Bockenheim schreibt ein Buch

BockenheimDieses Buch ist vor wenigen Tagen im Frankfurter Verlag Mainbook erschienen. Von mir ist ein launiger Text enthalten. Ich habe nie in Bockenheim gewohnt, aber eine Zeitlang dort gearbeitet. Es war eine Scheißzeit mit Arschlöchern. Aus juristischen Gründen verkneife ich mir die Nennung von Klarnamen. So mußte halt der Stadtteil dran glauben. Und ja, ich weiß, daß in Bockenheim auch nette Menschen wohnen, sehr nette.

Hier nun eine frühe Fassung meines Textes, die in dieser Form nicht im Buch enthalten ist.

Ödland

Man braucht gute Gründe um nach Bockenheim zu fahren, einen Job beispielsweise oder Freunde, einfach so tut man das nicht. Es gibt keinen Grund. Das Beste an Bockenheim ist die Lage zwischen Niddapark und Messe. Messe und Nidda sind wirklich sehr schnell erreichbar.

Bockenheimer Landstraße

Wer, aus Bornheim kommend, mit dem Rad nach Bockenheim fährt, muß einige schwere Prüfungen bestehen. Durch das Nord- und Westend läßt es sich noch ganz entspannt radeln, aber plötzlich steht der Palmengarten quer und zwingt einen auf die Bockenheimer Landstraße und in das Grauen. Das Grauen ist zirka einen Meter breit, etwa zehn Zentimeter über Straßenniveau, rechtsseitig von Blumenkübeln und Pollern begrenzt, linksseitig von steinernen Riegeln, und nennt sich Radweg. Selbstverständlich ist es unmöglich dort zu überholen und so findet sich der zielstrebige Radler oft hinter Senioren im Schrittempo, kurz vor dem Umfallen. Es bleibt nur die Straße oder der Gehweg, was gelegentlich zu wüsten Beschimpfungen führt. „Sorry“, möchte man dann rufen, „ich habe diesen scheiß Radweg nicht gebaut.“. Hat man endlich die Unibibliothek erreicht, ohne in Höhe der KfW von zum Essenfassen kreuzenden Bankern über den Haufen gerannt worden zu sein, geht die Unbill weiter. Der gewundene, für Fußgänger unsichtbare, Weg leitet einen in Richtung einer Kreuzung, die von der Bockenheimer Warte bewacht wird. Visavis lädt das ehrenwerte Wirtshaus Doktor Flotte zur Rast. Hier wird es nun völlig absurd. Einen zirka zwei bis drei Meter breiten Gehweg müssen sich Fußgänger und Radfahrer teilen. Der Radweg ist selbstverständlich nicht farblich abgehoben und so sieht ihn auch niemand, was zu einem fröhlichen Durcheinander führt. Wem sein Leben wert ist, der meidet all diese Zumutungen und fährt auf der Straße. Da gehören Radfahrer ja auch hin. Das gilt selbstverständlich auch für den Rückweg, wenn man nach erledigtem Tagwerk erleichtert die Bockenheimer Enge wieder verlassen kann.

Leipziger Straße

Aber noch sind wir nicht angekommen. Gleich nach Doktor Flotte wird man in die Leipziger Straße geführt und wundert sich umgehend, daß dort Autos fahren dürfen. In der Leipziger ist definitiv kein Platz für Autos, Radfahrer und Fußgänger. Der Gehweg nicht breiter als der Radweg an der Bockenheimer. An entspanntes Flanieren ist hier überhaupt nicht zu denken. Die Leipziger ist die Haupteinkaufsstraße Bockenheims, die Hauptstraße sozusagen, sowas wie die Berger Straße in Bornheim, mit dieser aber überhaupt nicht vergleichbar. Erst vor wenigen Jahren wurde über das Kopfsteinpflaster eine Lage Asphalt gegossen. Man hätte gleich eine Fußgängerzone draus machen sollen. Wäre auch billiger gewesen.
Das bereits erwähnte Lokal Doktor Flotte nennt sich selbst Alt-Berliner-Wirtshaus. Hier wird sich also gleich am Entree zu Bockenheim distanziert, als wolle man mit all dem nichts zu tun haben. Und dennoch wird hier gejubelt, wenn die Eintracht Hertha schlägt und nicht andersrum. Etikettenschwindel allüberall.
Auch sonst hat Bockenheim nicht viel zu bieten. Interessant wird es dann, wenn was wegkommt, wie der Uniturm, dessen Sprengung man sogar live im Fernsehen verfolgen konnte. So mußte man schon nicht hinfahren, was ja eine echte Erleichterung ist.

