Mein 2017

Es ist der Silvesterabend 2017. Ich bin alleine zuhause, was bis vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Da war für mich Silvester das wichtigste Fest des Jahres, ich hatte das Gefühl, am nächsten Tag werde alles anders, besser. Ich wollte, und konnte, diesen Tag unmöglich alleine verbringen. Mittlerweile ist das anders, vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, oder damit, dass ich gemerkt habe, dass nichts anders wird wenn man es nicht selbst macht. Sonst ändert sich nichts, das ist unabhängig vom Datum. Also bleibe ich alleine, wie auch schon im letzten Jahr. Ich kann essen was ich will und die Musik hören, die ich mag. Und ich kann sie laut hören, niemand beschwert sich. Auch sollte niemand das Alleinsein mit Einsamkeit verwechseln. Ich bin allein, nicht einsam.

Das zu Ende gehende Jahr war ein sehr schwieriges. Der Tod meiner Eltern das alles überragende Ereignis. Binnen Monatsfrist haben sie sich verabschiedet, mein Vater am 27. August, meine Mutter folgte ihm am 27. September. Ich habe erstmals in meinem Leben Trauerreden gehalten und hoffe, dies nicht mehr tun zu müssen. Erst im letzten Jahr haben wir mit der Familie und Freunden ihre 90igsten Geburtstage sowie die Eiserne Hochzeit (65 Jahre!) gefeiert. Und so stehen an der Grabstelle für beide die Daten 1926 – 2017.

Es gab natürlich auch schöne Momente. Zwei Bücher sind erschienen, dieses und jenes. Und zwei weitere sind in Planung, schöne Projekte, die im Herbst zur Messe fertig sein sollen. Daneben das Langzeitprojekt „Tour de Bier“, das doch mehr Arbeit bereitet als gedacht. Es macht aber auch viel Spaß und ist verbunden mit schönen Radtouren an der Seite der wunderbaren Mokka. Wenn also alles klappt, erscheinen im nächsten Jahr drei Bücher, an denen ich beteiligt bin.

Konzerte kamen zu kurz, viel zu kurz. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich 2017 ein Konzert besucht habe. Billy Braggs Gastspiel musste ich wegen Arbeit leider verpassen. Aber zum Glück gab`s auch in diesem Jahr wieder gute Musik. Hingerissen bin ich von „Lust for Life“, dem neuen Album von Lana del Rey, wer hätte das gedacht. Leslie Feist hat eine sehr schöne Platte gemacht. The National und besonders Joe Henry mit „Thrum“ haben mich begeistert und tun das immer noch. Mein alter Held, Arto Lindsay, hat endlich mal wieder ein Album veröffentlicht, „Ciudado Madame“ heißt es, ist souverän und zeitlos schön, wie immer abseits jeden Mainstreams. Eine Wonne! Die großartige Tori Amos beweist mit „Native Invader“ wieder ihre Klasse. Respekt und Hochachtung gebührt ihr, nichts anders. Auch ihr Konzert in der Jahrhunderthalle habe ich verpasst. Unverzeihlich. Erwartbar schön „Semper Femina“ von Laura Marling. Nur auf die neue Platte der einzigartigen Shara Worden, aka My Brightest Diamond, musste ich warten. Sie wird wohl 2018 erscheinen. Ich bin gespannt und voller Vorfreude. Die Entdeckung des Jahres ist die junge Rapperin Little Simz. Dank an Radio Eins.

Die Schattenseite des Musikgeschäfts ist, dass Musikerinnen und Musiker, die ich sehr verehre und schätze, wie etwa Kate Tempest oder auch Elvis Costello, der unsäglichen BDS Bewegung das Wort reden. Daher Dank an Künstler wie Nick Cave oder Radiohead, die sich davon nicht beeinflussen lassen.

Die Literatur kam mal wieder viel zu kurz. Gut, ich hatte eine schöne Buchmesse, aber das Lesen habe ich sträflich vernachlässigt. Dennoch lese ich permanent, aber zielgerichtet für meine Projekte. Immerhin seien aber drei Bücher genannt, die ich in diesem Jahr mit Gewinn gelesen habe. Da war zum einen der Roman „Wach“, bereits 2011 erschienen, das Debüt von Albrecht Selge. Ein Großstadtroman und die passende Lektüre für alle Schlafgestörten und Flaneure. Ein Kleinod ist Mathias Énards Roman „Der Alkohol und die Wehmut“, eine melancholische Geschichte über Trennung, das Reisen, das Fliehen. Und über Alkohol. Eine kurzweilige, sehr liebenswerte Lektüre hat Klaus Bittermann, der Berliner Verleger und Autor mit „Der kleine Fup“ vorgelegt. Kurze Geschichten um Fup, den Sohn des Autors und daher auch, wie sein Vater, BVB Fan. Alltagsabenteuer eines Kreuzberger Jungen, sehr witzig und gescheit. Neben dem Bett lagen und liegen als Einschlaflektüre hauptsächlich Krimis von Don Winslow oder Adrian McKinty. Guter Stoff also.

