Mein 9. November 1989

Ein ganz normaler Tag

Wie jeden Tag fuhr ich am Morgen mit dem Rad zum Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg um in der dort gelegenen Buchhandlung Kiepert meinem Tagwerk nachzugehen. Niemand hat geahnt, daß am nächsten Tag alles anders sein würde.
Nach Feierabend fuhr ich wieder heim, durch den Tiergarten und über die Brache des Potsdamer Platzes, ein Stück weit an der Mauer entlang. Es war dunkel, die Grenzanlage beleuchtet, wie immer. Es war ein ganz normaler Tag. Zuhause tat ich, was ich meistens tat. Ich machte das Radio an und kochte irgendwas. Nach dem Abwasch gab es eine Kanne Tee, ich machte das Radio aus und setzte mich, wie so oft, auf das Sofa um zu lesen. Gegen 20 Uhr 30 rief mein Bruder an, der damals noch am Bodensee lebte. Er wollte wissen was in Berlin los sei, er hätte gehört, die Mauer sei offen. Ich schaute aus dem Fenster, alles war wie jeden Tag am beschaulichen Chamissoplatz. Nichts, antwortete ich, alles sei wie immer. Mein Wissenstand zu dieser Zeit war, daß DDR-Bürger Reisepässe beantragen und damit dann frei reisen könnten. Es gab täglich neue Nachrichten über die Entwicklung in der DDR. Eine Öffnung der Mauer konnte sich trotzdem kaum jemand vorstellen.
Nach dem kurzen Gespräch mit meinem Bruder widmete ich mich wieder dem Buch, später hörte ich wahrscheinlich Musik und trank Rotwein. Gegen 24 Uhr machte ich mich bettfertig und schaltete das Radio ein. Die Mauer sei offen, erfuhr ich.

Heinrich-Heine-Straße und Oberbaumbrücke

Ich zog mich wieder an, schleppte mein Rad runter und fuhr zum Übergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
Dort war es wie die Bilder es zeigten; eine unendliche Reihe Trabis und Wartburgs drängte sich durch den Übergang, es wurde auf Autodächer getrommelt und Sekt verspritzt, Deutschlandfähnchen wurden geschwenkt. Der Gestank von Zweitaktergemisch lag in der Luft. An diesem Tag für viele der Geruch der Freiheit. Tausende Menschen in marmorierten Jeansjacken blickten ungläubig gen Westen.
Ich fuhr weiter zur Oberbaumbrücke. Hier das selbe Bild, nur daß die Menschen zu Fuß kamen. Es war berührend, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Umarmt hatte ich niemanden, auch keinen Sekt getrunken.
In dem Bewußtsein, einen historischen Moment zu erleben, setzte ich mich nach zirka zwei Stunden wieder aufs Rad und fuhr von Kreuzberg 36 nach Kreuzberg 61. In meiner Stammkneipe Malheur, Gneisenau- Ecke Solmsstraße, trank ich noch ein Bier, vielleicht auch zwei. Dort war nichts zu merken von der Maueröffnung, DDRler hatten sich dorthin nicht verirrt. Die zog es Richtung Ku-Damm. Gegen halbvier legte ich mich für einem kurzen Schlaf ins Bett.

