6. März 2014

Gegen 13 Uhr sollte ich in Wiesbaden sein. Ich hatte einen Termin mit meinem Verleger. Nun gut „mein Verleger“ klingt etwas hochtrabend, und dennoch stimmt es – auch wenn ich kein Autor bin. Wir hatten einige Dinge zu besprechen. Die passende U-Bahn sollte mich um 11 Uhr 33 zum Hauptbahnhof bringen. Wenn ich es vermeiden kann U-Bahn zu fahren, tu ich es. Daher hatte ich nicht bedacht, daß der RMV jetzt auch diese schicken Fahrkartenautomaten mit Touchscreen einsetzt.

RMV Fahrkartenautomat

RMV Fahrkartenautomat

Für einen Menschen mit normalen feinmotorischen Fähigkeiten, also jemanden wie mich, ist es völlig ausgeschlossen, fehlerfrei seinen Zielbahnhof einzutippen. Es ist reine Glücksache, den richtigen Buchstaben zu treffen. Nach fünf bis sechs Versuchen war es mir gelungen „Wiesbaden“ in das entsprechende Feld einzugeben. Damit nicht genug. Der Apparat verlangte nähere Informationen, Hauptbahnhof beispielsweise. Es gibt auch ein Feld, in das man die zweistellige Nummer des Zielbahnhofs eingeben kann. Nur daß diese Nummer nirgends angezeigt wird. Als ich endlich, kurz vor dem Nervenzusammenbruch, mein Ziel fehlerfrei eingegeben hatte, stellte ich fest, daß ich nur einen 50-Euro-Schein hatte. Damit kann der Ticketautomat nichts anfangen. Dann fahre ich halt ohne Fahrschein, dachte ich mir und rannte die Rolltreppe runter in den Schacht – um die Rücklichter der 11:33 im Tunnel verschwinden zu sehen.

Mein Verleger ist ein netter und verständnisvoller Mensch. Es sei egal, wenn ich eine Stunde später käme, sagte er mir am Telefon, er sei ohnehin da. Also ging ich einkaufen, nicht zuletzt um den Geldschein in automatentaugliche Einheiten zu wechseln.

Das Gespräch verlief dann erwartet unkompliziert. Nach nur anderthalb Stunden waren die wichtigen Fragen geklärt und das weitere Vorgehen abgestimmt. Sehr zufrieden machte ich mich auf den Weg zum Wiesbadener Hauptbahnhof und versüßte mir die halbe Stunde Wartezeit mit einem Capuccino und einer Nußecke. Der Wiesbadener Hauptbahnhof ist ein schöner Kopfbahnhof, der auch über einen großen Fahrradparkplatz verfügt. Sowas hat der doppelt so große Frankfurter Bahnhof nicht.

Der dortige Fahrkartenautomat bereitete mir keine Probleme, für mein Ziel Frankfurt/City mußte ich nur den Button oben links drücken und einen passenden Schein in den Schlitz schieben.

Daß es einen entsprechenden Button für Wiesbaden auch bei den Frankfurter Automaten gibt, habe ich erst gemerkt, als ich wieder zurück war.

Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Als Wibke Ladwig die Blogparade zum Thema „Und was machen Sie so beruflich?“ ins Leben rief, fühlte ich mich sofort angesprochen. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir nämlich, zu erklären, was ich den ganzen Tag so mache.

Ich habe schon viele verschiedene Dinge gemacht in meinem Leben, in Kneipen gearbeitet, Fenster geputzt, ohne Erfolg Design studiert, einen Radwanderführer über das Rhônetal geschrieben… Und dennoch bin ich kein Wirt geworden, Fensterputzer auch nicht, Designer erst recht nicht und ein Reiseschriftsteller ist aus mir – leider – auch nicht geworden.

Buchhändler

Meine erste „richtige“ Ausbildung wurde mir vom Arbeitsamt in einem Alter spendiert, in dem andere schon zweimal den Job gewechselt haben. Ich wurde Buchhändler. Nichts besonders Aufregendes, aber ich wollte das schon lange und es hat Spaß gemacht. Dem Sortiment blieb ich dann für zwanzig Jahre treu.

