Gretchen – der neue Roman von einzlkind

Gretchen

Wer ist einzlkind?

Vor drei Jahren erschien unter dem Pseudonym einzlkind im Berliner Verlag Edition Tiamat der Roman Harold, ein aberwitziges Roadmovie voller absurder Geschehnisse und skurriler Gestalten. Eine unvergessliche Lektüre, die das Feuilleton sowie die Leserschaft gleichermaßen begeisterte und dem Verlag einen Bestseller bescherte. Wilde Spekulationen schossen ins Kraut wer sich hinter einzlkind wohl verbergen möge. Bis heute blieb das Geheimnis ungelüftet.

Jetzt wird wieder spekuliert werden, denn kürzlich ist der zweite Roman von einzlkind erschienen, Gretchen. Dieses Mal hat der Verlag weder Kosten noch Mühe gescheut und dem Buch einen festen Einband nebst Schutzumschlag und Lesebändchen spendiert. Er verspricht sich offensichtlich einiges von diesem Roman, zurecht. Gretchen also, wieder ein Name als Titel, dieses Mal ein Frauenname der an Goethe denken lässt oder an Gretel aus dem Märchen.

Es geht furios los und auf den ersten Seiten fühlt man sich in die absurde Bilderwelt eines Eugen Egner oder in frühe Romane Herbert Rosendorfers versetzt.

Wir lernen Gretchen Morgenthau kennen, eine Wienerin, die nicht mehr in der Blüte ihres Lebens steht aber hellwach und schlagfertig ist. In einem zweiten Erzählstrang wird uns Kyell vorgestellt, ein junger Tierarzt wider Willen, der auf dem Eiland Gwynfear unweit von Island lebt. Beider Geschichte erzählt einzlkind in drei Teilen/Akten und 28 Kapiteln. Hatten wir es bei Harold mit einem Antihelden zu tun, der ohne die Begleitung des elfjährigen Melvin aufgeschmissen wäre, so ist Gretchen eine starke, modebewusste Frau, die sich nichts vormachen lässt.

Vor Gericht

Sie lebt in London auf bescheidenen 120 Quadratmetern und hat Probleme in der nur zwölf Quadratmeter großen Kleiderkammer ihre Garderobe unterzubringen. Nach dem vergeblichen Versuch als Auftragskiller durchs Leben zu gehen, wählte Gretchen die Theaterlaufbahn und wurde Intendantin.

Gretchen ist krank, sterbenskrank – Schnupfen. Der benachbarte pensionierte Arzt und ihr lebenslanger, wenn auch unerhörter, Verehrer, Dr. Mandelberg diagnostiziert eine Verstopfung und empfiehlt Kamillentee. So fängt dieser aberwitzige Trip an, der uns über einige von Gretchens Lebensstationen erwartungsgemäß nach Gwynfear führt. Unterwegs begegnen wir allerhand ungewöhnlichen Figuren, unter anderem einem Taxifahrer, der behauptet Wikipedia auswendig zu kennen, aber nur elektrische Zahnbürsten verkaufen will, einem Wiener Lehrer, der Gretchen ob ihrer Regiearbeit am Burgtheater zur Sau macht, einem Pfarrer für alle Weltreligionen, einem Richter mit Vorliebe für Absinth und Camus, Stalin, dem Kater und einem Haubentaucher namens Charles Manson. Wie auch schon in Harold ist dieser Roman reich an Anspielungen und Assoziationen. einzlkind jongliert mit Namen aus der Literatur und dem Theater, dass es eine reine Freude ist. Tykwer, Halldór, Grass, Rainald Goetz, Alexander Kluge, Sophie Rois, Bertolt Brecht, Thomas Bernhard – sie Alle tauchen mehr oder weniger verschlüsselt in dieser aberwitzigen Geschichte auf. Selbst die Kapselkaffee-Werbung von George Clooney ist es wert, Erwähnung zu finden. Auf Bezüge zu Joyce und seinen Ulysses, die noch in Harold so zahlreich waren, müssen wir allerdings bis zum Schluss warten. Es ist nicht zuviel verraten, wenn gesagt wird, dass Gretchen mit dem selben Wort endet wie der Ulysses – Ja.

