7.März 2014

Apostoloff mit Lesezeichen

Apostoloff mit Lesezeichen

Als ich gestern Abend meine Regale durchforstete um die Bücher von Sybille Lewitscharoff auszusortieren, fand ich nur ein einziges – Apostoloff von 2009. Pong, ihr hochgelobtes Debut aus dem Jahr 1998, damals im Berlin Verlag erschienen, war nicht dabei. Freunde arbeiteten in dem Verlag und ich dachte, sie hätten mir ein Exemplar geschenkt. War aber nicht so. Statt dessen fand ich also Apostoloff in der zweiten Reihe des Regals mit den ungelesenen Büchern. Es ist ein Leseexemplar aus dem Suhrkamp Verlag. Zwischen den Seiten 26/27 steckte ein Lesezeichen. Weiter bin ich wohl nicht gekommen. Ich nutze gerne irgendwelche Eintrittskarten zu Museen, Konzerten etc. als Lesezeichen und lasse sie nach der Lektüre in den Büchern. Dann stelle ich mir vor, wie jemand nach meinem Ableben die Bücher durchblättert, Spuren von mir entdeckt und sich denkt: Aha, an diesem Tag war der also in dieser Ausstellung oder jenem Konzert.

Das Lesezeichen aus dem Lewitscharoff-Roman ist eine Eintrittskarte für das Empire State Building vom 13. September 2008. Es war der letzte Tag einer aufregenden Woche, die ich mit einer Freundin in New York verbrachte. Um 12 Uhr 17 kauften wir für $19,- unsere Tickets. Wir mußten erst am frühen Abend am Flughafen sein, an verschiedenen Terminals. Sie flog nach München, ich nach Frankfurt. Die verbleibende Zeit nutzten wir für den Besuch des berühmten Gebäudes.

Blick vom Empire State Building am 13. Sept. 2008

Blick vom Empire State Building am 13. Sept. 2008

Daß mir ausgerechnet an diesem Abend die Eintrittskarte wieder in die Hände fällt, ist ein schöner Zufall. Kurz zuvor hatte ich mich am Tresen des Klabunt mit einer flüchtigen Kneipenbekannten und dem Zapfer über unsere New-York-Reisen unterhalten. Wir sprachen über einen Pastrami-Laden, der unlängst im Bahnhofsviertel eröffnet hatte. Über der Frage, was Pastrami sei, landeten wir schließlich bei Bagels und so in NY. Meine Tresennachbarin mochte sie nicht, ich habe sie geliebt und regelmäßig im Cafe 28 auf der 5th Av. mit Creamcheese zum Frühstück gegessen. Und dann ließ mich das unsägliche Geschwätz von Frau Lewitscharoff das Empire-State-Ticket wiederfinden. Ich hätte nicht mehr gewußt, wo es ist. Apostoloff werde ich nachher in den offenen Bücherschrank stellen.

Dieser 13. September 2008 war auch der Tag, an dem das Ende von Lehman Brothers besiegelt wurde. In den nächsten Wochen bebte die Welt und wir alle wurden zur Kasse gebeten, um Banken zu retten, die wir nicht zerstört hatten.

Mein Ohrring war schon wieder weg. Ich habe ihn aber schnell wiedergefunden, an einem unerklärlichen Ort.

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Aus meinem Plattenregal 1- Steve Piccolo – Domestic Exile

The Lounge Lizards

Lounge Lizards1981 erschein das Debüt der New Yorker „Fake-Jazz“-Combo The Lounge Lizards. Die Platte war eine Sensation und blies viel frischen Wind in die verstaubte Jazz-Szene. Kopf der Band war der Saxophonist John Lurie, ein an Coolness kaum zu überbietender, charismatischer Musiker, der später auch als Schauspieler schöne Erfolge feierte. Am Piano saß sein Bruder Evan, die Gitarre bediente Arto Lindsay. Er tat das auf bislang noch nie gehörte Art und Weise und entlockte seinem Instrument krachige und schreiende Geräusche, die mit herkömmlichem Gitarrenspiel nichts mehr gemein hatten. Am ehesten konnte man diesen Stil mit dem Scratchen von DJs vergleichen. Am Schlagzeug saß Anton Fier und am Bass war Steve Piccolo. In dieser Besetzung spielten die Lounge Lizards nur dieses Debüt-Album ein. In den folgenden Jahren nahm Lurie mit den Lounge Lizards mehrere Platten in unterschiedlichen Besetzungen auf.

Domestic Exile

PiccoloEin Jahr nach diesem aufregenden Debüt, 1982, veröffentliche Bassist Piccolo sein eigenes Debüt-Album, „Domestic Exile“. Es war nicht weniger aufregend als das der Lounge Lizards, erfuhr aber längst nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Keyboards spielte der Bandkollege Evan Lurie und an den Sythesizers saß G. Lindhal. Piccolo selbst spielte neben dem elektrischen und akustischen Bass noch Percussion und Gitarre, außerdem übernahm er den Vokalpart. Musik und Texte stammen ebenfalls von Steve Piccolo. Das Cover-Artwork erinnert stark an das der Lounge Lizards.

Neurotische Großstadtfolklore

„Domestic Exile“ ist ein vorwiegend ruhiges, zurückhaltendes Album voller wunderbarer, schräger Songs, ganz anders als die expressive Platte der Lounge Lizards. Piccolo erzählt in seinen Liedern von modernen und meist einsamen Großstadtmenschen und ihrem Alltag in New York. Es entsteht eine Art neurotischer Großstadtfolklore.

So heißt es in „Young and Ambitious“:

Now work is over I´m going to go out

now I am buying something to eat

something to wear something to read

now I am spending the money I earned

when I was working a short time ago

that is how things work

this I have learned

Und in „Business Man`s Lament“ geht es weiter:

I don`t give anything away if I don`t get something in return

I don`t like to keep anything that I haven`t earned

trading value for value that`s all I understand

and I never do anything unless I have a plan

so I guess You could call me a businessman

Aber es gibt Hoffnung, so etwa in dem fröhlichen „I Don`t Want To Join A Cult“:

But then I saw You

You looked as if You hadn`t heard the news of our defeat

You walk down the street of the welfare state

with Your head held up and Your back so straight

You`re not even overweight

and suddenly I feel like

I don`t want to join a cult

I`d rather be Your devotee

I don`t want to join a cult

except the cult of only You and Me

Piccolo selbst hat sich bald nach dem Lounge Lizards Debüt dem neurotischen Großstadtleben entzogen und ist nach Italien gegangen. Auf dem italienischen Label Materiali Sonori ist dieses kleine Meisterwerk dann auch erschienen.

Unter dem Titel „adaption“ folgte ein weiteres Album von Steve Piccolo`s Domestic Exile, das aber längst nicht so aufregend ist, wie das erste Album. Piccolo arbeite in der Folgezeit mit den unterschiedlichsten Musikern zusammen, unter anderem mit Elliot Sharp.