Lüften Festival, Frankfurt am Main

Vor ca. drei Jahren war ich erstmals in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Es spielten Laurie Anderson und Lou Reed – ihr einziges Deutschlandkonzert. Die Halle war nicht ausverkauft. Im letzten Jahr spielte dort PJ Harvey. Sie hatte gerade ihr phänomenales Album „Let England Shake“ veröffentlicht. Die Halle war mit gerade mal 2000 Besuchern nur zur Hälfte gefüllt.

Ich mag die Jahrhunderthalle. Sie ist ein herausragendes Beispiel für gelungene 60iger-Jahre Architektur und die Akustik ist hervorragend. Allerdings scheinen die Frankfurter die Halle nicht zu schätzen. Vielleicht weil sie in Höchst liegt, in der Pampa.

Was für ein besonderer Ort diese Halle und das sie umgebende Gelände wirklich ist, konnte ich aber erst am Wochenende vom 22. – 24. Juni während des Lüften Festivals entdecken.

Als ich vor einigen Monaten von diesem Festival erfuhr, wollte ich angesichts des Programms (neudeutsch: line up) meinen Augen nicht trauen. Frankfurt liegt außerhalb der üblichen Konzertroute, Berlin – Hamburg – Köln – München, die für Veranstalter und Bands in Deutschland interessant ist. Und plötzlich standen bei Lüften Bands und Musiker auf dem Programm, auf die man in FrankfurtRheinMain eventuell lange warten muss. Das erstklassige Konzertprogramm, Open Air und in der Halle, wurde ergänzt durch Kunst und Performance. Lüften war ein Festival der Überraschungen, für Menschen, die mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen, Menschen, die in der Lage sind sich zu entscheiden, freie Menschen also. Denn entscheiden musste man sich angesichts des üppigen Programmangebots. Alle Räume der Halle wurden bespielt, die Freiflächen herum ebenso, überall Theater, Kunst und Musik – ein Fest für alle Sinne.

Und doch hat es niemand interessiert. Der Besucherandrang hielt sich in extrem überschaubaren Grenzen. Auf dem angebotenen Zeltplatz verloren sich ein Dutzend Zelte. So kam es, dass am Samstagnachmittag Dexys ein unvergessliches Konzert spielten, bei schönem Wetter, vor 300 Leuten. Es war das einzige Deutschlandkonzert der Band.

Was haben sie gemacht an diesem Sommerwochenende, die Frankfurter, die Bewohner der angeblichen Metropolregion RheinMain mit immerhin 4,5 Mio. Einwohnern? Haben sie Blasentee getrunken und kalten Fisch gegessen, oder haben sie vorgeglüht für das abendliche Fußballspiel?

Es wurde viel Kritik geübt im Anschluss an das Festival. Kritik am falschen Marketing-Konzept (da läßt sich sicher einiges verbessern), am uninteressanten Programm (wer das behauptet, hört wahrscheinlich den ganzen Tag HR1 und hat wirklich keine Ahnung) oder an den überhöhten Preisen (Preise, die Zehntausende ohne Murren bereit sind zu zahlen, um, eingepfercht in ein Fußballstadion, beispielsweise eine Combo wie U2 zu hören).

Manch einer fragte sich, wie man ein solches Festival ausgerechnet zeitgleich mit der Fußball EM veranstalten könne. Mit Verlaub, wer einem Festival fernbleibt, das um 13:30 Uhr beginnt, weil abends um 20:45 ein Fußballspiel angepfiffen wird, das man in der Halle auf mehreren Monitoren durchaus verfolgen konnte, der wäre auch ohne Fußball nicht gekommen. Andere zeigten sich beleidigt, weil sie erst zwei Tage vor Beginn überhaupt von der Veranstaltung erfahren hätten. Das kommt davon, wenn man nicht mit offenen Augen durch die Stadt geht. Zu guter Letzt wurden die Subventionen kritisiert, die Steuergelder, die beim Lüften verpulvert wurden. Im gleichen Atemzug beschwerte man sich über die angeblich zu hohen Eintrittspreise.

Lüften war ein in jeder Hinsicht einmaliges Festival, wie es die Region FrankfurtRheinMain bislang noch nicht gesehen hat. Es ist zu befürchten, dass es ein einmaliges Experiment bleiben wird.