Gastronomie

Auch gastronomisch ist Bockenheim eher Ödland. Weit und breit keine gescheite Apfelweinkneipe. Binding allüberall. Wer sich durch die Leipziger quält, vorbei am anarchistischen Exzess, bis ganz nach hinten, da wo die Leipziger schon gar nicht mehr so heißt sondern irgendwie anders, findet linkerhand das schlichte und sympatische Wirtshaus Heckmeck. Dort läßt es sich recht gut einkehren. Oder auch im Casa Nostra, wenn man den Kellerverschlag endlich mal gefunden hat. Das war`s aber auch schon mehr oder weniger.
Vielleicht deshalb wurden im Flotte Pläne geschmiedet, Perspektiven entwickelt, Pakte geschlossen, Produkte entwickelt. Und die Pleite geplant. Die folgte wenige Jahre später mit einem Arschtritt an sakralerem Ort. Nein, Bockenheim hat mir kein Glück gebracht. Gelegentlich gab es auch entspannte Momente, etwa wenn die schöne Freundin, die genauso heißt wir die Straße in der sie wohnt, zu Pasta und Rotwein lud. Entspannt saßen wir in lauen Sommernächten auf dem Balkon, tranken Rotwein, beobachteten Vögel, Eichhörnchen und Flugzeuge und erzählten, was uns in den letzten drei Monaten wiederfahren war – ihr in der weiten Welt, mir in Bornheim. Auch Vergangenheit das alles.

Tschüß Bockenheim

Ich vermisse dich nicht, Bockenheim, und wenigstens muß ich jetzt nicht mehr diesen scheiß Radweg benutzen, es sei denn, ich bin im Heckmeck oder im Casa Nostra verabredet. Das kommt glücklicherweise nicht allzu oft vor.
Einzig die Titanic bildet den Silberstreif über dem Taunus. Das Magazin hat seine Heimstatt in Bockenheim gefunden. Anders als mit Satire ist dir, ach Bockenheim, auch nicht beizukommen. Aber auch die Stammkneipe der Titanic ist nicht in Bockenheim, sondern in Bornheim. Aus Gründen.

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Vom Radfahren in der Großstadt oder Ich habe die Schnauze voll

Alltag für Radfahrer

Alltag für Radfahrer

Ich bin Fußgänger und Radfahrer, meist ein recht gesetzestreuer. An roten Ampeln bleibe ich in der Regel stehen, es sei denn, ich kann problemlos rechts abbiegen (ein grüner Pfeil für rechtsabiegende Radfahrer wäre sicher eine sinnvolle Sache) oder ich bin nachts um drei Uhr unterwegs, wenn der Rest der Stadt schläft. Bei Dunkelheit fahre ich mit Licht und ich gebe sogar Zeichen beim Abbiegen. Nur wenn es glatt ist, fahre ich auch mal U-Bahn. Das passiert selten, es gibt ja keinen Winter mehr. Frankfurt, die Stadt in der ich lebe, ist eine kleine Stadt. Mehr als eine halbe Stunde braucht man nicht um mit dem Rad von einem Ende zum anderen zu fahren. Die Steigungen im Osten sind moderat. Frankfurt könnte also eine perfekte Fahrradstadt sein.

