In Memoriam Tristan Egolf

Am 16. Mai 2003 war der junge amerikanische Autor Tristan Egolf im Studio des Frankfurter Mouson Turms zu Gast. Begleitet und vorgestellt wurde er von dem damaligen Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg und Egolfs Übersetzer und Freund, Frank Heibert. Egolf selbst, ein sympathischer, ruhiger, junger Mann mit kurzen Haaren, schaute freundlich ins Publikum, machte aber den Eindruck, als fühle er sich sich bei dieser literarischen Veranstaltung etwas fehl am Platz.

Im Jahre 1998 erschien im renommierten französischen Verlag Gallimard das erste Buch Egolfs „Lord of the Barnyard“ (dt. Monument für John Kaltenbrunner, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000). In den USA hatte sich kein Verlag für den Roman interessiert, was allerdings nicht weiter wundert. Egolfs Stil hat nichts zu tun mit jener geschmeidigen Creative-Writing-Gefälligkeit, die bei jungen amerikanischen Autoren so weit verbreitet ist – er schreibt rauh, schnell, hart und doch sehr kunstvoll. In einem anderen Ton lassen sich die Geschichten Egolfs auch nicht erzählen. Es sind Geschichten von Aussenseitern, Nonkonformisten, Unangepassten, Menschen, die das spießige Gefüge ihrer Umgebung durcheinanderbringen.

Egolf selbst war so ein Underdog, ein politischer Aktivist, der sich gegen den Irakkrieg und Präsident Bush engagierte und ein Punkmusiker, der obskure Undergroundbühnen in Philadelphia bespielte. Er tingelte als Straßenmusiker durch Europa und dort wurde die Tochter des französischen Autors Patrick Modiano auf ihn aufmerksam, die Kaltenbrunner erfolgreich an Gallimard vermittelte. Es folgte ein kleiner Welterfolg und in Deutschland erschien das Buch schließlich bei Suhrkamp.

Monument für John Kaltenbrunner war ein großer Erfolg und mit diesem Debut hat Egolf einen Maßstab gesetzt, dem er in den folgenden Büchern nicht mehr ganz gerecht werden konnte. John Kaltenbrunner ist ein Held, schon in jungen Jahren ein Genie und erfolgreicher Geschäftsmann. Das weckte Argwohn bei den „Fabrikratten, Trolls, Schmalzköppen und Methodistenvetteln“, die in einem Kaff namens „Baker“, irgendwo in Pennsylvania, wohnen. Es entwickelt sich eine aberwitzige Geschichte, die vom Kampf Kaltenbrunners gegen den Rest der Welt berichtet und im totalen Chaos endet, atemlos, grotesk, brutal, schreiend komisch und tragisch in einem. Egolf ist nicht der Mann für Happy Ends.

In seinem zweiten Roman „Skirt and the Fiddle“ (dt. Ich & Louise, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2003), jagt er den talentierten aber gescheiterten Musiker Charlie Evans und seinen Kumpel Tinsel Greetz zur Rattenjagd durch die Kanalisation von „Philz Town“ (Philadelphia). Mit diesem Drecksjob läßt sich am meisten Kohle verdienen, Kohle, die Charlie dringend braucht, um das verhasste „Philz Town“ endlich verlassen zu können. Nachdem er das erste Rattengeld in einer ausschweifenden Nacht versoffen hat, erwacht Charlie in der Luxuswohnung einer Traumfrau, Louise. Wie er da hin gekommen ist, bleibt ihm ein Rätsel. Aber es entwickelt sich eine – ja, Liebesgeschichte, die allerdings eher einer rasenden Achterbahnfahrt ähnelt.

2006 erschien der letzte Roman Egolfs, „Kornwolf“ (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006). Owen Brynmor, ein gescheiteter Journalist, kehrt wiederwilllig in seine Heimatgemeinde „Stepford“, Pennsylvania, zurück – er will Boxer werden. Um Geld zu verdienen, verdingt er sich als Lokalreporter und recherchiert die Legende vom „Kornwolf“. Dabei trifft er auf den Outsider Ephrahim Bontrager, der durch sein unorthodoxes Verhalten die ganze Gemeinde gegen sich aufbringt, die schließlich zu einer regelrechten Hetzjagd auf ihn aufbricht. Sehr lesenswert und informativ ist das Nachwort, das der Übersetzer Frank Heibert für diesen Roman verfasst hat.

