Mein 9. November 1989

Ein ganz normaler Tag

Wie jeden Tag fuhr ich am Morgen mit dem Rad zum Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg um in der dort gelegenen Buchhandlung Kiepert meinem Tagwerk nachzugehen. Niemand hat geahnt, daß am nächsten Tag alles anders sein würde.
Nach Feierabend fuhr ich wieder heim, durch den Tiergarten und über die Brache des Potsdamer Platzes, ein Stück weit an der Mauer entlang. Es war dunkel, die Grenzanlage beleuchtet, wie immer. Es war ein ganz normaler Tag. Zuhause tat ich, was ich meistens tat. Ich machte das Radio an und kochte irgendwas. Nach dem Abwasch gab es eine Kanne Tee, ich machte das Radio aus und setzte mich, wie so oft, auf das Sofa um zu lesen. Gegen 20 Uhr 30 rief mein Bruder an, der damals noch am Bodensee lebte. Er wollte wissen was in Berlin los sei, er hätte gehört, die Mauer sei offen. Ich schaute aus dem Fenster, alles war wie jeden Tag am beschaulichen Chamissoplatz. Nichts, antwortete ich, alles sei wie immer. Mein Wissenstand zu dieser Zeit war, daß DDR-Bürger Reisepässe beantragen und damit dann frei reisen könnten. Es gab täglich neue Nachrichten über die Entwicklung in der DDR. Eine Öffnung der Mauer konnte sich trotzdem kaum jemand vorstellen.
Nach dem kurzen Gespräch mit meinem Bruder widmete ich mich wieder dem Buch, später hörte ich wahrscheinlich Musik und trank Rotwein. Gegen 24 Uhr machte ich mich bettfertig und schaltete das Radio ein. Die Mauer sei offen, erfuhr ich.

Heinrich-Heine-Straße und Oberbaumbrücke

Ich zog mich wieder an, schleppte mein Rad runter und fuhr zum Übergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
Dort war es wie die Bilder es zeigten; eine unendliche Reihe Trabis und Wartburgs drängte sich durch den Übergang, es wurde auf Autodächer getrommelt und Sekt verspritzt, Deutschlandfähnchen wurden geschwenkt. Der Gestank von Zweitaktergemisch lag in der Luft. An diesem Tag für viele der Geruch der Freiheit. Tausende Menschen in marmorierten Jeansjacken blickten ungläubig gen Westen.
Ich fuhr weiter zur Oberbaumbrücke. Hier das selbe Bild, nur daß die Menschen zu Fuß kamen. Es war berührend, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Umarmt hatte ich niemanden, auch keinen Sekt getrunken.
In dem Bewußtsein, einen historischen Moment zu erleben, setzte ich mich nach zirka zwei Stunden wieder aufs Rad und fuhr von Kreuzberg 36 nach Kreuzberg 61. In meiner Stammkneipe Malheur, Gneisenau- Ecke Solmsstraße, trank ich noch ein Bier, vielleicht auch zwei. Dort war nichts zu merken von der Maueröffnung, DDRler hatten sich dorthin nicht verirrt. Die zog es Richtung Ku-Damm. Gegen halbvier legte ich mich für einem kurzen Schlaf ins Bett.