Platz da…

Aber ich möchte hier nicht von schlechten und gefährlichen Radwegen oder gänzlich fehlenden Radspuren, nicht ausreichenden Stellplätzen oder einem zögerlichen grünen Verkehrsdezernenten sprechen. Die größte Gefährdung von Radfahrern geht immer noch von Autofahrern aus. Und diese Gefährdung betrifft nicht nur Radfahrer, sondern auch Fußgänger und alle anderen Verkehrsteilnehmer. Wer sich hinter das Steuer eines Autos setzt, entwickelt offensichtlich ein überhöhtes Selbstwertgefühl, gepaart mit ausgeprägter Arroganz. Diese brisante Mischung führt oft zu einem Verhalten nach dem Muster: Platz da, jetzt komm ich!

Weit verbreitete Phänomene

Zirka 70 Prozent aller Autofahrer hätten niemals ihre Fahrprüfung bestanden, wären sie so gefahren, wie sie das jetzt im Alltag tun. Wir haben es zu einem großen Teil mit Leuten zu tun, die zum Beispiel Blinken beim Abbiegen für entbehrlich halten. Andere telefonieren mit dem Handy am Ohr oder glotzen auf das Display ihres Smartphones, während sie mit 50 km/h und mehr eine stark befahrene Straße entlang fahren. Da fehlt natürlich die Hand zum Blinken. Es wird als selbstverständlich angesehen, auf Radwegen zu parken, ebenso wie auf Gehsteigen. Rücksichtslos werden Radfahrern und Fußgängern die Wege versperrt. Besonders Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen leiden unter diesem Verhalten. Gerne wird auch noch bei Rot über die Kreuzung gebrettert, selbst wenn die Fußgängerampel schon Grün zeigt. Eine Blitzanlage an der Kreuzung Bockenheimer Landstraße, Taunusanlage würde täglich dutzende Rotsünder erfassen. Das alles sind Leute, die mir vorschreiben wollen, wie ich Fahrrad zu fahren habe oder allein schon die Existenz von Radfahrern auf öffentlichen Straßen für eine Zumutung halten. Ich habe noch nie gesehen, dass Menschen, die eher mit dem Handy beschäftigt waren als mit dem Steuern ihres Fahrzeugs, von der Polizei angehalten und verwarnt wurden. Ebensowenig habe ich gesehen, dass bei Autos, die Rad- und Gehwege versperren, Strafzettel hinter den Scheibenwischer geklemmt, oder sie gar abgeschleppt wurden. Ja, ich weiß, man kann das alles nicht verallgemeinern. Aber das sind tägliche Beobachtungen und Erfahrungen, die dafür sprechen, dass hier nicht nur eine kleine verschwindende Minderheit gemeint ist. Vielmehr handelt es sich um weit verbreitete Phänomene und nicht um zu vernachlässigende Einzelfälle.

Die Zukunft

Ja, mich nervt es auch, wenn ich als Fußgänger von Radfahrern auf dem Gehweg bedrängt werde. Allerdings geschieht das viel seltener als dass ich von Autos vom Radweg verdrängt werde. Jetzt komme mir niemand mit dem „Argument“ es gäbe zu wenig Parkplätze. Das ist Unfug, die ganze Stadt ist unterkellert für die Blechkisten. Und außerdem wird andersrum ein Schuh draus: Es gibt genügend Parkplätze, es gibt nur zu viele Autos. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich, dass eine zukunftsgerichtete, städtische Verkehrspolitik eine Politik zu Lasten des Autos sein muss.
Bettina Hartz schrieb am 10. März 2015 in der Zeit über die Entwicklung des Radverkehrs in Berlin: „Um die Belastungen, die durch den motorisierten Verkehr entstehen, zu verringern, hilft nur eines: Man muss die Anzahl der Fahrzeuge reduzieren, indem man systematisch Straßen und Parkraum rückbaut, Geschwindigkeitsbegrenzungen einführt und Gebühren nach dem Verursacherprinzip eintreibt. Wer unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren oder dort eins halten will, muss dafür zahlen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.