Gehe immer aufrecht, lass dich nicht fertigmachen vom Mainstream, bleib du selbst, das ist die Botschaft Egolfs, „All Hail Discordia“ sein Credo. Er hat es uns in drei wunderbaren Romanen hinterlassen.

Ziemlich genau zwei Jahre nach jenem Abend im Frankfurter Mouson Turm, am 7. Mai 2005, nahm sich Tristan Egolf das Leben. Er war ein Kurt Cobain der Literatur.

Am 19. Dez. 2011 wäre Tristan Egolf 40 Jahre alt geworden.

Bibliografie:

Monument für John Kaltenbrunner (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000 (vergriffen).

Ich & Louise (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003.

Kornwolf (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

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Meine Buchmesse 2011

Den ersten Kaffee am Mittwochmorgen gab`s bei Suhrkamp. Ein paar Leute kenne ich ja dort noch und es gab echte Wiedersehensfreude. Ein Kaffee, abends ein Bier und einige Bücher sind für mich immer drin. Sehr schön ist der neue Suhrkamp-Messestand, hell, offen, schlicht und elegant – sehr gelungen.

Aber ich war auf dem Weg zu Faust Kultur. Das feine Online-Magazin (betrieben von ehemaligen Suhrkampleuten) feierte sein einjähriges Bestehen. Die Verlage Anabas und Büchse der Pandora hatten Faust eingeladen, sich an ihrem Verlagsstand zu präsentieren. Die ersten vier Bände der schönen Edition Faust wurden natürlich auch gezeigt. Faust KulturEs dauerte eine Weile, bis ich den Rechner zum Laufen brachte, aber irgendwann lief alles. Dieser kleine Stand war mein Stützpunkt während der Messe. Ich konnte meine Jacke unterbringen und die Messebeute lagern.

Wie auch schon bei den Messen der letzten Jahre, spielte das Thema Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Wohin geht die Branche, gibt es in zehn Jahren noch gedruckte Bücher? Manchmal hat diese Diskussion etwas Verbissenes, Dogmatisches. Für die einen ist ein Text kein Text, wenn er nicht gedruckt ist, andere lesen nur noch digital. Ich bin altmodisch, lese nur gedruckte Bücher, „Holzbücher“ wie manch einer abschätzig meint. Aber das ist sicher kein in Stein gemeiseltes Statement. Der Inhalt geht bei dieser Diskussion oft unter, er scheint niemand mehr zu interessieren. Ein schlechter Text ist ein schlechter Text, egal in welcher Form er publiziert und vertrieben wird.

Am Mittwoch gab es dann gleich den 1. Twittwoch bei der Frankfurter Buchmesse. Ich hatte an so einem Twittwoch noch nie teilgenommen. Es war interessant, verschiedene Initiativen, Organisationen und Unternehmen stellten sich und ihre Social Media Aktivitäten vor. TwittwochNoch interessanter war dann aber am nächsten Tag der sog. Kick Off zum Virenschleuderpreis 2012. In diesem Jahr erstmals vergeben, zeichnet der Preis erfolgreiche und originelle Marketing- konzepte im Social Web aus. Die Vorträge der Vertreter aus der Game- und Filmbranche über deren Facebooknutzung waren interessant und durchaus lehrreich. Danach gab`s Bier.

Die Buchmesse ist nicht zuletzt ein großes Familientreffen. Manche Freunde, Kollegen treffe ich nur einmal im Jahr, in Frankfurt zur Messe. Andere, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, laufen mir plötzlich über den Weg. Man verabredet sich dann bestenfalls für den nächsten Tag auf einen Kaffee und erzählt und läßt sich das Leben der vergangenen Jahre erzählen. Bis zum nächsten Mal. Und dann lief mir auch noch in Halle 3.1. die S. über den… aber nein, das gehört hier nicht hin.Schauen ja, anfassen nein.

Meine Messegäste gaben sich quasi den Schlüssel in die Hand, haben sich aber trotzdem nicht gesehen. Jedenfalls haben sie sich klaglos mit der Einmannzeltluftmatraze zufrieden gegeben. Stefan M. aus H. erlebte seine erste Messe mit einer Übernachtung in Frankfurt. Ich nahm ihn mit zum Fest des S. Fischer Verlags, vorher mußte er aber noch Apfelwein trinken. Immer noch mein liebstes Messefest, eine Pflichtveranstaltung, auch wenn sich meine alte Doppelkopftruppe in alter Tradition zeitgleich im Klabunt zusammenfand um Karten zu spielen – ich mußte zu Fischer. Der Herr M. wollte das Klabunt dann auch kennenlernen, also sind wir nach Fischer noch dorthin. Die eine Hälfte der Dokotruppe saß auch noch dort. Große Freude.

