Der Kinkster in Frankfurt

Siebzig Jahre ist er mittlerweile alt, der „Texas Jewboy“ Kinky Friedman. Von der Vitalität, die er ausstrahlt kann ein Großteil des in Ehren ergrauten Publikums allenfalls noch träumen. Dem angemessen war der Saal der Brotfabrik an diesem Abend bestuhlt.

Schon vor Konzertbeginn signierte er am Merchandising-Stand CDs und Bücher, nicht ohne jeden mit Handschlag zu begrüßen. „God bless Texas“ hat er auf meiner CD vermerkt. Standesgemäß in Cowboyschwarz gekleidet, die obligatorische – unangezündete – Zigarre in der Hand oder im Mundwinkel, stand er da, plauderte mit dem Publikum und verbreitete gute Laune. Es ging pünktlich los in der gut besuchten Brotfabrik. Auf der Bühne stand ein Multitalent, ein Countrysänger, ein Comedian, ein erfolgreicher Autor und nicht zuletzt ein Politiker. Als Unabhängiger kandidierte er 2006 für das Amt des Gouverneurs von Texas.

Im Mittelpunkt stand an diesem Abend die Musik. Natürlich gab es auch seinen größten Hit zu hören: They Ain`t Makin` Jews Like Jesus Anymore.  Zwischen den Songs erzählte Friedman aber immer wieder Geschichten, Witze und Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bei denen alle ihr Fett abbekamen: Frauen, Männer, Politiker und Deutsche (The Germans are my second favorite people in the world. The first are all the other ones). Immer wieder spielte auch sein Kumpel Willie Nelson eine Rolle und Friedman ließ es sich nicht nehmen einige seiner namhaften Fans zu nennen, von Dylan über Bill Clinton bis hin zu Nelson Mandela. Dieser hörte angeblich täglich in seiner Zelle auf Robben Island eine geschmuggelte Kassette mit Songs des Kinksters. Das Publikum lauschte mit Ehrfurcht und hatte seinen Spaß, lachte auch bei einigen eher zotigen Scherzen und spendete reichlich Beifall. Kinkys trockene Witze kamen im Stil von W.C. Fields daher, manchmal jedenfalls, möglicherweise auch wegen des Whiskeys, von dem er gelegentlich nippte. Selbstverständlich wurde auch die Zigarre hin und wieder als Requisit eingesetzt, blieb aber den ganzen Abend über kalt.

Der Autor Kinky Friedman kam ebenfalls zu seinem Recht an diesem abwechslungsreichen Abend. Er las die Geschichte seines Vaters, der im 2. Weltkrieg Navigator der US Airforce war, an Angriffen auf Deutschland teilnahm und half Nazideutschland zu besiegen. Kinky will ihn mit seiner Geschichte vor dem Vergessen bewahren.

In der Pause und nach dem zweistündigen Konzert wurden wieder Hände geschüttelt, gelacht und CDs signiert. Das begeisterte Publikum hat einen Mann erlebt, der Spaß hatte an dem was er tat. Als Schlusswort wünschte er sich, Musikerinnen und Musiker würden die Welt regieren, die könnten das sicher besser als Politiker. Viel Applaus. Es war ein großer Abend mit einem großen Entertainer.

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01. November 2014 – Ein Rückblick mit Musik, einer Buchpräsentation, einer Buchmesse und jeder Menge Namedropping

Der Oktober 2014 war ein besonderer Monat

Es fing schon Ende September an mit dem Konzert der Schwestern aus Schweden, die als First Aid Kit derzeit Erfolge feiern. Zurecht, wie ich nach dem Konzert sagen kann. Die eigentliche Sensation aber war der Support, ein junger Mann aus Manchester, Jo Rose, der allein mit seiner akustischen Gitarre auf der Bühne stand und schon nach wenigen Takten das Publikum im gut gefüllten Zoom zum Schweigen und gebanntem Lauschen brachte. Was für eine Stimme, was für wunderbare Songs! Er hat die Musik nicht neu erfunden, braucht sich aber nicht hinter namhaften Kollegen wie M. Ward, Joe Henry, Rufus Wainwright oder auch Neil Young zu verstecken.

