Für Sibylle Jud

Am 12. Februar 2016 starb meine gute Freundin Sibylle Jud. Sie wurde nur 50 Jahre alt. Diesen Brief wollte ich schon kurz nach ihrem Tod schreiben. Aber über mehr als einen Satz bin ich nicht hinaus gekommen. Jetzt ein zweiter Versuch. Ich bin es ihr schuldig, auch wenn ich ihr mit meinen unzulänglichen Worten nicht gerecht werden kann.

Liebe Sibylle,

an deinem Todestag, dem 12. Februar 2016, habe ich den Mietvertrag für meine neue Wohnung unterschrieben. Eine Wohnung, die ich sehr mag und die du nie sehen wirst. Dabei bin ich jetzt für Gäste ganz gut eingerichtet. Du müsstest nicht mehr auf der Luftmatraze schlafen, wie in meiner vorherigen Bleibe, die du gut kanntest. Auch wenn du nie hier warst, lebt die Erinnerung an dich auch in dieser Wohnung weiter. Es vergeht seit deinem Tod kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Und das liegt auch an einer bunten, psychedelischen Glühbirne, die du mir für meine erste Wohnung in Frankfurt mitbrachtest. Dort habe ich sie kaum genutzt und wahrgenommen. Merkwürdigerweise hat sie den Umzug überlebt, hängt jetzt in meiner neuen Wohnung in der Küche und leuchtet jeden Tag für eine gewisse Zeit. Es ist dein Licht. gluhbirne

Wir kannten uns seit 20 Jahren. Im Jahr 1996 arbeitete ich in der Buchhandlung Kiepert in Berlin. Dort betreute ich unter anderem die detebe Taschenbuchreihe des Diogenes Verlags. Der Umsatz in der größten Buchhandlung Deutschlands war entsprechend. Das brachte mir in diesem Jahr eine Einladung des Verlags nach Zürich ein. Ich war einer von fünf Buchhändlerinnnen und Buchhändlern aus Deutschland, die zu einem Wochenend-Workshop nach Zürich geladen wurden. Flug, 4-Sterne-Hotel, alles dabei. Das größte Ereignis meines Buchhändlerlebens.

Silke und du waren für unsere Betreuung da. Mit mir hattet ihr am meisten zu tun. Ich war immer der Letzte, der ins Hotel wollte. Es war ein unvergessliches Wochenende. Nach den vier Tagen waren wir Freunde.

Du warst erst kurz zuvor aus Frankfurt zu Diogenes nach Zürich gekommen. In Frankfurt hast du in der berühmten Huss`schen Buchhandlung gearbeitet. Natürlich hatten wir auch gemeinsame Bekannte. Aber wer hätte damals gedacht, dass ich in wenigen Jahren selbst nach Frankfurt ziehen würde und zwar unter tätiger Mithilfe deinerseits? Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ich ohne dich niemals nach Frankfurt zum Suhrkamp Verlag gekommen wäre.

Man begegnet nur selten Menschen, die das eigene Leben in eine andere Richtung lenken. Für mich bist du so ein Mensch. Das war an diesem Wochenende in Zürich allerdings noch nicht absehbar. Wir blieben in Kontakt. Du hattest Freunde in Berlin, von denen ich seitdem einige auch zu meinen Freunden zähle, und kamst gelegentlich nach Berlin. Wir telefonierten ab und zu und trafen uns. Ich habe dich auch immer wieder gerne in Zürich besucht.