Nachdem ich bis dahin die Frage, was ich denn so machte, immer mit „dies und das“ beantwortete, konnte ich jetzt mit einem richtigen Beruf aufwarten. Der Glamourfaktor war gleich null, aber wenigstens konnten sich die meisten darunter etwas vorstellen, auch wenn sie mit Büchern nichts am Hut hatten.

Suhrkamp

Schwerer wurde es, als ich zu Suhrkamp ins Verlagsgeschäft wechselte. Dann lautete die Frage ob ich Lektor sei. Dass es in einem Verlag auch noch andere Abteilungen gab, war nur den Wenigsten bewusst. Auf meine Antwort, ich sei in der Verkaufsabteilung und hätte viel mit Buchhändlern zu tun, erntete ich meist ein „Aha“. Die Verkaufsabteilung strahlte offensichtlich nicht soviel Glanz aus wie das Lektorat. Einer fragte mal, welche Druckmaschinen wir verwendeten und war enttäuscht zu erfahren, dass Verlage in der Regel nicht selbst druckten.

Aber immerhin konnten einige mit dem Namen Suhrkamp etwas anfangen. Das war nicht selbstverständlich.

Bei Menschen, für die Bücher etwas waren, das irgendwo im Regal stand und Staub fing, erntete ich bei dem Namen Suhrkamp meist ein ungläubiges Kopfschütteln. Dann halfen nur noch die Hausheiligen, Brecht, Hesse, Frisch – an diese Namen aus der Schulzeit erinnerten sich noch einige.

Nicht zuletzt deshalb habe ich es immer genossen, mit Menschen aus der Branche oder Literaturliebhabern zu tun zu haben – man wusste wovon man sprach und verstand sich in der Regel.

Social-Web

Während meiner Zeit bei Suhrkamp kam ich erstmals mit dem sog. Social-Web in Berührung. Eine Freundin hatte mir eine Einladung zu Xing geschickt. Irgendwann versuchte ich mich anzumelden, war aber schnell genervt von der Anmeldeprozedur und brach die Formalität ab. Das hatte zur Folge, dass mich Xing ständig darauf hinwies, meine Anmeldung sei noch nicht vollständig, ich möge sie doch abschließen. Um endlich meine Ruhe zu haben, tat ich Xing den Gefallen. Schnell fand ich Freude an dieser Art der Kommunikation und trieb mich in Musik- und Literaturforen rum. Es hat viel Spaß gemacht. Bevor Suhrkamp selbst in den sozialen Netzwerken aktiv wurde, habe ich über Xing Social-Media-Marketing für den einen oder anderen Suhrkamp-Titel betrieben.

Am wichtigsten aber war, dass ich über Xing Menschen mit ähnlichen Interessen kennengelernt habe. Mit manchen bin ich heute befreundet. Es war mir immer wichtig, dass sich das virtuelle Leben im realen wiederfindet. Lange Zeit war Xing das einzige Netzwerk, dass ich nutzte. Ich vermisste nichts und als ich erstmals von Twitter hörte, musste ich mir erklären lassen, was das sei. Nun gut, irgendwann folgte dann auch Facebook.

Berlin – Frankfurt – Berlin

Als der Suhrkamp Verlag ankündigte im Januar 2010 nach Berlin umzuziehen, war meine Begeisterung gedämpft. Ich war zehn Jahre vorher von Berlin nach Frankfurt gezogen und hatte mich langsam mit der Stadt am Main angefreundet. Außerdem war ich mittlerweile in Frankfurt viel besser vernetzt als in Berlin. Dennoch, ich war nicht mehr der Jüngste, suchte ich eine Wohnung in Berlin und fand sie im Prenzlauer Berg. Es war vermutlich die schönste und größte Wohnung, die ich jemals hatte und doch habe ich sie nie gesehen.

Je näher der Umzugstermin rückte desto größer wurde mein Unbehagen. Ich brauchte eine Alternative. Eine Bewerbung bei einem Frankfurter Verlag hat nicht geklappt. Das war schade, aber wenn man sich bewirbt, muss man auch damit rechnen, abgelehnt zu werden.