Jo Rose Debüt Album

Jo Rose Debüt Album

Nach Konzertende habe ich mir die Debüt-CD gekauft (Vinyl gab`s leider nicht) und vom Künstler signieren lassen. Zuhause dann gehört und erneut völlig überrascht. Anders als auf der Bühne des Zoom, wird Jo Rose hier von einer Band begleitet. Wir hören neben den üblichen Begleitinstrumenten, Bläser, Streicher und eine Steelguitar, großartig arrangiert das Ganze. Nach einer halben Stunde endet die CD und man braucht eine Weile, um von diesem Rausch wieder auf dem Fußboden zu landen. Sensationell – und wenn es eine Gerechtigkeit gibt in der Musikwelt, dann wird dieser Mann eine große Karriere machen und die signierte Debüt-CD in einigen Jahren ein kleines Vermögen wert sein.

Buchpräsentation

Es folgte am 2. Oktober die Vorstellung der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Moment gehofft, nun war er da und ich entsprechend aufgeregt. Aber es ging alles gut. Die Romanfabrik war sehr gut gefüllt und niemand ist früher gegangen, obwohl sich der Abend in die Länge zog. Etwas über anderthalb Stunden wurde gelesen, nur unterbrochen von einem kleinen und feinen musikalischen Intermezzo durch Elis. Die Reaktionen waren sehr positiv und der Buchhändler hat gut verkauft. Mein alter Freund Joe Bauer aus Stuttgart, der das Vorwort geschrieben hat, kam mit Freundin Barbara angereist und sie blieben über das Wochenende. Wir sind stundenlang durch Frankfurt gelatscht, auf den Spuren der Wegsehenswürdigkeiten.

Buchmesse

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Dann natürlich die Buchmesse. Es fing, wie in den letzten Jahren auch, am Dienstag an mit dem Aufbau am Suhrkampstand. Aufbautage sind besondere Tage, der Messebetrieb hat noch nicht angefangen und es ist schön, alte Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Überall ist eine gewisse Euphorie zu spüren. Die Messe ist das Familientreffen der Buchmenschen. Dieser Tag endet traditionell mit Altbier und Brezeln beim Buchmarkt. Dort trifft man dann Menschen aus anderen Verlagen und erfährt die ersten Neuigkeiten. Nicht mehr ganz nüchtern endet der Dienstag und alle freuen sich auf das, was in den nächsten Tagen kommen wird.
Allzuviel will ich über die Messe gar nicht schreiben, das haben mein Messegast Stefan Möller und Wiebke Ladwig bereits trefflich erledigt. Am wichtigsten sind ohnehin immer die Menschen, die man trifft. So konnte ich endlich Stephanie Bart persönlich kennenlernen, mit der ich schon seit einiger Zeit recht intensiv über Twitter verbunden bin. Sie hat mit Deutscher Meister einen beeindruckenden Roman geschrieben, der bei HoCa Spitzentitel ist. Am Donnerstagabend las sie bei Open Books, ich war dabei. Dort lernte ich dann endlich auch mal Philipp Werner kennen, Stephanies Lektor bei HoCa und Moderator der Lesung. Ich hatte mit ihm zu tun, als er meine Anthologie Mit des Blitzes Schnelle im Fischer Taschenbuchverlag betreute. Dieser Kontakt lief allerdings ausschließlich über Mail, getroffen hatten wir uns nie. Dafür gibt es die Messe.
Normalerweise wären wir jetzt nach Sachsenhausen gefahren zum Fest des Fischer Verlages. Aber das fiel wegen irgendwelcher Auflagen der Versicherung in diesem Jahr aus. Dankenswerterweise hat die Titanic ihren Abend von Freitag auf Donnerstag vorgezogen – und ich hatte, Leo Fischer sei Dank, erstmals eine Einladung. Vielleicht das schönste Fest der Messe – in einem Bootshaus am Main mit Skylineblick -, was ich leicht sagen kann, da es auch mein einziges war. Und hätte ich geahnt, was für ein köstliches Büffet die Chefsatiriker auffahren ließen, ich hätte auf die überteuerte Tüte Pommes in der Innenstadt verzichtet. Es war ne Menge Prominenz da, inklusive eines echten Europaabgeordneten.

Ich werde eher nie von Frauen angesprochen, doch bei der Titanic-Party passierte genau das. „Du bist doch der, der mir vor zwei Jahren geholfen hat, die Kisten ins Auto zu schleppen.“ Jetzt dämmerte es auch mir. Vor mir stand die wunderbare Undine Löhfelm von Orange Press in Freiburg. In der Tat, es hatte sich damals so ergeben und ich half ihr, die Kisten mit dem Standinventar des Verlags am Ende der Messe zum Auto zu schleppen. Es war eine elende Plackerei. Wir plauderten kurz und dann war sie wieder verschwunden.

