Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

Für Sibylle Jud

Am 12. Februar 2016 starb meine gute Freundin Sibylle Jud. Sie wurde nur 50 Jahre alt. Diesen Brief wollte ich schon kurz nach ihrem Tod schreiben. Aber über mehr als einen Satz bin ich nicht hinaus gekommen. Jetzt ein zweiter Versuch. Ich bin es ihr schuldig, auch wenn ich ihr mit meinen unzulänglichen Worten nicht gerecht werden kann.

Liebe Sibylle,

an deinem Todestag, dem 12. Februar 2016, habe ich den Mietvertrag für meine neue Wohnung unterschrieben. Eine Wohnung, die ich sehr mag und die du nie sehen wirst. Dabei bin ich jetzt für Gäste ganz gut eingerichtet. Du müsstest nicht mehr auf der Luftmatraze schlafen, wie in meiner vorherigen Bleibe, die du gut kanntest. Auch wenn du nie hier warst, lebt die Erinnerung an dich auch in dieser Wohnung weiter. Es vergeht seit deinem Tod kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Und das liegt auch an einer bunten, psychedelischen Glühbirne, die du mir für meine erste Wohnung in Frankfurt mitbrachtest. Dort habe ich sie kaum genutzt und wahrgenommen. Merkwürdigerweise hat sie den Umzug überlebt, hängt jetzt in meiner neuen Wohnung in der Küche und leuchtet jeden Tag für eine gewisse Zeit. Es ist dein Licht. gluhbirne

Wir kannten uns seit 20 Jahren. Im Jahr 1996 arbeitete ich in der Buchhandlung Kiepert in Berlin. Dort betreute ich unter anderem die detebe Taschenbuchreihe des Diogenes Verlags. Der Umsatz in der größten Buchhandlung Deutschlands war entsprechend. Das brachte mir in diesem Jahr eine Einladung des Verlags nach Zürich ein. Ich war einer von fünf Buchhändlerinnnen und Buchhändlern aus Deutschland, die zu einem Wochenend-Workshop nach Zürich geladen wurden. Flug, 4-Sterne-Hotel, alles dabei. Das größte Ereignis meines Buchhändlerlebens.

Silke und du waren für unsere Betreuung da. Mit mir hattet ihr am meisten zu tun. Ich war immer der Letzte, der ins Hotel wollte. Es war ein unvergessliches Wochenende. Nach den vier Tagen waren wir Freunde.

Du warst erst kurz zuvor aus Frankfurt zu Diogenes nach Zürich gekommen. In Frankfurt hast du in der berühmten Huss`schen Buchhandlung gearbeitet. Natürlich hatten wir auch gemeinsame Bekannte. Aber wer hätte damals gedacht, dass ich in wenigen Jahren selbst nach Frankfurt ziehen würde und zwar unter tätiger Mithilfe deinerseits? Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ich ohne dich niemals nach Frankfurt zum Suhrkamp Verlag gekommen wäre.

Man begegnet nur selten Menschen, die das eigene Leben in eine andere Richtung lenken. Für mich bist du so ein Mensch. Das war an diesem Wochenende in Zürich allerdings noch nicht absehbar. Wir blieben in Kontakt. Du hattest Freunde in Berlin, von denen ich seitdem einige auch zu meinen Freunden zähle, und kamst gelegentlich nach Berlin. Wir telefonierten ab und zu und trafen uns. Ich habe dich auch immer wieder gerne in Zürich besucht.

Bei einem dieser Besuche wollten wir mit einem deiner Freunde vom Haffmans Verlag einen „Spaziergang“ in den Zürcher Bergen machen. Er sollte etwa drei Stunden dauern, eine überschaubare Zeit. Das Wetter war schön, K., deinen Freund fand ich nett. Also sind wir frohgemut mit K.s Auto ein Stück weit ins Gebirg gefahren. Zu Beginn des „Spaziergangs“ tranken wir Weizenbier auf einer Alm am Sessellift und genossen die Aussicht. Anschließend stiefelten wir guter Dinge los. Ich trug stabile Turnschuhe, heute würde man wohl „Sneaker“ sagen, ihr wart professionell mit Wanderschuhwerk ausgestattet. An einer Weggabelung hast du entschieden, nach links zu gehen statt nach rechts. So wurde aus drei Stunden „Spaziergang“ eine veritable Wanderung von acht Stunden und etwa 1500 Höhenmetern. Ohne Proviant versteht sich, braucht man für drei Stunden auch nicht. Und doch blieb die Stimmung, bei aller Anstrengung, gut. Niemand hat gejammert oder geflucht. Wasser gab`s aus Bächen und irgendwelche Beeren am Wegesrand sorgten für eine rudimentäre Verpflegung. Das Naturerlebnis war dennoch überwältigend. Du gabst der Wandergruppe stets optimistische Prognosen. „Wir sind gleich da“, „Es dauert nicht mehr lang“, „Nur noch über diesen Kamm und dann kommt ein Wirtshaus nahe am Parkplatz“ und so weiter. Wir haben dir geglaubt, das hielt uns bei Laune, bei positiver Laune. Aber dann kam noch ein Kamm, noch ein Hügel, noch ein paar Höhenmeter. Es zog sich, doch unsere Stimmung kippte nicht. Aber irgendwann, nach acht Stunden, als wir die letzte Steigung erklommen hatten, erspähten wir unten im Tal das versprochene Wirthaus. Alles war gut und das Bier wahrscheinlich das beste, das ich jemals getrunken habe. Zu Essen gab es auch was. Wir bestellten. Als ich von der Toilette zurückkam, fand ich euch schallend lachend am Tisch. Der von mir bestellte Wurstsalat hatte sich als ein großer Salatteller entpuppt, in dessen Mitte eine rote Wurst ruhte wie ein junger Hund im Körbchen. Es war ein der Erschöpfung geschuldetes, befreiendes Lachen, das der kleinste Anlass auslösen kann. Dieser achtstündige „Spaziergang“ hat uns verbunden. Es war eine intensive Erfahrung, von der ich bis heute zehre.