Gegen Ende des ersten Aktes landet Gretchen vor Gericht. Diese Gerichtsverhandlung ist ein dramaturgischer Höhepunkt des Romans, ein absurdes Theater, mit Gretchen und dem Richter als Hauptdarstellern und einem Publikum, das unterhalten werden möchte – Abonnenten-Publikum und aufgespritzte Champagner-Drosseln. Ihr wird Trunkenheit am Steuer vorgeworfen, zudem soll sie mit ihrem Jaguar ein Polizeiauto demoliert haben („Sechs oder sieben Gläser. Auf keinen Fall mehr als acht.“). Der Richter hat ein Faible für außergewöhnliche Urteile, die eher als Erziehungsmaßnahme zu werten sind. Und so wird Gretchen zu vier Wochen Gwynfear verdonnert, wo sie eine Theateraufführung mit den Bewohnern einstudieren und aufführen soll.

Tomatensaft oder Blut?

Die Überfahrt nach Gwynfear leitet den zweiten Akt ein. Der Fährmann, ein Fischer, ist Gretchen intellektuell ebenbürtig und sogar in Modedingen bewandert. Auf Gwynfear, das sich auch als Böcklins Toteninsel vorstellen lässt, wird unsere Heldin wie ein Staatsgast empfangen. Die Bevölkerung entpuppt sich als kultur- und theaterbegeistert und gefällt sich in mehr oder weniger fachkundigen Bemerkungen und Gesprächen. Hier lernt die Frau Intendantin dann auch den schweigsamen Kyell kennen, den sie zu ihrem Assistenten macht. Peer Gynt ist das Stück ihrer Wahl. Dieser Vorschlag stößt allerdings nicht auf allzu viel Gegenliebe bei den Einheimischen. Aber da Gretchen ohnehin nur wenig Lust hat, überhaupt ein Stück zu inszenieren, überlässt sie schließlich Tule, einem mit Kyell befreundeten Journalist, die ganze Arbeit und freie Hand. Gretchen scheitert derweil lieber bei dem Versuch, einige kernige Schotten, die abgelegen auf der Insel hausen, mit deren selbst gebranntem Whisky unter den Tisch zu saufen. Anschließend schläft sie drei Tage.

In Tules selbständiger „Regiearbeit“ geht es um den Tod, oder besser um die Frage: Tomatensaft oder Blut. Gretchen ist nicht angetan, fürchtet um ihren posthumen Ruf und spricht ein Machtwort. Es wird wieder Peer Gynt einstudiert. Und wer schon die ganze Zeit auf die Gretchenfrage gewartet hat, im zweiten Akt wird sie gestellt.

Der dritte Akt besteht nur aus einem einzigen Kapitel und gilt dem letzten Tag Gretchens auf Gwynfear. Mehr soll hier nicht verraten werden.

einzlkind beherrscht das literarische Handwerk perfekt. Gretchen ist bei allem Humor und Witz ein ernster und durchaus melancholischer Roman, der nicht weniger verhandelt als große Themen wie das Leben, die Kunst und den Tod. Es ist die große Kunst von einzlkind, Melancholie und Humor in diesem wunderbaren Roman zu einer Einheit geformt zu haben und dabei auf jeden Klamauk zu verzichten.(„Humor ist eine sehr ernste Angelegenheit, deshalb verstehen lustige Menschen Humor ja auch nie“)

Und wir sollten uns von dem undeutlichen Autorenfoto nicht blenden lassen – was ist, wenn einzlkind eine Frau ist? Aber eigentlich ist das auch egal. Gretchen ist ein würdiger Nachfolger von Harold. Und der Umschlagtext „Sie haben Harold geliebt? Dann werden Sie Gretchen hassen.“ ist eine kokette Warnung. Sie werden Gretchen lieben.

