Meine Buchmesse 2012

Zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse fühlte ich mich wie ein begossener Pudel. Es regnete heftig, als ich gegen neun Uhr am Sonntagabend auf mein Rad stieg um quer durch Frankfurt nach hause zu fahren. Endlich dort angekommen, zog ich noch im Flur die nassen Klamotten aus und trockene an, rubbelte die tropfenden Haare und stiefelte beschirmt ins Wirtshaus. Hunger, Durst und das drohende schwarze Loch, in das ich bislang nach jeder Messe, diesem Familientreffen, gefallen bin, trieben mich dorthin.

Suhrkamp

Den letzten Messetag verbrachte ich bei den ehemaligen Kollegen vom Suhrkamp Verlag. Ich durfte beim Verkauf helfen und anschließend beim Abbau. Mein blaues Suhrkamp Namensschild hatte ich noch, jetzt konnte ich es wieder mal tragen. Mit Suhrkamp hörte die Messe auf, mit Suhrkamp fing sie an.

Am Dienstag half ich mit, den Stand mit Büchern zu bestücken. Jetzt kenn ich mich wieder etwas besser mit dem aktuellen Programm aus. Früher hatten wir immer Schwierigkeiten, all die Bücher im Messestand unterzubringen, jetzt hat der Verlag einen neuen und man musste sich anstrengen, die Regale mit Büchern zu füllen. Viel Platz also für eine frontale Präsentation, was ja auch eine schöne Sache ist.

Das sind die besonderen Momente, vor Beginn oder am Ende der Messe, wenn das Publikum noch nicht, oder nicht mehr durch die Gänge strömt, am Dienstag voller Vorfreude und am Sonntag erleichtert, dass es vorbei ist und deswegen auch ein bißchen traurig. Dazwischen liegen ereignisreiche, lange Tage und kurze Nächte.

Am Mittwoch brachte ich meinen kleinen Büro-Laptop zum Stand von Faust-Kultur und bestellte nach Anweisung mein Passwort für den WLAN-Zugang der Messe. Fürderhin war ich der Einzige bei Faust-Kultur, der den Laptop morgens mit dem Buchmesse-Netz verbinden konnte. Die Apfelnutzer wussten mit dem Windows Rechner nicht so recht umzugehen.

Liebeskind Verlag und Twittwoch

Es folgte mein üblicher Trampelpfad, auf der Suche nach bekannten Gesichtern und einem spendierten Kaffee nebst Keksen. Wie immer freundschaftlich empfangen wurde ich beim Liebeskind Verlag. Für lebenswichtige Dinge wie Kaffee, Wasser, tolle Bücher und nicht zuletzt nette Menschen ist Liebeskind meine erste Adresse. Und irgendwann hat der Verlag auch eine eigene Facebook-Seite, ganz sicher.

Am Mittwochnachmittag stand dann der schon tradionelle Twittwoch auf dem Programm, ein Highlight. In 15-minütigen Präsentationen stellten Verlage und Andere ihre Social-Web-Aktivitäten vor. Mir besonders im Gedächtnis geblieben ist die Vorstellung des Spektrum Wissenschafts-Verlags, der auf erfrischende, informative und sehr kurzweilige Art seine Präsenz auf Facebook und Twitter darstellte. Etwas ganz Besonderes aber lieferten die beiden sympatischen Damen des Onkel&Onkel Verlags. Mutig, genau und sehr selbstbewusst schilderten sie die Geschichte eines Scheiterns. Über eine Crowdfunding Plattform hatten sie versucht, € 10000,- für ein Buchprojekt zu sammeln. Es kamen lediglich ca. neunhundert Euro zusammen, das Projekt war grandios gescheitert. Sehr offen erläuterten die beiden Frauen alle Maßnahmen, die sie ergriffen hatten, um ihr Projekt zu verwirklichen. Am Ende nutzte alles nichts und sie gaben auf. Das Social Web ist kein Goldesel, das wurde deutlich. Leider blieb keine Zeit um über die Gründe dieses Scheiterns zu diskutieren. Dieser Messe-Twittwoch war wieder eine spannende und unterhaltsame Veranstaltung. Die umtriebige Wibke Ladwig hatte ihn mit organisiert und auch flott und witzig moderiert. Die üblichen technischen Schwierigkeiten („kein Netz, arrrgh!“) gehören wohl dazu.