Du warst Fußballfan. Der SC Freiburg war dein Verein (haben heute 2:1 gegen Köln gewonnen). Am 28. Mai 1997 bestritten Juventus Turin und Borussia Dortmund das Championsleague-Finale in München. Juve (dein Freund und Kollege Walter war glühender Juve-Fan, ist es wahrscheinlich heute noch) war Tabellenführer in Italien. Der BVB kämpfte gegen den Abstieg. Klar, wer Favorit war. Wir wetteten, du auf Juve, ich auf den BVB. Es ging um zwei Flaschen Champagner. Meine Gewinnaussichten waren eher gering. Es war das Spiel, in dem Lars Ricken zehn Sekunden nach seiner Einwechslung, nach Vorarbeit von Andi Möller, das sensationelle Tor aus 40 Metern schoss, das für immer in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Dortmund hat 3:1 gewonnen und du zwei Flaschen Champagner verloren. Du hast mich später gerügt, dass ich dich an diesem Abend nicht angerufen habe. Den Champagner tranken wir bei mir zuhause in Berlin. Anderthalb Flaschen haben wir geschafft, dann begleitete ich dich durch die Nacht zu deinem Gastgeber ein paar Straßen weiter. Bei mir bleiben wolltest du nicht.

Im Oktober 1999 hatte eine gemeinsame Freundin, K.,die ich selbstverständlich durch dich kennengelernt hatte, Geburtstag. Sie war erst kurz vorher mit ihrem Mann H., von Berlin nach Offenbach gezogen. Wir waren durch dich Freunde geworden und sahen uns in Berlin regelmäßig. Ich fuhr nach Frankfurt. Es war kurz nach der Buchmesse, auf der ich erfuhr, dass der Suhrkamp Verlag Verstärkung für die Verkaufsabteilung suchte. Ich habe mich nicht um den Job bemüht, weil ich bei Suhrkamp niemanden kannte. Wechselwillig war ich aber durchaus. Bei dieser Geburtstagsparty im Oktober 99 war dann auch der Verkaufsleiter von Suhrkamp anwesend, ein Freund und Kollege des Geburtstagskindes, den du selbstverständlich auch kanntest. Du sprachst ihn darauf an, ob die Stelle noch vakant sei. Sie war es, er wolle aber an diesem Abend nicht darüber reden, weil er auch schon was getrunken hätte. Ich solle mich aber schriftlich bewerben, er würde sich daran erinnern. Das tat ich dann auch. Das Geburtstagskind K. legte ebenfalls ein gutes Wort für mich ein. An meinem Geburtstag im Jahre 1999 rief mich der Verkaufsleiter in der Buchhandlung an und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt ein. Wenige Tage später fuhr ich hin. Das Gespräch mit dem damaligen kaufmännischen Geschäftsführer dauerte zehn Minuten. Am Abend hatte ich den Job. Heute ist U., der damalige Verkaufsleiter, ein Freund von mir.

Du hast vor einigen Jahren das Zürcher Büro gegen das Vertreterdasein eingetauscht und warst seither für Diogenes als Vertreterin in NRW unterwegs. Als Wohnsitz hast du Düsseldorf gewählt und dort sehr schnell eine wunderbare Wohnung gefunden. Ich habe dich zwei-dreimal besucht. Dass du Anfang 2014 die Altstadt-Buchhandlung in Ratingen übernommen hast, die von deinem Lebenspartner Sven geführt wurde und noch immer wird, habe ich nicht mitgekriegt. Ratingen, mein Geburtsort.

Im Jahre 2008 trafen wir uns zufällig in Bochum zu einem Konzert der Ruhrtrienale. In der Jahrhunderthalle spielten zum Abschluss Joe Henry, Billy Bragg und Rosanne Cash. Als ich bei der Halle ankam, standen plötzlich du und Sven vor mir. Das war ein wundervolles zufälliges Zusammentreffen. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich kein Hotel gebucht, sondern wäre mit euch nach Düsseldorf gefahren. So waren wir nach dem Konzert nur noch zusammen was essen. Dennoch, das war ein sehr schöner Abend.

Bei der Buchmesse 2014 warst du nicht dabei. Es hieß, du seiest krank. Gut, dachte ich mir, sie hat eine Grippe. Ich schrieb dir eine SMS, die unbeantwortet blieb. Im Folgejahr blieb Diogenes der Messe fern. Aber ich erfuhr, dass deine Krankheit wesentlich ernster war als eine Grippe. Ich weiß nicht, wie du die zwei Jahre nach der Diagnose verlebt hast. Wir hatten keinen Kontakt mehr und ein Leben nach einer solchen Diagnose übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Seit 2014 blieben dann auch die liebevollen Weihnachts- und Neujahrswünsche aus, mit denen du jahrelang deine Freundinnen und Freunde erfreut hast. Es bleibt so vieles aus seitdem.

neujahrsgrus

Liebe Sibylle, ohne dich wäre mein Leben anders verlaufen. Die Welt ist ärmer geworden durch deinen Tod. Du fehlst schmerzlich. Danke für alles.

