Vom Radfahren in der Großstadt oder Ich habe die Schnauze voll

Alltag für Radfahrer

Alltag für Radfahrer

Ich bin Fußgänger und Radfahrer, meist ein recht gesetzestreuer. An roten Ampeln bleibe ich in der Regel stehen, es sei denn, ich kann problemlos rechts abbiegen (ein grüner Pfeil für rechtsabiegende Radfahrer wäre sicher eine sinnvolle Sache) oder ich bin nachts um drei Uhr unterwegs, wenn der Rest der Stadt schläft. Bei Dunkelheit fahre ich mit Licht und ich gebe sogar Zeichen beim Abbiegen. Nur wenn es glatt ist, fahre ich auch mal U-Bahn. Das passiert selten, es gibt ja keinen Winter mehr. Frankfurt, die Stadt in der ich lebe, ist eine kleine Stadt. Mehr als eine halbe Stunde braucht man nicht um mit dem Rad von einem Ende zum anderen zu fahren. Die Steigungen im Osten sind moderat. Frankfurt könnte also eine perfekte Fahrradstadt sein.

Platz da…

Aber ich möchte hier nicht von schlechten und gefährlichen Radwegen oder gänzlich fehlenden Radspuren, nicht ausreichenden Stellplätzen oder einem zögerlichen grünen Verkehrsdezernenten sprechen. Die größte Gefährdung von Radfahrern geht immer noch von Autofahrern aus. Und diese Gefährdung betrifft nicht nur Radfahrer, sondern auch Fußgänger und alle anderen Verkehrsteilnehmer. Wer sich hinter das Steuer eines Autos setzt, entwickelt offensichtlich ein überhöhtes Selbstwertgefühl, gepaart mit ausgeprägter Arroganz. Diese brisante Mischung führt oft zu einem Verhalten nach dem Muster: Platz da, jetzt komm ich!

Weit verbreitete Phänomene

Zirka 70 Prozent aller Autofahrer hätten niemals ihre Fahrprüfung bestanden, wären sie so gefahren, wie sie das jetzt im Alltag tun. Wir haben es zu einem großen Teil mit Leuten zu tun, die zum Beispiel Blinken beim Abbiegen für entbehrlich halten. Andere telefonieren mit dem Handy am Ohr oder glotzen auf das Display ihres Smartphones, während sie mit 50 km/h und mehr eine stark befahrene Straße entlang fahren. Da fehlt natürlich die Hand zum Blinken. Es wird als selbstverständlich angesehen, auf Radwegen zu parken, ebenso wie auf Gehsteigen. Rücksichtslos werden Radfahrern und Fußgängern die Wege versperrt. Besonders Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen leiden unter diesem Verhalten. Gerne wird auch noch bei Rot über die Kreuzung gebrettert, selbst wenn die Fußgängerampel schon Grün zeigt. Eine Blitzanlage an der Kreuzung Bockenheimer Landstraße, Taunusanlage würde täglich dutzende Rotsünder erfassen. Das alles sind Leute, die mir vorschreiben wollen, wie ich Fahrrad zu fahren habe oder allein schon die Existenz von Radfahrern auf öffentlichen Straßen für eine Zumutung halten. Ich habe noch nie gesehen, dass Menschen, die eher mit dem Handy beschäftigt waren als mit dem Steuern ihres Fahrzeugs, von der Polizei angehalten und verwarnt wurden. Ebensowenig habe ich gesehen, dass bei Autos, die Rad- und Gehwege versperren, Strafzettel hinter den Scheibenwischer geklemmt, oder sie gar abgeschleppt wurden. Ja, ich weiß, man kann das alles nicht verallgemeinern. Aber das sind tägliche Beobachtungen und Erfahrungen, die dafür sprechen, dass hier nicht nur eine kleine verschwindende Minderheit gemeint ist. Vielmehr handelt es sich um weit verbreitete Phänomene und nicht um zu vernachlässigende Einzelfälle.