Die Alternative fand sich dann im Dezember 2009, kurz vor dem Umzug des Suhrkamp Verlags. Ich traf mich mit einem befreundeten Verleger eines Regionalverlags in Frankfurt. Er spielte schon lange mit dem Gedanken, ein Geschäft für lokale Produkte in Frankfurt zu eröffnen. Wir einigten uns, das zusammen zu machen. Alles klang ganz wunderbar und realistisch. Ich erwartete eine Abfindung, die ich investieren wollte, einen Teil jedenfalls.

Selbstständigkeit

Am zehnten Jahrestag meines Einstiegs bei Suhrkamp kündigte ich und machte mich, nach dreimonatiger Arbeitslosigkeit, selbsständig.

Seit dem habe ich ein Problem zu erklären, was ich denn eigentlich mache.

Vielleicht sollte ich mich Bauarbeiter nennen, in einem übertragenen Sinne natürlich. Ich bin auf vielen Baustellen unterwegs und bei manchen ist noch eine Menge Sand im Getriebe.

Die Idee, einen Laden für regionale Produkte zu eröffnen, ließen wir schnell fallen. Statt dessen entschieden wir, diese Produkte selbst zu entwickeln und herzustellen und andere sie verkaufen zu lassen. Das haben wir getan. Aber diese Firma ist auch noch eine Baustelle, die Website ist z. B. noch nicht fertig und es gibt noch nicht genügend Produkte.

Irgendwann erreichte mich eine Anfrage des Fischer-Taschenbuchverlags. Es wurde jemand gesucht, der in der Klassiker-Reihe eine Anthologie zum Thema „Spaziergang“ herausgab. Diesen Auftrag habe ich sehr gerne angenommen. Bereits im folgenden Jahr stellte ich wieder für den Fischer-Taschenbuchverlag eine weitere Anthologie zusammen, diesesmal lautete das Thema „Eisenbahn“. Ich hatte es vorgeschlagen und der Verlag war einverstanden. Leider wurde die Reihe mittlerweile sehr reduziert und es blieb bei diesen zwei Büchern.

In der letzten Woche habe ich, wieder als Herausgeber, ein Lesebuch für den B3 Verlag in Frankfurt fertig gestellt. Es wird Mitte März erscheinen.

Dieser B3 Verlag ist in Frankfurt Bockenheim beheimatet. Dort habe ich auch mein Büro. Für den Verlag betreue ich die Website, die dringend renovierungsbedürftig ist, und bespiele Twitter und Facebook. Neue Bücher stelle ich bei Book2Look ein und wenn`s ein E-Book werden soll, erledige ich das über Bookwire. Im Tagesgeschäft kümmere ich mich um die Aufträge und erledige hin und wieder Marketingaktionen, wie Mailings etc.

Die ursprüngliche Idee, ein Geschäft für regionale Produkte zu eröffnen, wurde dann doch verwirklicht, wenn auch ohne mich. Den Hessen Shop gibt es mittlerweile dreimal in Frankfurt sowie als Shop in Shop System in allen sechs Hugendubel-Filialen im Rhein-Main-Gebiet. Für den Hessen Shop betreue ich die Facebook und Twitter-Accounts. Außerdem habe ich eine Pinterest-Seite eingerichtet. Seit Anfang März pflege ich auch die Website des Hessen Shops, technisch und inhaltlich. Das ist eine weitere, große Baustelle, die mich viel Zeit kosten wird. In der nächsten Zeit werde ich mich also in das Redaktionssystem der Seite einarbeiten.

Social-Media-Anwendungen nutze ich täglich, privat und beruflich. Insgesamt betreue ich je fünf Facebook und Twitter-Accounts. Demnächst werden es noch mehr werden. Manche dieser Accounts, z. B. die Facebook-Seite des kulturellen Online-Magazins Faust-Kultur, betreue ich ehrenamtlich, aus Idealismus. Da wird kein Geld verdient, jedenfalls zur Zeit noch nicht, und mir gefällt die Seite sehr. Für so ein wunderbares Projekt investiere ich gerne etwas von meiner Zeit.