Stefan

So kam das

friesenbuchhandlung

An diesem Ort in Berlin-Kreuzberg, damals noch 1000 Berlin 61, begann 1980 mein Leben in der Buchbranche. Das Geschäft mit den geschlossenen Rollläden wurde zu der Zeit von einem türkischen Gemüsehändler betrieben. Der Laden auf der linken Seite beherbergte eine kleine Buchhandlung. Sie hieß Friesenbuchhandlung, benannt nach der Straße, in der sie beheimatet war. Die Aufschrift über der Markise ist noch zu entziffern. Eher zufällig kam ich Ahnungsloser zu dem Vergnügen, in einer Buchhandlung arbeiten zu dürfen. Meine einzige Qualifikation: Ich las gerne. Der Gründer und Inhaber der Friesenbuchhandlung war Stammgast in der Kneipe, in der ich seinerzeit arbeitete. Er fragte mich eines Tages am Tresen, ob ich nicht jemand für seine Buchhandlung wüsste, sein Kompagnon sei ausgestiegen. „Frag doch mal mich“, antwortete ich. So kam das. Mal wieder zeigte sich, wie wichtig „Vitamin B“ ist.

Nach drei Jahren trennten sich unsere Wege wieder. In dieser Zeit ist das Wandgemälde, nach eine Idee von mir, entstanden. Es heißt Unter dem Pflaster liegt der Strand, gemäß eines zu dieser Zeit sehr beliebten Sponti-Spruchs. Gemalt hat es Bärbel Rothhaar, eine befreundete Künstlerin, die, nachdem das besetzte Haus, in dem sie lebte, geräumt worden war, bei mir wohnte.

Ich bin sehr froh, dass das Wandbild noch heute zu sehen ist. Die Gegend ist mittlerweile vollkommen durchsaniert und gentrifiziert. Dieses Haus ist ein Relikt aus jener Zeit. Ansonsten prägen aufpolierte Fassaden, Cafés, Gastronomie, Fahrradläden und erlesene Einzelhandelsgeschäfte das Bild. Am Straßenrand parken SUV.

Nach den drei Jahren folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die durch eine, vom Arbeitsamt gesponserte, Ausbildung zum Buchhändler beendet wurde. Umschulung von Nix auf Buchhändler. Die Vorstellung, irgendwann einmal im Suhrkamp Verlag zu arbeiten und später auch selbst Bücher zu machen, wäre mir damals so absurd erschienen wie ein Fall der Mauer.

Das besoffene Schwein oder Meine Berlinale

Die Berlinale ist zu Ende. Das freut, nein, erleichtert mich etwas. Die ausführliche Berichterstattung auf Radio Eins weckte wehmütige Erinnerungen an Zeiten, die ich selbst bei der Berlinale verbracht habe. Über Jahre war ich dabei, nahm eine Woche frei und ging ins Kino. Auch schon zu Zeiten, als das Festival rund um den Zoopalast und das Delphi-Kino in West-Berlin angesiedelt war. Um Karten habe ich mich nie im Vorverkauf bemüht. Für Filme aus den Panorama- oder Forum-Reihen bekam man meistens noch Tickets an der Kasse, ebenso für Wettbewerbs-Wiederholungen. Es genügte eine halbe Stunde vor Filmbeginn dort zu sein. Hin und wieder bekam ich dann auch mal eine Karte geschenkt von Leuten, die sie selbst nicht nutzen konnten. Eine Freundin war Kamerafrau und bei der Berlinale akkreditiert. Sie versorgte mich ebenfalls gelegentlich mit Freikarten. Das lief nach dem Zufallsprinzip. Sie bekam nur jeweils eine Karte pro Film und auch nur eine für zeitgleich laufende Vorführungen. Ich mußte mich also danach richten, was sie sehen wollte und wußte daher oft nicht, was mich erwartete. Auf diese Weise habe ich Filme gesehen, die niemals den Weg zu einem deutschen Verleih gefunden haben. Die meisten davon habe ich vergessen aber einige sind mir im Gedächtnis haften geblieben.

Am eindringlichsten erinnere ich mich aber an einen Dokumentarfilm, dessen Titel mir mittlerweile entfallen ist und den ich mir ohne die Berlinale sicher niemals angesehen hätte. Der Film stammte, so ich mich richtig erinnere, von zwei französischen Regisseurinnen, vielleicht waren es auch Engländerinnen. Er behandelte ein japanisches Internat, nicht irgendeins, sondern ein Internat, in dem Catcherinnen ausgebildet werden. In Japan scheint Frauencatchen eine angesagte Sache zu sein, bei der viel Geld im Spiel ist. Der Film begleitete die Frauen in ihrem Alltag, einem Alltag der geprägt war von Disziplin, Training und militärischen Drill. Sie wurden angebrüllt und gedemütigt, wie man es sich nur auf einem Kasernenhof vorstellen kann. Die Aufseherin, anders kann man es nicht sagen, war eine kräftige Frau mit kurzgeschorenen Haaren, die versuchte die künftigen Catcherinnen zu Kampfmaschinen zu erziehen. Die Dokumentation folgte einer jungen Kämpferin, die etwas zierlicher war als ihre Kolleginnen. Ihr Schicksal war exemplarisch. Dadurch, daß die Kamera immer sehr nah am Geschehen war, entwickelte der Film eine ungeheure Intensität, was unter anderem dazu führte, daß ich ihn auch nach Jahren noch sehr deutlich vor Augen habe. Die Ausbildung der Frauen, während der es kein Privatleben gibt, dauert ein Jahr. Nur eine Frau hat aufgegeben in der Zeit, alle anderen haben durchgehalten. Nach diesem Jahr werden die Frauen in ihre ersten Profikämpfe geschickt. Ich ertappte mich wie ich die Fäuste ballte, mit der Protagonistin mitfieberte und sie innerlich anfeuerte als sie erstmals im Ring stand: „Mach sie fertig, hau sie um, laß dich nicht unterkriegen, wehr dich…“. So in etwa lautete mein innerer Monolog. Sie hat den Kampf verloren.