Die Zukunft

Ja, mich nervt es auch, wenn ich als Fußgänger von Radfahrern auf dem Gehweg bedrängt werde. Allerdings geschieht das viel seltener als dass ich von Autos vom Radweg verdrängt werde. Jetzt komme mir niemand mit dem „Argument“ es gäbe zu wenig Parkplätze. Das ist Unfug, die ganze Stadt ist unterkellert für die Blechkisten. Und außerdem wird andersrum ein Schuh draus: Es gibt genügend Parkplätze, es gibt nur zu viele Autos. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich, dass eine zukunftsgerichtete, städtische Verkehrspolitik eine Politik zu Lasten des Autos sein muss.
Bettina Hartz schrieb am 10. März 2015 in der Zeit über die Entwicklung des Radverkehrs in Berlin: „Um die Belastungen, die durch den motorisierten Verkehr entstehen, zu verringern, hilft nur eines: Man muss die Anzahl der Fahrzeuge reduzieren, indem man systematisch Straßen und Parkraum rückbaut, Geschwindigkeitsbegrenzungen einführt und Gebühren nach dem Verursacherprinzip eintreibt. Wer unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren oder dort eins halten will, muss dafür zahlen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ampeldialog

Autofahrer kurbelt Scheibe runter: Wasse mache wenn Winter kommt?
Radfahrer: Wie jetzt?
AF: Viele Snee, viele fahre.
RF: Aha.
AF: Was wenn kaputt?
RF: Das Fahrrad?
AF: Fahrrad niche slimm, paar hundert Euro. Auto kaputt slimm, teuer.
RF: Ja, ja.
AF: Sneit son.
RF: Wo?
AF: In Oste, in DDR sneit son.
RF: Ah ja.
AF: Sind aus Frankfurt?
RF: Ja.
AF: Söne Wocheend.
RF: Danke, gleichfalls.
Ampel grün und weg.

Der Frankfurter Autofahrer

Der Frankfurter Autofahrer (im weiteren Verlauf FA genannt) ist, wie alle anderen Autofahrer auch, ein eigenwilliges Wesen. Auffallend ist die ausgeprägte Abneigung des FA, den Blinker zu benutzen. Geschätzte 80% aller FA halten es für überflüssig die anderen Verkehrsteilnehmer zu informieren ob sie an der Kreuzung abbiegen wollen oder nicht. Vielleicht ist es zu anstrengend, den Blinker zu betätigen, vielleicht ist gerade keine Hand frei, wer weiß. Möglicherweise ist die Blinkunwilligkeit aber auch durch das ausgeprägte Einbahnstraßensystem in Frankfurt begründet, das oft keine Wahl lässt, als z.B. rechts abzubiegen. Wenn man sich aber, als Radfahrer etwa, freundlich erkundigt, ob die Karre keinen Blinker hätte, wird man gerne mit einem deftigen „Halt`s Maul du Arschloch“ bedacht. Aber auch das ist sicher keine spezielle Frankfurter Ausdrucksweise.
Es lässt sich aber nicht generell sagen, dass der FA nicht gerne blinkt. Das tut er sogar recht ausführlich und am liebsten auf allen 4 Kanälen. Das Warnblinksystem ist des FA liebstes Accessoire und wird bei allen sich bietenden Gelegenheiten genutzt. Beim regelwidrigen Parken auf Radwegen, Bürgersteigen oder in der zweiten Reihe etwa. Das heißt dann soviel wie „jaja, ich weiß, dass ich hier nicht stehen darf“, oder „bin gleich wieder da“ oder oft auch einfach nur „Obacht, ich stehe hier“. Auch kurz vor dem Wenden wird gerne die Warnblinkanlage betätigt, das bedeutet dann „Achtung, ich mache gleich was“.

Dass der FA auch gerne beim Fahren telefoniert, und zwar ohne eine lästige Freisprechanlage, versteht sich fast schon von selbst und unterscheidet ihn nicht von Autofahrern andernorts. Eine fast schon sportlich zu nennende Leidenschaft entwickelt der FA, wenn es darum geht, noch eben bei Rot über die Ampel zu brettern. Die Fußgänger und Radfahrer werden schon beiseite springen. Im Bemühen, stets den direktesten Weg zu finden, erweist sich der FA als äußerst trickreich. Da wird dann schon mal abgebogen, wo dies verboten ist oder entgegen der Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen gefahren. Der FA entwickelt also eine beachtliche kriminelle Energie, wenn er sich hinter das Steuer setzt. Aber auch das unterscheidet ihn nicht unbedingt von anderen Autofahrern anderswo.