Der nächste Tag

Am Morgen fuhr ich wie immer mit dem Rad zur Arbeit, wieder am Potsdamer Platz vorbei. Dort war dann nichts mehr wie immer. Die ersten sogenannten Mauerspechte machten sich mit Hammer und Meißel an der Mauer zu schaffen, die bis gestern noch das Hammer und Sichel-Paradies einschloss. Einige Meter weiter in Richtung Esplanade und Tiergarten standen zwei schwarze Limousinen, umringt von einigen Neugierigen. Ich blieb auch kurz stehen und sah wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch eine Lücke in der Mauer ging und die VoPos auf der anderen Seite mit Handschlag begrüßte. Ich fuhr weiter durch den Tiergarten. Am Ernst-Reuter-Platz dann der erste Unfall zwischen einem Mercedes und einem Trabi. Es war nichts Schlimmes, aber der Trabi war eindeutig der Verlierer. Die Buchhandlung wurde voll an diesem Tag, wie an vielen folgenden Tagen auch, sehr voll. Viele Menschen aus dem Osten nutzten ihr Begrüßungsgeld um sich mit Lektüre zu versorgen, die sie in der DDR nicht lesen durften oder nicht bekamen: Stefan Heym, George Orwell und viele andere. Es gab große staunende Augen angesichts des Angebots der Buchhandlung – ein bißchen wie Kindergeburtstag mit vielen Oohs und Aaahs. Nicht nur die Buchhandlung war voll, alles war voll, die Straßen, die U-Bahnen, die Geschäfte. Bei Beate Uhse mussten die Leute geduldig sein, neue Besucher wurden nur noch eingelassen, wenn andere den Laden verließen. Die Schlange war sehr lang. Manche Aldi-Filiale schloss alle Stunde die Pforten um die Regale zu füllen. Das lag aber eher an den vielen Polen, die im Ford Transit anreisten und die Läden leerkauften um mit der Billigware zuhause einen guten Schnitt zu machen.
Am Abend kam es zum wohl legendärsten Auftritt eines deutschen Männerchors. Bei einer „Freudenfeier“ vor dem Rathaus Schöneberg stimmten Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Momper vor einer vieltausendköpfigen Menge die Nationalhymne an. Begleitet wurden sie von einem gellenden Pfeifkonzert, ob aus ideologischen oder musikalischen Gründen sei dahingestellt. Beides wäre möglich. Die TAZ hat die berühmte Aufnahme auf eine billige Plastik-Single pressen lassen und einer ihre nächsten Ausgaben beigelegt. Schade, daß ich die nicht mehr finde.

Adieu Westberlin

Am 10. Nov. kam mein Freund, der Journalist Joe Bauer, aus Stuttgart angereist. Er hatte einen der letzten Plätze im Flieger ergattert. Wir hatten schon öfter versucht, uns den Mauerfall vorzustellen. „Joe“, sagte ich dann immer, „wenn die Mauer fällt musst du kommen. Das müssen wir verhindern.“ Denn es ging uns ein bißchen wie Herrn Lehmann aus Sven Regeners gleichnamigem Roman.
„Die Mauer ist offen.“
„Was ist?“
„Die Mauer ist offen.“
„Ach du Scheiße.“
Der Fall der Mauer bedeutete nicht nur den Untergang der DDR, er bedeutete auch den Untergang des Biotops Westberlin. Und welche Ausmaße das annehmen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

Eine Radtour

Einige Tage später fuhr ich mit ein paar Freunden mit dem Rad durch Ostberlin. Das klingt banal, war aber was Besonderes. Zu Mauerzeiten war es verboten mit dem Rad nach Ostberlin einzureisen. Man durfte zwar auf dem Autodach ein Rad mitbringen und 50 Meter hinter der Grenze mit dem Fahrrad weiterfahren, aber mit dem Rad die Grenze passieren, das ging nicht, wieso auch immer. Aber jetzt ging das. In den letzten Tagen waren einige provisorische Grenzübergänge eingerichtet worden, am Brandenburger Tor etwa und am Potsdamer Platz. Dort reisten wir ein, tauschten Geld, denn den Zwangsumtausch gab es noch, allerdings zu einem deutlich besseren Kurs als 1:1. Vopos wurden mit Blumen beschenkt, Zäune mit Nelken und Rosen verziert. Jetzt radelten wir durch die Hauptstadt der DDR. Wir kreuzten den Alexanderplatz und fuhren immer weiter Richtung Osten. Ich weiß nicht mehr wo wir überall waren. Irgendwo sind wir in einem einfachen Lokal eingekehrt, haben Würstchen gegessen und Bier für vermutlich 57 Pfennige getrunken. Nach vier oder fünf Stunden war unser Ausflug beendet. Ich hatte Eisbeine, denn es war schweinekalt. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Die Stadt, die wir damals gesehen haben, gibt es mittlerweile so nicht mehr.

Hamlet/Maschine

Im November wurde im Deutschen Theater in Ostberlin die siebeneinhalbstündige Heiner Müller-Inszenierung Hamlet/Maschine uraufgeführt. Das letzte große Theaterstück der DDR, mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle. Die Proben begannen im August und die Premiere fand in einem anderen Land statt und das Stück bekam eine völlig andere Bedeutung. Es gelang mir für eine der folgenden Aufführungen eine Karte zu ergattern. Sie kostete 16 Mark der DDR, nach dem damaligen Kurs waren das ungefähr drei West-Mark. Ein beeindruckendes und trotz der Länge, kurzweiliges Theatererlebnis. Der Regisseur Christoph Rüter hat das Stück und die Arbeit daran in seinem sehr sehenswerten Film Die Zeit ist aus den Fugen trefflich dokumentiert.