Bei einem dieser Besuche wollten wir mit einem deiner Freunde vom Haffmans Verlag einen „Spaziergang“ in den Zürcher Bergen machen. Er sollte etwa drei Stunden dauern, eine überschaubare Zeit. Das Wetter war schön, K., deinen Freund fand ich nett. Also sind wir frohgemut mit K.s Auto ein Stück weit ins Gebirg gefahren. Zu Beginn des „Spaziergangs“ tranken wir Weizenbier auf einer Alm am Sessellift und genossen die Aussicht. Anschließend stiefelten wir guter Dinge los. Ich trug stabile Turnschuhe, heute würde man wohl „Sneaker“ sagen, ihr wart professionell mit Wanderschuhwerk ausgestattet. An einer Weggabelung hast du entschieden, nach links zu gehen statt nach rechts. So wurde aus drei Stunden „Spaziergang“ eine veritable Wanderung von acht Stunden und etwa 1500 Höhenmetern. Ohne Proviant versteht sich, braucht man für drei Stunden auch nicht. Und doch blieb die Stimmung, bei aller Anstrengung, gut. Niemand hat gejammert oder geflucht. Wasser gab`s aus Bächen und irgendwelche Beeren am Wegesrand sorgten für eine rudimentäre Verpflegung. Das Naturerlebnis war dennoch überwältigend. Du gabst der Wandergruppe stets optimistische Prognosen. „Wir sind gleich da“, „Es dauert nicht mehr lang“, „Nur noch über diesen Kamm und dann kommt ein Wirtshaus nahe am Parkplatz“ und so weiter. Wir haben dir geglaubt, das hielt uns bei Laune, bei positiver Laune. Aber dann kam noch ein Kamm, noch ein Hügel, noch ein paar Höhenmeter. Es zog sich, doch unsere Stimmung kippte nicht. Aber irgendwann, nach acht Stunden, als wir die letzte Steigung erklommen hatten, erspähten wir unten im Tal das versprochene Wirthaus. Alles war gut und das Bier wahrscheinlich das beste, das ich jemals getrunken habe. Zu Essen gab es auch was. Wir bestellten. Als ich von der Toilette zurückkam, fand ich euch schallend lachend am Tisch. Der von mir bestellte Wurstsalat hatte sich als ein großer Salatteller entpuppt, in dessen Mitte eine rote Wurst ruhte wie ein junger Hund im Körbchen. Es war ein der Erschöpfung geschuldetes, befreiendes Lachen, das der kleinste Anlass auslösen kann. Dieser achtstündige „Spaziergang“ hat uns verbunden. Es war eine intensive Erfahrung, von der ich bis heute zehre.

Du warst Fußballfan. Der SC Freiburg war dein Verein (haben heute 2:1 gegen Köln gewonnen). Am 28. Mai 1997 bestritten Juventus Turin und Borussia Dortmund das Championsleague-Finale in München. Juve (dein Freund und Kollege Walter war glühender Juve-Fan, ist es wahrscheinlich heute noch) war Tabellenführer in Italien. Der BVB kämpfte gegen den Abstieg. Klar, wer Favorit war. Wir wetteten, du auf Juve, ich auf den BVB. Es ging um zwei Flaschen Champagner. Meine Gewinnaussichten waren eher gering. Es war das Spiel, in dem Lars Ricken zehn Sekunden nach seiner Einwechslung, nach Vorarbeit von Andi Möller, das sensationelle Tor aus 40 Metern schoss, das für immer in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Dortmund hat 3:1 gewonnen und du zwei Flaschen Champagner verloren. Du hast mich später gerügt, dass ich dich an diesem Abend nicht angerufen habe. Den Champagner tranken wir bei mir zuhause in Berlin. Anderthalb Flaschen haben wir geschafft, dann begleitete ich dich durch die Nacht zu deinem Gastgeber ein paar Straßen weiter. Bei mir bleiben wolltest du nicht.