Aber lassen wir unserer Heldin das letzte Wort: „Hauptsache, du benutzt kein Pseudonym. Es gibt nichts Schlimmeres, als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“

Edition Tiamat, Berlin 2013, 240 S., € 18,-

Meine Buchmesse 2012

Zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse fühlte ich mich wie ein begossener Pudel. Es regnete heftig, als ich gegen neun Uhr am Sonntagabend auf mein Rad stieg um quer durch Frankfurt nach hause zu fahren. Endlich dort angekommen, zog ich noch im Flur die nassen Klamotten aus und trockene an, rubbelte die tropfenden Haare und stiefelte beschirmt ins Wirtshaus. Hunger, Durst und das drohende schwarze Loch, in das ich bislang nach jeder Messe, diesem Familientreffen, gefallen bin, trieben mich dorthin.

Suhrkamp

Den letzten Messetag verbrachte ich bei den ehemaligen Kollegen vom Suhrkamp Verlag. Ich durfte beim Verkauf helfen und anschließend beim Abbau. Mein blaues Suhrkamp Namensschild hatte ich noch, jetzt konnte ich es wieder mal tragen. Mit Suhrkamp hörte die Messe auf, mit Suhrkamp fing sie an.

Am Dienstag half ich mit, den Stand mit Büchern zu bestücken. Jetzt kenn ich mich wieder etwas besser mit dem aktuellen Programm aus. Früher hatten wir immer Schwierigkeiten, all die Bücher im Messestand unterzubringen, jetzt hat der Verlag einen neuen und man musste sich anstrengen, die Regale mit Büchern zu füllen. Viel Platz also für eine frontale Präsentation, was ja auch eine schöne Sache ist.

Das sind die besonderen Momente, vor Beginn oder am Ende der Messe, wenn das Publikum noch nicht, oder nicht mehr durch die Gänge strömt, am Dienstag voller Vorfreude und am Sonntag erleichtert, dass es vorbei ist und deswegen auch ein bißchen traurig. Dazwischen liegen ereignisreiche, lange Tage und kurze Nächte.

Am Mittwoch brachte ich meinen kleinen Büro-Laptop zum Stand von Faust-Kultur und bestellte nach Anweisung mein Passwort für den WLAN-Zugang der Messe. Fürderhin war ich der Einzige bei Faust-Kultur, der den Laptop morgens mit dem Buchmesse-Netz verbinden konnte. Die Apfelnutzer wussten mit dem Windows Rechner nicht so recht umzugehen.

Liebeskind Verlag und Twittwoch

Es folgte mein üblicher Trampelpfad, auf der Suche nach bekannten Gesichtern und einem spendierten Kaffee nebst Keksen. Wie immer freundschaftlich empfangen wurde ich beim Liebeskind Verlag. Für lebenswichtige Dinge wie Kaffee, Wasser, tolle Bücher und nicht zuletzt nette Menschen ist Liebeskind meine erste Adresse. Und irgendwann hat der Verlag auch eine eigene Facebook-Seite, ganz sicher.

Am Mittwochnachmittag stand dann der schon tradionelle Twittwoch auf dem Programm, ein Highlight. In 15-minütigen Präsentationen stellten Verlage und Andere ihre Social-Web-Aktivitäten vor. Mir besonders im Gedächtnis geblieben ist die Vorstellung des Spektrum Wissenschafts-Verlags, der auf erfrischende, informative und sehr kurzweilige Art seine Präsenz auf Facebook und Twitter darstellte. Etwas ganz Besonderes aber lieferten die beiden sympatischen Damen des Onkel&Onkel Verlags. Mutig, genau und sehr selbstbewusst schilderten sie die Geschichte eines Scheiterns. Über eine Crowdfunding Plattform hatten sie versucht, € 10000,- für ein Buchprojekt zu sammeln. Es kamen lediglich ca. neunhundert Euro zusammen, das Projekt war grandios gescheitert. Sehr offen erläuterten die beiden Frauen alle Maßnahmen, die sie ergriffen hatten, um ihr Projekt zu verwirklichen. Am Ende nutzte alles nichts und sie gaben auf. Das Social Web ist kein Goldesel, das wurde deutlich. Leider blieb keine Zeit um über die Gründe dieses Scheiterns zu diskutieren. Dieser Messe-Twittwoch war wieder eine spannende und unterhaltsame Veranstaltung. Die umtriebige Wibke Ladwig hatte ihn mit organisiert und auch flott und witzig moderiert. Die üblichen technischen Schwierigkeiten („kein Netz, arrrgh!“) gehören wohl dazu.

