Frankfurts Neustadt

Seit dem 9. Mai 2018 ist die sog. „Neue Altstadt“ in Frankfurt für alle zugänglich. Die Bauzäune, die das Gebiet zwischen Dom und Römer jahrelang abschotteten, fielen und gaben das Areal frei. Einen Tag vor jenem 9. Mai wurde des Tages gedacht, an dem im Jahre 1945 das verbrecherische Regime seinen letzten Atemzug aushauchte, das ursächlich verantwortlich war für die Zerstörung der Frankfurter Altstadt im August 1944.

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Krönungsweg mit Dom

Jetzt steht es also an alter Stelle, jenes Ensemble, das der Stadt jährlich hunderttausende Touristen aus nah und fern bescheren wird. Ob aus dem Viertel auch ein integrierter Teil der Stadt werden wird, den die Bewohnerinnen und Bewohner annehmen, darf bezweifelt werden. Dabei hat OB Feldmann nichts anderes versprochen, als dass die bislang offenbar seelenlose Stadt Frankfurt mit dem neuen Viertel eben diese Seele zurückerhält. Ich habe daraufhin eine völlig unrepräsentative Umfrage bei Twitter durchgeführt, die ergab, dass Frankfurts Seele flüssig ist und nicht steinern. Würde man chinesischen Touristen dieselbe Frage stellen, käme sehr wahrscheinlich ein gegenteiliges Ergebnis zustande. Umfrage

Natürlich habe auch ich gestaunt, als ich das Areal durchaus neugierig betrat und durch die engen Gassen schlenderte. Es ist schon beeindruckend, mit welchem handwerklichen Geschick die Gebäude rekonstruiert wurden. Das bemerkte sogar ein Ahnungsloser wie ich, der zufrieden ist, wen er einen Nagel halbwegs gerade und ohne Verletzung in die Wand gehämmert hat.

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Durchblick

Aber auch Neubauten fallen auf. Einige stehen in wohltuendem Kontrast zu den Rekonstruktionen und lassen erahnen, was alles möglich gewesen wäre, hätte man dort moderner Architektur eine Chance gegeben.

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Sehr gelungener Neubau gegenüber der Schirn.

Dann wäre eventuell auch der Eindruck der Kulissenhaftigkeit, der sich bei mir umgehend einstellte, vermeidbar gewesen. Verstärkt wurde dieser natürlich auch dadurch, dass in das Viertel noch kein Laden und keine Gastronomie eingezogen war. Von Bewohnern ganz zu schweigen. Vielleicht ändert sich meine Einschätzung, wenn dort etwas Leben herrscht. Ich will mich gerne überraschen lassen, bin aber skeptisch.

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Moderne Kamine auf rekonstruiertem Dach

Zu verdanken haben wir diese Kulisse dem Stadtverordneten der rechtspopulistischen BFF (Bürger für Frankfurt), Wolfgang Hübner, der am 20. August 2005 mit der Idee, an diesem historischen Ort die Altstadt wiedererstehen zu lassen, in die jahrelange Diskussion einstieg. Mit Erfolg, denn wenig später nahm die schwarz-grüne Römerkoalition, unterstützt vom Verein der Altstadtfreunde, den Vorschlag gerne auf. Das war der Todesstoß für den Entwurf des Siegers im städtebaulichen Wettbewerbs von 2005. Der verantwortliche Frankfurter Architekt Jürgen Engel, der dort eine moderne Bebauung vorsah, gab auf.

Anmerkung: Lesenswert sind die Beiträge von Claus-Jürgen Göpfert zur „Neuen Altstadt“ in der Frankfurter Rundschau.

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Durchgang zur Schirn

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Neue Perspektiven am sog. „Krönungsweg“ zwischen Römer und Dom

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Auch die U-Bahn wurde integriert

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Einen Stolperstein gibt es auch schon

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Kontrast zwischen Neu und Neu

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Friedrich Stoltze hat am Hühnermarkt seinen Platz gefunden

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An der Schirn wird`s eng

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Goldene Waage

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Unweit ragen die Kräne in den Himmel

