Was fehlte – Ein Rückblick auf das Jahr 2018

Rheingau

Das vergangene Jahr war nicht sonderlich ereignisreich, zeichnete sich vor allem durch Lücken aus. Die größte Lücke hinterließen meine Eltern, die 2017 binnen Monatsfrist gestorben sind. Gelegentlich ertappte ich mich sonntags, unserem Telefontag, bei dem Gedanken, sie jetzt mal anrufen zu müssen. Das Erscheinen meines Buches „Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen“ haben sie nicht mehr erlebt. Ich habe schon vielfach darüber gesprochen und geschrieben. Nicht darüber geschrieben haben jedoch andere. Keine einzige Rezension ist erschienen, trotz der wunderbaren und durchaus auch namhaften Autorinnen und Autoren, die mit tollen Texten in diesem Band versammelt sind. Da half auch kein Interview bei HR2 oder ein Kurzauftritt in der ARD Vormittagsshow „Live nach Neun“. Einzig das literarische Online-Magazin Glanz & Elend erwähnte das Buch. Sonst blieb aus, was ich mir erwartet hatte. Das fehlte und, ich gebe es gerne zu, schmerzte und enttäuschte auch. Dazu gehörte auch das Ausbleiben der Antwort einer Berliner Buchhändlerin, die mir eine Lesung aus dem Warten-Buch zugesagt hatte, sich dann aber nicht mehr meldete. Dasselbe gilt für eine Kölner Buchhändlerin.

Überhaupt fehlten viele Antworten. Mails scheinen das Medium zu sein, dass am ehesten ignoriert wird, und zwar mit großem Selbstverständnis und ohne jedes schlechte Gewissen. Wieso richten sich Menschen und Unternehmen Mailaccounts ein, wenn sie diese als Mülleimer verstehen? Vielleicht sollten wir wieder Postkarten schreiben, wie das eine gute Freundin mit großer Leidenschaft regelmäßig tut. Der Kreis der Empfänger ist groß und alle schreiben zurück.

So hat etwa die Inhaberin einer kleinen Brauerei, die wir im Rahmen der „Tour de Bier“ besuchten, auf den Hinweis unserer geschriebenen Mail frei heraus geantwortet, diese habe sie ignoriert. Das würde sie bei Mails immer so machen. Aber man habe halt so eine Mailadresse, weil man sie ja doch irgendwie bräuchte. Für was, habe ich mich gefragt. Auch andere Brauereien fanden keine fünf Minuten Zeit, um unseren Fragebogen auszufüllen. Sie scheinen keinen Wert darauf zu legen von uns kostenlos beworben zu werden. Es fehlten also auch größere Fortschritte bei der Tour de Bier.

Der Goetheturm, 2017 abgefackelt.

Auch die Stadt Frankfurt wurde ärmer. So fehlt der Goetheturm, 2017 abgefackelt von einem oder mehreren Brandstiftern, die einige berühmte und beliebte Holzgebäude in Frankfurt plattmachten. Was für kranke Gehirne sind da unterwegs? Der Goetheturm war sicherlich das symbolträchtigste Gebäude, das in den letzten Jahren Opfer wurde von Verbrechern. Für mich, und für viele Frankfurter, ein Ort an dem Kindheiterinnerungen hängen. Die Spaziergänge im Stadtwald, der Spielplatz nebenan, und die Goetheruh, der Ort für Apfelstrudel und Kakao zum Abschluss des Sonntagsausflugs. Und immer das Gefühl, nach hause zu kommen, wenn bei der Anfahrt auf Frankfurt der Turm auftauchte und sich stolz über die Wipfel des Stadtwaldes erhob. Für mich war er der wichtigste aller Frankfurter Türme, das wahre Wahrzeichen der Stadt. Noch heute habe ich den charakteristischen Geruch nach Harz und Holz in der Nase, den der Turm verströmte. Er bleibt das Einzige, was von dem Symbol im Wald in mir weiterlebt, denn auch der geplante Neubau kann nicht mehr werden, als ein Erinnerungsort an den, für immer verlorenen, Goetheturm. Nur eine neue Generation kann den neuen Turm zu einer eigenen Erinnerung machen.

Des weiteren fehlte im letzten Jahr ein Besuch in der Apfelweingaststätte „Zu den drei Steubern“ in Sachsenhausen. Die Zukunft dieses wohl traditionellsten aller Apfelweinlokale ist unsicher. Der Wirt geht schnellen Schritts auf die Neunzig zu. Bis heute steht er an jedem der Öffnungstage in seinem Lokal hinter dem Tresen, schenkt Apfelwein aus, den er schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst keltert, oder serviert den Handkäs, der eingelegt in einer Schublade am Tresen reift. Wie lange kann er das noch machen? Und was passiert, wenn er es nicht mehr machen kann?

Es gab durchaus einige Radtouren mit der wunderbaren M. im letzten Jahr, aber es hätten noch mehr sein können. Dasselbe gilt für Wanderungen im schönen Rheingau. Es hätten immer mehr sein können. Und Urlaub fehlte, wie in den Jahren davor auch schon. Mehr als zwei lange Wochenenden in Berlin und einem kleinen Ausflug nach Stuttgart war nicht drin. Sehr schade, dass ich einen lange geplanten Trip nach Paris absagen musste. Daher sind diese kleinen Tagesfluchten mit dem Rad oder zu Fuß so wichtig.

Auch Konzerte kamen mal wieder viel zu kurz im letzten Jahr. Es gab immer irgendeinen Grund, weshalb ich verhindert war. Immerhin habe ich My Brightest Diamond im Berliner Frannz Club gehört und gesehen. Und das war vielleicht das Wichtigste.