Der nächste Tag

Am Morgen fuhr ich wie immer mit dem Rad zur Arbeit, wieder am Potsdamer Platz vorbei. Dort war dann nichts mehr wie immer. Die ersten sogenannten Mauerspechte machten sich mit Hammer und Meißel an der Mauer zu schaffen, die bis gestern noch das Hammer und Sichel-Paradies einschloss. Einige Meter weiter in Richtung Esplanade und Tiergarten standen zwei schwarze Limousinen, umringt von einigen Neugierigen. Ich blieb auch kurz stehen und sah wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch eine Lücke in der Mauer ging und die VoPos auf der anderen Seite mit Handschlag begrüßte. Ich fuhr weiter durch den Tiergarten. Am Ernst-Reuter-Platz dann der erste Unfall zwischen einem Mercedes und einem Trabi. Es war nichts Schlimmes, aber der Trabi war eindeutig der Verlierer. Die Buchhandlung wurde voll an diesem Tag, wie an vielen folgenden Tagen auch, sehr voll. Viele Menschen aus dem Osten nutzten ihr Begrüßungsgeld um sich mit Lektüre zu versorgen, die sie in der DDR nicht lesen durften oder nicht bekamen: Stefan Heym, George Orwell und viele andere. Es gab große staunende Augen angesichts des Angebots der Buchhandlung – ein bißchen wie Kindergeburtstag mit vielen Oohs und Aaahs. Nicht nur die Buchhandlung war voll, alles war voll, die Straßen, die U-Bahnen, die Geschäfte. Bei Beate Uhse mussten die Leute geduldig sein, neue Besucher wurden nur noch eingelassen, wenn andere den Laden verließen. Die Schlange war sehr lang. Manche Aldi-Filiale schloss alle Stunde die Pforten um die Regale zu füllen. Das lag aber eher an den vielen Polen, die im Ford Transit anreisten und die Läden leerkauften um mit der Billigware zuhause einen guten Schnitt zu machen.
Am Abend kam es zum wohl legendärsten Auftritt eines deutschen Männerchors. Bei einer „Freudenfeier“ vor dem Rathaus Schöneberg stimmten Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Momper vor einer vieltausendköpfigen Menge die Nationalhymne an. Begleitet wurden sie von einem gellenden Pfeifkonzert, ob aus ideologischen oder musikalischen Gründen sei dahingestellt. Beides wäre möglich. Die TAZ hat die berühmte Aufnahme auf eine billige Plastik-Single pressen lassen und einer ihre nächsten Ausgaben beigelegt. Schade, daß ich die nicht mehr finde.

Adieu Westberlin

Am 10. Nov. kam mein Freund, der Journalist Joe Bauer, aus Stuttgart angereist. Er hatte einen der letzten Plätze im Flieger ergattert. Wir hatten schon öfter versucht, uns den Mauerfall vorzustellen. „Joe“, sagte ich dann immer, „wenn die Mauer fällt musst du kommen. Das müssen wir verhindern.“ Denn es ging uns ein bißchen wie Herrn Lehmann aus Sven Regeners gleichnamigem Roman.
„Die Mauer ist offen.“
„Was ist?“
„Die Mauer ist offen.“
„Ach du Scheiße.“
Der Fall der Mauer bedeutete nicht nur den Untergang der DDR, er bedeutete auch den Untergang des Biotops Westberlin. Und welche Ausmaße das annehmen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

Eine Radtour

Einige Tage später fuhr ich mit ein paar Freunden mit dem Rad durch Ostberlin. Das klingt banal, war aber was Besonderes. Zu Mauerzeiten war es verboten mit dem Rad nach Ostberlin einzureisen. Man durfte zwar auf dem Autodach ein Rad mitbringen und 50 Meter hinter der Grenze mit dem Fahrrad weiterfahren, aber mit dem Rad die Grenze passieren, das ging nicht, wieso auch immer. Aber jetzt ging das. In den letzten Tagen waren einige provisorische Grenzübergänge eingerichtet worden, am Brandenburger Tor etwa und am Potsdamer Platz. Dort reisten wir ein, tauschten Geld, denn den Zwangsumtausch gab es noch, allerdings zu einem deutlich besseren Kurs als 1:1. Vopos wurden mit Blumen beschenkt, Zäune mit Nelken und Rosen verziert. Jetzt radelten wir durch die Hauptstadt der DDR. Wir kreuzten den Alexanderplatz und fuhren immer weiter Richtung Osten. Ich weiß nicht mehr wo wir überall waren. Irgendwo sind wir in einem einfachen Lokal eingekehrt, haben Würstchen gegessen und Bier für vermutlich 57 Pfennige getrunken. Nach vier oder fünf Stunden war unser Ausflug beendet. Ich hatte Eisbeine, denn es war schweinekalt. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Die Stadt, die wir damals gesehen haben, gibt es mittlerweile so nicht mehr.

