Gretchen – der neue Roman von einzlkind

Gretchen

Wer ist einzlkind?

Vor drei Jahren erschien unter dem Pseudonym einzlkind im Berliner Verlag Edition Tiamat der Roman Harold, ein aberwitziges Roadmovie voller absurder Geschehnisse und skurriler Gestalten. Eine unvergessliche Lektüre, die das Feuilleton sowie die Leserschaft gleichermaßen begeisterte und dem Verlag einen Bestseller bescherte. Wilde Spekulationen schossen ins Kraut wer sich hinter einzlkind wohl verbergen möge. Bis heute blieb das Geheimnis ungelüftet.

Jetzt wird wieder spekuliert werden, denn kürzlich ist der zweite Roman von einzlkind erschienen, Gretchen. Dieses Mal hat der Verlag weder Kosten noch Mühe gescheut und dem Buch einen festen Einband nebst Schutzumschlag und Lesebändchen spendiert. Er verspricht sich offensichtlich einiges von diesem Roman, zurecht. Gretchen also, wieder ein Name als Titel, dieses Mal ein Frauenname der an Goethe denken lässt oder an Gretel aus dem Märchen.

Es geht furios los und auf den ersten Seiten fühlt man sich in die absurde Bilderwelt eines Eugen Egner oder in frühe Romane Herbert Rosendorfers versetzt.

Wir lernen Gretchen Morgenthau kennen, eine Wienerin, die nicht mehr in der Blüte ihres Lebens steht aber hellwach und schlagfertig ist. In einem zweiten Erzählstrang wird uns Kyell vorgestellt, ein junger Tierarzt wider Willen, der auf dem Eiland Gwynfear unweit von Island lebt. Beider Geschichte erzählt einzlkind in drei Teilen/Akten und 28 Kapiteln. Hatten wir es bei Harold mit einem Antihelden zu tun, der ohne die Begleitung des elfjährigen Melvin aufgeschmissen wäre, so ist Gretchen eine starke, modebewusste Frau, die sich nichts vormachen lässt.

Vor Gericht

Sie lebt in London auf bescheidenen 120 Quadratmetern und hat Probleme in der nur zwölf Quadratmeter großen Kleiderkammer ihre Garderobe unterzubringen. Nach dem vergeblichen Versuch als Auftragskiller durchs Leben zu gehen, wählte Gretchen die Theaterlaufbahn und wurde Intendantin.

Gretchen ist krank, sterbenskrank – Schnupfen. Der benachbarte pensionierte Arzt und ihr lebenslanger, wenn auch unerhörter, Verehrer, Dr. Mandelberg diagnostiziert eine Verstopfung und empfiehlt Kamillentee. So fängt dieser aberwitzige Trip an, der uns über einige von Gretchens Lebensstationen erwartungsgemäß nach Gwynfear führt. Unterwegs begegnen wir allerhand ungewöhnlichen Figuren, unter anderem einem Taxifahrer, der behauptet Wikipedia auswendig zu kennen, aber nur elektrische Zahnbürsten verkaufen will, einem Wiener Lehrer, der Gretchen ob ihrer Regiearbeit am Burgtheater zur Sau macht, einem Pfarrer für alle Weltreligionen, einem Richter mit Vorliebe für Absinth und Camus, Stalin, dem Kater und einem Haubentaucher namens Charles Manson. Wie auch schon in Harold ist dieser Roman reich an Anspielungen und Assoziationen. einzlkind jongliert mit Namen aus der Literatur und dem Theater, dass es eine reine Freude ist. Tykwer, Halldór, Grass, Rainald Goetz, Alexander Kluge, Sophie Rois, Bertolt Brecht, Thomas Bernhard – sie Alle tauchen mehr oder weniger verschlüsselt in dieser aberwitzigen Geschichte auf. Selbst die Kapselkaffee-Werbung von George Clooney ist es wert, Erwähnung zu finden. Auf Bezüge zu Joyce und seinen Ulysses, die noch in Harold so zahlreich waren, müssen wir allerdings bis zum Schluss warten. Es ist nicht zuviel verraten, wenn gesagt wird, dass Gretchen mit dem selben Wort endet wie der Ulysses – Ja.