My Brightest Diamond im Kölner Club „Gebäude 9“ am 26.11.2011

Der Club „Gebäude 9“ in Köln war mit ca. 150 Leuten beschämend schlecht besucht. Gerade mal € 15,- waren fällig um eine der großartigsten Musikerinnen des zeitgenössischen Musikgeschehens live erleben zu können. P.J. Harvey kostete das Vierfache dieser Summe. Und P.J. ist niemand, hinter der sich Shara Worden verstecken müßte.

Ebenso beschämend ist, das sich gerade mal zwei (!) Clubs in Deutschland bereit fanden, Shara Worden aka My Brightest Diamond zu buchen. So war ich gezwungen nach Köln zu fahren um sie hören zu können. Nun gut, vor drei Jahren bin ich ins schwäbische Schorndorf gefahren.

Im Oktober diesen Jahres ist das dritte Album von My Brightest Diamond erschienen, „All Things Will Unwind“. Gute drei Jahre sind vergangen seit ihrem Meisterwerk „A Thousand Shark`s Teeth“ . Drei Jahre, in denen sie allerdings nicht untätig war. Es sind diverse Alben anderer Musikerinnen und Musiker erschienen, bei denen Shara Worden beteiligt war – u.a. von Clogs, einem Projekt des The National Gitarristen Bryce Dessner, von Sarah Kirkland Snider, den Decemberists und David Byrne. Außerdem ist sie Mutter eines Sohnes geworden (den sie auf „All Things Will Unwind“ in dem wunderschönen Song „I have Never Loved Someone the Way I Love You“ besingt) und von Brooklyn in die sterbende Stadt Detroit gezogen. Beim Friseur war sie auch.

Shara Worden war also alles andere als untätig. Im Oktober kam dann endlich ihr neues Album, für das sie sich auferlegt hatte, ausschließlich Instrumente zu spielen, die in einen Koffer passten. Die Gitarre fiel also aus. Statt dessen hat sie das Kammerensemble yMusic engagiert. Herausgekommen ist ein wunderbares, stilles, kammermusikalisches Album, das voller Kostbarkeiten steckt. Lautere, rockigere Songs, wie noch auf dem „Shark“ Album oder dem MBD Debut „Bring Me the Workhorse“ fehlen hier völlig. Vielmehr gibt es, ähnlich wie bei den Alben von Clogs und Sarah Kirkland Snider, deutliche Anleihen bei der klassischen Musik. Der gelernten Opernsängerin Shara Worden ist dieses Terrain ja nicht fremd.

Umso überraschter war ich, dass sie die Bühne des „Gebäude 9“ nur in Begleitung eines Schlagzeugers betrat. Shara sang, spielte Gitarre, Ukulele, Keyboards sowie diverse andere Instrumente und es wurde teilweise sehr laut und rockig. Das war keine reine Vorstellung des neuen Albums, sondern ein Querschnitt durch das bisherige, so großartige, Schaffen von My Brightest Diamond. Auffallend war die Farbgebung, die auch beim neuen Album vorherrscht. Sind bei den beiden Vorgängeralben eher zurückhaltende, dunkle Farben prägend, so wird das Albumdesign bei „All Things Will Unwind“ durch die Farbe Rot bestimmt. Das Cover des Albums, man muss es nicht schön finden, das Bühnenoutfit, all das strahlte so viel Optimismus aus, dass man sich dem nicht entziehen konnte, was man freilich auch nicht wollte. Selbst der Drummer, Brian Wolf, trug auf seiner ansonsten schwarzen Kleidung, rote, gelbe und orange Filzapplikationen.

Perfekt vorbereitet wurde ihr Auftritt durch die Berliner Singer-Songwriterin Miss Kenichi, die auch beim Eröffnungssong „We Added It Up“ MBD begleiten konnte, was ihr bravorös gelang. Shara Worden hatte dann keine große Mühe, das Publikum, ja – zu verzaubern. Ihr Charme, ihr Witz, die wunderbaren Songs und ihre einmalige Stimme taten ein Übriges. Allein schon für ihre Version des Nina Simone Songs „Feelin` Good“ hat der Besuch gelohnt. Zwei Stunden und zweimal drei Zugaben später war dieses unvergessliche Konzert beendet und 150 Menschen verließen glücklich den Club, viele mit Platten, CDs oder T-Shirts vom Merchandising-Stand unterm Arm. Alle anderen haben was verpasst.

Was bleibt ist die Frage, weshalb P.J. Harvey, Joan As Policewoman und der kommende Star, Anna Calvi, Clubs und Hallen füllen, die nicht minder großartige Shara Worden aber nicht. Aber so kann ich sie in drei Jahren wieder in einem kleinen Club für wenig Geld sehen und hören, irgendwo in Deutschland.