Hamlet/Maschine

Im November wurde im Deutschen Theater in Ostberlin die siebeneinhalbstündige Heiner Müller-Inszenierung Hamlet/Maschine uraufgeführt. Das letzte große Theaterstück der DDR, mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle. Die Proben begannen im August und die Premiere fand in einem anderen Land statt und das Stück bekam eine völlig andere Bedeutung. Es gelang mir für eine der folgenden Aufführungen eine Karte zu ergattern. Sie kostete 16 Mark der DDR, nach dem damaligen Kurs waren das ungefähr drei West-Mark. Ein beeindruckendes und trotz der Länge, kurzweiliges Theatererlebnis. Der Regisseur Christoph Rüter hat das Stück und die Arbeit daran in seinem sehr sehenswerten Film Die Zeit ist aus den Fugen trefflich dokumentiert.

Die Zeit danach

Die Wochen und Monate nach dem Mauerfall waren aufregend – vieles war möglich, es gab Freiräume. Ein Freund feierte Geburtstag im sogenannten Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade; im Sommer 90 verbrachte ich mit meiner damaligen Freundin ein Wochenende in Rheinsberg. Wir wohnten im Schloss, damals noch ein Sanatorium für Diabetiker. Sie hatten nicht genug Patienten und vermieteten einige Räume an Gäste. Das Doppelzimmer, zirka 40 qm groß, kostete 30 Mark. Gefrühstückt wurde mit den Diabetikern.

Der Kaisersaal wurde inzwischen um 50 Meter verschoben und ist jetzt in das Sony-Center genannte Glas- und Stahlensemble neben dem Potsdamer Platz integriert. Heiner Müller und Ulrich Mühe sind verstorben, im Rheinsberger Schloss kann man mittlerweile nicht mehr übernachten, die Buchhandlung Kiepert hat den Mauerfall um 13 Jahre überlebt, dann mußte sie sich den veränderten Umständen geschlagen geben und ich wohne schon lange nicht mehr in Berlin.

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01. November 2014 – Ein Rückblick mit Musik, einer Buchpräsentation, einer Buchmesse und jeder Menge Namedropping

Der Oktober 2014 war ein besonderer Monat

Es fing schon Ende September an mit dem Konzert der Schwestern aus Schweden, die als First Aid Kit derzeit Erfolge feiern. Zurecht, wie ich nach dem Konzert sagen kann. Die eigentliche Sensation aber war der Support, ein junger Mann aus Manchester, Jo Rose, der allein mit seiner akustischen Gitarre auf der Bühne stand und schon nach wenigen Takten das Publikum im gut gefüllten Zoom zum Schweigen und gebanntem Lauschen brachte. Was für eine Stimme, was für wunderbare Songs! Er hat die Musik nicht neu erfunden, braucht sich aber nicht hinter namhaften Kollegen wie M. Ward, Joe Henry, Rufus Wainwright oder auch Neil Young zu verstecken.

Jo Rose Debüt Album

Jo Rose Debüt Album

Nach Konzertende habe ich mir die Debüt-CD gekauft (Vinyl gab`s leider nicht) und vom Künstler signieren lassen. Zuhause dann gehört und erneut völlig überrascht. Anders als auf der Bühne des Zoom, wird Jo Rose hier von einer Band begleitet. Wir hören neben den üblichen Begleitinstrumenten, Bläser, Streicher und eine Steelguitar, großartig arrangiert das Ganze. Nach einer halben Stunde endet die CD und man braucht eine Weile, um von diesem Rausch wieder auf dem Fußboden zu landen. Sensationell – und wenn es eine Gerechtigkeit gibt in der Musikwelt, dann wird dieser Mann eine große Karriere machen und die signierte Debüt-CD in einigen Jahren ein kleines Vermögen wert sein.

