Wandertag – Ein Spaziergang im Rheingau

Als ich am Morgen des Samstags auf meinen kleinen Balkon trat, war ich überrascht, dass es recht kühl war und bewölkt. Ganz anders als die Tage vorher, die von Temperaturen über 30 Grad geprägt waren. Die Vorhersage meines Telefons hatte ebenfalls sonniges, wenngleich nicht mehr so heißes Wetter prognostiziert. Was also sollte ich anziehen für den schon lange geplanten Ausflug mit J. in den Rheingau? Schnell stellte sich heraus, dass ich viel zu warm angezogen war. Als wir in Wiesbaden-Biebrich den Zug verließen, schien die Sonne und das Thermometer zeigte 25 Grad. Die Jacke war überflüssig, die Jeans zu dick, ebenso wie die Socken. […]

Wir hatten uns im Frankfurter Hauptbahnhof getroffen, um gemeinsam mit dem Regionalexpress in den Rheingau zu fahren. Dort wollten wir ein wenig herumspazieren und natürlich auch Wein trinken. Das ist etwas, was ich an Frankfurt besonders mag; man ist in einer Stunde im Rheingau und kann einen Tag Urlaub machen. Nach Biebrich braucht man sogar nur 45 Minuten. Auch für einen Tagesausflug mit dem Rad ist das geeignet.

Wandertag, kunst

Kunst am Rhein

Wer den heruntergekommenen Bahnhof verlassen hat, braucht nur noch eine vierspurige Straße zu überqueren, um anschließend in den schönen Biebricher Schlosspark zu gelangen. Der Tagesurlaub kann beginnen. Wenn der Park durchquert ist, steht der Spaziergänger schon fast am Rheinufer. Nur eine Straße muss noch überwunden werden. Der Fluss schimmert im Sonnenlicht, die Luft ist frisch und der Wind lindert die Temperatur. Frachtkähne ziehen vorbei und etliche Freizeitkapitäne haben ihre Segel- beziehungsweise Motorboote flott gemacht. Es herrscht ein reges Treiben auf dem Strom. Unser Ziel ist Eltville, dieser Schatz im Rheingau. Zehn Kilometer Wandervergnügen liegen vor uns. Ich ziehe die Jacke aus und genieße es, mit J. am Rheinufer zu spazieren. Wir haben den gleichen Rhythmus, reden und schweigen. […]

Wandertag, Schierstein

Bei Schierstein

An der Schiersteiner Brücke werden wir vom Fluss weggezwungen. Die marode Brücke wird seit über zwei Jahren instandgesetzt. Der Uferweg ist versperrt. Zwischen zwei Wohncontainern huscht ein Bauarbeiter in Unterhose mit Rasierschaum ums Kinn über das staubige Areal. Vor den Containern Campingmöbel und ein Grill. Nach kurzem Umweg geht es weiter am Rheinufer. In einem Seitenarm bei Schierstein liegen zahlreiche Boote und Jachten. Am anderen Ende der Bucht paddeln Jugendliche in Kanus und Kajaks um die Wette, ein Regattafest. Am Ufer einige Stände. Wir machen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, zusammen für zwei Euro, eine Pause und schauen dem Treiben auf dem Wasser zu. Ein Büchertisch des örtlichen Unterstützervereins der Stadtbibliothek, den „Leseratten“ bietet eine Menge gebrauchter Taschenbücher für einen Euro an. Ich entdecke nichts, was mich interessiert hätte. J. und ich sind uns einig, dass wir Begriffe wie „Leseratte“ oder „Bücherwürmer“ nicht mögen, wobei sie ein gewisses Verständnis für „Bücherwurm“ aufbrachte. Ebenso einig sind wir in der Vermutung, dass wir wahrscheinlich ebenfalls paddeln würden, lebten wir in Schierstein oder irgendwo direkt an einem Fluss.

Wandertag, Störche

Storchennester

Wieder am Rheinufer blieben wir stehen und blickten erstaunt an einem Strommast empor. Schon während unseres kleinen Spaziergangs sahen wir Störche, die ihre Runden drehten. Immer wieder ein beeindruckender Anblick. Am Rheinufer hinter Schierstein standen wir nun vor einem Mast, auf dem drei Storchenpaare ihre Nester gebaut hatten. Ein Nest in etwa zehn Metern Höhe, ein weiteres etwa zehn Meter höher, das dritte ganz oben, dort wo die Leitungen verlaufen. In den Nestern einige Jungvögel. Bei den beiden unteren Nestern saß jeweils ein Vogel in gleicher Höhe auf der anderen Seite des Mastes und beobachte die Umgebung. Als die üblichen Photos gemacht waren, ging es weiter Richtung Eltville.

Wandertag, Eltville

Weinprobierstand in Eltville

Nach zwei Stunden hatten wir das malerische Städtchen erreicht. […] Nach einem Gang durch das schöne Städtchen und der Besichtigung des Burghofs nebst Rosengarten, steuerten wir den „Eltviller Weinprobierstand“ am Ufer an, ein erstes Ziel des Wandertags. Jedes Rheingau-Städtchen am Rheinufer hat so einen Weinstand. Wir fanden problemlos ein schattiges Plätzchen an einem der zahlreichen Tische und versorgten uns mit Wein, Wasser und Brezeln, alles zu äußerst erschwinglichen Preisen. Der Wein sehr schmackhaft, wie es zu erwarten war. Es gab keinen besseren Ort auf der Welt an diesem Samstagnachmittag, als diesen Weinstand am Rhein mit einem Glas kühlen Rheingau-Riesling.