Am Freitag löste dann der sympatische aber vergessliche TAZ Blogger Detlef K. den Herrn M. als Messegast ab. Es gab einige Komplikationen und Verwirrungen, die hier ebenfalls nicht hingehören. Letztendlich ging aber alles gut. Vor vier Jahren hatte ich eine Lesung mit Detlef im Klabunt organisiert. Es war eine schöne Lesung – daher kennen wir uns.

Freitagsabend findet traditionell die Party der sog. „Jungen Verlage“, manch einer sagt auch „Independants“. Dort wird immer der Preis der Hot List verliehen, eine Art Gegenveranstaltung zum Deutschen Buchpreis. Dieses Jahr ging der Preis an Nino Haratischwili. Anschliessend wurde getanzt. Es war laut im Sinkkasten und voll, nach einem Bier habe ich mich verabschiedet. Sinkkasten

Aber es wurde nicht nur gefeiert. Für mich haben sich doch immerhin einige Optionen ergeben, die eventuell ein gewisses Potential für die Zukunft haben. Ich könnte sagen, es war eine erfolgreiche Messe.

Befremdlich fand ich die hypermoderne Halle im Hof, die AUDI nach der kürzlichen IAA dort hat stehen lassen. Sie kostete sicher mehr als ca 90% der anwesenden Verlage im Jahr Umsatz machen. Media und EntertainmentIn dieser modernen Halle war unter anderem die Antiquariatsmesse untergebracht – ein schöner Anachronismus. Der AUDI Slogan, „Vorsprung durch Technik“ der groß an der Halle prangte, ließ sich, leicht abgewandelt, auch prima für die Buchbranche nutzen – „Vorsprung durch Wissen“. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob es bei der Messe um Wissen ging. Es wurde durchaus auch gelesen, aber meist ging es wohl um Entertainment. Es wurde auch gelesen.Nichts symbolisierte dies mehr als die Hunderte von Mangamädels und Jungs, die mit oft sehr phantasievollen Kostümen während der Publikumstage den verbliebenen Freiraum neben der Audihalle bevölkerten.

Der Sonntag ist dann der Schnorrertag. Für mich ist es keine Messe, wenn ich nicht mit einem stattlichen Bücherstapel nach Hause komme. Verleger Bittermann schenkte mir sein neues Buch und ein älteres gleich dazu. Bittermann hat sich ohnehin um die Literatur verdient gemacht, er hat „Harold“ von einzlkind verlegt. Nicht ohne Stolz verwies er auf die vielen Auslandslizenzen, die er von diesem wunderbaren Roman verkauft hat. Nicht weniger stolz war er auf das Interview, dass die FAZ für ihre Messezeitung Nr. 5 mit ihm gemacht hat. Sehr witzig.

Erstmals auf der Messe vertreten war der kleine, aber feine Hablizel Verlag aus Lohmar. Der Verleger und sein Stand - Markus HablizelMan wünschte ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit, er hat`s verdient. Den besten Espresso gibt`s immer noch bei Liebeskind, und sogar noch Äpfel. Vitamine kommen in der Regel zu kurz bei der Messe.

Letztmals auf der Messe war der Eichborn Verlag. Die Kolleginnen und Kollegen dort nahmen diese Abschiedsvorstellung offensichtlich mit Galgenhumor. Sie sind Leid gewohnt und mir wird der Verlag fehlen.

Am Sonntag war dann Verkaufstag und viele Verlage nutzten die Gelegenheit. Manch einer ging dabei recht leger mit der Buchpreisbindung um. Was soll´s, es ist Messe.

Und dann waren plötzlich die fünf Tage vorbei und es wurde abgebaut. Und dabei habe ich… – aber das gehört auch nicht hierher. Bis nächstes Jahr.

P.S. Bedanken muss ich mich auch bei Schöffling & Co., DuMont, Piper, Kein und Aber, dem Berlin Verlag und besonders bei Corso, für das Willkommensein und für lebensverlängernde Maßnahmen wie Kaffee und wunderschöne Bücher.

Suhrkamp wieder in Frankfurt?

