Heimat – was ist das?

HeimatSo eine Blogparade erinnert ein wenig an einen Schulaufsatz. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen etwas zum Thema Heimat zu schreiben. Dabei ist es sehr interessant.

Nomaden

Zu dem, was gemeinhin als „Heimat“ bezeichnet wird, habe ich ein extrem distanziertes Verhältnis. Das hat verschiedene Gründe. Meine Eltern haben viel dazu beigetragen, dass ich kein Heimatgefühl entwickeln konnte. Sie waren nie sesshaft und sind alle paar Jahre umgezogen und so zog es mich in Kindheits- und Jugendjahren von Nordrhein-Westfalen, über Hessen und Baden-Württemberg nach Bayern. Diese Umzüge waren jedesmal schmerzhafte Erfahrungen, Freunde und gewohnte Umgebungen verlassen zu müssen sind für einen jungen Menschen keine schönen Erlebnisse. Mit 19 Jahren habe ich die Notbremse gezogen und meinen Auszug erzwungen (damals wurde man erst mit 21 volljährig). Wo meine Eltern nach meinem Auszug überall gewohnt haben, weiss ich jetzt nicht mehr zu benennen.

Home is where the heart is

Ein weiterer Grund, weshalb ich den Begriff Heimat abgelehnt habe, ist die deutsche Geschichte. Heimat strömte für mich den penetranten Gestank von Blut und Boden aus. Das klang nach Volksgemeinschaft, Knobelbechern und schlechter Musik, damit wollte ich nichts zu tun haben.

Aber dann kamen Frank Zappa und Edgar Reitz. Die sensationelle TV-Serie „Heimat“ von Edgar Reitz aus den achtziger Jahren hat mich etwas mit dem Begriff versöhnt, auch wenn ich für mich keine Heimat hatte. Aber bei diesem Fernsehereigniss habe ich mich nach etwas Ähnlichem gesehnt.

Dies hat mir dann Frank Zappa beschert: „Home is where the heart is“. Damit konnte ich was anfangen. Das war wie „Heimat to go“, eine Heimat, die man immer bei sich trägt, die an keinen Ort gebunden ist. Und diese Heimat konnte auch in Dingen bestehen, in Büchern und Platten beispielsweise. In vielen Romanen und Musik habe ich mich meist heimischer gefühlt als im ständig wechselnden Wohnzimmer meiner Eltern. Literatur und Musik sind bis heute meine größte Heimat, der „Ort“ an dem ich mich geborgen fühle und gut auskenne, egal wo ich bin. Natürlich sind auch Menschen Heimat, gute Freunde, wo immer sie auch sind. Allerdings können auch Freunde flüchtig sein. Wie man Orte verlieren kann, kann man auch Menschen verlieren. Jeder kennt das.

Die verlässlichste Heimat finde ich also in der Literatur und in der Musik. Und seit einigen Jahren ist auch das Internet ein Stück Heimat. Wo immer man auch ist, das Internet ist in der Regel auch da und somit auch Menschen, die ich oft gar nicht persönlich kenne, die aber zu meinen täglichen Kontakten gehören und die ich nicht missen möchte.

Kreuzberg

Wollte ich aber einen realen Ort zu meiner Heimat erklären, so ist es wohl Berlin. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in Berlin verbracht und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich der Einfachheit halber „Aus Berlin“, obwohl ich in NRW geboren bin. An meinen Geburtsort habe ich keinerlei Erinnerung. Berlin ist allerdings zu groß um als Heimat dienen zu können. Wann war ich schon mal in Spandau oder in Rudow? Über 30 Jahre habe ich in Kreuzberg gelebt und ich war sehr sesshaft. Ganze zwei Wohnungen habe ich in all den Jahren bewohnt. Und wenn ich heute nach Kreuzberg komme, spüre ich tatsächlich so etwas wie Heimatgefühle.

Dabei wohne ich schon seit 13 Jahren in Frankfurt am Main, einer Stadt, in der ich schon in der Kindheit gelebt habe. Frankfurt könnte so auch als Heimat taugen, tut es aber nicht, obwohl ich mich hier wohl fühle.

Heimat ist für mich daher etwas Trügerisches, nichts auf das man sich verlassen sollte. Alles was zählt ist also: Home is where the Heart is!

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Blockupy

Mit ca. 25000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Blockupy-Demonstration vom 19. Mai 2012 die seit Jahrzehnten größte Demo in Frankfurt am Main.