Als Social-Media-Profi würde ich mich aber niemals bezeichnen, da gibt es andere, die mit dem Thema wesentlich vertrauter sind als ich. Auch beschränke ich mich auf Twitter, Facebook und Pinterest. Mit Google+ zum Beispiel habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich weiß auch noch nicht, worin der Nutzen einer weiteren Plattform besteht. Nicht zuletzt ist es auch ein Zeitproblem.

Obwohl ich recht „amateurhaft“ mit Social-Media umgehe, halten mich manche doch für einen „Profi“, gemessen an ihren eigenen Fähigkeiten und Ängsten. Also helfe ich hin und wieder anderen bei ihren ersten Schritten in das soziale Netz.

Zu guter Letzt bin ich mit ehemaligen Verlagskolleginnen und Kollegen in den Vorbereitungen für die Gründung einer weiteren Firma. Wir brauchen aber noch ein paar Wochen und vorher wird nichts verraten.

Für Aussenstehende klingt das alles sicher recht verwirrend. Aber hinter all diesen Aktivitäten steht ein Netzwerk von nur wenigen Personen. Intern ist alles also recht überschaubar und die Wege sind kurz – und Bauarbeiter schätzen kurze Wege.

Nachtrag vom Januar 2014

Als Selbsständiger bewegt man sich auf dünnem Eis. Ich habe das jetzt zu spüren bekommen. Sollte ich jetzt diesen Beitrag schreiben müssen, er würde vollkommen anders aussehen, denn 90% der oben geschilderten Umstände sind mittlerweile hinfällig. Ich orientiere mich jetzt neu.

Mein Urheberrecht

Alle Welt redet derzeit über das Urheberrecht. Das liegt nicht zuletzt an der Piraten-Partei, aber die Diskussion ist schon viel älter. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat den Versuch unternommen, die verschiedenen Standpunkte der laufenden Diskussion zu katalogisieren. Drei Kategorien sind dabei herausgekommen: die Neuerer, die Bewahrer und die Moderatoren.

Die bösen Verwerter

Im besonderen Fokus der Gegner des Urheberrechts stehen die sog. „Verwerter“, also z.B. Verlage, Zwischenhändler und Einzelhändler, die abgeschafft gehörten. Statt dessen wird ein Verwertungsmodell vorgeschlagen, das den direkten Weg vom Künstler zum Kunden sucht, unter Umgehung von „Verwertern“. Ich habe 30 Jahre meines Lebens bei solchen „Verwertern“ gearbeitet, in Buchhandlungen und im Verlag. Mir drängt sich daher der Eindruck auf, dass die Kritiker des Urheberrechts gar nicht wissen, was diese „Verwerter“ eigentlich den ganzen Tag lang so tun – außer die Autoren auszupressen natürlich.

Gepriesen wird gerne die Möglichkeit des „Selfpublishing“, die das Internet ja in der Tat bietet. Der Autor, die Autorin könne veröffentlichen, was er/sie wolle und die Rechte an den Texten blieben bei den Urhebern. Feine Sache, aber wo ist das Lektorat, wo ist die Presse? Gut, man kann sich der Dienste freier Lektoren bedienen, allerdings machen die den Job auch nicht umsonst. Und die Presse? Fehlanzeige. Kein Journalist wird sein Augenmerk auf das Buch eines Selfpublishers richten. Und, mit Verlaub, wer glaubt schon den 5-Sterne-Amazon-Besprechungen für E-Books von Selfpublishern. Auch scheint es mir kein vielversprechendes Geschäftsmodell zu sein, sein E-Book bei Amazon für € 0,99 zu verscherbeln, mal ganz abgesehen von der Geringschätzung der eigenen Leistung. Diese E-Books dienen aber möglicherweise als Marketingmaßnahme in eigener Sache; auf dass das nächste Buch bei einem bösen Verwerter erscheint, der dann im besten Fall sogar einen Vorschuss bezahlt.

