Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

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Blockupy 2013

Das Bild ähnelte dem des letzten Jahres, als ich am Samstag, den 1. Juni 2013, gegen 11 Uhr 30 am Baseler Platz ankam. Mein Fahrrad hatte ich in Frankfurts grauer Mitte, dem Roßmarkt, abgestellt. Von dort waren es nur ein paar Meter zum Willy-Brandt-Platz. An diesem Ort sollte die Abschlusskundgebung der diesjährigen Blockupy-Demonstration stattfinden. Aber es kam anders. Auf dem Weg zum Baseler Platz sah ich viele Polizisten in Kampfmontur, Stacheldraht, Mannschaftswagen und Wasserwerfer. Demonstranten sah ich wenige. Die Innenstadt war abgeriegelt, von der Polizei.

Der Baseler Platz war schon gut gefüllt und noch immer strömten Menschen dazu. Ich war mit meinem Freund Joe aus Stuttgart verabredet, der in einem Sonderzug mit fünfhundert Aktiven aus der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 nach Frankfurt unterwegs war. Der Zug kam zweieinhalb Stunden später an. Jemand hatte sich aufs Gleis geworfen.

Wie auch im letzten Jahr versammelte sich ein bunter Haufen von Demonstranten auf dem Platz. Junge Menschen mit Kapuzenshirts, Rentner, Familien mit Kindern, Gewerkschafter, NGOs, Politiker und Parteien. Es wurden Reden gehalten, Fahnen geschwenkt, Flugblätter verteilt und ein grauhaariger Herr sammelte verhalten Unterschriften, die der MLPD zur Teilnahme an der Bundestagswahl verhelfen sollten. Das Wetter wurde besser und die Stimmung war gut. An einem Laternenpfahl turnte eine Artistin, aus luftiger Höhe ein Transparent schwenkend: „Dem Kapitalismus auf der Nase tanzen!“

Wie schon im letzten Jahr hielt ich mich in der Nähe des Attac-Wagens auf. Dieser Wagen bildet das Ende des Demonstrationszuges, daher habe ich erst nicht mitbekommen, was sich an der Spitze zutrug. Dass eine Demo mal stockt ist normal. Aber diese Demo stockte nach wenigen hundert Metern, stundenlang. Die Polizei hatte mehrere hunderte Menschen unter fadenscheinigen Argumenten eingezingelt und erst viele Stunden später, und nach Aufnahme der Personalien, wieder freigelassen. Die Demonstration stand auf der Stelle und das Angebot der Polizei, sie auf einer anderen Route und ohne die „Störer“ weiterzuführen, wurde abgelehnt. Alle blieben und beharrten auf ihren grundgesetzlich garantierten Rechten.

Ich habe nicht gesehen, was im „Frankfurter Kessel“ geschehen ist, aber ich habe viele Menschen gesehen, die von Pfeffersprayattacken der Polizei verletzt waren. Sie wurden auf dem Ver.di-Wagen provisorisch ärztlich versorgt. Dieser  Wagen diente dann auch als Bühne für die improvisierte Abschlussveranstaltung, die vor der EZB geplant und genehmig war. Einen sehr eindrücklichen Bericht über die Situation im Kessel gibt es hier .

Die mediale Empörung über diesen völlig unangemessenen Polizeieinsatz ist groß und einhellig. Diese polizeiliche Aktion wird einmütig und in deutlichen Worten verurteilt. Selbst das Blatt mit den großen Buchstaben konnte nicht umhin, sich kritisch zu äußern. Es zitierte auch anonyme Polizeistimmen, die sagten, dass die Aktion geplant gewesen sei. Daran zweifelt niemand.

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