Mein schönstes Kinoerlebnis habe ich ebenfalls der Berlinale zu verdanken. Es war das Jahr, in dem Detlev Bucks Film Wir können auch anders im Wettbewerb lief. Der Film bedeutete den Durchbruch für Joachim Król als Schauspieler. Meine damalige Nachbarin und gute Freundin kannte Król aus gemeinsamen Schulzeiten in Herne. Sie waren Jugendfreunde. Król besuchte sie als er mit dem Film bei der Berlinale war. Am nächsten Tag gab es für einige Freunde und Bekannte eine Privatvorführung von Wir können auch anders im Delphi-Kino. Ich durfte dabei sein. Es saßen vielleicht 17 Leute in dem riesigen Kinosaal, dabei auch Sophie Rois. Anschließend gingen wir mit einer kleiner Gruppe irgendwo was trinken, leider ohne Sophie Rois. Joachim Król plauderte ein bißchen aus dem Nähkästchen über die Entstehungsgeschichte des Films, zum Beispiel, wie sie versucht haben, das Schwein mit in Bier getränktem Brot ruhig zu stellen. Das sind die unvergesslichen Geschichten, die das Kino schreibt. Der Film ist bis heute eine meiner liebsten Komödien und der Satz „Gelder sind vorhanden“ gehört seither zu meinem aktiven Wortschatz.

Natürlich kann man das ganze Jahr ins Kino gehen, aber es ist die besondere Atmosphäre, die ein Festival wie die Berlinale zu etwas Besonderem macht. Morgens um neun sitzt man normalerweise nicht im Kino, bei der Berlinale schon. Und drei Filme schaut man auch nicht an einem Tag, bei der Berlinale schon (ich weiß, es gibt Leute, die schaffen fünf). Im Kinosaal herrscht eine besondere Spannung, die noch geschürt wird vom Festival-Trailer und der Musik. Und dann geht es los. Die Filme werden immer in Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt und anschließend gibt es Applaus oder eben auch Pfiffe. Nach dem Abspann stehen Regisseure und Darsteller für Fragen zur Verfügung. In den Pausen zwischen zwei Filmen versucht man irgendwo einen Platz zu finden, wo man in Ruhe einen Kaffee trinken, oder was essen kann. Und dauernd begegnen einem Menschen, die man sonst nur im Kino oder im Fernsehen sieht. Nach drei Filmen, mehr hab ich nie geschafft, brauchte ich abends immer eine ganze Weile um mich wieder im Alltag zurecht zu finden. Die Berlinale, das war immer eine Woche in einem Paralleluniversum, ein Ausflug ins Ungewisse und Andere. Und das muß ich unbedingt mal wieder haben, vielleicht nächstes Jahr

Mein 9. November 1989

Ein ganz normaler Tag

Wie jeden Tag fuhr ich am Morgen mit dem Rad zum Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg um in der dort gelegenen Buchhandlung Kiepert meinem Tagwerk nachzugehen. Niemand hat geahnt, daß am nächsten Tag alles anders sein würde.
Nach Feierabend fuhr ich wieder heim, durch den Tiergarten und über die Brache des Potsdamer Platzes, ein Stück weit an der Mauer entlang. Es war dunkel, die Grenzanlage beleuchtet, wie immer. Es war ein ganz normaler Tag. Zuhause tat ich, was ich meistens tat. Ich machte das Radio an und kochte irgendwas. Nach dem Abwasch gab es eine Kanne Tee, ich machte das Radio aus und setzte mich, wie so oft, auf das Sofa um zu lesen. Gegen 20 Uhr 30 rief mein Bruder an, der damals noch am Bodensee lebte. Er wollte wissen was in Berlin los sei, er hätte gehört, die Mauer sei offen. Ich schaute aus dem Fenster, alles war wie jeden Tag am beschaulichen Chamissoplatz. Nichts, antwortete ich, alles sei wie immer. Mein Wissenstand zu dieser Zeit war, daß DDR-Bürger Reisepässe beantragen und damit dann frei reisen könnten. Es gab täglich neue Nachrichten über die Entwicklung in der DDR. Eine Öffnung der Mauer konnte sich trotzdem kaum jemand vorstellen.
Nach dem kurzen Gespräch mit meinem Bruder widmete ich mich wieder dem Buch, später hörte ich wahrscheinlich Musik und trank Rotwein. Gegen 24 Uhr machte ich mich bettfertig und schaltete das Radio ein. Die Mauer sei offen, erfuhr ich.

Heinrich-Heine-Straße und Oberbaumbrücke

Ich zog mich wieder an, schleppte mein Rad runter und fuhr zum Übergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
Dort war es wie die Bilder es zeigten; eine unendliche Reihe Trabis und Wartburgs drängte sich durch den Übergang, es wurde auf Autodächer getrommelt und Sekt verspritzt, Deutschlandfähnchen wurden geschwenkt. Der Gestank von Zweitaktergemisch lag in der Luft. An diesem Tag für viele der Geruch der Freiheit. Tausende Menschen in marmorierten Jeansjacken blickten ungläubig gen Westen.
Ich fuhr weiter zur Oberbaumbrücke. Hier das selbe Bild, nur daß die Menschen zu Fuß kamen. Es war berührend, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Umarmt hatte ich niemanden, auch keinen Sekt getrunken.
In dem Bewußtsein, einen historischen Moment zu erleben, setzte ich mich nach zirka zwei Stunden wieder aufs Rad und fuhr von Kreuzberg 36 nach Kreuzberg 61. In meiner Stammkneipe Malheur, Gneisenau- Ecke Solmsstraße, trank ich noch ein Bier, vielleicht auch zwei. Dort war nichts zu merken von der Maueröffnung, DDRler hatten sich dorthin nicht verirrt. Die zog es Richtung Ku-Damm. Gegen halbvier legte ich mich für einem kurzen Schlaf ins Bett.

