auf einem Bahnsteig oder an einer Haltestelle scheint 120 Sekunden zu haben. Dann gibt es das Warten auf etwas Schönes, Urlaub etwa oder die Ankunft eines geliebten Menschen. Auch in diesen Zeiten scheint die Zeit nicht vorüber zu gehen. Ist der Urlaub oder der geliebte Mensch endlich da, vergeht die Zeit wieder rasend.

Es gibt die Floskel „Das Warten hat ein Ende“. Sie wird meistens eingesetzt, wenn ein neues Produkt plaziert wird, ein Auto etwa oder ein Telefon. Auch bei saisonalen Besonderheiten wird sie gerne verwendet, zum Beispiel wenn die Spargelsaison beginnt. Dieses Warten, das angeblich ein Ende hat, ist im eigentlichen Sinne kein Warten, denn es tangiert den Alltag nicht. Es wird erst dann zu einem Warten, wenn irgendwelche Nerds die Nacht vor einem Telefonladen campieren, um als Erste bei Ladenöffnung das neue Modell in Händen zu halten.

Das Warten, oder Ausharren, ist ein Zustand vermeintlich außerhalb der Zeit. Es ist ein passiver Zustand, oftmals auch ein lähmender. Wer auf eine Antwort wartet, ohne die irgend etwas nicht weitergeht, fühlt sich gelähmt und behindert. Wenn diese notwendige Nachricht länger, trotz wiederholter Ermahnungen, ausbleibt, kann die oder der Wartende durchaus aggressiv reagieren. Daher wird Warten oft mit dem Adjektiv „passiv“ verbunden. Zur Passivität verurteilt zu sein ist eine quälende Zeit, die auch nicht, oder nur schwer, anderweitig sinnvoll genutzt werden kann. Quälend kann die Zeit des Ausharrens auch beim Warten auf eine medizinische Diagnose sein. Oder, wie mag sich ein Gefangener in der Todeszelle fühlen beim Warten auf die Hinrichtung?

Warten kann auch als Ausdruck von Macht eingesetzt werden. Jemanden warten zu lassen bedeutet, denjenigen nicht ernst zu nehmen, zu mißachten. Der kann ruhig noch warten heißt, der ist egal, nicht wichtig. Und doch lassen wir ständig andere warten. Es kann fatale Folgen haben, jemand zu lange warten zu lassen, bis derjenige eine Entscheidung trifft, die das Warten beendet. Nur wer in einer Position der Stärke ist, kann es sich leisten andere immer wieder zu vertrösten. Abhängige sollten niemals jemand warten lassen. Andere warten lassen zu können ist ein Privileg der Mächtigen, warten zu müssen, das Schicksal der Ohnmächtigen.

Bislang stellt sich der Zustand des Wartens als etwas Unangenehmes, Lähmendes dar. Aber gibt es auch etwas wie ein positives Warten? Wer in einen Zug oder ein Flugzeug steigt kann die Zeit bis zur Ankunft durchaus als angenehm empfinden, als eine Zeit, die sich kreativ oder kontemplativ nutzen lässt. Diese Zeit wird dann allerdings nicht als Warten empfunden.

Literarisch ist das Thema merkwürdigerweise nicht sehr präsent (wenn jemand Tipps hat, immer her damit). Die berühmtesten Wartenden in der Literatur sind wohl Wladimir und Estragon in Becketts Warten auf Godot und Penelope in Homers Odyssee, beziehungsweise Molly Bloom in Joyce`Adaption Ulysses.

Ein berühmtes Beispiel in der bildenden Kunst ist Richard Oelzes Gemälde Erwartung. Es ist eine Gruppe von gutgekleideten Menschen zu sehen, bis auf einen alle von hinten, die dichtgedrängt erwartungsvoll in den Nachthimmel starren. Was sie erwarten, erschließt sich dem Betrachter nicht. Dennoch hat dieses Motiv etwas religiöses, denkt man doch unwillkürlich an den Messias, oder einen Erlöser. Aufgrund der Entstehungszeit des Gemäldes 1935/36 sprechen manche Interpretationen auch von der herannahenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die in dem düsteren Himmel symbolisiert ist, in den die Wartenden blicken.

Wartenden wird oft Geduld empfohlen. Die Fähigkeit zur Geduld ist erstrebenswert, auch wenn sie nicht immer hilfreich ist. „Hab`doch etwas Geduld“ heißt ja oft nichts anderes als „Hör auf zu nerven“. Die Floskel „Das Warten hat ein Ende“ ist natürlich eine Lüge, denn das Warten hat erst dann ein Ende, wenn das eintritt, worauf wir alle warten, nämlich unser Ende. Wie also gehen wir mit diesem Warten um? Wie nutzen wir die fünf Jahre?