Buchpräsentation

Es folgte am 2. Oktober die Vorstellung der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Moment gehofft, nun war er da und ich entsprechend aufgeregt. Aber es ging alles gut. Die Romanfabrik war sehr gut gefüllt und niemand ist früher gegangen, obwohl sich der Abend in die Länge zog. Etwas über anderthalb Stunden wurde gelesen, nur unterbrochen von einem kleinen und feinen musikalischen Intermezzo durch Elis. Die Reaktionen waren sehr positiv und der Buchhändler hat gut verkauft. Mein alter Freund Joe Bauer aus Stuttgart, der das Vorwort geschrieben hat, kam mit Freundin Barbara angereist und sie blieben über das Wochenende. Wir sind stundenlang durch Frankfurt gelatscht, auf den Spuren der Wegsehenswürdigkeiten.

Buchmesse

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Dann natürlich die Buchmesse. Es fing, wie in den letzten Jahren auch, am Dienstag an mit dem Aufbau am Suhrkampstand. Aufbautage sind besondere Tage, der Messebetrieb hat noch nicht angefangen und es ist schön, alte Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Überall ist eine gewisse Euphorie zu spüren. Die Messe ist das Familientreffen der Buchmenschen. Dieser Tag endet traditionell mit Altbier und Brezeln beim Buchmarkt. Dort trifft man dann Menschen aus anderen Verlagen und erfährt die ersten Neuigkeiten. Nicht mehr ganz nüchtern endet der Dienstag und alle freuen sich auf das, was in den nächsten Tagen kommen wird.
Allzuviel will ich über die Messe gar nicht schreiben, das haben mein Messegast Stefan Möller und Wiebke Ladwig bereits trefflich erledigt. Am wichtigsten sind ohnehin immer die Menschen, die man trifft. So konnte ich endlich Stephanie Bart persönlich kennenlernen, mit der ich schon seit einiger Zeit recht intensiv über Twitter verbunden bin. Sie hat mit Deutscher Meister einen beeindruckenden Roman geschrieben, der bei HoCa Spitzentitel ist. Am Donnerstagabend las sie bei Open Books, ich war dabei. Dort lernte ich dann endlich auch mal Philipp Werner kennen, Stephanies Lektor bei HoCa und Moderator der Lesung. Ich hatte mit ihm zu tun, als er meine Anthologie Mit des Blitzes Schnelle im Fischer Taschenbuchverlag betreute. Dieser Kontakt lief allerdings ausschließlich über Mail, getroffen hatten wir uns nie. Dafür gibt es die Messe.
Normalerweise wären wir jetzt nach Sachsenhausen gefahren zum Fest des Fischer Verlages. Aber das fiel wegen irgendwelcher Auflagen der Versicherung in diesem Jahr aus. Dankenswerterweise hat die Titanic ihren Abend von Freitag auf Donnerstag vorgezogen – und ich hatte, Leo Fischer sei Dank, erstmals eine Einladung. Vielleicht das schönste Fest der Messe – in einem Bootshaus am Main mit Skylineblick -, was ich leicht sagen kann, da es auch mein einziges war. Und hätte ich geahnt, was für ein köstliches Büffet die Chefsatiriker auffahren ließen, ich hätte auf die überteuerte Tüte Pommes in der Innenstadt verzichtet. Es war ne Menge Prominenz da, inklusive eines echten Europaabgeordneten.