Der nächste Tag

Am Morgen fuhr ich wie immer mit dem Rad zur Arbeit, wieder am Potsdamer Platz vorbei. Dort war dann nichts mehr wie immer. Die ersten sogenannten Mauerspechte machten sich mit Hammer und Meißel an der Mauer zu schaffen, die bis gestern noch das Hammer und Sichel-Paradies einschloss. Einige Meter weiter in Richtung Esplanade und Tiergarten standen zwei schwarze Limousinen, umringt von einigen Neugierigen. Ich blieb auch kurz stehen und sah wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch eine Lücke in der Mauer ging und die VoPos auf der anderen Seite mit Handschlag begrüßte. Ich fuhr weiter durch den Tiergarten. Am Ernst-Reuter-Platz dann der erste Unfall zwischen einem Mercedes und einem Trabi. Es war nichts Schlimmes, aber der Trabi war eindeutig der Verlierer. Die Buchhandlung wurde voll an diesem Tag, wie an vielen folgenden Tagen auch, sehr voll. Viele Menschen aus dem Osten nutzten ihr Begrüßungsgeld um sich mit Lektüre zu versorgen, die sie in der DDR nicht lesen durften oder nicht bekamen: Stefan Heym, George Orwell und viele andere. Es gab große staunende Augen angesichts des Angebots der Buchhandlung – ein bißchen wie Kindergeburtstag mit vielen Oohs und Aaahs. Nicht nur die Buchhandlung war voll, alles war voll, die Straßen, die U-Bahnen, die Geschäfte. Bei Beate Uhse mussten die Leute geduldig sein, neue Besucher wurden nur noch eingelassen, wenn andere den Laden verließen. Die Schlange war sehr lang. Manche Aldi-Filiale schloss alle Stunde die Pforten um die Regale zu füllen. Das lag aber eher an den vielen Polen, die im Ford Transit anreisten und die Läden leerkauften um mit der Billigware zuhause einen guten Schnitt zu machen.
Am Abend kam es zum wohl legendärsten Auftritt eines deutschen Männerchors. Bei einer „Freudenfeier“ vor dem Rathaus Schöneberg stimmten Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Walter Momper vor einer vieltausendköpfigen Menge die Nationalhymne an. Begleitet wurden sie von einem gellenden Pfeifkonzert, ob aus ideologischen oder musikalischen Gründen sei dahingestellt. Beides wäre möglich. Die TAZ hat die berühmte Aufnahme auf eine billige Plastik-Single pressen lassen und einer ihre nächsten Ausgaben beigelegt. Schade, daß ich die nicht mehr finde.

Adieu Westberlin

Am 10. Nov. kam mein Freund, der Journalist Joe Bauer, aus Stuttgart angereist. Er hatte einen der letzten Plätze im Flieger ergattert. Wir hatten schon öfter versucht, uns den Mauerfall vorzustellen. „Joe“, sagte ich dann immer, „wenn die Mauer fällt musst du kommen. Das müssen wir verhindern.“ Denn es ging uns ein bißchen wie Herrn Lehmann aus Sven Regeners gleichnamigem Roman.
„Die Mauer ist offen.“
„Was ist?“
„Die Mauer ist offen.“
„Ach du Scheiße.“
Der Fall der Mauer bedeutete nicht nur den Untergang der DDR, er bedeutete auch den Untergang des Biotops Westberlin. Und welche Ausmaße das annehmen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

Eine Radtour

Einige Tage später fuhr ich mit ein paar Freunden mit dem Rad durch Ostberlin. Das klingt banal, war aber was Besonderes. Zu Mauerzeiten war es verboten mit dem Rad nach Ostberlin einzureisen. Man durfte zwar auf dem Autodach ein Rad mitbringen und 50 Meter hinter der Grenze mit dem Fahrrad weiterfahren, aber mit dem Rad die Grenze passieren, das ging nicht, wieso auch immer. Aber jetzt ging das. In den letzten Tagen waren einige provisorische Grenzübergänge eingerichtet worden, am Brandenburger Tor etwa und am Potsdamer Platz. Dort reisten wir ein, tauschten Geld, denn den Zwangsumtausch gab es noch, allerdings zu einem deutlich besseren Kurs als 1:1. Vopos wurden mit Blumen beschenkt, Zäune mit Nelken und Rosen verziert. Jetzt radelten wir durch die Hauptstadt der DDR. Wir kreuzten den Alexanderplatz und fuhren immer weiter Richtung Osten. Ich weiß nicht mehr wo wir überall waren. Irgendwo sind wir in einem einfachen Lokal eingekehrt, haben Würstchen gegessen und Bier für vermutlich 57 Pfennige getrunken. Nach vier oder fünf Stunden war unser Ausflug beendet. Ich hatte Eisbeine, denn es war schweinekalt. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Die Stadt, die wir damals gesehen haben, gibt es mittlerweile so nicht mehr.