Im Oktober 1999 hatte eine gemeinsame Freundin, K.,die ich selbstverständlich durch dich kennengelernt hatte, Geburtstag. Sie war erst kurz vorher mit ihrem Mann H., von Berlin nach Offenbach gezogen. Wir waren durch dich Freunde geworden und sahen uns in Berlin regelmäßig. Ich fuhr nach Frankfurt. Es war kurz nach der Buchmesse, auf der ich erfuhr, dass der Suhrkamp Verlag Verstärkung für die Verkaufsabteilung suchte. Ich habe mich nicht um den Job bemüht, weil ich bei Suhrkamp niemanden kannte. Wechselwillig war ich aber durchaus. Bei dieser Geburtstagsparty im Oktober 99 war dann auch der Verkaufsleiter von Suhrkamp anwesend, ein Freund und Kollege des Geburtstagskindes, den du selbstverständlich auch kanntest. Du sprachst ihn darauf an, ob die Stelle noch vakant sei. Sie war es, er wolle aber an diesem Abend nicht darüber reden, weil er auch schon was getrunken hätte. Ich solle mich aber schriftlich bewerben, er würde sich daran erinnern. Das tat ich dann auch. Das Geburtstagskind K. legte ebenfalls ein gutes Wort für mich ein. An meinem Geburtstag im Jahre 1999 rief mich der Verkaufsleiter in der Buchhandlung an und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt ein. Wenige Tage später fuhr ich hin. Das Gespräch mit dem damaligen kaufmännischen Geschäftsführer dauerte zehn Minuten. Am Abend hatte ich den Job. Heute ist U., der damalige Verkaufsleiter, ein Freund von mir.

Du hast vor einigen Jahren das Zürcher Büro gegen das Vertreterdasein eingetauscht und warst seither für Diogenes als Vertreterin in NRW unterwegs. Als Wohnsitz hast du Düsseldorf gewählt und dort sehr schnell eine wunderbare Wohnung gefunden. Ich habe dich zwei-dreimal besucht. Dass du Anfang 2014 die Altstadt-Buchhandlung in Ratingen übernommen hast, die von deinem Lebenspartner Sven geführt wurde und noch immer wird, habe ich nicht mitgekriegt. Ratingen, mein Geburtsort.

Im Jahre 2008 trafen wir uns zufällig in Bochum zu einem Konzert der Ruhrtrienale. In der Jahrhunderthalle spielten zum Abschluss Joe Henry, Billy Bragg und Rosanne Cash. Als ich bei der Halle ankam, standen plötzlich du und Sven vor mir. Das war ein wundervolles zufälliges Zusammentreffen. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich kein Hotel gebucht, sondern wäre mit euch nach Düsseldorf gefahren. So waren wir nach dem Konzert nur noch zusammen was essen. Dennoch, das war ein sehr schöner Abend.

Bei der Buchmesse 2014 warst du nicht dabei. Es hieß, du seiest krank. Gut, dachte ich mir, sie hat eine Grippe. Ich schrieb dir eine SMS, die unbeantwortet blieb. Im Folgejahr blieb Diogenes der Messe fern. Aber ich erfuhr, dass deine Krankheit wesentlich ernster war als eine Grippe. Ich weiß nicht, wie du die zwei Jahre nach der Diagnose verlebt hast. Wir hatten keinen Kontakt mehr und ein Leben nach einer solchen Diagnose übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Seit 2014 blieben dann auch die liebevollen Weihnachts- und Neujahrswünsche aus, mit denen du jahrelang deine Freundinnen und Freunde erfreut hast. Es bleibt so vieles aus seitdem.

neujahrsgrus

Liebe Sibylle, ohne dich wäre mein Leben anders verlaufen. Die Welt ist ärmer geworden durch deinen Tod. Du fehlst schmerzlich. Danke für alles.

Stefan

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Jakob Arjouni – Cherryman jagt Mr. White