Ich werde eher nie von Frauen angesprochen, doch bei der Titanic-Party passierte genau das. „Du bist doch der, der mir vor zwei Jahren geholfen hat, die Kisten ins Auto zu schleppen.“ Jetzt dämmerte es auch mir. Vor mir stand die wunderbare Undine Löhfelm von Orange Press in Freiburg. In der Tat, es hatte sich damals so ergeben und ich half ihr, die Kisten mit dem Standinventar des Verlags am Ende der Messe zum Auto zu schleppen. Es war eine elende Plackerei. Wir plauderten kurz und dann war sie wieder verschwunden.

Jürgen Roth und ich waren am Freitagabend im Rahmen von Open Books in der Heussenstamm Galerie zu Gast. Unterstützt wurden wir von Dirk Braunstein und Philipp Mosetter, die auch schon bei der Präsentation in der Romanfabrik dabei waren. Die Galerie war sehr gut besucht und ich mal wieder etwas nervös, sollte ich doch erstmals meinen Text vortragen. Zum Glück war die Zeit knapp bemessen, mein Vortrag war nicht mehr nötig und ich habe ein bißchen moderiert. Die beteiligten Herren haben auch alles bestens besorgt. Imposant wie Jürgen Roth den Text von Eckhard Henscheid las. Nach einer knappen Stunde war es zur Zufriedenheit aller erledigt und wir konnten eine nahegelegene Bindingkaschemme aufsuchen.
Der Samstag begann früh. Gegen elf Uhr setzte ich mich aufs Rad und fuhr gen Gallus. In einer dortigen Galerie war eine „Frühschoppenlesung“ annonciert, mit dem Kollegen Jürgen Roth und Thomas Kapielski. Ich kam zu spät, konnte dafür aber meinen Eintrittsobulus frei wählen. Einen Zehner war mir die Sache dann noch wert, war doch unbeschränkt Bier und Kaffee und Rindswurst darin enthalten. Ich nahm alles und amüsierte mich köstlich – wie alle Anwesenden in dem gut gefüllten Hinterhofraum. In Leipzig finden diese Lesungen regelmäßig satt, für Frankfurt war es eine Premiere. Es ist zu wünschen, daß es nicht dabei bleibt. Nachmittags dann auf der Messe ein Treffen mit der sehr geschätzten Twitterfreundin @mokka98. Es war sehr kurzweilig und leider auch zu kurz. Man kann sich trefflich mit ihr unterhalten, Bier trinken (schon wieder) und Fahrrad fahren. Letzeres weiß ich noch nicht, hoffe aber, daß es im nächsten Jahr mal dazu kommen wird. Schön, wenn sich die virtuelle Welt im richtigen Leben wiederfindet.

Arbeiten und Restetrinken – der letzte Tag

Am Sonntag stand ich wieder in Diensten des Suhrkamp Verlages. Es wird verkauft und alles ist recht betriebsam. Große Freude kam auf, als Markus Hablizel vorbeischaute. Er hatte etwas Zeit und wir konnten uns unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er mit seinem Verlag noch einen eigenen Stand in Frankfurt. Jetzt steckt er das Geld lieber in andere Sachen, wie z. B. ein fünftägiges Fest in Köln zum fünfjährigen Bestehen seines Verlages. Herzlichen Glückwunsch nochmals an dieser Stelle. Solche Verlage sind das Salz in der Suppe der Literatur.
Dann war schon wieder Schluss, fast. Es folgte noch das Restetrinken beim Folio Verlag. Auch hier war ich erstmals dabei. Irgendwer hatte mich überredet (es war nicht schwer). Vielleicht war doch diese „After Work Party“ und nicht das Titanic-Fest die schönste Party der Messe. Der eifrige Jörg Sundermeier war da, Kristine Listau selbstverständlich auch. Sie hatten noch etwas Zeit, bis der Zug sie zurück nach Berlin bringen sollte. Jörg machte mich mit Deniz Yücel von der Taz bekannt. Ich versprach ihm ein Rezensionsexemplar der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Er war sehr interessiert, schließlich sei er Hesse. Viele andere waren auch da und machten sich über die, doch sehr impossanten, Reste her. Und Undine war da. Diesmal hatten wir etwas mehr Zeit zum Plaudern. Jetzt sind wir auf Facebook „befreundet“. Dafür ist Facebook da.
Es sind die Menschen, die die Messe ausmachen, und bei vielen wünschte ich mir, sie öfter als nur einmal jährlich zu sehen (längst nicht alle habe ich hier erwähnt). Verpasst habe ich leider Marion Brasch. Aber daran bin ich selbst schuld.
Also, bis zum nächsten Jahr. Und vielleicht darf ich ja auch mal wieder Kisten schleppen.