Lektorat, Presse und Propaganda

In guten Verlagen ist das Lektorat die Seele des Geschäfts. Ohne Lektorat kein guter Text und kein gutes Programm. Ich möchte keine Texte lesen, die nicht lektoriert sind, auch nicht von vermeintlich anerkannten Autorinnen und Autoren. Aber solche Autoren sind bei den Selfpublishern ohnehin nicht zu finden. Und ich kenne keinen Autor, der seinem bösen Verwerter den Rücken kehren würde um seinen Kram ab sofort alleine zu machen. So hat er nur einen Ansprechpartner, seinen „Verwerter“, den Verlag. Als selbst publizierender Einzelkämpfer hätte es unser Urheber plötzlich mit unzähligen potentiellen und tatsächlichen Partnern zu tun. Welcher Künstler will das schon? Andererseits ist ein Debütant heutzutage in der Pflicht, in eigener Sache zu trommeln, selbst wenn er einen Verlag gefunden hat. Wer mit seiner ersten Publikation auf Seite 18 der Verlagsvorschau erscheint, kann nicht davon ausgehen, dass der Verlag noch groß die Werbetrommel rührt und für unseren Debütanten viel Geld in die Hand nimmt. Aber um die Publikation und den Vertrieb muss er/sie sich nicht mehr kümmern. Vielleicht gelingt es dem Verlag auch, eine Lesereise zu organisieren und die Presseabteilung macht ein paar Journalisten auf den Debütanten aufmerksam, wer weiss. Aber die Propagandamaschine muss der hoffnungsfrohe Autor schon selbst anwerfen und sich dazu in das sog. „Social Web“ begeben. Ausreden wie „dafür hab ich keine Zeit“ oder „das bringt doch nichts“ gelten da nicht. Die Zeit muss man sich nehmen und dann bringt es auch was. Es gibt genügend Beispiele auch renommierter Autorinnen und Autoren, die ein eigenes Blog pflegen und Twitter, Facebook und Co. trefflich für sich selbst zu nutzen wissen. Verlage sollten ebenfalls in der Lage sein, jungen Autoren den Umgang mit den neuen Medien schmackhaft zu machen nach dem Motto: „OK, wir drucken Dein Buch, setzen es in die Vorschau, unsere Vertreter stellen es dem Handel vor und vielleicht gelingt es uns, die eine oder andere Lesung für Dich zu organisieren. Und selbst wenn Dein Buch sich nicht so gut verkauft, freuen wir uns auf Dein nächstes Manuskript, denn wir glauben an Dich (so etwas nennt man Autorenpflege). Den Rest musst Du aber selber machen und dabei unterstützen wir Dich gerne“. Allerdings kenne ich keinen Verlag, der sich diesen Servicegedanken schon zu eigen gemacht hätte.

Sollte die Autorin, der Autor, mit dem Verlag, der sein Debüt veröffentlicht hat, aus irgendwelchen Gründen unzufrieden sein – was durchaus vorkommt – wird sie/er sich einen anderen Verlag suchen. Die Alternative wird nicht sein, zu sagen: Na gut, dann mache ich meinen Kram jetzt alleine. Auch würde mich mal interessieren, wieviele der sog. Selfpublisher sich lieber doch in die Klauen eines dieser bösen Verwerter begeben würden.

Raubdrucke – das große Geschäft

Ich bin jetzt ein bißchen abgeschweift, aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen. Urheberrechtsverletzungen gibt es, seit es ein einheitliches, international gültiges Urheberrecht gibt. Wenn man in den siebziger-achtziger Jahren, z. B. in Berlin-Kreuzberg in eine Kneipe ging, konnte man sicher sein, dass irgendwann im Laufe des Abends jemand mit einem Arm voller Raubdrucke vorbei kam. Anfangs waren das noch politische Texte, die für den antiautoritären politischen Kampf für wichtig gehalten wurden, Texte von Bakunin oder Landauer etwa. Diese Bücher waren oft verboten oder nirgendwo sonst zu bekommen. So war George Batailles Schrift „Das Blau des Himmels“ eine zeitlang ausschließlich als Raubdruck erhältlich, ebenso wie Klaus Manns „Mephisto“-Roman. Manch einer dieser Raubdrucke ist sogar zu einem begehrten Sammlerartikel geworden, Arno Schmidts „Zettel`s Traum“ etwa.