Gegen Ende des ersten Aktes landet Gretchen vor Gericht. Diese Gerichtsverhandlung ist ein dramaturgischer Höhepunkt des Romans, ein absurdes Theater, mit Gretchen und dem Richter als Hauptdarstellern und einem Publikum, das unterhalten werden möchte – Abonnenten-Publikum und aufgespritzte Champagner-Drosseln. Ihr wird Trunkenheit am Steuer vorgeworfen, zudem soll sie mit ihrem Jaguar ein Polizeiauto demoliert haben („Sechs oder sieben Gläser. Auf keinen Fall mehr als acht.“). Der Richter hat ein Faible für außergewöhnliche Urteile, die eher als Erziehungsmaßnahme zu werten sind. Und so wird Gretchen zu vier Wochen Gwynfear verdonnert, wo sie eine Theateraufführung mit den Bewohnern einstudieren und aufführen soll.

Tomatensaft oder Blut?

Die Überfahrt nach Gwynfear leitet den zweiten Akt ein. Der Fährmann, ein Fischer, ist Gretchen intellektuell ebenbürtig und sogar in Modedingen bewandert. Auf Gwynfear, das sich auch als Böcklins Toteninsel vorstellen lässt, wird unsere Heldin wie ein Staatsgast empfangen. Die Bevölkerung entpuppt sich als kultur- und theaterbegeistert und gefällt sich in mehr oder weniger fachkundigen Bemerkungen und Gesprächen. Hier lernt die Frau Intendantin dann auch den schweigsamen Kyell kennen, den sie zu ihrem Assistenten macht. Peer Gynt ist das Stück ihrer Wahl. Dieser Vorschlag stößt allerdings nicht auf allzu viel Gegenliebe bei den Einheimischen. Aber da Gretchen ohnehin nur wenig Lust hat, überhaupt ein Stück zu inszenieren, überlässt sie schließlich Tule, einem mit Kyell befreundeten Journalist, die ganze Arbeit und freie Hand. Gretchen scheitert derweil lieber bei dem Versuch, einige kernige Schotten, die abgelegen auf der Insel hausen, mit deren selbst gebranntem Whisky unter den Tisch zu saufen. Anschließend schläft sie drei Tage.

In Tules selbständiger „Regiearbeit“ geht es um den Tod, oder besser um die Frage: Tomatensaft oder Blut. Gretchen ist nicht angetan, fürchtet um ihren posthumen Ruf und spricht ein Machtwort. Es wird wieder Peer Gynt einstudiert. Und wer schon die ganze Zeit auf die Gretchenfrage gewartet hat, im zweiten Akt wird sie gestellt.

Der dritte Akt besteht nur aus einem einzigen Kapitel und gilt dem letzten Tag Gretchens auf Gwynfear. Mehr soll hier nicht verraten werden.

einzlkind beherrscht das literarische Handwerk perfekt. Gretchen ist bei allem Humor und Witz ein ernster und durchaus melancholischer Roman, der nicht weniger verhandelt als große Themen wie das Leben, die Kunst und den Tod. Es ist die große Kunst von einzlkind, Melancholie und Humor in diesem wunderbaren Roman zu einer Einheit geformt zu haben und dabei auf jeden Klamauk zu verzichten.(„Humor ist eine sehr ernste Angelegenheit, deshalb verstehen lustige Menschen Humor ja auch nie“)

Und wir sollten uns von dem undeutlichen Autorenfoto nicht blenden lassen – was ist, wenn einzlkind eine Frau ist? Aber eigentlich ist das auch egal. Gretchen ist ein würdiger Nachfolger von Harold. Und der Umschlagtext „Sie haben Harold geliebt? Dann werden Sie Gretchen hassen.“ ist eine kokette Warnung. Sie werden Gretchen lieben.

Aber lassen wir unserer Heldin das letzte Wort: „Hauptsache, du benutzt kein Pseudonym. Es gibt nichts Schlimmeres, als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“

Edition Tiamat, Berlin 2013, 240 S., € 18,-

John Kennedy Toole, Die Verschwörung der Idioten.

Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem Nachwort von Alex Capus, der „Die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel „Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten“ erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus. Dieser Ignatius J. Reilly ist eine Nervensäge sondergleichen, und die Idioten sind alle anderen, besonders seine Mutter (Wenn ich mir vorstelle, dass die Kommunissen mich unterwandern…) [S. 309]. Ignatius ist fett, häßlich, hat einen Oberlippenbart und zwei verschiedenfarbige Augen, eins blau, das andere gelb. Er trägt stets die gleichen Tweethosen, Flanellhemden, eine Mütze und einen Schal. Dinge, die er als „vernünftige“ Kleidung bezeichnet. Das einzige Regulativ ist sein ominöses „Magenventil“, das ihn schon mal wochenlang ans Bett fesselt, sowie Myrna Minkoff, seine linksradikale „Freundin“ aus gemeinsamen Studientagen. Myrna, die mittlerweile in New York lebt und Ignatius liefern sich einen ausführlichen Briefwechsel, der sich in der Regel in gegenseitigen Beschimpfungen und Belehrungen erschöpft. Myrna versucht Ignatius in ihren Briefen, die alle mit „Sehr geehrte Herren“ anfangen, zu bekehren, endlich die gemeinsame Wohnung mit der Mutter zu verlassen und sich von ihr „befreien“ zu lassen. Diese Briefe, das empfindliche „Magenventil“ und die ewig keifende Mutter sind die wenigen Konstanten in Ignatius`Leben. Nun ist Ignatius niemand, der sich befreien lassen will, hält er sich doch für ein Genie (Tatsächlich entbehrt mein Wesen nicht gewisser Proust`scher Züge. [S. 56]), das allein über die seeligmachenden Ideen, wie die Welt zu retten sei, verfügt. Diese Ideen und Gedanken notiert er in unzähligen Schulheften, die den Boden seines Zimmers bedecken. Was du hier siehst, ist meine Weltanschauung. Sie muß noch zu einem Ganzen zusammengefügt werden,[…] (S. 56). Wer sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, will diese auch unter die Leute bringen. Getrieben von seiner Mutter, die keine Lust hat, alleine für den Lebensunterhalt sorgen zu müssen, nimmt er auch schon mal Jobs an, z.B. bei der heruntergekommenen Firma „Hosen-Levy“. Dort endet sein missionarischer Eifer naturgemäß im Chaos, er wird, nicht ohne einen verhängnisvollen Brief geschrieben zu haben, gefeuert. Die Leute waren von meiner Einzigartigkeit überfordert (S. 170). Ebenso treibt er einen Hotdog Fabrikanten in den Wahnsinn, der Ignatius mit einem Würstchenwagen durch die Straßen von New Orleans schickt. Es findet sich allerdings niemand, der Ignatius einen Hotdog abkaufen will, zumal dieser auch lieber den Wagen irgendwo abstellt und statt dessen einer weiteren Leidenschaft frönt, dem Kinogang. Freilich geht er nur ins Kino um sich lautstark über die Unfähigkeit der Schauspieler und derer moralischen Verworfenheit aufzuregen. Wo Ignatius hintritt, wächst kein Gras mehr, oder, wie Jones, der unterbezahlte Putzmann aus dem „Night of Joy“ meint: Weißt du, wer die Atombombe ist? Dieser fette Spinner ist die Atombombe! Du schmeißt ihn irgendwo drauf, gleich geht alles kaputt und alle bekommenden den Fallout ab (S. 404).

Trotz allen Wahnwitzes trägt dieser urkomische Roman viele autobiographische Züge seines Autors, John Kennedy Toole. Es sollte, abgesehen von einem Jugendwerk, sein einziger Roman bleiben. Nachdem sich der Autor nicht mit dem Lektor des renommierten Verlags Simon & Schuster, der sich für das Manuskript interessiert hatte, über diverse Änderungswünsche verständigen konnte, und es so nicht zu einer Veröffentlichung kam, nahm sich Toole 1969 durch Autoabgase das Leben. Seiner Mutter schließlich gelang es, das Manuskript doch noch bei einem Verlag unterzubringen. Ihr und einem Universitäts-Verlag, der noch nie zuvor ein belletristisches Buch veröffentlicht hatte, ist es zu verdanken, das wir diesen Schatz jetzt lesen dürfen. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass ein wenig Ignatius in uns Allen steckt.

John Kennedy Toole, Die Verschwörung der Idioten. Neu übersetzt von Alex Capus. Klett-Cotta, Stuttgart 2011.