Eine Einladung des Knaus Verlags zu einer Messeparty (Betreutes Trinken) habe ich ausgeschlagen. Ich war müde und saß noch mit einigen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in einer stylischen Burger-Bude in Bockenheim.

Literatur-Nobelpreis und Besuch aus Stuttgart

Am Donnerstag wurde dann der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben. Der chinesische Autor Mo Yan wurde geehrt und freuen durfte sich auch der Schweizer Unionsverlag, der die meisten Titel des Autors im Programm hat. Am Stand von Suhrkamp/Insel herrschte ebenfalls dichtes Gedränge. Mit „Die Sandelholzstrafe“ liegt im Insel Verlag ein Hauptwerk des neuen Nobelpreisträgers vor. Man hatte vorgesorgt und einige Exemplare dieses Titels vorrätig. Und auch die chinesische Regierung hatte nichts gegen den Preisträger einzuwenden, gilt Mo Yan doch als systemkonformer Künstler.

Am Donnerstag reiste auch mein alter Freund, der Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, Joe Bauer in Begleitung seiner Lebensgefährtin an. Sie wollten die Lesung Richard Fords, die am Abend im Schauspiel stattfinden sollte, besuchen. Von Joe ist zur Messe sein mittlerweile viertes Buch erschienen, die Kolumnensammlung – „Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart“. Wir trafen uns am Stand seines Berliner Verlegers Klaus Bittermann (Edition Tiamat).

Der Donnerstagabend ist traditionell dem Fest des S.Fischer Verlags vorbehalten. Da trifft man dann alle, die man sonst im Messetrubel nicht trifft. Entsprechend voll ist es immer. Und so ist die Ankündigung „Bis heute Abend bei Fischer“ mit Vorsicht zu geniessen. Viele trifft man eben doch nicht dort, oder wenn, reicht es oft nur zu einem kurzen Gruß. Ich habe etliche Leute nicht gesehen, obwohl sie da waren. Aber meinen ehemaligen Kollegen und Freund Florian Andrews begegnete ich beim Fischerfest. Wir belegten einen Stehtisch im hinteren Teil des Verlagshofes und verließen den auch den ganzen Abend nicht mehr. Die Kellner hatten unseren Tisch fest in ihre Route eingeplant, so dass an Wasser und Wein kein Mangel herrschte. Viele Bekannte und Unbekannte fanden sich im Laufe des Abends an unserem Tisch ein. Es war unterhaltsam und kurzweilig und um kurz nach zwölf war wie immer Schluss.

Stephan Thome und Henry Jaeger

Am Freitag traf ich Stephan Thome am Suhrkamp Stand. Wir plauderten ein wenig und ich lies mir seinen wunderbaren Roman „Fliehkräfte“ signieren. Sein erstes Buch, „Grenzgang“ hat mir allerdings noch besser gefallen. Der Roman ist ein Meisterwerk und „Fliehkräfte“ kommt nicht ganz an ihn heran.

Am Abend wurde dann der „Virenschleuder-Preis“ verliehen, eine Auszeichnung für originelle Social-Media-Marketing-Aktivitäten. Ich konnte leider nicht teilnehmen. Um 20 Uhr präsentierten der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph und der Grimme-Preisträger Peter Zingler im Rahmen der Lesereihe „Open Books“ im Frankfurter Kunstverein den Roman „Die Festung“ des Frankfurter Autors Henry Jaeger. Jaegers Sohn Marcus erzählte, wie es war, als Sohn eines Bankräubers und Bestsellerautors aufzuwachsen. Als Kind war für ihn ein Schriftsteller jemand, der Telefonbücher schrieb.