Ich möchte um Eure Mithilfe bitten. Was verbindet Ihr mit dem Zustand des Wartens, was bedeutet es für Euch? Ist es positiv oder negativ besetzt? Wie nutzt Ihr diese vermeintlich passive Zeit? Beiträge gerne hier in den Kommentaren oder auch kurz auf Twitter unter dem Hashtag #wasistwarten. Vielen Dank.

 

 

 

 

 

 

 

Vom Warten

Es ist die Zeit des Wartens. Sie verstreicht langsam, diese Zeit und sie lähmt. Wie eine Wand steht das Warten vor mir, behindert weitere Schritte nach vorne. Wobei nicht klar ist, wo vorne ist.

Ist vorne bei den vier bis fünf Buchprojekten, die besprochen, abgewogen und bedacht sind und die einer Entscheidung harren, einer Entscheidung pro oder contra, einer Entscheidung, die eine Richtung vorgeben wird und weitere Schritte, wohin auch immer?

Oder liegt vorne in den Antworten auf vor langem geschriebene Mails? Eine dieser Mails fragte zum Beispiel nach der Zukunft meines Engagements für die Social-Media-Präsenz eines bekannten Bornheimer Lokals. Mails und SMS zu ignorieren gilt dort als selbstverständlich. Es stellt sich die Frage, wie lange dieses Warten noch akzeptabel ist.

Ein Warten, das jeder freiberuflich Tätige kennt, ist das Warten auf die Begleichung von Rechnungen. Das ist vielleicht das quälenste Warten überhaupt. Zu harren, bis endlich ein paar Euro den Blick auf das Konto etwas erträglicher gestalten werden.

Schmerzhaft das Warten darauf, in Gegenwart eines geliebten Menschen eine Auszeit nehmen zu können. Nur für ein paar Stunden nicht mehr zu warten, sondern zu sagen und zu fühlen „Ich bin da. Ich warte nicht. Jetzt ist Jetzt. Warten ist morgen.“.

Wieviel Zeit verbringen wir im Leben mit Warten? Gibt es Tage ohne auf irgendwas zu warten? Nach dem Frühstück wartet man auf das Mittagessen, danach dann aufs Abendessen. Gelegentlich wartet man auf einen Zug, wobei Warteminuten auf Bahnsteigen doppelt solange währen wie im richtigen Leben. Montags wird auf das unendlich fern erscheinende Wochenende gewartet, genau wie alle weiteren Tage auch. Im Winter wird auf den Sommerurlaub gewartet, danach dann auf den Winterurlaub. Hat man nach monatelanger Arbeit ein Manuskript abgegeben, wartet man weitere Monate sehnsüchtig darauf, das Produkt seiner Arbeit endlich in Händen zu halten. Wir warten ständig auf irgendwas, am liebsten aber wohl auf romantische Ideale wie Glück oder Liebe.

Und über all dieses Warten werden wir älter und älter bis wir schließlich keine Zeit mehr haben zu warten. Und doch hört es nie auf, ist gnadenlos und penetrant. Glücklich sind die, die den Wartezustand in Kreativität wandeln können. Die sagen können, ok, solange nichts entschieden ist, kann ich die Zeit für was anderes nutzen. Denen ist das Warten Freiraum und Muße. Ich jedoch habe mich noch nie in Wartesälen wohl gefühlt.

Jemanden warten zu lassen bedeutet, denjenigen nicht ernst zu nehmen, zu mißachten. „Der kann ruhig noch warten“ heißt, der ist egal, nicht wichtig. Und doch lassen wir ständig andere warten. Es kann fatale Folgen haben, jemand zu lange warten zu lassen, bis derjenige eine Entscheidung trifft, die das Warten beendet. Nur wer in einer Position der Stärke ist, kann es sich leisten andere immer wieder zu vertrösten. Abhängige sollten niemals jemand warten lassen. Andere warten lassen zu können ist ein Privileg der Mächtigen, warten zu müssen, das Los der Ohnmächtigen.

Das Gegenteil des Wartens ist die Entscheidung. Eine Entscheidung beendet das Warten, egal ob sie positiv oder negativ ausfällt. Eine Entscheidung schafft Klarheit und Sicherheit und beendet den nebulösen Zustand des Wartens. Eine Entscheidung ist die Erlösung – bis zum nächsten Warten.

Hab` Geduld, wird oft gesagt. Ja, die Fähigkeit zur Geduld ist eine starke Kraft. Wer geduldig ist, kommt besser durch das Leben. Allerdings wird diese Fähigkeit arg strapaziert, wenn es darum geht, von was man in den nächsten Monaten leben soll.

Ich will nicht mehr warten!