Eine Einladung des Knaus Verlags zu einer Messeparty (Betreutes Trinken) habe ich ausgeschlagen. Ich war müde und saß noch mit einigen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in einer stylischen Burger-Bude in Bockenheim.

Literatur-Nobelpreis und Besuch aus Stuttgart

Am Donnerstag wurde dann der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben. Der chinesische Autor Mo Yan wurde geehrt und freuen durfte sich auch der Schweizer Unionsverlag, der die meisten Titel des Autors im Programm hat. Am Stand von Suhrkamp/Insel herrschte ebenfalls dichtes Gedränge. Mit „Die Sandelholzstrafe“ liegt im Insel Verlag ein Hauptwerk des neuen Nobelpreisträgers vor. Man hatte vorgesorgt und einige Exemplare dieses Titels vorrätig. Und auch die chinesische Regierung hatte nichts gegen den Preisträger einzuwenden, gilt Mo Yan doch als systemkonformer Künstler.

Am Donnerstag reiste auch mein alter Freund, der Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, Joe Bauer in Begleitung seiner Lebensgefährtin an. Sie wollten die Lesung Richard Fords, die am Abend im Schauspiel stattfinden sollte, besuchen. Von Joe ist zur Messe sein mittlerweile viertes Buch erschienen, die Kolumnensammlung – „Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart“. Wir trafen uns am Stand seines Berliner Verlegers Klaus Bittermann (Edition Tiamat).

Der Donnerstagabend ist traditionell dem Fest des S.Fischer Verlags vorbehalten. Da trifft man dann alle, die man sonst im Messetrubel nicht trifft. Entsprechend voll ist es immer. Und so ist die Ankündigung „Bis heute Abend bei Fischer“ mit Vorsicht zu geniessen. Viele trifft man eben doch nicht dort, oder wenn, reicht es oft nur zu einem kurzen Gruß. Ich habe etliche Leute nicht gesehen, obwohl sie da waren. Aber meinen ehemaligen Kollegen und Freund Florian Andrews begegnete ich beim Fischerfest. Wir belegten einen Stehtisch im hinteren Teil des Verlagshofes und verließen den auch den ganzen Abend nicht mehr. Die Kellner hatten unseren Tisch fest in ihre Route eingeplant, so dass an Wasser und Wein kein Mangel herrschte. Viele Bekannte und Unbekannte fanden sich im Laufe des Abends an unserem Tisch ein. Es war unterhaltsam und kurzweilig und um kurz nach zwölf war wie immer Schluss.

Stephan Thome und Henry Jaeger

Am Freitag traf ich Stephan Thome am Suhrkamp Stand. Wir plauderten ein wenig und ich lies mir seinen wunderbaren Roman „Fliehkräfte“ signieren. Sein erstes Buch, „Grenzgang“ hat mir allerdings noch besser gefallen. Der Roman ist ein Meisterwerk und „Fliehkräfte“ kommt nicht ganz an ihn heran.

Am Abend wurde dann der „Virenschleuder-Preis“ verliehen, eine Auszeichnung für originelle Social-Media-Marketing-Aktivitäten. Ich konnte leider nicht teilnehmen. Um 20 Uhr präsentierten der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph und der Grimme-Preisträger Peter Zingler im Rahmen der Lesereihe „Open Books“ im Frankfurter Kunstverein den Roman „Die Festung“ des Frankfurter Autors Henry Jaeger. Jaegers Sohn Marcus erzählte, wie es war, als Sohn eines Bankräubers und Bestsellerautors aufzuwachsen. Als Kind war für ihn ein Schriftsteller jemand, der Telefonbücher schrieb.

„Die Festung“ erschein erstmals vor fünfzig Jahren und ist mittlerweile, ebenso wie sein Autor, fast vergessen. Jaeger, ein ehemaliger Bankräuber und Kopf der „Jaeger Bande“ hatte, um dem Wahnsinn zu entgehen, den Roman im Knast geschrieben. Er wurde ein Welterfolg und mit Hildegard Knef und Martin Held verfilmt. Der Frankfurter B3 Verlag hat das Buch jetzt dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Im Anschluss an die Lesung zogen wir weiter ins Literaturhaus. Dort feierten, erstmals an diesem Ort, die sog. Independant Verlage ihr Messefest. Vor der Party wurde zunächst der Preis der Hotlist vergeben, der Buchpreis der unabhängigen Verlage. Er ging in diesem Jahr an den Grazer Literaturverlag Droschl für den Roman „Dunkelheit am Ende des Tunnels“ von Tor Ulvens. Im ersten Stock war ein Büchertisch eingerichtet, an dem man die nominierten Titel einsehen und kaufen konnte.