Es dauerte aber nicht lange bis sich die fliegenden Händler auf ein besser verkäufliches Sortiment spezialisierten. Die Bakunins, Landauers und Batailles wurden ersetzt durch Umberto Eco, Isabel Allende und Michael Ende. Die Politik wurde vom Kommerz verdrängt. Und das Geschäft lief gut. Nie habe ich es erlebt, das die Raubdrucker eine Kneipe verließen, ohne nicht mindestens 3-4 Bücher verkauft zu haben. Immerhin, es wurde offenbar gelesen. Meine Umgebung musste sich allerdings meine Tiraden gegen diese schamlosen Geschäftemacher, diese „Diebe geistigen Eigentums“ anhören.

Geklaute Musik

Heute allerdings gehöre ich auch zu diesen „Dieben“. Nicht was die Literatur angeht, ich habe (noch) keinen eReader und fliegende Händler mit einem Arm voller Raubdrucke habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Was aber die Musik angeht, so ist mein Umgang mit geistigem Eigentum doch deutlich lockerer.

Ich habe noch nie einen Song illegal aus dem Netz gezogen. Allerdings habe ich einen Freund, nennen wir ihn „Jott“, der das durchaus tut. „Jott“ ist ein Maniac, sein Flur ist gesäumt von stabilen Metallregalen, darin reihen sich ca. 10000 LPs aneinander, eine Ecke des Wohnzimmers wird dominiert von kleineren Regalen, die ein paar tausend CDs beherbergen. Und dann gibt`s da noch die externe Festplatte. „Jott“ hat das größte Musikarchiv, das ich kenne. Wenn ich ihn 2-3 mal jährlich besuche kann ich mich selten, nein nie, beherrschen. Mein USB-Stick ist immer voll, wenn ich „Jott“ verlasse. Einen Großteil dieser geklauten Musik kenne ich nicht und hätte ich daher auch nicht gekauft, es sind also Entdeckungen. Gerne folge ich dabei „Jotts“ Empfehlungen. Musik, die ich nicht kannte, weil sie im Radio nicht vorkommt oder weil mich niemand darauf aufmerksam gemacht hat. Musik, die ich dann kaufe, auf Vinyl (jawoll) oder als MP3. All das ändert nichts an der strafrechtlichen Relevanz, aber ohne „Jott“ hätte ich viele Sachen niemals kennengelernt und würde kein Geld für Platten oder Konzerte der jeweiligen Musiker ausgeben. Ich gebe jetzt nicht weniger Geld für Musik aus als früher, ohne „Jotts“ Fundus, eher im Gegenteil. Und die Musik, die ich jetzt gespeichert habe, hätte ich mir niemals kaufen können und wollen. Allerdings gehören körperliche Tonträger ohnehin bald der Vergangenheit an. Vielleicht gibt es noch ein paar Nerds, die Platten aus Erdöl kaufen, aber das Gros der Musik wird künftig wohl über Streaming-Dienste gehört, bei denen man für ein paar Euro im Monat Zugriff auf ein Musikarchiv erhält, gegen das das von „Jott“ Pipifax ist. Damit hätte sich dann auch das Problem mit illegalen Downloads erledigt.

Also, auch ich gehe eher leger mit dem Urheberrecht, das ich verteidige, um. Wenn man sich dann auch regelmäßig bei Twitter, Facebook und Co rumtreibt, verletzt man das Urheberrecht sowieso ständig, auch wenn man das oft gar nicht so genau weiß.

Und wenn ich ab und an mal eine Anthologie herausgebe, bei der die Vorgabe des Verlags aus Kostengründen lautet, einen Großteil der Geschichtensammlung mit gemeinfreien Texten zu bestücken, dann ärgert es mich schon gelegentlich, auf den einen oder anderen Text verzichten zu müssen, weil die Siebzig-Jahres-Frist noch nicht verstrichen ist.