Meine Buchmesse 2012

Zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse fühlte ich mich wie ein begossener Pudel. Es regnete heftig, als ich gegen neun Uhr am Sonntagabend auf mein Rad stieg um quer durch Frankfurt nach hause zu fahren. Endlich dort angekommen, zog ich noch im Flur die nassen Klamotten aus und trockene an, rubbelte die tropfenden Haare und stiefelte beschirmt ins Wirtshaus. Hunger, Durst und das drohende schwarze Loch, in das ich bislang nach jeder Messe, diesem Familientreffen, gefallen bin, trieben mich dorthin.

Suhrkamp

Den letzten Messetag verbrachte ich bei den ehemaligen Kollegen vom Suhrkamp Verlag. Ich durfte beim Verkauf helfen und anschließend beim Abbau. Mein blaues Suhrkamp Namensschild hatte ich noch, jetzt konnte ich es wieder mal tragen. Mit Suhrkamp hörte die Messe auf, mit Suhrkamp fing sie an.

Am Dienstag half ich mit, den Stand mit Büchern zu bestücken. Jetzt kenn ich mich wieder etwas besser mit dem aktuellen Programm aus. Früher hatten wir immer Schwierigkeiten, all die Bücher im Messestand unterzubringen, jetzt hat der Verlag einen neuen und man musste sich anstrengen, die Regale mit Büchern zu füllen. Viel Platz also für eine frontale Präsentation, was ja auch eine schöne Sache ist.

Das sind die besonderen Momente, vor Beginn oder am Ende der Messe, wenn das Publikum noch nicht, oder nicht mehr durch die Gänge strömt, am Dienstag voller Vorfreude und am Sonntag erleichtert, dass es vorbei ist und deswegen auch ein bißchen traurig. Dazwischen liegen ereignisreiche, lange Tage und kurze Nächte.

Am Mittwoch brachte ich meinen kleinen Büro-Laptop zum Stand von Faust-Kultur und bestellte nach Anweisung mein Passwort für den WLAN-Zugang der Messe. Fürderhin war ich der Einzige bei Faust-Kultur, der den Laptop morgens mit dem Buchmesse-Netz verbinden konnte. Die Apfelnutzer wussten mit dem Windows Rechner nicht so recht umzugehen.

Liebeskind Verlag und Twittwoch

Es folgte mein üblicher Trampelpfad, auf der Suche nach bekannten Gesichtern und einem spendierten Kaffee nebst Keksen. Wie immer freundschaftlich empfangen wurde ich beim Liebeskind Verlag. Für lebenswichtige Dinge wie Kaffee, Wasser, tolle Bücher und nicht zuletzt nette Menschen ist Liebeskind meine erste Adresse. Und irgendwann hat der Verlag auch eine eigene Facebook-Seite, ganz sicher.