Bundespräsident Gauck und Cosplayer

Der Samstag ist der erste Publikumstag, wie immer wurde es sehr voll. Die Cosplayer mit ihren phantasievollen Kostümen belagerten den riesigen Messehof. Es schienen mir aber weniger zu sein als in den letzten Jahren.

Den Publikumstag nutzte auch Bundespräsident Gauck zu einem Besuch der Messe. Ungeplant bin ich in Halle 4 hängengeblieben. Sicherheitsleute hatten den Eingang abgesperrt. Ich wartete in der ersten Reihe. Als er dann schnellen Schritts und fröhlich winkend, durch die Halle zur Rolltreppe eilte, machte ich ein paar unscharfe Fotos. Hinter mir rief jemand „Hallo, Herr Bundespräsident“. Auf seinem Messerundgang hat der Präsident dann auch noch den Suhrkamp Verlag besucht und mit Geschäftsführer Thomas Sparr und Stephan Thome geplaudert.

Thome hatte ich am Mittag zufällig am Stand der ARD gesehen. Ein Journalist, dessen Namen mir entfallen ist, sprach mit ihm über „Fliehkräfte“. Er beendete das Gespräch mit der Bemerkung, „Fliehkräfte“ sei ein „schöner, kleiner Roman“. Das trieb Thome, angesichts der 470 Seiten seines Romans, ein entsetztes Lächeln ins Gesicht. Als der ARD Mann sich korrigierte, liefen die Kameras bereits nicht mehr.

Am Abend wollte ich, nach einem Abendessen in einem Bornheimer Wirtshaus, gegen 21 Uhr ins Literaturhaus fahren. Es war wieder Party und Tanzen angesagt. Diesesmal das Abschlussfest der „Open Books“ Lesereihe. Just in diesem Moment fing es heftig zu regnen an, so dass ich, statt ins Literaturhaus zu radeln, lieber nach hause fuhr.

Wahrscheinlich eine gute Entscheidung, denn ich musste ja am nächsten Tag um zehn Uhr am Suhrkamp Stand erscheinen.

Ein Verlag feiert sich selbst – 60 Jahre Suhrkamp

Der Ehrengast zum 50. Jubiläum des Suhrkamp Verlags im Jahre 2000, das damals im Frankfurter Schauspiel begangen wurde, war der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein Freund der Künste und des Verlags. Reich-Ranicki war auch da, Petra Roth ebenso, selbstverständlich. Beide mussten sich mit vielen Anderen einem dreistündigen Lesemarathon unterwerfen, ohne Pause und ohne Verpflegung. Siegfried Unseld wollte es so. Das war Suhrkamp. Einer der damaligen Vortragenden war Martin Walser. Zwei Jahre später erschien dessen Roman Der Tod eines Kritikers. Dann war`s vorbei mit der Verbindung zwischen Walser und Suhrkamp. Siegfried Unseld starb einige Wochen nach dem Erscheinen des Romans. Dieses Buch spaltete den Verlag, Lektoren und Geschäftsführer verließen das Haus in der Frankfurter Lindenstraße. Und Walser wechselte zu Rowohlt. Es ging stets turbulent zu in den sog. Nullerjahren im Hause Suhrkamp.

Seit Anfang diesen Jahres residiert der Verlag in der Berliner Pappelallee. Die Witwe Unselds, Ulla Unseld Berkéwicz, wollte es so. Der Umzug spaltete den Verlag abermals, die Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verließ das Haus, fand andernorts eine neue Beschäftigung, wählte das Risiko der Selbstständigkeit oder begab sich in die Unwägbarkeit des Arbeitslosendaseins.