„Die Festung“ erschein erstmals vor fünfzig Jahren und ist mittlerweile, ebenso wie sein Autor, fast vergessen. Jaeger, ein ehemaliger Bankräuber und Kopf der „Jaeger Bande“ hatte, um dem Wahnsinn zu entgehen, den Roman im Knast geschrieben. Er wurde ein Welterfolg und mit Hildegard Knef und Martin Held verfilmt. Der Frankfurter B3 Verlag hat das Buch jetzt dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Im Anschluss an die Lesung zogen wir weiter ins Literaturhaus. Dort feierten, erstmals an diesem Ort, die sog. Independant Verlage ihr Messefest. Vor der Party wurde zunächst der Preis der Hotlist vergeben, der Buchpreis der unabhängigen Verlage. Er ging in diesem Jahr an den Grazer Literaturverlag Droschl für den Roman „Dunkelheit am Ende des Tunnels“ von Tor Ulvens. Im ersten Stock war ein Büchertisch eingerichtet, an dem man die nominierten Titel einsehen und kaufen konnte.

Bundespräsident Gauck und Cosplayer

Der Samstag ist der erste Publikumstag, wie immer wurde es sehr voll. Die Cosplayer mit ihren phantasievollen Kostümen belagerten den riesigen Messehof. Es schienen mir aber weniger zu sein als in den letzten Jahren.

Den Publikumstag nutzte auch Bundespräsident Gauck zu einem Besuch der Messe. Ungeplant bin ich in Halle 4 hängengeblieben. Sicherheitsleute hatten den Eingang abgesperrt. Ich wartete in der ersten Reihe. Als er dann schnellen Schritts und fröhlich winkend, durch die Halle zur Rolltreppe eilte, machte ich ein paar unscharfe Fotos. Hinter mir rief jemand „Hallo, Herr Bundespräsident“. Auf seinem Messerundgang hat der Präsident dann auch noch den Suhrkamp Verlag besucht und mit Geschäftsführer Thomas Sparr und Stephan Thome geplaudert.

Thome hatte ich am Mittag zufällig am Stand der ARD gesehen. Ein Journalist, dessen Namen mir entfallen ist, sprach mit ihm über „Fliehkräfte“. Er beendete das Gespräch mit der Bemerkung, „Fliehkräfte“ sei ein „schöner, kleiner Roman“. Das trieb Thome, angesichts der 470 Seiten seines Romans, ein entsetztes Lächeln ins Gesicht. Als der ARD Mann sich korrigierte, liefen die Kameras bereits nicht mehr.

Am Abend wollte ich, nach einem Abendessen in einem Bornheimer Wirtshaus, gegen 21 Uhr ins Literaturhaus fahren. Es war wieder Party und Tanzen angesagt. Diesesmal das Abschlussfest der „Open Books“ Lesereihe. Just in diesem Moment fing es heftig zu regnen an, so dass ich, statt ins Literaturhaus zu radeln, lieber nach hause fuhr.

Wahrscheinlich eine gute Entscheidung, denn ich musste ja am nächsten Tag um zehn Uhr am Suhrkamp Stand erscheinen.

Meine Buchmesse 2011

Den ersten Kaffee am Mittwochmorgen gab`s bei Suhrkamp. Ein paar Leute kenne ich ja dort noch und es gab echte Wiedersehensfreude. Ein Kaffee, abends ein Bier und einige Bücher sind für mich immer drin. Sehr schön ist der neue Suhrkamp-Messestand, hell, offen, schlicht und elegant – sehr gelungen.