Am Mittwochnachmittag stand dann der schon tradionelle Twittwoch auf dem Programm, ein Highlight. In 15-minütigen Präsentationen stellten Verlage und Andere ihre Social-Web-Aktivitäten vor. Mir besonders im Gedächtnis geblieben ist die Vorstellung des Spektrum Wissenschafts-Verlags, der auf erfrischende, informative und sehr kurzweilige Art seine Präsenz auf Facebook und Twitter darstellte. Etwas ganz Besonderes aber lieferten die beiden sympatischen Damen des Onkel&Onkel Verlags. Mutig, genau und sehr selbstbewusst schilderten sie die Geschichte eines Scheiterns. Über eine Crowdfunding Plattform hatten sie versucht, € 10000,- für ein Buchprojekt zu sammeln. Es kamen lediglich ca. neunhundert Euro zusammen, das Projekt war grandios gescheitert. Sehr offen erläuterten die beiden Frauen alle Maßnahmen, die sie ergriffen hatten, um ihr Projekt zu verwirklichen. Am Ende nutzte alles nichts und sie gaben auf. Das Social Web ist kein Goldesel, das wurde deutlich. Leider blieb keine Zeit um über die Gründe dieses Scheiterns zu diskutieren. Dieser Messe-Twittwoch war wieder eine spannende und unterhaltsame Veranstaltung. Die umtriebige Wibke Ladwig hatte ihn mit organisiert und auch flott und witzig moderiert. Die üblichen technischen Schwierigkeiten („kein Netz, arrrgh!“) gehören wohl dazu.

Eine Einladung des Knaus Verlags zu einer Messeparty (Betreutes Trinken) habe ich ausgeschlagen. Ich war müde und saß noch mit einigen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in einer stylischen Burger-Bude in Bockenheim.

Literatur-Nobelpreis und Besuch aus Stuttgart

Am Donnerstag wurde dann der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben. Der chinesische Autor Mo Yan wurde geehrt und freuen durfte sich auch der Schweizer Unionsverlag, der die meisten Titel des Autors im Programm hat. Am Stand von Suhrkamp/Insel herrschte ebenfalls dichtes Gedränge. Mit „Die Sandelholzstrafe“ liegt im Insel Verlag ein Hauptwerk des neuen Nobelpreisträgers vor. Man hatte vorgesorgt und einige Exemplare dieses Titels vorrätig. Und auch die chinesische Regierung hatte nichts gegen den Preisträger einzuwenden, gilt Mo Yan doch als systemkonformer Künstler.

Am Donnerstag reiste auch mein alter Freund, der Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, Joe Bauer in Begleitung seiner Lebensgefährtin an. Sie wollten die Lesung Richard Fords, die am Abend im Schauspiel stattfinden sollte, besuchen. Von Joe ist zur Messe sein mittlerweile viertes Buch erschienen, die Kolumnensammlung – „Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart“. Wir trafen uns am Stand seines Berliner Verlegers Klaus Bittermann (Edition Tiamat).

Der Donnerstagabend ist traditionell dem Fest des S.Fischer Verlags vorbehalten. Da trifft man dann alle, die man sonst im Messetrubel nicht trifft. Entsprechend voll ist es immer. Und so ist die Ankündigung „Bis heute Abend bei Fischer“ mit Vorsicht zu geniessen. Viele trifft man eben doch nicht dort, oder wenn, reicht es oft nur zu einem kurzen Gruß. Ich habe etliche Leute nicht gesehen, obwohl sie da waren. Aber meinen ehemaligen Kollegen und Freund Florian Andrews begegnete ich beim Fischerfest. Wir belegten einen Stehtisch im hinteren Teil des Verlagshofes und verließen den auch den ganzen Abend nicht mehr. Die Kellner hatten unseren Tisch fest in ihre Route eingeplant, so dass an Wasser und Wein kein Mangel herrschte. Viele Bekannte und Unbekannte fanden sich im Laufe des Abends an unserem Tisch ein. Es war unterhaltsam und kurzweilig und um kurz nach zwölf war wie immer Schluss.

Stephan Thome und Henry Jaeger

Am Freitag traf ich Stephan Thome am Suhrkamp Stand. Wir plauderten ein wenig und ich lies mir seinen wunderbaren Roman „Fliehkräfte“ signieren. Sein erstes Buch, „Grenzgang“ hat mir allerdings noch besser gefallen. Der Roman ist ein Meisterwerk und „Fliehkräfte“ kommt nicht ganz an ihn heran.