Die Zeit danach

Die Wochen und Monate nach dem Mauerfall waren aufregend – vieles war möglich, es gab Freiräume. Ein Freund feierte Geburtstag im sogenannten Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade; im Sommer 90 verbrachte ich mit meiner damaligen Freundin ein Wochenende in Rheinsberg. Wir wohnten im Schloss, damals noch ein Sanatorium für Diabetiker. Sie hatten nicht genug Patienten und vermieteten einige Räume an Gäste. Das Doppelzimmer, zirka 40 qm groß, kostete 30 Mark. Gefrühstückt wurde mit den Diabetikern.

Der Kaisersaal wurde inzwischen um 50 Meter verschoben und ist jetzt in das Sony-Center genannte Glas- und Stahlensemble neben dem Potsdamer Platz integriert. Heiner Müller und Ulrich Mühe sind verstorben, im Rheinsberger Schloss kann man mittlerweile nicht mehr übernachten, die Buchhandlung Kiepert hat den Mauerfall um 13 Jahre überlebt, dann mußte sie sich den veränderten Umständen geschlagen geben und ich wohne schon lange nicht mehr in Berlin.

95 Jahre Oktoberrevolution

Vor genau 95 Jahren, im Oktober 1917 veränderte die Russische Oktoberrevolution die Welt. Einer der Chronisten dieses historischen Ereignisses war der amerikanische Journalist John Reed (1887 -1920).

Seine Erlebnisse hielt er in dem Buch „10 Tage die die Welt erschütterten“ (orig.: Ten Days that Shook the World) fest. Der Führer der Russischen Revolution, W.I. Lenin, war von dem Buch des Amerikaners derart angetan, dass er ein Vorwort verfasste. Lenins Nachfolger, Josef Stalin, missfiel jedoch die positive Darstellung Leo Trotzkis und er verbot Reeds Buch.

Cover von John Reed „10 Tage die die Welt erschütterten“.

Meine Ausgabe von „10 Tage die die Welt erschütterten“ habe ich vor vielen Jahren für 3 DM einem Kreuzberger Trödler abgekauft. Es ist die erste Auflage aus dem Dietz Verlag Berlin von 1957 und sehr gut erhalten. Leider fehlt der, von John Heartfield entworfene, Schutzumschlag. Aber auch so ist es ein ausgesprochen schön gestaltetes Buch. Es ist fadengeheftet, auf schönem Papier gedruckt und in grobes Leinen gebunden. Der Titel ist im Prägedruck aufgebracht.

1957, vier Jahre nach Stalins Tod, hatte auch die DDR dem Stalinismus abgeschworen und so konnte das Buch wieder erscheinen (die erste deutsche Ausgabe erschien 1922). Ich nehme an, „10 Tage die die Welt erschütterten“ wurde daraufhin zu einer Art Volksbuch in der DDR, das zu allen möglichen Anlässen verschenkt wurde.

Widmung für Elli Lehmann vom 17.12.1957

Mein Exemplar jedenfalls wurde am 17.12.1957 einer gewissen Elli Lehmann zugeeignet, wahrscheinlich als Anerkennung ihrer Arbeitsleistung im Dienste des Sozialismus. Der gute Zustand meiner Ausgabe lässt allerdings vermuten, dass Elli von der Lektüre Abstand genommen hat.

John Reed verliess im April 1918 die Sowjetunion in Richtung USA. Nachdem er aus der dortigen Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wurde, gründete er mit Anderen die kommunistische Partei der USA, CPUSA, und wurde deren Vorsitzender. Als er 1919 in den USA wegen Hochverrat angeklagt wurde, verließ er das Land und kehrte in die Sowjetunion zurück, wo er 1920 an Typhus erkrankte und verstarb. John Reed wurde, als einer der wenigen Ausländer, an der Kremlmauer begraben.

In fünf Jahren, zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, werde ich „10 Tage die die Welt erschütterten“ auch mal lesen. Das bin ich Elli Lehmann schuldig.