Aber ich war auf dem Weg zu Faust Kultur. Das feine Online-Magazin (betrieben von ehemaligen Suhrkampleuten) feierte sein einjähriges Bestehen. Die Verlage Anabas und Büchse der Pandora hatten Faust eingeladen, sich an ihrem Verlagsstand zu präsentieren. Die ersten vier Bände der schönen Edition Faust wurden natürlich auch gezeigt. Faust KulturEs dauerte eine Weile, bis ich den Rechner zum Laufen brachte, aber irgendwann lief alles. Dieser kleine Stand war mein Stützpunkt während der Messe. Ich konnte meine Jacke unterbringen und die Messebeute lagern.

Wie auch schon bei den Messen der letzten Jahre, spielte das Thema Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Wohin geht die Branche, gibt es in zehn Jahren noch gedruckte Bücher? Manchmal hat diese Diskussion etwas Verbissenes, Dogmatisches. Für die einen ist ein Text kein Text, wenn er nicht gedruckt ist, andere lesen nur noch digital. Ich bin altmodisch, lese nur gedruckte Bücher, „Holzbücher“ wie manch einer abschätzig meint. Aber das ist sicher kein in Stein gemeiseltes Statement. Der Inhalt geht bei dieser Diskussion oft unter, er scheint niemand mehr zu interessieren. Ein schlechter Text ist ein schlechter Text, egal in welcher Form er publiziert und vertrieben wird.

Am Mittwoch gab es dann gleich den 1. Twittwoch bei der Frankfurter Buchmesse. Ich hatte an so einem Twittwoch noch nie teilgenommen. Es war interessant, verschiedene Initiativen, Organisationen und Unternehmen stellten sich und ihre Social Media Aktivitäten vor. TwittwochNoch interessanter war dann aber am nächsten Tag der sog. Kick Off zum Virenschleuderpreis 2012. In diesem Jahr erstmals vergeben, zeichnet der Preis erfolgreiche und originelle Marketing- konzepte im Social Web aus. Die Vorträge der Vertreter aus der Game- und Filmbranche über deren Facebooknutzung waren interessant und durchaus lehrreich. Danach gab`s Bier.

Die Buchmesse ist nicht zuletzt ein großes Familientreffen. Manche Freunde, Kollegen treffe ich nur einmal im Jahr, in Frankfurt zur Messe. Andere, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, laufen mir plötzlich über den Weg. Man verabredet sich dann bestenfalls für den nächsten Tag auf einen Kaffee und erzählt und läßt sich das Leben der vergangenen Jahre erzählen. Bis zum nächsten Mal. Und dann lief mir auch noch in Halle 3.1. die S. über den… aber nein, das gehört hier nicht hin.Schauen ja, anfassen nein.

Meine Messegäste gaben sich quasi den Schlüssel in die Hand, haben sich aber trotzdem nicht gesehen. Jedenfalls haben sie sich klaglos mit der Einmannzeltluftmatraze zufrieden gegeben. Stefan M. aus H. erlebte seine erste Messe mit einer Übernachtung in Frankfurt. Ich nahm ihn mit zum Fest des S. Fischer Verlags, vorher mußte er aber noch Apfelwein trinken. Immer noch mein liebstes Messefest, eine Pflichtveranstaltung, auch wenn sich meine alte Doppelkopftruppe in alter Tradition zeitgleich im Klabunt zusammenfand um Karten zu spielen – ich mußte zu Fischer. Der Herr M. wollte das Klabunt dann auch kennenlernen, also sind wir nach Fischer noch dorthin. Die eine Hälfte der Dokotruppe saß auch noch dort. Große Freude.

Am Freitag löste dann der sympatische aber vergessliche TAZ Blogger Detlef K. den Herrn M. als Messegast ab. Es gab einige Komplikationen und Verwirrungen, die hier ebenfalls nicht hingehören. Letztendlich ging aber alles gut. Vor vier Jahren hatte ich eine Lesung mit Detlef im Klabunt organisiert. Es war eine schöne Lesung – daher kennen wir uns.