Da habe ich doch erst kürzlich, über fast drei Wochen, den Abriss des ehemaligen Suhrkamp-Hauses in der Frankfurter Lindenstraße fotografisch begleitet und dokumentiert. Und dann taucht der Verlag plötzlich wieder in Frankfurt auf, wie das Impressum dieser Neuerscheinung beweist. Keiner hat`s gemerkt und keiner weiß, wo sich der Verlag in Frankfurt erneut angesiedelt hat. Nicht mal die FAZ hat einen kleinen Willkommensgruß verfaßt. So schnell wird man heute vergessen!

Der Abriss des Suhrkamp-Hauses

Seit einigen Tagen fahre ich ein bis zweimal täglich im Frankfurter Westend vorbei um in der Lindenstraße den Abriss des ehemaligen Suhrkamp-Hauses zu fotografieren. Das Wetter ist ideal, in der Regel scheint die Sonne – morgens auf die Straßenseite des Gebäudes, abends auf die Hofseite – und mit meiner Kompaktkamera gelingen einige akzeptable Aufnahmen. Eine Auswahl daraus erscheint täglich und kommentarlos bei dem Online-Magazin Glanz und Elend
Ich habe zehn Jahre in dem Gebäude gearbeitet und so ist es mehr als die pure Lust an der Ästhetik der Zerstörung, die mich dazu treibt, den Abriss dieses legendären Hauses fotografisch zu begleiten.
Dennoch ist es faszinierend zu beobachten wie sich der mächtige Kopf des Abrissdrachens in das Gebäude frisst, als seien die Wände aus Pappe. Ich habe dem Baggerdrachen einen Namen gegeben, den ich aber für mich behalte.
Natürlich lockt es mich, den Abriss auch aus dem Inneren des sterbenden Hauses zu fotografieren. Aber da steht dieses berühmte Schild „Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für Ihre Kinder“. Ich bin zu feige, dieses Verbot zu missachten.
Jemand anderes war hingegen nicht zu feige, wie dieses Foto vom 04.05. beweist. Das steht ein Mann im Inneren des Gebäudes, zu sehen sind seine Beine und das Gestell eines Fotostativs. Der mutmaßliche Fotograf muss über das hintere Treppenhaus reingekommen sein, das vordere ist bereits abgerissen. Und so können wir hoffentlich auch irgendwann Bilder aus dem Inneren des schwer verletzten Suhrkamp-Hauses sehen.

Nachdem die Fotos mittlerweile, verabredungsgemäß, von der Glanz und Elend Seite entfernt wurden, oder irgendwo im Archiv gelandet sind, zeige ich sie hier für unbegrenzte Zeit.

Ein Verlag feiert sich selbst – 60 Jahre Suhrkamp

Der Ehrengast zum 50. Jubiläum des Suhrkamp Verlags im Jahre 2000, das damals im Frankfurter Schauspiel begangen wurde, war der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein Freund der Künste und des Verlags. Reich-Ranicki war auch da, Petra Roth ebenso, selbstverständlich. Beide mussten sich mit vielen Anderen einem dreistündigen Lesemarathon unterwerfen, ohne Pause und ohne Verpflegung. Siegfried Unseld wollte es so. Das war Suhrkamp. Einer der damaligen Vortragenden war Martin Walser. Zwei Jahre später erschien dessen Roman Der Tod eines Kritikers. Dann war`s vorbei mit der Verbindung zwischen Walser und Suhrkamp. Siegfried Unseld starb einige Wochen nach dem Erscheinen des Romans. Dieses Buch spaltete den Verlag, Lektoren und Geschäftsführer verließen das Haus in der Frankfurter Lindenstraße. Und Walser wechselte zu Rowohlt. Es ging stets turbulent zu in den sog. Nullerjahren im Hause Suhrkamp.

Seit Anfang diesen Jahres residiert der Verlag in der Berliner Pappelallee. Die Witwe Unselds, Ulla Unseld Berkéwicz, wollte es so. Der Umzug spaltete den Verlag abermals, die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verließ das Haus, fand andernorts eine neue Beschäftigung, wählte das Risiko der Selbstständigkeit oder begab sich in die Unwägbarkeit des Arbeitslosendaseins.

