27. September oder Vom Warten

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Bis zum Jahr 2017 war der 27. September ein ganz normaler Wochentag für mich, ohne besondere Bedeutung. Ein Tag wie ihn Thomas Brasch in seinem berühmten Gedicht Der schöne 27. September besingt, ereignis- und belanglos. Das änderte sich, als an diesem Tag im Jahr 2017 meine Mutter starb, genau einen Monat nachdem mein Vater gestorben war. Beide wurden 91 Jahre alt. Ich hatte ihnen noch von meinem Buchprojekt erzählt, an dem ich in diesem Jahr bereits arbeitete. Ob sie allerdings verstanden haben, was ich mit dem Buch unter dem Arbeitstitel Vom Warten, beabsichtigte, bezweifle ich. Gesehen haben sie das Ergebnis nicht mehr, denn das hielt ich erst ein Jahr später in der Hand, am 27. September 2018. Ich neige nicht zu Zahlenmystik und bin mir sicher, dass es zwischen dem Tod meiner Mutter und dem Erscheinen des Buches keinerlei Zusammenhang gibt. Gleichwohl gefällt mir diese zufällige Übereinstimmung.

Es ist immer ein ganz besonderes Gefühl erstmals ein Buch in der Hand zu halten, an dem man etliche Monate gearbeitet hat. Es endlich aus der Umhüllung befreit, aufschlägt und den einzigartigen Geruch einsaugt, den nur Bücher verströmen. Und dann befriedigt feststellt, dass es ein schön gestaltetes Buch geworden ist, etwas, mit dem man sich wohlfühlt und das man gerne vorzeigen mag. Bücher berühren alle Sinne, noch bevor man ein einziges Wort gelesen hat. Es ist nicht das erste Buch, das ich nach eigenen Ideen herausgegeben habe, und dennoch ist es etwas ganz Besonderes.

Im Jahr 2014 erschien Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten, das ich zusammen mit Jürgen Roth gemacht habe, oder besser, er mit mir, denn er hatte am meisten dazu beigetragen. Zwei Jahre später folgte dann SÜSS SAUER PUR – Unterwegs in der Frankfurter Apfelweinkultur, ein Gemeinschaftsprojekt mit Andrea Diener. Die Arbeit an beiden Büchern hat sehr viel Spaß gemacht und war äußerst lehrreich für mich. Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschlangen ist nun das erste Buch, das ich alleine verantworte. Von der Idee bis zum Erscheinen sind etwa zweieinhalb Jahre vergangen. Eine Zeit, in der es einige Hürden zu überwinden galt. Ich musste den Verleger überzeugen und, als das gelungen war, Autorinnen und Autoren für eine Mitwirkung gewinnen. Das lief erstaunlich gut. Es gab natürlich einige Absagen, aber die meisten waren sofort von der Idee angetan und sagten einen Beitrag zu. Als die Deadline nahte, musste ich gelegentlich bei manchen sanft die Peitsche schwingen und die Abgabe anmahnen. Irgendwann hatten alle geliefert und ich war begeistert von der Qualität der Texte. Und so kam ein sehr abwechslungsreiches und unterhaltsames Buch heraus, das das alltägliche Phänomen Warten aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Nichts hätte mich weniger interessiert als etwa ein Buch mit Gedichten vom Warten. Allerdings bedaure ich, dass kein Gedicht enthalten ist. Amateure, Zeitungsmenschen, Literatinnen und Literaten, Satiriker, Verleger und Geisteswissenschaftler sind zwischen diesen Buchdeckeln versammelt, und, wie ich hörte, fühlen sich dort und in dem Umfeld wohl.

Am 5. Oktober 2018 wurde Vom Warten – Über Zeitlöcher und Warteschleifen in der Frankfurter Buchhandlung Buch & Wein vorgestellt. Die verfügt über einen schönen Raum im Hof, der etwa 50 – 60 Leute fasst. Es wird Wein ausgeschenkt und Kleinigkeiten zu Essen gibt es auch. Der ideale Ort für eine Buchvorstellung. Die Werbung lief hauptsächlich über Facebook & Co. Außerdem wurden einige Plakate geklebt.

Die Lesung sollte um 20 Uhr beginnen und pünktlich war der Raum voll. Einige mussten stehen. Neben mir am Lesungstisch saßen Andrea Diener von der FAZ, Katja Thorwath von der Frankfurter Rundschau sowie der Autor, Schauspieler und Kabarettist, Philipp Mosetter. Alle vier waren auch schon bei den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten zwischen zwei Buchdeckeln vertreten. Andrea, Katja und ich bestritten die erste Hälfte und die zweite gehörte Philipp Mosetter. Eine Zugabe hatten wir nicht eingeplant, sie wurde aber wunderbarerweise gefordert. Moppel Wehnemann erklärte sich spontan bereit und las ihren Text, ohne das vorher geübt zu haben. Während der Lesung wurden in Dauerschleife die Fotos von Georg Dörr an die Leinwand projiziert. Sie sind auch teilweise im Buch zu sehen. Am Schluss war der Raum noch immer gefüllt, es gab Beifall, und der Büchertisch wurde belagert. Nicht nur Vom Warten wurde gekauft, sondern auch die Bücher von Andrea Diener und Philipp Mosetter. Es war ein sehr schöner und erfolgreicher Abend, der bei Wein und guten Gesprächen seinen Abschluss fand. Gegen 1 Uhr baten uns Gabi und Hubert, unsere wunderbaren Gastgeber von Buch und Wein, langsam den Heimweg anzutreten.

Mit dem Gedicht Der schöne 27. September beendete ich im Oktober 2017 die Trauerrede für meine Mutter.

Alle Fotos von Monika Hilt.

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