Möge 2019 weniger lückenhaft werden.

Werbeanzeigen

27. September oder Vom Warten

cover

Bis zum Jahr 2017 war der 27. September ein ganz normaler Wochentag für mich, ohne besondere Bedeutung. Ein Tag wie ihn Thomas Brasch in seinem berühmten Gedicht Der schöne 27. September besingt, ereignis- und belanglos. Das änderte sich, als an diesem Tag im Jahr 2017 meine Mutter starb, genau einen Monat nachdem mein Vater gestorben war. Beide wurden 91 Jahre alt. Ich hatte ihnen noch von meinem Buchprojekt erzählt, an dem ich in diesem Jahr bereits arbeitete. Ob sie allerdings verstanden haben, was ich mit dem Buch unter dem Arbeitstitel Vom Warten, beabsichtigte, bezweifle ich. Gesehen haben sie das Ergebnis nicht mehr, denn das hielt ich erst ein Jahr später in der Hand, am 27. September 2018. Ich neige nicht zu Zahlenmystik und bin mir sicher, dass es zwischen dem Tod meiner Mutter und dem Erscheinen des Buches keinerlei Zusammenhang gibt. Gleichwohl gefällt mir diese zufällige Übereinstimmung.

Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl erstmals ein Buch in der Hand zu halten, an dem man etliche Monate gearbeitet hat. Es endlich aus der Umhüllung befreit, aufschlägt und den einzigartigen Geruch einsaugt, den nur Bücher verströmen. Und dann befriedigt feststellt, dass es ein schön gestaltetes Buch geworden ist, etwas, mit dem man sich wohlfühlt und das man gerne vorzeigen mag. Bücher berühren alle Sinne, noch bevor man ein einziges Wort gelesen hat. Es ist nicht das erste Buch, das ich nach eigenen Ideen herausgegeben habe, und dennoch ist es etwas ganz Besonderes.

Im Jahr 2014 erschien Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten, das ich zusammen mit Jürgen Roth gemacht habe, oder besser, er mit mir, denn er hatte am meisten dazu beigetragen. Zwei Jahre später folgte dann SÜSS SAUER PUR – Unterwegs in der Frankfurter Apfelweinkultur, ein Gemeinschaftsprojekt mit Andrea Diener. Die Arbeit an beiden Büchern hat sehr viel Spaß gemacht und war äußerst lehrreich für mich. Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen ist nun das erste Buch, das ich alleine verantworte. Von der Idee bis zum Erscheinen sind etwa zweieinhalb Jahre vergangen. Eine Zeit, in der es einige Hürden zu überwinden galt. Ich musste den Verleger überzeugen und, als das gelungen war, Autorinnen und Autoren für eine Mitwirkung gewinnen. Das lief erstaunlich gut. Es gab natürlich einige Absagen, aber die meisten waren sofort von der Idee angetan und sagten einen Beitrag zu. Als die Deadline nahte, musste ich gelegentlich bei manchen sanft die Peitsche schwingen und die Abgabe anmahnen. Irgendwann hatten alle geliefert und ich war begeistert von der Qualität der Texte. Und so kam ein sehr abwechslungsreiches und unterhaltsames Buch heraus, das das alltägliche Phänomen Warten aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Nichts hätte mich weniger interessiert als etwa ein Buch mit Gedichten vom Warten. Allerdings bedaure ich, dass kein Gedicht enthalten ist. Amateure, Zeitungsmenschen, Literatinnen und Literaten, Satiriker, Verleger und Geisteswissenschaftler sind zwischen diesen Buchdeckeln versammelt, und, wie ich hörte, fühlen sich dort und in dem Umfeld wohl.

Am 5. Oktober 2018 wurde Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschleifen in der Frankfurter Buchhandlung Buch & Wein vorgestellt. Die verfügt über einen schönen Raum im Hof, der etwa 50 – 60 Leute fasst. Es wird Wein ausgeschenkt und Kleinigkeiten zu Essen gibt es auch. Der ideale Ort für eine Buchvorstellung. Die Werbung lief hauptsächlich über Facebook & Co. Außerdem wurden einige Plakate geklebt.

Die Lesung sollte um 20 Uhr beginnen und pünktlich war der Raum voll. Einige mussten stehen. Neben mir am Lesungstisch saßen Andrea Diener von der FAZ, Katja Thorwath von der Frankfurter Rundschau sowie der Autor, Schauspieler und Kabarettist, Philipp Mosetter. Alle vier waren auch schon bei den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten zwischen zwei Buchdeckeln vertreten. Andrea, Katja und ich bestritten die erste Hälfte und die zweite gehörte Philipp Mosetter. Eine Zugabe hatten wir nicht eingeplant, sie wurde aber wunderbarerweise gefordert. Moppel Wehnemann erklärte sich spontan bereit und las ihren Text, ohne das vorher geübt zu haben. Während der Lesung wurden in Dauerschleife die Fotos von Georg Dörr an die Leinwand projiziert. Sie sind auch teilweise im Buch zu sehen. Am Schluss war der Raum noch immer gefüllt, es gab Beifall, und der Büchertisch wurde belagert. Nicht nur Vom Warten wurde gekauft, sondern auch die Bücher von Andrea Diener und Philipp Mosetter. Es war ein sehr schöner und erfolgreicher Abend, der bei Wein und guten Gesprächen seinen Abschluss fand. Gegen 1 Uhr baten uns Gabi und Hubert, unsere wunderbaren Gastgeber von Buch und Wein, langsam den Heimweg anzutreten.

Mit dem Gedicht Der schöne 27. September beendete ich im Oktober 2017 die Trauerrede für meine Mutter.

Alle Fotos von Monika Hilt.