Eines allerdings hat der FA allen Anderen voraus und das nutzt er intensiv – das Kennzeichen. Mit einem F und zwei weiteren Buchstaben lässt sich eine ganze Menge anfangen. Die am weitesten verbreitete Variante ist das F.FM. Dies ist freilich ähnlich originell wie das B.MW, mit dem jeder zweite hauptstädtische BMW Fahrer seine Karosse kennzeichnet. Im Falle eines Totalschadens ist dann aber wenigstens noch das Fabrikat ablesbar. Der FA ist ein überzeugter Vertreter der Spaßgesellschaft. Daher erfreut sich die Kombination F.UN großer Beliebtheit. Oft zu finden auf kleinen Fahrzeugen wie Smart, VW Beetle oder Mini Cooper. Die enorme Kriminalitätsrate Frankfurts spiegelt sich selbstverständlich auch in den Autokennzeichen wieder, F.BI. Das findet sich gerne an tiefergelegten 3er BMW oder auch an den SUV genannten Bürgerkriegsautos, die sich in Frankfurt, wie überall, großer Beliebtheit erfreuen. Dieses Kennzeichen kann der FA allerdings nicht uneingeschränkt genießen, der ungeliebte Nachbar aus Friedberg kann das nämlich auch, FB.I. Dass der Frankfurter gerne Sport treibt und sich fit hält, weiß jeder, der mal an einem sonnigen Tag einen Spaziergang am Main gemacht hat. Jogger, Radfahrer und Skater ohne Ende bevölkern die Uferpromenade. Auch für diese Begeisterung gibt es das entsprechende Kennzeichen, F.IT. Auch ernährungsbewusste Frankfurter, die sich natürlich auch fit halten, haben die Möglichkeit, ihre einfache Wahrheit per Kennzeichen zu kommunizieren, F.DH. Leider gibt es keine Möglichkeit für den FA, seine Anhängerschaft für die Eintracht per Autokennzeichen zu bekunden. Aber für den kleinen Bruder, den Bornheimer Zweitligaclub, geht das schon, F.SV. Ebenso wie für irgendwelche FC Vereine, F.CK, F.CB. Ansonsten kann der FA natürlich F.AN sein, von was auch immer. Auch politisch Interessierte kommen nicht zu kurz, allerdings ist die Auswahl hier naturgemäß eingeschränkt. Aber die Anhänger der liberalen Partei haben schon die Möglichkeit, sich zu outen, F.DP. Wer der untergegangenen DDR nachtrauert, kann dies mit einem F.DJ Kennzeichen bekunden, leider nicht in blau. Und wer gerne auch außerhalb Bayerns die dortige Lokalpartei wählen würde, ist mit einem F.JS prima bedient. Auch die Freunde einer mittlerweile verbotenen Nazipartei können unverfänglich ihre Präferenz demonstrieren, F.AP. Na gut, da wollen wir mal keine böse Absicht unterstellen. Dass der Frankfurter ein aufgeschlossener, unverklemmter Zeitgenosse ist, stellt er gerne durch folgende Buchstabenkombination unter Beweis: F.KK. Manchmal ist es dann allerdings doch bedauerlich, dass nur drei Buchstaben zur Verfügung stehen. Aber da ist der FA kreativ und begnügt sich mit der phonetischen Lösung, F.IK (auch möglich in den Varianten F.UK, F.IC, F.UC). Manchen geht diese so offen zur Schau gestellte Sinnesfreude allerdings zu weit. Sie plädieren für die Freiwillige Selbstkontrolle, F.SK. Was allerdings auch für eine langgediente Popband um Thomas Meineke stehen könnte. Ist allerdings unwahrscheinlich. Auch eine gewisse Selbstironie kann man dem FA nicht absprechen. Den örtlichen Gegebenheiten angepasste Kleinwagen werden gerne mit dem Kennzeichen F.LO ausgestattet. Märchenfreunde hingegen freuen sich, wenn sie die gute F.EE nach hause trägt. Manch FA bezieht sich gerne auf lokale Gegebenheiten, die naturgemäß außerhalb nicht zwingend nachvollziehbar sind. Die Hörer eines privaten Radiosenders können so beispielsweise ihre Vorliebe für flachste Musikunterhaltung durch ihr Kennzeichen öffentlich machen, F.FH. Die Nähe des eigentlichen Wahrzeichens der Stadt, des berühmten Flughafens, sowie der Sitz einer bedeutenden überregionalen Tageszeitung, findet natürlich auch ihren Widerhall im Straßenverkehr, F.LY und F.AZ.

Der größte Feind des Frankfurters ist der Offenbacher. Dessen Kennzeichen, OF, wird in der Regel mit „Ohne Führerschein“ interpretiert. Sollte Ihnen jedoch mal ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen F begegnen, dann raten wir zu äußerster F.ORSICHT!