So kam das

friesenbuchhandlung

An diesem Ort in Berlin-Kreuzberg, damals noch 1000 Berlin 61, begann 1980 mein Leben in der Buchbranche. Das Geschäft mit den geschlossenen Rollläden wurde zu der Zeit von einem türkischen Gemüsehändler betrieben. Der Laden auf der linken Seite beherbergte eine kleine Buchhandlung. Sie hieß Friesenbuchhandlung, benannt nach der Straße, in der sie beheimatet war. Die Aufschrift über der Markise ist noch zu entziffern. Eher zufällig kam ich Ahnungsloser zu dem Vergnügen, in einer Buchhandlung arbeiten zu dürfen. Meine einzige Qualifikation: Ich las gerne. Der Gründer und Inhaber der Friesenbuchhandlung war Stammgast in der Kneipe, in der ich seinerzeit arbeitete. Er fragte mich eines Tages am Tresen, ob ich nicht jemand für seine Buchhandlung wüsste, sein Kompagnon sei ausgestiegen. „Frag doch mal mich“, antwortete ich. So kam das. Mal wieder zeigte sich, wie wichtig „Vitamin B“ ist.

Nach drei Jahren trennten sich unsere Wege wieder. In dieser Zeit ist das Wandgemälde, nach eine Idee von mir, entstanden. Es heißt Unter dem Pflaster liegt der Strand, gemäß eines zu dieser Zeit sehr beliebten Sponti-Spruchs. Gemalt hat es Bärbel Rothhaar, eine befreundete Künstlerin, die, nachdem das besetzte Haus, in dem sie lebte, geräumt worden war, bei mir wohnte.

Ich bin sehr froh, dass das Wandbild noch heute zu sehen ist. Die Gegend ist mittlerweile vollkommen durchsaniert und gentrifiziert. Dieses Haus ist ein Relikt aus jener Zeit. Ansonsten prägen aufpolierte Fassaden, Cafés, Gastronomie, Fahrradläden und erlesene Einzelhandelsgeschäfte das Bild. Am Straßenrand parken SUV.

Nach den drei Jahren folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die durch eine, vom Arbeitsamt gesponserte, Ausbildung zum Buchhändler beendet wurde. Umschulung von Nix auf Buchhändler. Die Vorstellung, irgendwann einmal im Suhrkamp Verlag zu arbeiten und später auch selbst Bücher zu machen, wäre mir damals so absurd erschienen wie ein Fall der Mauer.