Wie jedes Jahr hat sich auch im vergangenen die Weltlage nicht gebessert. Noch immer nicht gewöhnt habe ich mich an den Wahnsinnigen aus Washington, ich möchte mich auch nicht an ihn gewöhnen. Nur stelle ich mir jedes mal die Frage, wie dieses große Land das zulassen kann. Aber in Europa ist es auch nicht besser. In Polen und Ungarn haben rechtsnationale Regierungen, die offen mit Nazis paktieren, das Sagen, Tschechien ist auf dem Weg und jetzt auch Österreich. Mit solchen Leuten möchte in einem „Haus Europa“ nicht leben. Aber auch wir haben eine rechtsnationale Partei im Parlament, und ich fürchte, sie wird daraus auch nicht wieder verschwinden. Es heißt, wachsam zu sein.

Zum Glück habe ich wunderbare Menschen an meiner Seite. Nur mit euch ist das alles auszuhalten. Danke dafür!

In diesem Sinne: Nicht verzagen und alles Gute für 2018!

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My Brightest Diamond im Kölner Club „Gebäude 9“ am 26.11.2011

Der Club „Gebäude 9“ in Köln war mit ca. 150 Leuten beschämend schlecht besucht. Gerade mal € 15,- waren fällig um eine der großartigsten Musikerinnen des zeitgenössischen Musikgeschehens live erleben zu können. P.J. Harvey kostete das Vierfache dieser Summe. Und P.J. ist niemand, hinter der sich Shara Worden verstecken müßte.

Ebenso beschämend ist, das sich gerade mal zwei (!) Clubs in Deutschland bereit fanden, Shara Worden aka My Brightest Diamond zu buchen. So war ich gezwungen nach Köln zu fahren um sie hören zu können. Nun gut, vor drei Jahren bin ich ins schwäbische Schorndorf gefahren.

Im Oktober diesen Jahres ist das dritte Album von My Brightest Diamond erschienen, „All Things Will Unwind“. Gute drei Jahre sind vergangen seit ihrem Meisterwerk „A Thousand Shark`s Teeth“ . Drei Jahre, in denen sie allerdings nicht untätig war. Es sind diverse Alben anderer Musikerinnen und Musiker erschienen, bei denen Shara Worden beteiligt war – u.a. von Clogs, einem Projekt des The National Gitarristen Bryce Dessner, von Sarah Kirkland Snider, den Decemberists und David Byrne. Außerdem ist sie Mutter eines Sohnes geworden (den sie auf „All Things Will Unwind“ in dem wunderschönen Song „I have Never Loved Someone the Way I Love You“ besingt) und von Brooklyn in die sterbende Stadt Detroit gezogen. Beim Friseur war sie auch.

Shara Worden war also alles andere als untätig. Im Oktober kam dann endlich ihr neues Album, für das sie sich auferlegt hatte, ausschließlich Instrumente zu spielen, die in einen Koffer passten. Die Gitarre fiel also aus. Statt dessen hat sie das Kammerensemble yMusic engagiert. Herausgekommen ist ein wunderbares, stilles, kammermusikalisches Album, das voller Kostbarkeiten steckt. Lautere, rockigere Songs, wie noch auf dem „Shark“ Album oder dem MBD Debut „Bring Me the Workhorse“ fehlen hier völlig. Vielmehr gibt es, ähnlich wie bei den Alben von Clogs und Sarah Kirkland Snider, deutliche Anleihen bei der klassischen Musik. Der gelernten Opernsängerin Shara Worden ist dieses Terrain ja nicht fremd.

Umso überraschter war ich, dass sie die Bühne des „Gebäude 9“ nur in Begleitung eines Schlagzeugers betrat. Shara sang, spielte Gitarre, Ukulele, Keyboards sowie diverse andere Instrumente und es wurde teilweise sehr laut und rockig. Das war keine reine Vorstellung des neuen Albums, sondern ein Querschnitt durch das bisherige, so großartige, Schaffen von My Brightest Diamond. Auffallend war die Farbgebung, die auch beim neuen Album vorherrscht. Sind bei den beiden Vorgängeralben eher zurückhaltende, dunkle Farben prägend, so wird das Albumdesign bei „All Things Will Unwind“ durch die Farbe Rot bestimmt. Das Cover des Albums, man muss es nicht schön finden, das Bühnenoutfit, all das strahlte so viel Optimismus aus, dass man sich dem nicht entziehen konnte, was man freilich auch nicht wollte. Selbst der Drummer, Brian Wolf, trug auf seiner ansonsten schwarzen Kleidung, rote, gelbe und orange Filzapplikationen.

Perfekt vorbereitet wurde ihr Auftritt durch die Berliner Singer-Songwriterin Miss Kenichi, die auch beim Eröffnungssong „We Added It Up“ MBD begleiten konnte, was ihr bravorös gelang. Shara Worden hatte dann keine große Mühe, das Publikum, ja – zu verzaubern. Ihr Charme, ihr Witz, die wunderbaren Songs und ihre einmalige Stimme taten ein Übriges. Allein schon für ihre Version des Nina Simone Songs „Feelin` Good“ hat der Besuch gelohnt. Zwei Stunden und zweimal drei Zugaben später war dieses unvergessliche Konzert beendet und 150 Menschen verließen glücklich den Club, viele mit Platten, CDs oder T-Shirts vom Merchandising-Stand unterm Arm. Alle anderen haben was verpasst.

Was bleibt ist die Frage, weshalb P.J. Harvey, Joan As Policewoman und der kommende Star, Anna Calvi, Clubs und Hallen füllen, die nicht minder großartige Shara Worden aber nicht. Aber so kann ich sie in drei Jahren wieder in einem kleinen Club für wenig Geld sehen und hören, irgendwo in Deutschland.