Jakob Arjouni – Cherryman jagt Mr. White

Als Jakob Arjouni Mitte der achtziger Jahre den Deutsch-Türkischen Detektiv Kemal Kayankaya erfand und ihn im Frankfurter Bahnhofsviertel ermitteln ließ, redete noch niemand von Multikulti. Mit Happy Birthday, Türke legte er ein erfolgreiches Debut vor, dem anzumerken war, dass der Autor seine Vorbilder vor allem bei amerikanischen Autoren fand, besonders bei Dashiell Hammet. Die Sprache war knapp und hart, die Story schnell. Drei weitere Kayankaya-Romane folgten, der vorerst letzte, Kismet, erschien 2001.
Doch Arjouni hat sich nicht auf das Krimigenre festnageln lassen, sondern sich vielmehr immer wieder neu erfunden. So wurde er zu einem der vielseitigsten Autoren deutscher Sprache.
Er schrieb unter anderem ein Theaterstück (Edelmanns Tochter), Märchen (Idioten), präsentierte uns ein düstere politische Utopie (Chez Max) und schickte mit Magic Hoffmann einen wunderbaren Schelm durch das gerade vereinigte Deutschland.
Sein neuester Roman, Cherryman jagt Mr. White, führt uns in ein bedrückendes Szenario in einem trostlosen brandenburgischen Provinzkaff unweit Berlins.
Außer einem Supermarkt gibt es nicht viel in Storlitz. Einen Supermarkt und Heiko, Mario, Robert und Vladimir, die örtliche Nazigang, die dort immer rumhängt. Und es gibt unseren Helden, Rick Fischer, den Erzähler der Geschichte. Eine Geschichte um Erpressung, Nazis, Terror, Judenhass, Arbeits- und Perspektivlosigkeit und Angst – kurz, eine alltägliche Geschichte aus der ostdeutschen Provinz.
Erzählt wird der Roman aus der Rückschau. Rick schreibt einen Bericht an seinen Therapeuten, Dr. Layton. Er versucht zu erklären was passiert ist, weshalb er ist, wo er ist und wie es dazu kam.
Wir ahnen, dass eine Katastrophe passiert sein muss und erfahren, daß Ricks Eltern kurz nach der Wende im ersten Westauto bei einem Unfall ums Leben kamen und Rick, benannt nach Rick`s Cafe aus Casablanca, seitdem bei seiner Tante Bambusch aufwächst. Ricks Alltag ist bestimmt durch Langeweile und den Terror der Nazigang, dem er täglich ausgesetzt ist. Er flüchtet sich in eine Kunstwelt aus Comics und erfindet die Figur Cherryman, die stellvertretend für ihn das Böse, Mr. White, ausrottet.
Ricks Traum ist eine Lehrstelle als Gärtner, am besten in der großen Stadt Berlin, weg aus dem Kaff, weg von dem alltäglichen Terror der Supermarkt-Gang. Und ausgerechnet diese Gang verhilft ihm dazu, seinen Traum zu verwirklichen. Natürlich ist diese Hilfe nicht selbstlos.
Rick wird mit Pascal bekannt gemacht, einem geschniegelten Nazi aus Berlin. Dieser verspricht ihm eine Lehrstelle als Gärtner in der Hauptstadt. Er müsse Pascal nur einen Gefallen tun, nichts Gefährliches, nichts Verbotenes. Rick redet sich ein, es könne schon nicht so schlimm sein und willigt, mangels Alternative, ein. Kurze Zeit später hat er die Lehrstelle und fährt täglich mit dem Zug in die Stadt. Er lernt Marilyn kennen, benannt nach Marilyn Monroe, die immer den selben Zug nimmt und verliebt sich in sie. Das Bedrohungspotential durch die Gang wird mit Marilyn größer. Mehr oder weniger subtile Vergewaltigungs- und Gewaltandrohungen gegen sie und Tante Bambusch machen Rick gefügig.
Die Gärtnerei schickt Rick täglich in einen Park, den er pflegen soll. Dieser Park grenzt an einen jüdischen Kindergarten. Es gehört zu Ricks „Sonderaufgaben“, für Pascal und den Gärtner diesen Kindergarten zu bespitzeln und Pascal zu berichten, was er sieht. Während dieser Zeit freundet er sich mit dem zweijährigen Ninu an, später auch mit einer Kindergärtnerin. Bald stellt sich heraus, dass die Aufgabe sich nicht darin erschöpft, den Kindergarten nur zu beobachten. Die Situation wird für Rick immer auswegloser, sie eskaliert und explodiert endlich in einer, erwarteten, Gewaltorgie. Rick Fischer wird zu Cherryman.
Nicht meine Phantasien wurden Wirklichkeit, sondern meine Wirklichkeit wurde Phantasie. Anfangs jedenfalls. Am Ende war die Wirklichkeit stärker. (S. 111)
Jakob Arjouni hat mit Cherryman jagt Mr. White einen kurzen, beklemmenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben, der ein Bild zeichnet, das Teil unserer täglichen Realität ist.

Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White. Diogenes Verlag AG, Zürich 2011.

einzlkind – Harold

Die Presse feiert diesen Roman in seltener Einmütigkeit. Der Spiegel, die FAZ, die FR und viele andere finden kaum die passenden Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Selbst Hans Magnus Enzensberger wird zitiert: »…das ist ja ziemlich wunderbar. Ich meine Harold

Und genau darum geht es, um einen skurrilen Roman mit dem Titel Harold. Als Autor fungiert jemand, der angeblich in England wohnt, oder in Deutschland, und unter dem Pseudonym einzlkind antritt. Wohin das führt, wenn Autoren Phantasienamen verwenden, unter denen auch Hamburger Popbands firmieren könnten, werden wir hoffentlich nie erfahren. Verleger Bittermann ließ es sich nicht nehmen, in seinem Umschlagtext darauf hinzuweisen, dass das Manuskript unverlangt an den Verlag geschickt wurde und trotzdem erschienen ist. So schafft man Legenden.

Harold ist betitelt nach seinem Helden, einem arbeitslosen Wurstverkäufer. Und schon ist man in die Falle getappt. Denn Harold ist eine Null, ein Antiheld, niemand, der eine Geschichte von doch immerhin 222 Seiten zu erzählen hätte. Der wahre Held ist der elfjährige Melvin, und der beschwert sich im Umschlagtext zu Recht, dass er nicht im Titel erwähnt wird. Melvin ist ein Genie, ein vermeintliches freilich.

Selbstverständlich kennt Melvin sich bei Pferden und Trabrennen aus. Mit Kennerblick studiert er Pferde und Jockeys. Die 8 wird gewinnen, Orpheus, ganz sicher! Harold verballert seine letzten 20 Pfund. Orpheus wird Letzter. Auch verliert Melvin eine Schachpartie, bei der es immerhin um 100 Pfund geht. Unserem Superhelden sind Grenzen gesetzt. Harold und Melvin sind also Ein arbeitsloser Wurstfachverkäufer, der sich chronisch selbst umbringt und das wahrscheinlich größte lebende Genie seit Hegel. Und zusammen begeben sie sich auf die Suche nach Melvins leiblichen Vater.

Um dieses Roadmovie zu erzählen, greift einzlkind völlig ungeniert in die große Kino- und Literaturkiste. Hier ein bisschen Harold and Maude und Frühstück bei Tiffany, dort etwas Nick Hornby, eine Prise John Irving, ein Schuß britischen Humor a la Monty Python und schon sind die wesentlichen Zutaten zu diesem aberwitzigen Buch beisammen. Selbst James Joyce findet seinen Niederschlag. Im Ulysses hat Melvin gesparte 800 Pfund versteckt, die er im Laufe der Zeit in der Geldbörse seiner Mutter gefunden hat. Später landen die beiden in einer üblen Absteige, namens Molly Blooms Pension. Auch hier gelingt es Melvin, trotz seiner außerordentlichen rhetorischen Fähigkeiten, nicht, den Preis für die Präsidentensuite zu drücken. Allein der Versuch ist jedoch ein großes Lesevergnügen.

Ein großes Lesevergnügen ist indes der ganze Roman. Trotz aller Patchworktechnik habe ich mich prächtig amüsiert. Wer Spaß hat an seltsamen Wortschöpfungen und Formulierungen wie die Milch war um, oder auch pimaldaumen, Melvin strohhalmt Cola, findet in diesem Roman reichlich Stoff. Schön ist eine kleine Episode um ein deutsches Touristenpaar in Liverpool, das dort, „Ferry Cross The Mercy“ singend, weltkulturerben darf. Da nützen auch alle Beschimpfungen Melvins nichts.

Nein, ein Engländer ist der Autor nicht. Wer immer einzlkind ist, wer immer diesen kleinen Roman geschrieben hat, es muß einen höllischen Spaß gemacht haben. Und dieser Spaß überträgt sich auf die Leser. Sollte sich hinter einzlkind der Verleger Klaus Bittermann selbst verbergen, wie die Frankfurter Rundschau mutmaßte, würde das nicht verwundern. Wer in Bittermanns Blog stöbert, wird feststellen, dass der Verleger viel Spaß hat am Fabulieren. Letztendlich ist es auch egal, wer diesen Roman geschrieben hat. Unser Vergnügen wird durch dieses Rätsel nicht geschmälert, den bleiben wird Harold.

Lassen wir Jim, dem Tankwart, das Schlusswort: „Lieber Einzelkind als gar keine Geschwister.“

Edition Tiamat Berlin 2010

Critica Diabolis 173

ISBN 978-3-89320-142-6

€ 16,-