Viele derjenigen, die den Umzug mitmachten, fanden sich am Samstag, den 28.08.2010 im Literarischen Colloquium Berlin ein, das sechzigjährige Jubiläum des Verlags zu feiern. Einen Ehrengast gab es dieses Mal nicht. Berlins Regierender hatte was anderes vor an diesem Tag, vielleicht wollte man aber auch bewusst den Ball flach halten. Schließlich ist das Sommerfest eine traditionelle, öffentliche Veranstaltung des LCB. Suhrkamp war hier „nur“ zu Gast. In ihrer Begrüßungsrede stellte die Verlegerin dann auch fest, dass ein 60-jähriges Jubiläum, anders als ein 50-jähriges, kein Anlaß sei für große Reden und große Gesten. Man sei vielmehr in der Sommerfrische. Nun, frisch war es.
Als die eigentlichen Jubiläumsveranstaltungen dürfen wohl das Eröffnungsfest Ende Januar in der Pappelallee, sowie die Verleihung des Siegfried-Unseld-Preises gelten.
Neben der Berliner Politprominenz fanden sich zu Jahresanfang, bei eisiger Kälte, natürlich auch die berühmten Autoren des Verlages zur Begrüßung in der Pappelallee ein, unter ihnen überraschenderweise auch Martin Walser.
Der im Zweijahresrythmus vergebene Siegfried-Unseld-Preis wird am Geburtstag des Verlegers, dem 28.09., verliehen. Ort der Preisverleihung ist der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters, das Rote Rathaus. Macht und Kultur verbinden sich hier also auf das Trefflichste. Da ist man dann wieder unter sich und die lokale Politprominenz wird sicher auch anwesend sein. Die Preisträger in diesem ersten Berliner Jahr des Verlages sind der palästinensische Autor Sari Nusseibeh und Amos Oz aus Israel.

Der Termin für das Sommerfest hätte besser nicht gewählt werden können. Der 28.8. ist Goethes Geburtstag, am 28.8.1990 hat Unseld die Autorin Ulla Berkéwicz geheiratet, Unselds Jaguar, sein bevorzugtes Fahrzeug, hatte das Kennzeichen F.SU.288. Ein Motorschaden soll diese legendäre Limousine mittlerweile stillgelegt haben.
Am Wannsee wurde die Berliner Politik von Kulturstaatssekretär André Schmitz vertreten, dem Mann, der dem Umzug des Verlags beharrlich den Weg bereitet hatte. Der Kurzzeitwirtschaftssenator Berlins, Gregor Gysi, war geladen, ein Gespräch zu führen mit Dietmar Dath, dem Metalfan, Vielschreiber, bekennendem Sozialisten und FAZ Autor. Der allerdings wurde angeblich von einem Unwetter an der Anreise nach Berlin gehindert. Geschäftsführer Thomas Sparr sprang ein, das Interesse war groß. Man hätte es gerne gehört, das Gespräch zwischen Gysi und Dath.


Das Wetter zeigte sich gnädig, es regnete nur selten, dann aber heftig. Stephan Thome sah bei seinem Vortrag nur die Regenschirme der verbliebenen Zuhörer.
Und der einsame Leser im Ruderboot erinnerte, bei Regen unter seinem Schirm, an Spitzwegs „Der arme Poet“.


Stephan Thome wollte nicht viel verraten über seinen neuen Roman, an dem er gerade arbeitet. Nur, dass er die mittelhessische Provinz dieses Mal verlassen wird. Und Detlef Kuhlbrodt zündete sich eine an und versuchte zu erklären, weshalb sein, schon lange in der edition suhrkamp angekündigtes, Buch Als ich einmal zwei Wochen nicht rauchte noch immer nicht erschienen ist.


Das Programm war dicht gedrängt an diesem Nachmittag am Wannsee. Cheflektor Raimund Fellinger stellte das ambitionierteste Projekt des Verlags vor, die Suhrkamp-Chronik, verfasst von Siegfried Unseld, angelegt auf 30 Bände.


Des Weiteren lasen Lutz Seiler, Doron Rabinovici, Judith Schalansky (von der bislang noch kein gedrucktes Wort bei Suhrkamp vorliegt), Ann Cotten und viele andere. Gegen 17 Uhr waren die Bratwürste alle und gegen 18 Uhr ließ sich die Suhrkampchefin, im schwarzen Geländewagen mit Frankfurter Kennzeichen, nach hause chauffieren. Das Fest ging weiter, Angela Winkler sang Brecht und als Abschluß legte Spiegelredakteur Tobias Rapp zum Tanz auf.
Es ist wieder Ruhe eingekehrt bei Suhrkamp. Das war die Botschaft dieses Tages. Man darf gespannt sein, wie lange.