Nach zwei Stunden und zwei Gläsern Wein, die uns in eine entspannte Trägheit versetzten, verließen wir den gastlichen Ort. Wir wollten noch etwas durch Weinberge spazieren und den Blick über das Rheintal genießen. Also marschierten wir los ins nahe gelegene Kiedrich. Vorher ging`s nochmal durch den Burghof, in dem wieder ein Vogel unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Diesmal kein Storch, sondern eine Ente. Sie brütete in einem Nest, das malerisch in die Astgabel einer mächtigen Plantane eingebettet war, die den Burghof dominierte. Bislang war ich davon ausgegangen, dass Enten in Ufernähe brüteten. In einem Nest auf einem Baum hatte ich noch nie eine Ente gesehen, J. auch nicht. Auch ornithologisch hatte unser kleiner Ausflug also eine Menge zu bieten. Und dabei habe ich die Bussarde, die hier und da über unseren Köpfen kreisten, noch gar nicht erwähnt.

Wandertag, Ente

Ente brütet in einer Platane im Eltviller Burghof.

Von Eltville nach Kiedrich sind es ungefähr vier Kilometer. Man muss nur den Piktogrammen für den moderat ansteigenden Rheinsteig-Wanderweg folgen. Schnell haben wir Eltville hinter uns gelassen und gehen durch die Weinberge des Rheingaus. Ein Spaziergänger führt seinen Hund aus, sonst kommt uns niemand entgegen. Schon bald sehen wir den mächtigen Kirchturm der katholischen Kirche St. Valentinus und nach einer dreiviertel Stunde haben wir den Ort erreicht. Die leichte Weinseeligkeit, die wir aus Eltville mitnahmen, war verflogen. […] Wir konnten also nachlegen. Die Auswahl entsprechender Ausschankbetriebe war groß. Wir entschieden uns für eine Straußwirtschaft, die ich von einem Besuch im letzten Jahr bereits kannte. Da saßen wir allerdings im Gastraum, dieses Mal konnten J. und ich draußen Platz nehmen. Fünf bis sechs Tische verteilten sich in dem geräumigen Hof des Gutsausschanks. Die Speisekarte war übersichtlich und vielversprechend. Ich bestellte einen Riesling, den preiswertesten für € 2,80/0,2l., J. entschied sich für einen Grauburgunder. Wir waren sehr zufrieden.

Wandertag, Kiedrich

Ein letzter Riesling in Kiedrich

Nach einer halben Stunde gesellte sich ein älteres Ehepaar zu uns. Erwartungsgemäß kamen wir nach einiger Zeit ins Gespräch. Sie hatten ihr ganzes Leben in Kiedrich verbracht. Es wurde das Aussterben des Dialekts beklagt, und diverse Kostproben typischer mundartlicher Begriffe und Sätze zum Besten gegeben. […]

Unsere Tischnachbarn waren rüstig, er meinte, er sei jetzt „zum zweiten Mal Vierzig“ geworden, sie war 77. Die Dame freute sich auf den autofreien Sonntag in einem Teil des Mittelrheintals, der am folgenden Tag stattfinden sollte, sie würde immer mit dem Fahrrad daran teilnehmen. Ich konnte es mir nicht verkneifen und wollte wissen, ob sie ein E-Bike fahre. Voller Empörung wies sie das zurück. Solange es noch ginge, fahre sie ein normales Fahrrad ohne Motor. Es würde ihr nur vor dem Anstieg von Eltville nach Kiedrich grausen. Aber es gäbe schließlich eine Gangschaltung und irgendwann würde sie auch oben ankommen. Sie sei ihr ganzes Leben Rad gefahren, genau wie ihr Mann. Der allerdings könne das nicht mehr, weil er zwei künstliche Kniegelenke hätte, von denen das rechte Probleme mache. Das müsse jetzt abermals operiert werden und er hoffe, danach wieder Radfahren zu können. Wir waren beeindruckt. So kann man altern.

Nach zwei Gläsern Wein und einem herzhaften Essen, verabschiedeten wir uns und gingen zum Bus. Unsere Wirtshausbekanntschaft hatte uns verraten, wo und wann der abfährt. Der Bus kam schnell. Ich fragte den Fahrer, ob wir bei ihm auch einen Fahrschein bis Frankfurt kaufen könnten. Das ginge schon, erwiderte er, allerdings könne ich das auch in Eltville machen. Dann sollte ich also jetzt den Bus bis Eltville bezahlen und dort dann nochmal nach Frankfurt, fragte ich verwundert. Das hätte ja niemand gesagt, antwortete der Busfahrer. Wir durften ohne Fahrschein mitfahren.

So endete ein wunderschöner Ausflug auf angenehmste Art. Uns konnten dann auch die übervolle Bahn voller betrunkener, mit Asbachtüten und gefüllten Plastik-Weingläsern beladenen, Rüdesheim-Ausflügler die Laune nicht vermiesen.

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