Das Klabunt ist zu

Am Sonntag war es also soweit, das Klabunt sagte tschö. Nach neun Jahren muß die Kultkneipe für etwas weichen, das die Frankfurter Neue Presse „Quartiersparkhaus mit Einkaufsmarkt und Wohnungen“ nennt. Investor Gaumer hingegen hält sich bedeckt was seine Pläne für das Gelände angeht und die Bauaufsicht spricht von 29 Wohneinheiten, einer großen Einzelhandelsfläche und einem Parkhaus. Wenn es irgendwas gibt, an dem in Bornheim kein Mangel herrscht, dann sind es Supermärkte, egal ob konventionell, bio oder vegan. In unmittelbarer Nähe der künftigen „Quartiersgarage“ finden sich allein derer drei. Was auch immer dort gebaut wird, es darf getrost mit dem Schlimmsten gerechnet werden.
Seit zwei Jahren schon hing dieses Damoklesschwert über dem Lokal. Das Klabunt bewegte sich auf unsicherem Terrain, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen.
Der Satirelandgasthof (Eigenbeschreibung) war mehr als eine Kneipe, er war eine kulturell-kulinarische Institution – bekannt weit über Frankfurts Grenzen hinaus – vielen auch Heimat und Wohnzimmer. Es gibt Menschen, die behaupten, alles was sie in Frankfurt kennen würden, hätten sie dem Klabunt zu verdanken. Ich zum Beispiel.
Als ich im Januar 2000 aus Berlin nach Frankfurt kam, kannte ich nur wenige Leute, sie wohnten in Offenbach. Dort wohnte ich auch während der ersten drei Monate. Als ich eine Wohnung in Bornheim fand, erkundete ich die Gegend auf der Suche nach einem Lokal, das ich zu meiner Stammkneipe machen könnte. Ich probierte einige aus, auch im Nordend – und fand keine. In Kreuzberg hatte ich immer eine Stammkneipe. Solche Kneipen müssen fußläufig erreichbar sein, ein vernünftiges Preisleistungsverhältnis haben, die Musik darf nicht nerven und vorallem müssen Personal und Publikum nett sein. Man geht dort hin, in der Gewissheit irgend jemand zu treffen, den man kennt, und man geht dort hin, wenn man mal pleite ist und anschreiben lassen kann. Stammkneipen sind unerläßlich um sich irgendwo wohlzufühlen, ein Stück Heimat eben. Das fehlte mir während meiner ersten Jahre in Frankfurt.
Bis im Jahre 2005 das Klabunt eröffnete. Zirka zwei Wochen nach der Eröffnung war ich mit einem Freund erstmals da. Es war ein schöner Sommertag, wir setzten uns draußen an einen Biertisch. Das Essen war reichlich und lecker, das Bier schmeckte auch. Wir waren sehr satt und verlangten zur Verdauung Wodka. Wodka sei nicht im Angebot, sagte der Wirt, er würde uns was anderes bringen, wir sollten gespannt sein. Er brachte, wie konnte es anders sein, Haselnussgeist von Dirker und noch was anderes, Himbeerbrand wahrscheinlich. Beides war köstlich. Der Haselnussgeist hat sich dann auch zum absoluten Bestseller des Klabunt entwickelt. Manche gingen dort nur hin um diesen Schnaps zu trinken. An diesem Abend war meine Suche nach einer Stammkneipe beendet.
Es dauerte nicht lange und man begrüßte sich mit Namen. Auch kam man schnell mit anderen Gästen in Kontakt, aus einigen sind Freunde geworden.
Und dann gab es noch die regelmäßigen Satirelesungen aus dem Umfeld der Titanic und darüber hinaus. Einige der Autoren, die im Klabunt gelesen haben, kamen am Sonntag um sich von Christa Brill, Andreas Kramer und ihrem Klabunt zu verabschieden – Eckard Henscheid, Oliver Maria Schmitt, Leo Fischer, Pit Knorr, Tilman Birr, Elis, Mark-Stefan Tietze, um nur ein paar zu nennen.
Zu der einen oder anderen Veranstaltungen konnte ich organisatorisch beitragen, so bei einer Lesung mit Wolfram Koch, der aus Magnus Mills „Die Herren der Zäune“ las, einem meiner Lieblingsbücher. Später folgten dann Abende mit Detlef Kuhlbrodt, Wolfgang Welt und Andreas Maier.
Am letzten Abend war es natürlich nochmal sehr voll, manche der Gäste waren wohl auch zum ersten Mal da. Sehr schnell war die Küche ausverkauft, dann war der Haselnussgeist und der Apfelwein alle, bald darauf auch das Schlappeseppel. Dann wurde halt getrunken, was noch da war.
Jetzt ist es vorbei. Und doch gibt es keinen Grund zur Trauer. Der neue Ort ist bereits gefunden. Dort wird renoviert und im Mai soll die Eröffnung sein. Und bis es soweit ist, gehen wir halt woanders unseren Schoppen trinken.

Nachtrag: Der Name der Gaststätte sorgte stets für Verwirrung, nicht zuletzt wegen der eigenwilligen Typographie. Er war einerseits ein Wortspiel aus KLAA und BUNT – was das Lokal trefflich charakterisierte – sowie eine Hommage an den Satiriker und Zeitgenossen Tucholskys, Klabund. An das „d“ in des Autors Synonym erinnerte ein kleiner Kringel im „t“ des Kneipennamens, wie am Außentransparent zu sehen war. Das führte zu allerlei Verwirrung bezüglich Aussprache und korrekter Schreibweise. Da wurde schon mal vom „Klabunat“ gesprochen oder „Klabundt“ und „Klabund“ geschrieben. Richtig ist und war: KLABUNT.

 

 

 

Radfahren mit David Byrne

David Byrne ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Endfünfziger ist Musiker, ehemals Mastermind der Talking Heads, Produzent und bildender Künstler. Diese Tätigkeiten führen ihn rund um die Welt, zu Konzerten und Ausstellungen. Und er ist Flaneur, ein moderner Flaneur, einer mit dem Fahrrad. Byrne ist leidenschaftlicher Radfahrer und so hat er sein Faltrad auf allen seinen Reisen in die Metropolen der Welt dabei.
Er nimmt uns unter anderem mit nach Berlin, New York, Manila, San Francisco, London, Sydney, er fährt Rad in Städten, in denen das sonst niemand tut, wie z. B. in Istanbul und Buenos Aires. Seine Begründung ist einleuchtend: […] ich schätze die Fahrradperspektive und die Freiheit offenbar mehr, als mir klar ist. Ich bin süchtiger, als ich mir eingestehe (S. 163). Auf all diesen Erkundungsfahrten tut er das, was ein Flaneur so tut – er beobachtet und denkt nach. Diese Gedanken und Beobachtungen hat er jetzt aufgeschrieben und so ist David Byrnes Buch „Bicycle Diaries“ voll mit seinen Erkenntnissen zu Architektur, Stadtplanung, Gentrifizierung, Verkehr und natürlich Kunst und Musik. Das sind keine revolutionären, nie gehörte Gedanken, aber es sind Gedanken, die vielleicht nur ein Radfahrer haben kann. Der Radfahrer ist aufmerksamer, sieht mehr und nimmt mehr wahr, als Autofahrer mit ihrem begrenzten Blick. Des Radfahrers Nase umweht der Wind der Freiheit. So bleibt auch der Kopf frei.
Natürlich kann man Byrne nur zustimmen, wenn er in Istanbul das Verschwinden ganzer Stadtviertel mit ihren Holzbauten zugunsten „moderner“ Bauten im Stil einer „globalen Architektur“ beklagt. Einer Architektur, die auf lokale und historische Gegebenheiten keine Rücksicht nimmt und die überall auf der Welt anzutreffen ist. Ebenso spendet man leise Applaus, wenn er, angesichts des Niedergangs der Stadt Detroit und der Krise des Autokonzerns General Motors, empfiehlt, das komplette Management gegen Manager aus Japan und Korea auszutauschen – die wüssten wenigstens, wie man sparsame Autos baut.
In Buenos Aires trifft Byrne, nicht unerwartet, auf dasselbe Phänomen wie in New York und vielen anderen Metropolen der Welt – Gentrifizierung. Leute mit kleinen Einkommen, Künstler, ziehen in die Vorstädte, weil sie die steigenden Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr aufbringen können. Und natürlich begegnet ihm der Tango, dem im Buenos Aires Kapitel naturgemäß viel Platz eingeräumt wird. Und ihm begegnet der Fußball, indirekt. Im Fernsehen läuft das WM Spiel Mexiko gegen Argentinien – und so hat Byrne für eine gewisse Zeit die Stadt fast für sich alleine.