Hamlet/Maschine

Im November wurde im Deutschen Theater in Ostberlin die siebeneinhalbstündige Heiner Müller-Inszenierung Hamlet/Maschine uraufgeführt. Das letzte große Theaterstück der DDR, mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle. Die Proben begannen im August und die Premiere fand in einem anderen Land statt und das Stück bekam eine völlig andere Bedeutung. Es gelang mir für eine der folgenden Aufführungen eine Karte zu ergattern. Sie kostete 16 Mark der DDR, nach dem damaligen Kurs waren das ungefähr drei West-Mark. Ein beeindruckendes und trotz der Länge, kurzweiliges Theatererlebnis. Der Regisseur Christoph Rüter hat das Stück und die Arbeit daran in seinem sehr sehenswerten Film Die Zeit ist aus den Fugen trefflich dokumentiert.

Die Zeit danach

Die Wochen und Monate nach dem Mauerfall waren aufregend – vieles war möglich, es gab Freiräume. Ein Freund feierte Geburtstag im sogenannten Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade; im Sommer 90 verbrachte ich mit meiner damaligen Freundin ein Wochenende in Rheinsberg. Wir wohnten im Schloss, damals noch ein Sanatorium für Diabetiker. Sie hatten nicht genug Patienten und vermieteten einige Räume an Gäste. Das Doppelzimmer, zirka 40 qm groß, kostete 30 Mark. Gefrühstückt wurde mit den Diabetikern.

Der Kaisersaal wurde inzwischen um 50 Meter verschoben und ist jetzt in das Sony-Center genannte Glas- und Stahlensemble neben dem Potsdamer Platz integriert. Heiner Müller und Ulrich Mühe sind verstorben, im Rheinsberger Schloss kann man mittlerweile nicht mehr übernachten, die Buchhandlung Kiepert hat den Mauerfall um 13 Jahre überlebt, dann mußte sie sich den veränderten Umständen geschlagen geben und ich wohne schon lange nicht mehr in Berlin.

Heimat – was ist das?

HeimatSo eine Blogparade erinnert ein wenig an einen Schulaufsatz. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen etwas zum Thema Heimat zu schreiben. Dabei ist es sehr interessant.

Nomaden

Zu dem, was gemeinhin als „Heimat“ bezeichnet wird, habe ich ein extrem distanziertes Verhältnis. Das hat verschiedene Gründe. Meine Eltern haben viel dazu beigetragen, dass ich kein Heimatgefühl entwickeln konnte. Sie waren nie sesshaft und sind alle paar Jahre umgezogen und so zog es mich in Kindheits- und Jugendjahren von Nordrhein-Westfalen, über Hessen und Baden-Württemberg nach Bayern. Diese Umzüge waren jedesmal schmerzhafte Erfahrungen, Freunde und gewohnte Umgebungen verlassen zu müssen sind für einen jungen Menschen keine schönen Erlebnisse. Mit 19 Jahren habe ich die Notbremse gezogen und meinen Auszug erzwungen (damals wurde man erst mit 21 volljährig). Wo meine Eltern nach meinem Auszug überall gewohnt haben, weiss ich jetzt nicht mehr zu benennen.

Home is where the heart is

Ein weiterer Grund, weshalb ich den Begriff Heimat abgelehnt habe, ist die deutsche Geschichte. Heimat strömte für mich den penetranten Gestank von Blut und Boden aus. Das klang nach Volksgemeinschaft, Knobelbechern und schlechter Musik, damit wollte ich nichts zu tun haben.

Aber dann kamen Frank Zappa und Edgar Reitz. Die sensationelle TV-Serie „Heimat“ von Edgar Reitz aus den achtziger Jahren hat mich etwas mit dem Begriff versöhnt, auch wenn ich für mich keine Heimat hatte. Aber bei diesem Fernsehereigniss habe ich mich nach etwas Ähnlichem gesehnt.

Dies hat mir dann Frank Zappa beschert: „Home is where the heart is“. Damit konnte ich was anfangen. Das war wie „Heimat to go“, eine Heimat, die man immer bei sich trägt, die an keinen Ort gebunden ist. Und diese Heimat konnte auch in Dingen bestehen, in Büchern und Platten beispielsweise. In vielen Romanen und Musik habe ich mich meist heimischer gefühlt als im ständig wechselnden Wohnzimmer meiner Eltern. Literatur und Musik sind bis heute meine größte Heimat, der „Ort“ an dem ich mich geborgen fühle und gut auskenne, egal wo ich bin. Natürlich sind auch Menschen Heimat, gute Freunde, wo immer sie auch sind. Allerdings können auch Freunde flüchtig sein. Wie man Orte verlieren kann, kann man auch Menschen verlieren. Jeder kennt das.

Die verlässlichste Heimat finde ich also in der Literatur und in der Musik. Und seit einigen Jahren ist auch das Internet ein Stück Heimat. Wo immer man auch ist, das Internet ist in der Regel auch da und somit auch Menschen, die ich oft gar nicht persönlich kenne, die aber zu meinen täglichen Kontakten gehören und die ich nicht missen möchte.

Kreuzberg

Wollte ich aber einen realen Ort zu meiner Heimat erklären, so ist es wohl Berlin. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in Berlin verbracht und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich der Einfachheit halber „Aus Berlin“, obwohl ich in NRW geboren bin. An meinen Geburtsort habe ich keinerlei Erinnerung. Berlin ist allerdings zu groß um als Heimat dienen zu können. Wann war ich schon mal in Spandau oder in Rudow? Über 30 Jahre habe ich in Kreuzberg gelebt und ich war sehr sesshaft. Ganze zwei Wohnungen habe ich in all den Jahren bewohnt. Und wenn ich heute nach Kreuzberg komme, spüre ich tatsächlich so etwas wie Heimatgefühle.