Freitagsabend findet traditionell die Party der sog. „Jungen Verlage“, manch einer sagt auch „Independants“. Dort wird immer der Preis der Hot List verliehen, eine Art Gegenveranstaltung zum Deutschen Buchpreis. Dieses Jahr ging der Preis an Nino Haratischwili. Anschliessend wurde getanzt. Es war laut im Sinkkasten und voll, nach einem Bier habe ich mich verabschiedet. Sinkkasten

Aber es wurde nicht nur gefeiert. Für mich haben sich doch immerhin einige Optionen ergeben, die eventuell ein gewisses Potential für die Zukunft haben. Ich könnte sagen, es war eine erfolgreiche Messe.

Befremdlich fand ich die hypermoderne Halle im Hof, die AUDI nach der kürzlichen IAA dort hat stehen lassen. Sie kostete sicher mehr als ca 90% der anwesenden Verlage im Jahr Umsatz machen. Media und EntertainmentIn dieser modernen Halle war unter anderem die Antiquariatsmesse untergebracht – ein schöner Anachronismus. Der AUDI Slogan, „Vorsprung durch Technik“ der groß an der Halle prangte, ließ sich, leicht abgewandelt, auch prima für die Buchbranche nutzen – „Vorsprung durch Wissen“. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob es bei der Messe um Wissen ging. Es wurde durchaus auch gelesen, aber meist ging es wohl um Entertainment. Es wurde auch gelesen.Nichts symbolisierte dies mehr als die Hunderte von Mangamädels und Jungs, die mit oft sehr phantasievollen Kostümen während der Publikumstage den verbliebenen Freiraum neben der Audihalle bevölkerten.

Der Sonntag ist dann der Schnorrertag. Für mich ist es keine Messe, wenn ich nicht mit einem stattlichen Bücherstapel nach Hause komme. Verleger Bittermann schenkte mir sein neues Buch und ein älteres gleich dazu. Bittermann hat sich ohnehin um die Literatur verdient gemacht, er hat „Harold“ von einzlkind verlegt. Nicht ohne Stolz verwies er auf die vielen Auslandslizenzen, die er von diesem wunderbaren Roman verkauft hat. Nicht weniger stolz war er auf das Interview, dass die FAZ für ihre Messezeitung Nr. 5 mit ihm gemacht hat. Sehr witzig.

Erstmals auf der Messe vertreten war der kleine, aber feine Hablizel Verlag aus Lohmar. Der Verleger und sein Stand - Markus HablizelMan wünschte ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit, er hat`s verdient. Den besten Espresso gibt`s immer noch bei Liebeskind, und sogar noch Äpfel. Vitamine kommen in der Regel zu kurz bei der Messe.

Letztmals auf der Messe war der Eichborn Verlag. Die Kolleginnen und Kollegen dort nahmen diese Abschiedsvorstellung offensichtlich mit Galgenhumor. Sie sind Leid gewohnt und mir wird der Verlag fehlen.

Am Sonntag war dann Verkaufstag und viele Verlage nutzten die Gelegenheit. Manch einer ging dabei recht leger mit der Buchpreisbindung um. Was soll´s, es ist Messe.

Und dann waren plötzlich die fünf Tage vorbei und es wurde abgebaut. Und dabei habe ich… – aber das gehört auch nicht hierher. Bis nächstes Jahr.

P.S. Bedanken muss ich mich auch bei Schöffling & Co., DuMont, Piper, Kein und Aber, dem Berlin Verlag und besonders bei Corso, für das Willkommensein und für lebensverlängernde Maßnahmen wie Kaffee und wunderschöne Bücher.

einzlkind – Harold

Die Presse feiert diesen Roman in seltener Einmütigkeit. Der Spiegel, die FAZ, die FR und viele andere finden kaum die passenden Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Selbst Hans Magnus Enzensberger wird zitiert: »…das ist ja ziemlich wunderbar. Ich meine Harold

Und genau darum geht es, um einen skurrilen Roman mit dem Titel Harold. Als Autor fungiert jemand, der angeblich in England wohnt, oder in Deutschland, und unter dem Pseudonym einzlkind antritt. Wohin das führt, wenn Autoren Phantasienamen verwenden, unter denen auch Hamburger Popbands firmieren könnten, werden wir hoffentlich nie erfahren. Verleger Bittermann ließ es sich nicht nehmen, in seinem Umschlagtext darauf hinzuweisen, dass das Manuskript unverlangt an den Verlag geschickt wurde und trotzdem erschienen ist. So schafft man Legenden.

