26. Okt. 2015

Grabstein Siegfried Unseld

Grabstein Siegfried Unseld

Es ist einer dieser Tage, die dem Herbst das Attribut „Goldener“ verleihen. Ich sitze in der Nationalbibliothek und arbeite an einem Buch. Das klare Licht und die laue Luft locken mich nach draußen um für einige Minuten der trockenen Bibliotheksluft zu entfliehen.

Gegenüber der Bibliothek liegt der Frankfurter Hauptfriedhof. Diese riesige, friedliche Oase der Stille inmitten der Stadt ist letzte Ruhestätte für viele bedeutende Frankfurter, Schopenhauer, Stoltze und viele andere. Ein Besuch lohnt sich immer. Ich ging wahllos durch die Gänge, machte mit dem Taschentelefon ein paar Fotos, studierte manchen Grabstein, las die Inschriften und versuchte mir ein Leben hinter den Daten vorzustellen. Friedhöfe erzählen unzählige Geschichten.

Fast schon instinktiv näherte ich mich dem Grab Siegfried Unselds. Es liegt an einem stillen, schönen Ort unter Bäumen am Rande einer Lichtung unweit des Haupteingangs. Auf dem Grab lag ein frischer Kranz mit Schleife – „Dem Ehrenbürger der Stadt Frankfurt“, gesäumt von einem großen Strauß mit den Lieblingsblumen von Unselds Wittwe, Ulla Unseld-Berkéwicz, und sicherlich in deren Auftrag, wenn nicht gar am Morgen von ihr selbst dorthin gebracht. Ich schaute auf die Daten. Mein kleiner herbstlicher Spaziergang hatte mich ausgerechnet an Unselds Todestag zu dessen Grab geführt. Er starb am 26. Okt. 2002. An der Beerdigung habe ich teilgenommen.

Hier stand ich vor einer Geschichte, die ich kannte, jedenfalls ein wenig. Mir war es vergönnt Siegfried Unseld zu Lebzeiten erlebt zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Der Stellvertreter Brechts auf Erden – in Memoriam Wolfgang Jeske

Die schwierigsten Kundenfragen in meinem zwanzigjährigen Buchhändlerleben betrafen immer Bertolt Brecht – wo ist dieses Gedicht zu finden, in welchem Band steht jenes Stück, wo diese Erzählung? Es war die Zeit der Papierrecherche, des „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“, VLB, in mehreren Bänden. Internet gab es noch nicht und das VLB nannte nur die Titel der Bücher, nicht aber deren Inhaltsverzeichnis. Kurz, es war eine ewige Sucherei, wenn man seinen Brecht nicht im Kopf hatte. Ich war froh als ich in der Buchhandlung irgendwann nur noch mit Krimis und Comics zu tun hatte – da blieben mir die elenden Brecht-Fragen erspart.

Das änderte sich, als ich anfing bei Suhrkamp zu arbeiten, dem Verlag Bertolt Brechts. Dann kamen sie wieder, die Brecht-Fragen. Jetzt stammten sie aber von Buchhändlern, die mit denselben Fragen der Kunden konfrontiert waren wie ich in meiner Zeit als Buchhändler. Und doch war es bei Suhrkamp ungleich einfacher, diese Fragen zu beantworten. Bei Suhrkamp gab es ein Brecht-Lektorat, und das wurde geleitet von Wolfgang Jeske, dem „Stellvertreter Brechts auf Erden“, wie ich ihn bald für mich nannte. Wolfgang Jeske hatte seinen Brecht im Kopf, er hat die 30-bändige Brecht-Ausgabe betreut. Viele telefonische Fragen nach versteckten Brecht-Texten beantwortete ich dann auch mit: „Einen kleinen Moment bitte, ich verbinde Sie mit dem Stellvertreter Brechts auf Erden.“ Immer wurden die Fragen schnell und korrekt beantwortet. Wenn er etwas nicht auf Anhieb wusste, was selten vorkam, versprach er zügigen Rückruf. Dieser ließ nie lange auf sich warten.