Dabei wohne ich schon seit 13 Jahren in Frankfurt am Main, einer Stadt, in der ich schon in der Kindheit gelebt habe. Frankfurt könnte so auch als Heimat taugen, tut es aber nicht, obwohl ich mich hier wohl fühle.

Heimat ist für mich daher etwas Trügerisches, nichts auf das man sich verlassen sollte. Alles was zählt ist also: Home is where the Heart is!

Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Als Wibke Ladwig die Blogparade zum Thema „Und was machen Sie so beruflich?“ ins Leben rief, fühlte ich mich sofort angesprochen. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir nämlich, zu erklären, was ich den ganzen Tag so mache.

Ich habe schon viele verschiedene Dinge gemacht in meinem Leben, in Kneipen gearbeitet, Fenster geputzt, ohne Erfolg Design studiert, einen Radwanderführer über das Rhônetal geschrieben… Und dennoch bin ich kein Wirt geworden, Fensterputzer auch nicht, Designer erst recht nicht und ein Reiseschriftsteller ist aus mir – leider – auch nicht geworden.

Buchhändler

Meine erste „richtige“ Ausbildung wurde mir vom Arbeitsamt in einem Alter spendiert, in dem andere schon zweimal den Job gewechselt haben. Ich wurde Buchhändler. Nichts besonders Aufregendes, aber ich wollte das schon lange und es hat Spaß gemacht. Dem Sortiment blieb ich dann für zwanzig Jahre treu.

Nachdem ich bis dahin die Frage, was ich denn so machte, immer mit „dies und das“ beantwortete, konnte ich jetzt mit einem richtigen Beruf aufwarten. Der Glamourfaktor war gleich null, aber wenigstens konnten sich die meisten darunter etwas vorstellen, auch wenn sie mit Büchern nichts am Hut hatten.

Suhrkamp

Schwerer wurde es, als ich zu Suhrkamp ins Verlagsgeschäft wechselte. Dann lautete die Frage ob ich Lektor sei. Dass es in einem Verlag auch noch andere Abteilungen gab, war nur den Wenigsten bewusst. Auf meine Antwort, ich sei in der Verkaufsabteilung und hätte viel mit Buchhändlern zu tun, erntete ich meist ein „Aha“. Die Verkaufsabteilung strahlte offensichtlich nicht soviel Glanz aus wie das Lektorat. Einer fragte mal, welche Druckmaschinen wir verwendeten und war enttäuscht zu erfahren, dass Verlage in der Regel nicht selbst druckten.

Aber immerhin konnten einige mit dem Namen Suhrkamp etwas anfangen. Das war nicht selbstverständlich.

Bei Menschen, für die Bücher etwas waren, das irgendwo im Regal stand und Staub fing, erntete ich bei dem Namen Suhrkamp meist ein ungläubiges Kopfschütteln. Dann halfen nur noch die Hausheiligen, Brecht, Hesse, Frisch – an diese Namen aus der Schulzeit erinnerten sich noch einige.

Nicht zuletzt deshalb habe ich es immer genossen, mit Menschen aus der Branche oder Literaturliebhabern zu tun zu haben – man wusste wovon man sprach und verstand sich in der Regel.

Social-Web

Während meiner Zeit bei Suhrkamp kam ich erstmals mit dem sog. Social-Web in Berührung. Eine Freundin hatte mir eine Einladung zu Xing geschickt. Irgendwann versuchte ich mich anzumelden, war aber schnell genervt von der Anmeldeprozedur und brach die Formalität ab. Das hatte zur Folge, dass mich Xing ständig darauf hinwies, meine Anmeldung sei noch nicht vollständig, ich möge sie doch abschließen. Um endlich meine Ruhe zu haben, tat ich Xing den Gefallen. Schnell fand ich Freude an dieser Art der Kommunikation und trieb mich in Musik- und Literaturforen rum. Es hat viel Spaß gemacht. Bevor Suhrkamp selbst in den sozialen Netzwerken aktiv wurde, habe ich über Xing Social-Media-Marketing für den einen oder anderen Suhrkamp-Titel betrieben.

Am wichtigsten aber war, dass ich über Xing Menschen mit ähnlichen Interessen kennengelernt habe. Mit manchen bin ich heute befreundet. Es war mir immer wichtig, dass sich das virtuelle Leben im realen wiederfindet. Lange Zeit war Xing das einzige Netzwerk, dass ich nutzte. Ich vermisste nichts und als ich erstmals von Twitter hörte, musste ich mir erklären lassen, was das sei. Nun gut, irgendwann folgte dann auch Facebook.

Berlin – Frankfurt – Berlin

Als der Suhrkamp Verlag ankündigte im Januar 2010 nach Berlin umzuziehen, war meine Begeisterung gedämpft. Ich war zehn Jahre vorher von Berlin nach Frankfurt gezogen und hatte mich langsam mit der Stadt am Main angefreundet. Außerdem war ich mittlerweile in Frankfurt viel besser vernetzt als in Berlin. Dennoch, ich war nicht mehr der Jüngste, suchte ich eine Wohnung in Berlin und fand sie im Prenzlauer Berg. Es war vermutlich die schönste und größte Wohnung, die ich jemals hatte und doch habe ich sie nie gesehen.

Je näher der Umzugstermin rückte desto größer wurde mein Unbehagen. Ich brauchte eine Alternative. Eine Bewerbung bei einem Frankfurter Verlag hat nicht geklappt. Das war schade, aber wenn man sich bewirbt, muss man auch damit rechnen, abgelehnt zu werden.