Nachtrag: Alle Daten und Fakten zu John Reed habe ich bei Wikipedia zusammen geklaubt.

Ab jetzt ist Ruhe.

Der Roman der Namenlosen.

Es wimmelt von Prominenten in diesem Roman der Namenlosen, alle hinreichend entschlüsselt in den zahlreichen Rezensionen, die dieses Buch erfahren hat. Der Roman heißt „Ab jetzt ist Ruhe“ und ist das Debüt der Radiomoderatorin Marion Brasch. Die Autorin ist die letzte Überlebende einer außergewöhnlichen Familie, in der sich die Geschichte der zweiten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts spiegelt, wie in nur wenigen anderen. Und so hat Marion Brasch ihrem Buch den Untertitel „Roman meiner fabelhaften Familie“ gegeben. Roman also und nicht Biographie. Die Form des Romans hätte ihr mehr Freiheit beim Schreiben gelassen, sagt Marion Brasch, eine Freiheit, die dem Buch gut tut. Und deshalb auch der Verzicht auf Namen. Keine realen Personen sollten für ihre erfundenen Geschichten in Haftung genommen werden.

Es wird gerätselt, wer denn nun die eigentliche Hauptfigur in diesem Roman sei, der ältere Bruder, Thomas, oder der Vater. Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass die Autorin selbst die Hauptfigur dieses Romans ist. Schließlich ist er aus der Ich-Perspektive geschrieben.

Marion Brasch ist in der DDR aufgewachsen, dem Land, in das ihre Eltern nach dem Krieg aus dem Londoner Exil gingen. Der Vater, Jude, hat nach einem kleinen Umweg über den Katholizismus zum Kommunismus gefunden und wollte helfen, den Sozialismus in Deutschland aufzubauen. Die Mutter, Wiener Jüdin, folgte widerwillig. Der Vater wurde Funktionär der Partei und später stellvertretender Kulturminister. Partei und Staat gingen ihm über alles, auch über die eigene Familie. Als der älteste Sohn, Thomas, 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei protestiert, wird er vom eigenen Vater denunziert und landet im Gefängnis.

Es wird viel gestorben in der Familie Brasch. Marion ist zehn Jahre alt, als ihre geliebte „Oma Potsdam“, die Mutter des Vaters, stirbt. Bei ihr durfte sie immer solange auf bleiben wie sie wollte, Westfernsehen schauen und für die Oma Zigaretten drehen. Zigaretten sind ständig präsent in der Familie Brasch, der Vater ist praktisch nie ohne Zigarette anzutreffen. Überhaupt wird ständig geraucht und gesoffen in diesem Buch, es ist normal.

Drei Jahre nach dem Tod der Großmutter unternimmt der Vater einen Selbstmordversuch. Ein unlösbarer Konflikt mit der Partei treibt ihn zu diesem verzweifelten Schritt. Marion entdeckt den Abschiedsbrief und kann so den Suizid verhindern.

Ein Jahr später, Marion ist vierzehn, stirbt die Mutter an Krebs. Ein schmerzhafter Verlust für die Tochter, die fortan alleine mit dem Vater lebt. Nur vier Jahre nach der Mutter stirbt auch der mittlere Bruder, der Schauspieler Klaus Brasch. Er hat sich buchstäblich zu Tode gesoffen. Kurz vor seinem Tod reüssierte er noch als stets besoffener Saxophonist im DEFA-Klassiker „Solo Sunny“.

Für den Vater ist die Tochter die letzte Hoffnung. Die Brüder haben sich schon lange von der DDR und der Partei abgewandt, Marion hingegen wird Mitglied der Partei, ihrem Vater zuliebe. Und als sie sich gegen ein Studium und statt dessen für eine Ausbildung zum Schriftsetzer entscheidet, ist der Vater stolz auf seine Tochter. Als Parteimitglied und Teil des Proletariats scheint sie seine Hoffnungen zu erfüllen. Sie rebelliert nicht gegen den Staat, eher gegen den Vater. Sie fordert das Recht auf ein eigenes Leben, ein Leben mit Freundinnen und Freunden, mit Party, Musik und Spaß. Ihre Freundinnen und Freunde, ihre Männer, werden mit Vornamen benannt. Aber man darf zweifeln, ob dies die richtigen Namen sind – es ist auch egal. Der Soundtrack zu ihrem Leben stammt unter anderem von Pink Floyd, Jimi Hendrix, Janis Joplin, den Stones, Bob Dylan, AC/DC, Neil Young, David Bowie, Frank Zappa und John Lennon. Die Hose heißt Levi`s. Obwohl Marion Brasch später selbst Mitglied einer Band ist – sie spielt Gitarre und singt – und durch die DDR tingelt, spielt Popmusik aus der DDR keine Rolle.