Wenn ich also auf die drei Kategorien der „Zeit“ zurückkomme, dann gehöre ich wohl zu den sog. „Moderatoren“. Irgendwas muss sich ändern und das liegt zwischen „Alles bleibt wie es ist“ und „Ersatzlos streichen“.

Meine Buchmesse 2011

Den ersten Kaffee am Mittwochmorgen gab`s bei Suhrkamp. Ein paar Leute kenne ich ja dort noch und es gab echte Wiedersehensfreude. Ein Kaffee, abends ein Bier und einige Bücher sind für mich immer drin. Sehr schön ist der neue Suhrkamp-Messestand, hell, offen, schlicht und elegant – sehr gelungen.

Aber ich war auf dem Weg zu Faust Kultur. Das feine Online-Magazin (betrieben von ehemaligen Suhrkampleuten) feierte sein einjähriges Bestehen. Die Verlage Anabas und Büchse der Pandora hatten Faust eingeladen, sich an ihrem Verlagsstand zu präsentieren. Die ersten vier Bände der schönen Edition Faust wurden natürlich auch gezeigt. Faust KulturEs dauerte eine Weile, bis ich den Rechner zum Laufen brachte, aber irgendwann lief alles. Dieser kleine Stand war mein Stützpunkt während der Messe. Ich konnte meine Jacke unterbringen und die Messebeute lagern.

Wie auch schon bei den Messen der letzten Jahre, spielte das Thema Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Wohin geht die Branche, gibt es in zehn Jahren noch gedruckte Bücher? Manchmal hat diese Diskussion etwas Verbissenes, Dogmatisches. Für die einen ist ein Text kein Text, wenn er nicht gedruckt ist, andere lesen nur noch digital. Ich bin altmodisch, lese nur gedruckte Bücher, „Holzbücher“ wie manch einer abschätzig meint. Aber das ist sicher kein in Stein gemeiseltes Statement. Der Inhalt geht bei dieser Diskussion oft unter, er scheint niemand mehr zu interessieren. Ein schlechter Text ist ein schlechter Text, egal in welcher Form er publiziert und vertrieben wird.

Am Mittwoch gab es dann gleich den 1. Twittwoch bei der Frankfurter Buchmesse. Ich hatte an so einem Twittwoch noch nie teilgenommen. Es war interessant, verschiedene Initiativen, Organisationen und Unternehmen stellten sich und ihre Social Media Aktivitäten vor. TwittwochNoch interessanter war dann aber am nächsten Tag der sog. Kick Off zum Virenschleuderpreis 2012. In diesem Jahr erstmals vergeben, zeichnet der Preis erfolgreiche und originelle Marketing- konzepte im Social Web aus. Die Vorträge der Vertreter aus der Game- und Filmbranche über deren Facebooknutzung waren interessant und durchaus lehrreich. Danach gab`s Bier.

Die Buchmesse ist nicht zuletzt ein großes Familientreffen. Manche Freunde, Kollegen treffe ich nur einmal im Jahr, in Frankfurt zur Messe. Andere, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, laufen mir plötzlich über den Weg. Man verabredet sich dann bestenfalls für den nächsten Tag auf einen Kaffee und erzählt und läßt sich das Leben der vergangenen Jahre erzählen. Bis zum nächsten Mal. Und dann lief mir auch noch in Halle 3.1. die S. über den… aber nein, das gehört hier nicht hin.Schauen ja, anfassen nein.

Meine Messegäste gaben sich quasi den Schlüssel in die Hand, haben sich aber trotzdem nicht gesehen. Jedenfalls haben sie sich klaglos mit der Einmannzeltluftmatraze zufrieden gegeben. Stefan M. aus H. erlebte seine erste Messe mit einer Übernachtung in Frankfurt. Ich nahm ihn mit zum Fest des S. Fischer Verlags, vorher mußte er aber noch Apfelwein trinken. Immer noch mein liebstes Messefest, eine Pflichtveranstaltung, auch wenn sich meine alte Doppelkopftruppe in alter Tradition zeitgleich im Klabunt zusammenfand um Karten zu spielen – ich mußte zu Fischer. Der Herr M. wollte das Klabunt dann auch kennenlernen, also sind wir nach Fischer noch dorthin. Die eine Hälfte der Dokotruppe saß auch noch dort. Große Freude.