Wolfgang Jeske war ein kleiner, schmächtiger Mann mit schütterem Haar. Er trug immer dunkle Stoffhosen, Hemd und Strickweste. Darin wirkte er, als müsse er noch reinwachsen. Bei offiziellen Anlässen kleidete er sich auch mal mit seinem grauen Anzug. Auch dieser war ihm zu groß. Man hatte Angst, Wolfgang Jeske könnte eines Tages immer weniger werden und verschwinden, einfach so. Aber Wolfgang Jeske war stets präsent, sei es als Brecht-Lektor, als Betriebsrat, dem er all die Jahre angehörte, in denen ich bei Suhrkamp arbeitete oder als Verwalter der Sozialkasse des Verlags. Im November versäumte er es nie, die Kolleginnen und Kollegen per Aushang auf eventuell noch einzureichende Arztrechnungen hinzuweisen bevor diese verfielen. Kurz, Wolfgang Jeske kümmerte sich um seine Kolleginnen und Kollegen und diese mochten und schätzten ihn.

Morgens konnte man ihn oft vor dem Eingang treffen, neben sich den karrierten Einkaufstrolley mit dem er seine Arbeitsunterlagen transportierte. In der Hand die unvermeidliche Zigarette, die noch zu Ende geraucht werden musste, bevor er den Verlag betrat. Freundlich schenkte er jedem zur morgendlichen Begrüßung sein verschmitztes Lächeln.

Gut kann ich mich erinnern, wie Jeske mir einst die berühmte Bibliothek im Keller der Unseld Villa in der Frankfurter Klettenbergstraße zeigte. Hier standen sie alle, die Bücher die der Verlag im Laufe seiner Geschichte publiziert hatte, in jeder Ausgabe und immer in der Erstauflage. Tausende Bände in großen Rollregalen, das Gedächtnis des bedeutendsten Verlages der deutschen Nachkriegsgeschichte. Niemand, außer Siegfried Unseld, kannte diese Bibliothek besser als Wolfgang Jeske und seine Augen leuchteten als er sie mir zeigte. Hier hatte er Monate und Jahre zugebracht um für das fünfzigste Jubiläum des Verlags im Jahre 2000 die Suhrkamp Bibliographie zu betreuen und zu bearbeiten. Fünfzig Jahre Suhrkamp-Geschichte in einem Band, ein Schatz und ein unverzichtbares Nachschlagewerk, dass es jedem Buchhändler ermöglichte auch noch entlegenste Brecht-Texte zu finden. Dieses Werk war Wolfgang Jeskes Verdienst und wir nannten die Bibliographie bald nur noch den „Großen Jeske“. Diese umfassende Bibliographie ist erst zwei Jahre nach dem 50. Jubiläum des Verlages erschienen, am 21.10.2002. Fünf Tage später starb Siegfried Unseld. Noch im Sterbebett konnte der Verleger sein Vermächtnis, die Bibliographie seines Lebenswerkes, in Händen halten. Ein größeres Geschenk hätte Wolfgang Jeske dem sterbenden Verleger nicht machen können.

Als der Verlag Anfang 2010 von Frankfurt nach Berlin zog, folgte ihm Jeske. In der letzten Zeit arbeitete er im Pressearchiv des Verlags. Über dreißig Jahre hat Wolfgang Jeske für den Suhrkamp Verlag und Bertolt Brecht gearbeitet, mehr als die Hälfte seines Lebens.

Am 11. Februar 2012 ist Wolfgang Jeske unerwartet in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wurde sechzig Jahre alt.

Der Artikel erschien unter dem Titel – „Brecht`s Deputy on Earth“: Wolfgang Jeske in Memoriam – in The Brecht Yearbook 37, The International Brecht Society, University of Wisconsin Press 2012