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Radfahren mit David Byrne

David Byrne ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Endfünfziger ist Musiker, ehemals Mastermind der Talking Heads, Produzent und bildender Künstler. Diese Tätigkeiten führen ihn rund um die Welt, zu Konzerten und Ausstellungen. Und er ist Flaneur, ein moderner Flaneur, einer mit dem Fahrrad. Byrne ist leidenschaftlicher Radfahrer und so hat er sein Faltrad auf allen seinen Reisen in die Metropolen der Welt dabei.
Er nimmt uns unter anderem mit nach Berlin, New York, Manila, San Francisco, London, Sydney, er fährt Rad in Städten, in denen das sonst niemand tut, wie z. B. in Istanbul und Buenos Aires. Seine Begründung ist einleuchtend: […] ich schätze die Fahrradperspektive und die Freiheit offenbar mehr, als mir klar ist. Ich bin süchtiger, als ich mir eingestehe (S. 163). Auf all diesen Erkundungsfahrten tut er das, was ein Flaneur so tut – er beobachtet und denkt nach. Diese Gedanken und Beobachtungen hat er jetzt aufgeschrieben und so ist David Byrnes Buch „Bicycle Diaries“ voll mit seinen Erkenntnissen zu Architektur, Stadtplanung, Gentrifizierung, Verkehr und natürlich Kunst und Musik. Das sind keine revolutionären, nie gehörte Gedanken, aber es sind Gedanken, die vielleicht nur ein Radfahrer haben kann. Der Radfahrer ist aufmerksamer, sieht mehr und nimmt mehr wahr, als Autofahrer mit ihrem begrenzten Blick. Des Radfahrers Nase umweht der Wind der Freiheit. So bleibt auch der Kopf frei.
Natürlich kann man Byrne nur zustimmen, wenn er in Istanbul das Verschwinden ganzer Stadtviertel mit ihren Holzbauten zugunsten „moderner“ Bauten im Stil einer „globalen Architektur“ beklagt. Einer Architektur, die auf lokale und historische Gegebenheiten keine Rücksicht nimmt und die überall auf der Welt anzutreffen ist. Ebenso spendet man leise Applaus, wenn er, angesichts des Niedergangs der Stadt Detroit und der Krise des Autokonzerns General Motors, empfiehlt, das komplette Management gegen Manager aus Japan und Korea auszutauschen – die wüssten wenigstens, wie man sparsame Autos baut.
In Buenos Aires trifft Byrne, nicht unerwartet, auf dasselbe Phänomen wie in New York und vielen anderen Metropolen der Welt – Gentrifizierung. Leute mit kleinen Einkommen, Künstler, ziehen in die Vorstädte, weil sie die steigenden Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr aufbringen können. Und natürlich begegnet ihm der Tango, dem im Buenos Aires Kapitel naturgemäß viel Platz eingeräumt wird. Und ihm begegnet der Fußball, indirekt. Im Fernsehen läuft das WM Spiel Mexiko gegen Argentinien – und so hat Byrne für eine gewisse Zeit die Stadt fast für sich alleine.

Man fragt sich was, um alles in der Welt, jemand veranlassen könnte, nach Australien zu reisen, wenn man Byrne nach Sydney folgt und seinen Schilderungen der feindlichen Flora und Fauna des Landes, die ihn daran erinnert, dass die Menschen der Natur schnuppe sind (S. 208). Nicht so David Byrne, nach vielen Besuchen hat er den Kontinent lieben gelernt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich in seinen Städten so trefflich Radfahren lässt.
Berlin scheint Byrnes Fahrradparadies zu sein. Er ist entzückt von den vielen Radfahrern, den guten Radwegen und der Disziplin und Rücksichtnahme, die Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer aufbringen. Selbst an roten Ampeln blieben alle stehen. Jeder, der schon mal in Berlin Rad gefahren ist, weiß, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck, wenn man meist in New York mit dem Rad unterwegs ist. Es sei ihm verziehen. Verglichen mit den anderen Metropolen der Welt, in denen David Byrne mit dem Rad unterwegs war, ist Berlin wahrscheinlich schon so etwas wie ein Fahrradparadies. Verzeihen wollen wir ihm auch, dass er aus dem, mittlerweile abgerissenen, Palast der Republik das Hauptquartier der SED macht und ihn auch gleich noch an den Alexanderplatz verlegt.
Das letzte Kapitel ist David Byrnes Wohnort New York gewidmet, einer Stadt, die sich langsam für Radfahrer öffnet. Immer mehr Radwege werden angelegt und immer mehr New Yorker nutzen das Rad, nicht nur die wagemutigen Fahrradkuriere. Byrne hat für seine Stadt verschiedene Fahrradständer entworfen, immer entsprechend dem Ort, an dem sie aufgestellt werden sollen. Ein solcher Ständer in Form eines Damenschuhs steht z. B. vor einem Luxuskaufhaus, für Greenwich Village hat er einen gitarrenförmigen entworfen, für die Bowery eine Flasche. Alle sind Unikate, kleine Kunstwerke, die das Image des Fahrrads verbessern helfen.
Im Epilog beschäftigt sich der Autor noch mit der Zukunft des Verkehrs, die er naturgemäß im Fahrrad sieht. Er führt unter anderem positive Beispiele aus aller Welt an, in denen sich Städte, wie z. B. Bogotá oder auch Paris bewußt für eine Förderung des Radverkehrs entschieden haben, mit guten Erfolgen.
Byrne fährt nicht Rad, weil es ökologisch und vernünftig ist, sondern hauptsächlich, weil es mir ein berauschendes Gefühl von Freiheit vermittelt (S. 330). Und: Es ist das befreiende Gefühl – das physische und psychische Empfinden -, das überzeugender ist als jedes praktische Argument. Allein die Perspektive, die der Höhe von Fußgängern, Straßenverkäufern und Schaufenstern entspricht, verbunden mit einer Fortbewegungsweise, bei der man sich nicht ganz vom Straßenleben ausgenommen fühlt, ist pures Vergnügen (S. 349). David Byrne ist also Radfahrer aus Vergnügen und daher kommt sein Buch auch ohne jeden moralischen Zeigefinger aus.
Es macht Spaß mit David Byrne durch die Metropolen der Welt zu radeln und seinen wachen, witzigen und klugen Gedanken zu folgen, den Gedanken eines Flaneurs, eines Flaneurs auf dem Fahrrad.

David Byrne, Bicycle Diaries, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011