Viele derjenigen, die den Umzug mitmachten, fanden sich am Samstag, den 28.08.2010 im Literarischen Colloquium Berlin ein, das sechzigjährige Jubiläum des Verlags zu feiern. Einen Ehrengast gab es dieses Mal nicht. Berlins Regierender hatte was anderes vor an diesem Tag, vielleicht wollte man aber auch bewusst den Ball flach halten. Schließlich ist das Sommerfest eine traditionelle, öffentliche Veranstaltung des LCB. Suhrkamp war hier „nur“ zu Gast. In ihrer Begrüßungsrede stellte die Verlegerin dann auch fest, dass ein 60-jähriges Jubiläum, anders als ein 50-jähriges, kein Anlaß sei für große Reden und große Gesten. Man sei vielmehr in der Sommerfrische. Nun, frisch war es.
Als die eigentlichen Jubiläumsveranstaltungen dürfen wohl das Eröffnungsfest Ende Januar in der Pappelallee, sowie die Verleihung des Siegfried-Unseld-Preises gelten.
Neben der Berliner Politprominenz fanden sich zu Jahresanfang, bei eisiger Kälte, natürlich auch die berühmten Autoren des Verlages zur Begrüßung in der Pappelallee ein, unter ihnen überraschenderweise auch Martin Walser.
Der im Zweijahresrythmus vergebene Siegfried-Unseld-Preis wird am Geburtstag des Verlegers, dem 28.09., verliehen. Ort der Preisverleihung ist der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters, das Rote Rathaus. Macht und Kultur verbinden sich hier also auf das Trefflichste. Da ist man dann wieder unter sich und die lokale Politprominenz wird sicher auch anwesend sein. Die Preisträger in diesem ersten Berliner Jahr des Verlages sind der palästinensische Autor Sari Nusseibeh und Amos Oz aus Israel.

Der Termin für das Sommerfest hätte besser nicht gewählt werden können. Der 28.8. ist Goethes Geburtstag, am 28.8.1990 hat Unseld die Autorin Ulla Berkéwicz geheiratet, Unselds Jaguar, sein bevorzugtes Fahrzeug, hatte das Kennzeichen F.SU.288. Ein Motorschaden soll diese legendäre Limousine mittlerweile stillgelegt haben.
Am Wannsee wurde die Berliner Politik von Kulturstaatssekretär André Schmitz vertreten, dem Mann, der dem Umzug des Verlags beharrlich den Weg bereitet hatte. Der Kurzzeitwirtschaftssenator Berlins, Gregor Gysi, war geladen, ein Gespräch zu führen mit Dietmar Dath, dem Metalfan, Vielschreiber, bekennendem Sozialisten und FAZ Autor. Der allerdings wurde angeblich von einem Unwetter an der Anreise nach Berlin gehindert. Geschäftsführer Thomas Sparr sprang ein, das Interesse war groß. Man hätte es gerne gehört, das Gespräch zwischen Gysi und Dath.


Das Wetter zeigte sich gnädig, es regnete nur selten, dann aber heftig. Stephan Thome sah bei seinem Vortrag nur die Regenschirme der verbliebenen Zuhörer.
Und der einsame Leser im Ruderboot erinnerte, bei Regen unter seinem Schirm, an Spitzwegs „Der arme Poet“.


Stephan Thome wollte nicht viel verraten über seinen neuen Roman, an dem er gerade arbeitet. Nur, dass er die mittelhessische Provinz dieses Mal verlassen wird. Und Detlef Kuhlbrodt zündete sich eine an und versuchte zu erklären, weshalb sein, schon lange in der edition suhrkamp angekündigtes, Buch Als ich einmal zwei Wochen nicht rauchte noch immer nicht erschienen ist.


Das Programm war dicht gedrängt an diesem Nachmittag am Wannsee. Cheflektor Raimund Fellinger stellte das ambitionierteste Projekt des Verlags vor, die Suhrkamp-Chronik, verfasst von Siegfried Unseld, angelegt auf 30 Bände.


Des Weiteren lasen Lutz Seiler, Doron Rabinovici, Judith Schalansky (von der bislang noch kein gedrucktes Wort bei Suhrkamp vorliegt), Ann Cotten und viele andere. Gegen 17 Uhr waren die Bratwürste alle und gegen 18 Uhr ließ sich die Suhrkampchefin, im schwarzen Geländewagen mit Frankfurter Kennzeichen, nach hause chauffieren. Das Fest ging weiter, Angela Winkler sang Brecht und als Abschluß legte Spiegelredakteur Tobias Rapp zum Tanz auf.
Es ist wieder Ruhe eingekehrt bei Suhrkamp. Das war die Botschaft dieses Tages. Man darf gespannt sein, wie lange.