Marion Brasch liebt John Lennon. Eines Tages verfolgt sie sogar einen fremden Mann, der Lennon ähnlich sieht, traut sich aber nicht, ihn anzusprechen. Sie hat bereits eine eigene Wohnung, als folgendes passierte: „An einem Tag im Dezember spielte der amerikanische Sender nur noch John Lennon. Der Moderator hatte Tränen in der Stimme. Ich saß in meiner Wohnung und konnte es nicht fassen.“ (S. 216). Es ist der 8. Dezember 1980, Marion Brasch ist neunzehn Jahre alt und ihre Trauer um Lennon teilt sie mit Millionen anderer ihrer Generation in der ganzen Welt.

Marion Brasch hat ein pragmatisches Verhältnis zu ihrem Land. Dass sie nach Ungarn fahren muss, um Ihren Bruder Thomas, der mittlerweile, nur ein paar Kilometer entfernt, in West-Berlin lebt, treffen zu können, wird so kommentiert: „Ja, es war absurd, doch so war es nun einmal.“ (S. 169)

Braschs Vater stirbt ebenfalls an Krebs, im Oktober August 1989. Den Mauerfall erlebt er nicht mehr, statt dessen richtete die sterbende DDR ein letztes Mal ein Staatsbegräbnis aus.

Der älteste und der jüngste Bruder, Thomas und Peter, sterben beide 2001, erst Peter und ein halbes Jahr später Thomas. Marion Brasch ist die letzte ihrer Familie.

Eine Person, die in Braschs Leben eine entscheidende Rolle spielte, ist Lutz Bertram, der blinde Moderator. Bertram war ein landesweit bekannter Radiomoderator des Jugendsenders DT 64. Nach dem Mauerfall erreichte er auch im Westen, besonders aber in Berlin-Brandenburg als Moderator bei Radio Brandenburg einen gewissen Kultstatus. Als er 1995 als Stasi-IM enttarnt wurde, war der Skandal, das Entsetzen und die Enttäuschung groß. Er hatte der Stasi Berichte über die DDR-Musikszene geliefert und musste daraufhin den Sender verlassen. Marion Brasch lernte ihn während einer Tournee mit ihrer Band kennen. Bertram holte Brasch zum Radio und da ist sie heute noch.

Angesichts dieser tragischen Familiengeschichte wird Marion Brasch gelegentlich der angeblich allzu lockere Erzähltstil und die fehlende Kritik an den Verhältnissen in der DDR zum Vorwurf gemacht, und mit Oberflächlichkeit verwechselt. Als ob eine Geschichte glaubwürdiger würde, wenn sie in bedeutungsschwerem Ton Kritik an den herrschenden Verhältnissen übte. Es war nicht ihr Anliegen ein Buch über die DDR zu schreiben, sie wollte ein Buch über ihre Familie schreiben – und über sich. Und das ist ihr ganz wunderbar gelungen.

P.S. Bemerkenswert ist, wie Marion Brasch sog. Social-Web-Anwendungen nutzt, um für ihr Buch zu werben. Sie hat ein eigenes Blog, twittert regelmäßig und ist auf Facebook präsent. Für „Ab jetzt ist Ruhe“ gibt es eine eigene Fan-Seite auf Facebook. Hier öffnet sie auch mal ihr Fotoalbum und präsentiert Familienfotos, immer mit dem entsprechenden Zitat aus dem Buch und der Seitenangabe, wo es zu finden ist. Außerdem werden immer aktuelle Rezensionen, Streams, TV-Beiträge verlinkt und Fotos von Lesungen veröffentlicht. So bietet sie durchaus einen interessanten Mehrwert zum Buch. Viele Autoren können sich in Sachen Selbstvermarktung an Marion Brasch ein Beispiel nehmen.