Harold ist betitelt nach seinem Helden, einem arbeitslosen Wurstverkäufer. Und schon ist man in die Falle getappt. Denn Harold ist eine Null, ein Antiheld, niemand, der eine Geschichte von doch immerhin 222 Seiten zu erzählen hätte. Der wahre Held ist der elfjährige Melvin, und der beschwert sich im Umschlagtext zu Recht, dass er nicht im Titel erwähnt wird. Melvin ist ein Genie, ein vermeintliches freilich.

Selbstverständlich kennt Melvin sich bei Pferden und Trabrennen aus. Mit Kennerblick studiert er Pferde und Jockeys. Die 8 wird gewinnen, Orpheus, ganz sicher! Harold verballert seine letzten 20 Pfund. Orpheus wird Letzter. Auch verliert Melvin eine Schachpartie, bei der es immerhin um 100 Pfund geht. Unserem Superhelden sind Grenzen gesetzt. Harold und Melvin sind also Ein arbeitsloser Wurstfachverkäufer, der sich chronisch selbst umbringt und das wahrscheinlich größte lebende Genie seit Hegel. Und zusammen begeben sie sich auf die Suche nach Melvins leiblichen Vater.

Um dieses Roadmovie zu erzählen, greift einzlkind völlig ungeniert in die große Kino- und Literaturkiste. Hier ein bisschen Harold and Maude und Frühstück bei Tiffany, dort etwas Nick Hornby, eine Prise John Irving, ein Schuß britischen Humor a la Monty Python und schon sind die wesentlichen Zutaten zu diesem aberwitzigen Buch beisammen. Selbst James Joyce findet seinen Niederschlag. Im Ulysses hat Melvin gesparte 800 Pfund versteckt, die er im Laufe der Zeit in der Geldbörse seiner Mutter gefunden hat. Später landen die beiden in einer üblen Absteige, namens Molly Blooms Pension. Auch hier gelingt es Melvin, trotz seiner außerordentlichen rhetorischen Fähigkeiten, nicht, den Preis für die Präsidentensuite zu drücken. Allein der Versuch ist jedoch ein großes Lesevergnügen.

Ein großes Lesevergnügen ist indes der ganze Roman. Trotz aller Patchworktechnik habe ich mich prächtig amüsiert. Wer Spaß hat an seltsamen Wortschöpfungen und Formulierungen wie die Milch war um, oder auch pimaldaumen, Melvin strohhalmt Cola, findet in diesem Roman reichlich Stoff. Schön ist eine kleine Episode um ein deutsches Touristenpaar in Liverpool, das dort, „Ferry Cross The Mercy“ singend, weltkulturerben darf. Da nützen auch alle Beschimpfungen Melvins nichts.

Nein, ein Engländer ist der Autor nicht. Wer immer einzlkind ist, wer immer diesen kleinen Roman geschrieben hat, es muß einen höllischen Spaß gemacht haben. Und dieser Spaß überträgt sich auf die Leser. Sollte sich hinter einzlkind der Verleger Klaus Bittermann selbst verbergen, wie die Frankfurter Rundschau mutmaßte, würde das nicht verwundern. Wer in Bittermanns Blog stöbert, wird feststellen, dass der Verleger viel Spaß hat am Fabulieren. Letztendlich ist es auch egal, wer diesen Roman geschrieben hat. Unser Vergnügen wird durch dieses Rätsel nicht geschmälert, den bleiben wird Harold.

Lassen wir Jim, dem Tankwart, das Schlusswort: „Lieber Einzelkind als gar keine Geschwister.“

Edition Tiamat Berlin 2010

Critica Diabolis 173

ISBN 978-3-89320-142-6

€ 16,-