Man fragt sich was, um alles in der Welt, jemand veranlassen könnte, nach Australien zu reisen, wenn man Byrne nach Sydney folgt und seinen Schilderungen der feindlichen Flora und Fauna des Landes, die ihn daran erinnert, dass die Menschen der Natur schnuppe sind (S. 208). Nicht so David Byrne, nach vielen Besuchen hat er den Kontinent lieben gelernt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich in seinen Städten so trefflich Radfahren lässt.
Berlin scheint Byrnes Fahrradparadies zu sein. Er ist entzückt von den vielen Radfahrern, den guten Radwegen und der Disziplin und Rücksichtnahme, die Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer aufbringen. Selbst an roten Ampeln blieben alle stehen. Jeder, der schon mal in Berlin Rad gefahren ist, weiß, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck, wenn man meist in New York mit dem Rad unterwegs ist. Es sei ihm verziehen. Verglichen mit den anderen Metropolen der Welt, in denen David Byrne mit dem Rad unterwegs war, ist Berlin wahrscheinlich schon so etwas wie ein Fahrradparadies. Verzeihen wollen wir ihm auch, dass er aus dem, mittlerweile abgerissenen, Palast der Republik das Hauptquartier der SED macht und ihn auch gleich noch an den Alexanderplatz verlegt.
Das letzte Kapitel ist David Byrnes Wohnort New York gewidmet, einer Stadt, die sich langsam für Radfahrer öffnet. Immer mehr Radwege werden angelegt und immer mehr New Yorker nutzen das Rad, nicht nur die wagemutigen Fahrradkuriere. Byrne hat für seine Stadt verschiedene Fahrradständer entworfen, immer entsprechend dem Ort, an dem sie aufgestellt werden sollen. Ein solcher Ständer in Form eines Damenschuhs steht z. B. vor einem Luxuskaufhaus, für Greenwich Village hat er einen gitarrenförmigen entworfen, für die Bowery eine Flasche. Alle sind Unikate, kleine Kunstwerke, die das Image des Fahrrads verbessern helfen.
Im Epilog beschäftigt sich der Autor noch mit der Zukunft des Verkehrs, die er naturgemäß im Fahrrad sieht. Er führt unter anderem positive Beispiele aus aller Welt an, in denen sich Städte, wie z. B. Bogotá oder auch Paris bewußt für eine Förderung des Radverkehrs entschieden haben, mit guten Erfolgen.
Byrne fährt nicht Rad, weil es ökologisch und vernünftig ist, sondern hauptsächlich, weil es mir ein berauschendes Gefühl von Freiheit vermittelt (S. 330). Und: Es ist das befreiende Gefühl – das physische und psychische Empfinden -, das überzeugender ist als jedes praktische Argument. Allein die Perspektive, die der Höhe von Fußgängern, Straßenverkäufern und Schaufenstern entspricht, verbunden mit einer Fortbewegungsweise, bei der man sich nicht ganz vom Straßenleben ausgenommen fühlt, ist pures Vergnügen (S. 349). David Byrne ist also Radfahrer aus Vergnügen und daher kommt sein Buch auch ohne jeden moralischen Zeigefinger aus.
Es macht Spaß mit David Byrne durch die Metropolen der Welt zu radeln und seinen wachen, witzigen und klugen Gedanken zu folgen, den Gedanken eines Flaneurs, eines Flaneurs auf dem Fahrrad.

David Byrne, Bicycle Diaries, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011