Die Alternative fand sich dann im Dezember 2009, kurz vor dem Umzug des Suhrkamp Verlags. Ich traf mich mit einem befreundeten Verleger eines Regionalverlags in Frankfurt. Er spielte schon lange mit dem Gedanken, ein Geschäft für lokale Produkte in Frankfurt zu eröffnen. Wir einigten uns, das zusammen zu machen. Alles klang ganz wunderbar und realistisch. Ich erwartete eine Abfindung, die ich investieren wollte, einen Teil jedenfalls.

Selbstständigkeit

Am zehnten Jahrestag meines Einstiegs bei Suhrkamp kündigte ich und machte mich, nach dreimonatiger Arbeitslosigkeit, selbsständig.

Seit dem habe ich ein Problem zu erklären, was ich denn eigentlich mache.

Vielleicht sollte ich mich Bauarbeiter nennen, in einem übertragenen Sinne natürlich. Ich bin auf vielen Baustellen unterwegs und bei manchen ist noch eine Menge Sand im Getriebe.

Die Idee, einen Laden für regionale Produkte zu eröffnen, ließen wir schnell fallen. Statt dessen entschieden wir, diese Produkte selbst zu entwickeln und herzustellen und andere sie verkaufen zu lassen. Das haben wir getan. Aber diese Firma ist auch noch eine Baustelle, die Website ist z. B. noch nicht fertig und es gibt noch nicht genügend Produkte.

Irgendwann erreichte mich eine Anfrage des Fischer-Taschenbuchverlags. Es wurde jemand gesucht, der in der Klassiker-Reihe eine Anthologie zum Thema „Spaziergang“ herausgab. Diesen Auftrag habe ich sehr gerne angenommen. Bereits im folgenden Jahr stellte ich wieder für den Fischer-Taschenbuchverlag eine weitere Anthologie zusammen, diesesmal lautete das Thema „Eisenbahn“. Ich hatte es vorgeschlagen und der Verlag war einverstanden. Leider wurde die Reihe mittlerweile sehr reduziert und es blieb bei diesen zwei Büchern.

In der letzten Woche habe ich, wieder als Herausgeber, ein Lesebuch für den B3 Verlag in Frankfurt fertig gestellt. Es wird Mitte März erscheinen.

Dieser B3 Verlag ist in Frankfurt Bockenheim beheimatet. Dort habe ich auch mein Büro. Für den Verlag betreue ich die Website, die dringend renovierungsbedürftig ist, und bespiele Twitter und Facebook. Neue Bücher stelle ich bei Book2Look ein und wenn`s ein E-Book werden soll, erledige ich das über Bookwire. Im Tagesgeschäft kümmere ich mich um die Aufträge und erledige hin und wieder Marketingaktionen, wie Mailings etc.

Die ursprüngliche Idee, ein Geschäft für regionale Produkte zu eröffnen, wurde dann doch verwirklicht, wenn auch ohne mich. Den Hessen Shop gibt es mittlerweile dreimal in Frankfurt sowie als Shop in Shop System in allen sechs Hugendubel-Filialen im Rhein-Main-Gebiet. Für den Hessen Shop betreue ich die Facebook und Twitter-Accounts. Außerdem habe ich eine Pinterest-Seite eingerichtet. Seit Anfang März pflege ich auch die Website des Hessen Shops, technisch und inhaltlich. Das ist eine weitere, große Baustelle, die mich viel Zeit kosten wird. In der nächsten Zeit werde ich mich also in das Redaktionssystem der Seite einarbeiten.

Social-Media-Anwendungen nutze ich täglich, privat und beruflich. Insgesamt betreue ich je fünf Facebook und Twitter-Accounts. Demnächst werden es noch mehr werden. Manche dieser Accounts, z. B. die Facebook-Seite des kulturellen Online-Magazins Faust-Kultur, betreue ich ehrenamtlich, aus Idealismus. Da wird kein Geld verdient, jedenfalls zur Zeit noch nicht, und mir gefällt die Seite sehr. Für so ein wunderbares Projekt investiere ich gerne etwas von meiner Zeit.

Als Social-Media-Profi würde ich mich aber niemals bezeichnen, da gibt es andere, die mit dem Thema wesentlich vertrauter sind als ich. Auch beschränke ich mich auf Twitter, Facebook und Pinterest. Mit Google+ zum Beispiel habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich weiß auch noch nicht, worin der Nutzen einer weiteren Plattform besteht. Nicht zuletzt ist es auch ein Zeitproblem.

Obwohl ich recht „amateurhaft“ mit Social-Media umgehe, halten mich manche doch für einen „Profi“, gemessen an ihren eigenen Fähigkeiten und Ängsten. Also helfe ich hin und wieder anderen bei ihren ersten Schritten in das soziale Netz.

Zu guter Letzt bin ich mit ehemaligen Verlagskolleginnen und Kollegen in den Vorbereitungen für die Gründung einer weiteren Firma. Wir brauchen aber noch ein paar Wochen und vorher wird nichts verraten.

Für Aussenstehende klingt das alles sicher recht verwirrend. Aber hinter all diesen Aktivitäten steht ein Netzwerk von nur wenigen Personen. Intern ist alles also recht überschaubar und die Wege sind kurz – und Bauarbeiter schätzen kurze Wege.

Nachtrag vom Januar 2014

Als Selbsständiger bewegt man sich auf dünnem Eis. Ich habe das jetzt zu spüren bekommen. Sollte ich jetzt diesen Beitrag schreiben müssen, er würde vollkommen anders aussehen, denn 90% der oben geschilderten Umstände sind mittlerweile hinfällig. Ich orientiere mich jetzt neu.