Am Abend wurde dann der „Virenschleuder-Preis“ verliehen, eine Auszeichnung für originelle Social-Media-Marketing-Aktivitäten. Ich konnte leider nicht teilnehmen. Um 20 Uhr präsentierten der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph und der Grimme-Preisträger Peter Zingler im Rahmen der Lesereihe „Open Books“ im Frankfurter Kunstverein den Roman „Die Festung“ des Frankfurter Autors Henry Jaeger. Jaegers Sohn Marcus erzählte, wie es war, als Sohn eines Bankräubers und Bestsellerautors aufzuwachsen. Als Kind war für ihn ein Schriftsteller jemand, der Telefonbücher schrieb.

„Die Festung“ erschein erstmals vor fünfzig Jahren und ist mittlerweile, ebenso wie sein Autor, fast vergessen. Jaeger, ein ehemaliger Bankräuber und Kopf der „Jaeger Bande“ hatte, um dem Wahnsinn zu entgehen, den Roman im Knast geschrieben. Er wurde ein Welterfolg und mit Hildegard Knef und Martin Held verfilmt. Der Frankfurter B3 Verlag hat das Buch jetzt dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Im Anschluss an die Lesung zogen wir weiter ins Literaturhaus. Dort feierten, erstmals an diesem Ort, die sog. Independant Verlage ihr Messefest. Vor der Party wurde zunächst der Preis der Hotlist vergeben, der Buchpreis der unabhängigen Verlage. Er ging in diesem Jahr an den Grazer Literaturverlag Droschl für den Roman „Dunkelheit am Ende des Tunnels“ von Tor Ulvens. Im ersten Stock war ein Büchertisch eingerichtet, an dem man die nominierten Titel einsehen und kaufen konnte.

Bundespräsident Gauck und Cosplayer

Der Samstag ist der erste Publikumstag, wie immer wurde es sehr voll. Die Cosplayer mit ihren phantasievollen Kostümen belagerten den riesigen Messehof. Es schienen mir aber weniger zu sein als in den letzten Jahren.

Den Publikumstag nutzte auch Bundespräsident Gauck zu einem Besuch der Messe. Ungeplant bin ich in Halle 4 hängengeblieben. Sicherheitsleute hatten den Eingang abgesperrt. Ich wartete in der ersten Reihe. Als er dann schnellen Schritts und fröhlich winkend, durch die Halle zur Rolltreppe eilte, machte ich ein paar unscharfe Fotos. Hinter mir rief jemand „Hallo, Herr Bundespräsident“. Auf seinem Messerundgang hat der Präsident dann auch noch den Suhrkamp Verlag besucht und mit Geschäftsführer Thomas Sparr und Stephan Thome geplaudert.

Thome hatte ich am Mittag zufällig am Stand der ARD gesehen. Ein Journalist, dessen Namen mir entfallen ist, sprach mit ihm über „Fliehkräfte“. Er beendete das Gespräch mit der Bemerkung, „Fliehkräfte“ sei ein „schöner, kleiner Roman“. Das trieb Thome, angesichts der 470 Seiten seines Romans, ein entsetztes Lächeln ins Gesicht. Als der ARD Mann sich korrigierte, liefen die Kameras bereits nicht mehr.

Am Abend wollte ich, nach einem Abendessen in einem Bornheimer Wirtshaus, gegen 21 Uhr ins Literaturhaus fahren. Es war wieder Party und Tanzen angesagt. Diesesmal das Abschlussfest der „Open Books“ Lesereihe. Just in diesem Moment fing es heftig zu regnen an, so dass ich, statt ins Literaturhaus zu radeln, lieber nach hause fuhr.

Wahrscheinlich eine gute Entscheidung, denn ich musste ja am nächsten Tag um zehn Uhr am Suhrkamp Stand erscheinen.