Am Freitag löste dann der sympatische aber vergessliche TAZ Blogger Detlef K. den Herrn M. als Messegast ab. Es gab einige Komplikationen und Verwirrungen, die hier ebenfalls nicht hingehören. Letztendlich ging aber alles gut. Vor vier Jahren hatte ich eine Lesung mit Detlef im Klabunt organisiert. Es war eine schöne Lesung – daher kennen wir uns.

Freitagsabend findet traditionell die Party der sog. „Jungen Verlage“, manch einer sagt auch „Independants“. Dort wird immer der Preis der Hot List verliehen, eine Art Gegenveranstaltung zum Deutschen Buchpreis. Dieses Jahr ging der Preis an Nino Haratischwili. Anschliessend wurde getanzt. Es war laut im Sinkkasten und voll, nach einem Bier habe ich mich verabschiedet. Sinkkasten

Aber es wurde nicht nur gefeiert. Für mich haben sich doch immerhin einige Optionen ergeben, die eventuell ein gewisses Potential für die Zukunft haben. Ich könnte sagen, es war eine erfolgreiche Messe.

Befremdlich fand ich die hypermoderne Halle im Hof, die AUDI nach der kürzlichen IAA dort hat stehen lassen. Sie kostete sicher mehr als ca 90% der anwesenden Verlage im Jahr Umsatz machen. Media und EntertainmentIn dieser modernen Halle war unter anderem die Antiquariatsmesse untergebracht – ein schöner Anachronismus. Der AUDI Slogan, „Vorsprung durch Technik“ der groß an der Halle prangte, ließ sich, leicht abgewandelt, auch prima für die Buchbranche nutzen – „Vorsprung durch Wissen“. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob es bei der Messe um Wissen ging. Es wurde durchaus auch gelesen, aber meist ging es wohl um Entertainment. Es wurde auch gelesen.Nichts symbolisierte dies mehr als die Hunderte von Mangamädels und Jungs, die mit oft sehr phantasievollen Kostümen während der Publikumstage den verbliebenen Freiraum neben der Audihalle bevölkerten.

Der Sonntag ist dann der Schnorrertag. Für mich ist es keine Messe, wenn ich nicht mit einem stattlichen Bücherstapel nach Hause komme. Verleger Bittermann schenkte mir sein neues Buch und ein älteres gleich dazu. Bittermann hat sich ohnehin um die Literatur verdient gemacht, er hat „Harold“ von einzlkind verlegt. Nicht ohne Stolz verwies er auf die vielen Auslandslizenzen, die er von diesem wunderbaren Roman verkauft hat. Nicht weniger stolz war er auf das Interview, dass die FAZ für ihre Messezeitung Nr. 5 mit ihm gemacht hat. Sehr witzig.

Erstmals auf der Messe vertreten war der kleine, aber feine Hablizel Verlag aus Lohmar. Der Verleger und sein Stand - Markus HablizelMan wünschte ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit, er hat`s verdient. Den besten Espresso gibt`s immer noch bei Liebeskind, und sogar noch Äpfel. Vitamine kommen in der Regel zu kurz bei der Messe.

Letztmals auf der Messe war der Eichborn Verlag. Die Kolleginnen und Kollegen dort nahmen diese Abschiedsvorstellung offensichtlich mit Galgenhumor. Sie sind Leid gewohnt und mir wird der Verlag fehlen.

Am Sonntag war dann Verkaufstag und viele Verlage nutzten die Gelegenheit. Manch einer ging dabei recht leger mit der Buchpreisbindung um. Was soll´s, es ist Messe.

Und dann waren plötzlich die fünf Tage vorbei und es wurde abgebaut. Und dabei habe ich… – aber das gehört auch nicht hierher. Bis nächstes Jahr.

P.S. Bedanken muss ich mich auch bei Schöffling & Co., DuMont, Piper, Kein und Aber, dem Berlin Verlag und besonders bei Corso, für das Willkommensein und für lebensverlängernde Maßnahmen wie Kaffee und wunderschöne Bücher.