Als Jakob Arjouni Mitte der achtziger Jahre den Deutsch-Türkischen Detektiv Kemal Kayankaya erfand und ihn im Frankfurter Bahnhofsviertel ermitteln ließ, redete noch niemand von Multikulti. Mit Happy Birthday, Türke legte er ein erfolgreiches Debut vor, dem anzumerken war, dass der Autor seine Vorbilder vor allem bei amerikanischen Autoren fand, besonders bei Dashiell Hammet. Die Sprache war knapp und hart, die Story schnell. Drei weitere Kayankaya-Romane folgten, der vorerst letzte, Kismet, erschien 2001.
Doch Arjouni hat sich nicht auf das Krimigenre festnageln lassen, sondern sich vielmehr immer wieder neu erfunden. So wurde er zu einem der vielseitigsten Autoren deutscher Sprache.
Er schrieb unter anderem ein Theaterstück (Edelmanns Tochter), Märchen (Idioten), präsentierte uns ein düstere politische Utopie (Chez Max) und schickte mit Magic Hoffmann einen wunderbaren Schelm durch das gerade vereinigte Deutschland.
Sein neuester Roman, Cherryman jagt Mr. White, führt uns in ein bedrückendes Szenario in einem trostlosen brandenburgischen Provinzkaff unweit Berlins.
Außer einem Supermarkt gibt es nicht viel in Storlitz. Einen Supermarkt und Heiko, Mario, Robert und Vladimir, die örtliche Nazigang, die dort immer rumhängt. Und es gibt unseren Helden, Rick Fischer, den Erzähler der Geschichte. Eine Geschichte um Erpressung, Nazis, Terror, Judenhass, Arbeits- und Perspektivlosigkeit und Angst – kurz, eine alltägliche Geschichte aus der ostdeutschen Provinz.
Erzählt wird der Roman aus der Rückschau. Rick schreibt einen Bericht an seinen Therapeuten, Dr. Layton. Er versucht zu erklären was passiert ist, weshalb er ist, wo er ist und wie es dazu kam.
Wir ahnen, dass eine Katastrophe passiert sein muss und erfahren, daß Ricks Eltern kurz nach der Wende im ersten Westauto bei einem Unfall ums Leben kamen und Rick, benannt nach Rick`s Cafe aus Casablanca, seitdem bei seiner Tante Bambusch aufwächst. Ricks Alltag ist bestimmt durch Langeweile und den Terror der Nazigang, dem er täglich ausgesetzt ist. Er flüchtet sich in eine Kunstwelt aus Comics und erfindet die Figur Cherryman, die stellvertretend für ihn das Böse, Mr. White, ausrottet.
Ricks Traum ist eine Lehrstelle als Gärtner, am besten in der großen Stadt Berlin, weg aus dem Kaff, weg von dem alltäglichen Terror der Supermarkt-Gang. Und ausgerechnet diese Gang verhilft ihm dazu, seinen Traum zu verwirklichen. Natürlich ist diese Hilfe nicht selbstlos.
Rick wird mit Pascal bekannt gemacht, einem geschniegelten Nazi aus Berlin. Dieser verspricht ihm eine Lehrstelle als Gärtner in der Hauptstadt. Er müsse Pascal nur einen Gefallen tun, nichts Gefährliches, nichts Verbotenes. Rick redet sich ein, es könne schon nicht so schlimm sein und willigt, mangels Alternative, ein. Kurze Zeit später hat er die Lehrstelle und fährt täglich mit dem Zug in die Stadt. Er lernt Marilyn kennen, benannt nach Marilyn Monroe, die immer den selben Zug nimmt und verliebt sich in sie. Das Bedrohungspotential durch die Gang wird mit Marilyn größer. Mehr oder weniger subtile Vergewaltigungs- und Gewaltandrohungen gegen sie und Tante Bambusch machen Rick gefügig.
Die Gärtnerei schickt Rick täglich in einen Park, den er pflegen soll. Dieser Park grenzt an einen jüdischen Kindergarten. Es gehört zu Ricks „Sonderaufgaben“, für Pascal und den Gärtner diesen Kindergarten zu bespitzeln und Pascal zu berichten, was er sieht. Während dieser Zeit freundet er sich mit dem zweijährigen Ninu an, später auch mit einer Kindergärtnerin. Bald stellt sich heraus, dass die Aufgabe sich nicht darin erschöpft, den Kindergarten nur zu beobachten. Die Situation wird für Rick immer auswegloser, sie eskaliert und explodiert endlich in einer, erwarteten, Gewaltorgie. Rick Fischer wird zu Cherryman.
Nicht meine Phantasien wurden Wirklichkeit, sondern meine Wirklichkeit wurde Phantasie. Anfangs jedenfalls. Am Ende war die Wirklichkeit stärker. (S. 111)
Jakob Arjouni hat mit Cherryman jagt Mr. White einen kurzen, beklemmenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben, der ein Bild zeichnet, das Teil unserer täglichen Realität ist.

Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White. Diogenes Verlag AG, Zürich 2011.