Jürgen Roth und ich waren am Freitagabend im Rahmen von Open Books in der Heussenstamm Galerie zu Gast. Unterstützt wurden wir von Dirk Braunstein und Philipp Mosetter, die auch schon bei der Präsentation in der Romanfabrik dabei waren. Die Galerie war sehr gut besucht und ich mal wieder etwas nervös, sollte ich doch erstmals meinen Text vortragen. Zum Glück war die Zeit knapp bemessen, mein Vortrag war nicht mehr nötig und ich habe ein bißchen moderiert. Die beteiligten Herren haben auch alles bestens besorgt. Imposant wie Jürgen Roth den Text von Eckhard Henscheid las. Nach einer knappen Stunde war es zur Zufriedenheit aller erledigt und wir konnten eine nahegelegene Bindingkaschemme aufsuchen.
Der Samstag begann früh. Gegen elf Uhr setzte ich mich aufs Rad und fuhr gen Gallus. In einer dortigen Galerie war eine „Frühschoppenlesung“ annonciert, mit dem Kollegen Jürgen Roth und Thomas Kapielski. Ich kam zu spät, konnte dafür aber meinen Eintrittsobulus frei wählen. Einen Zehner war mir die Sache dann noch wert, war doch unbeschränkt Bier und Kaffee und Rindswurst darin enthalten. Ich nahm alles und amüsierte mich köstlich – wie alle Anwesenden in dem gut gefüllten Hinterhofraum. In Leipzig finden diese Lesungen regelmäßig satt, für Frankfurt war es eine Premiere. Es ist zu wünschen, daß es nicht dabei bleibt. Nachmittags dann auf der Messe ein Treffen mit der sehr geschätzten Twitterfreundin @mokka98. Es war sehr kurzweilig und leider auch zu kurz. Man kann sich trefflich mit ihr unterhalten, Bier trinken (schon wieder) und Fahrrad fahren. Letzeres weiß ich noch nicht, hoffe aber, daß es im nächsten Jahr mal dazu kommen wird. Schön, wenn sich die virtuelle Welt im richtigen Leben wiederfindet.

Arbeiten und Restetrinken – der letzte Tag

Am Sonntag stand ich wieder in Diensten des Suhrkamp Verlages. Es wird verkauft und alles ist recht betriebsam. Große Freude kam auf, als Markus Hablizel vorbeischaute. Er hatte etwas Zeit und wir konnten uns unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er mit seinem Verlag noch einen eigenen Stand in Frankfurt. Jetzt steckt er das Geld lieber in andere Sachen, wie z. B. ein fünftägiges Fest in Köln zum fünfjährigen Bestehen seines Verlages. Herzlichen Glückwunsch nochmals an dieser Stelle. Solche Verlage sind das Salz in der Suppe der Literatur.
Dann war schon wieder Schluss, fast. Es folgte noch das Restetrinken beim Folio Verlag. Auch hier war ich erstmals dabei. Irgendwer hatte mich überredet (es war nicht schwer). Vielleicht war doch diese „After Work Party“ und nicht das Titanic-Fest die schönste Party der Messe. Der eifrige Jörg Sundermeier war da, Kristine Listau selbstverständlich auch. Sie hatten noch etwas Zeit, bis der Zug sie zurück nach Berlin bringen sollte. Jörg machte mich mit Deniz Yücel von der Taz bekannt. Ich versprach ihm ein Rezensionsexemplar der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Er war sehr interessiert, schließlich sei er Hesse. Viele andere waren auch da und machten sich über die, doch sehr impossanten, Reste her. Und Undine war da. Diesmal hatten wir etwas mehr Zeit zum Plaudern. Jetzt sind wir auf Facebook „befreundet“. Dafür ist Facebook da.
Es sind die Menschen, die die Messe ausmachen, und bei vielen wünschte ich mir, sie öfter als nur einmal jährlich zu sehen (längst nicht alle habe ich hier erwähnt). Verpasst habe ich leider Marion Brasch. Aber daran bin ich selbst schuld.
Also, bis zum nächsten Jahr. Und vielleicht darf ich ja auch mal wieder Kisten schleppen.

Analog

AnalogbierIch setzte mich an den gewohnten Platz am Stammtisch. Das Bier kam umgehend – ich trinke immer dasselbe. Dann der automatische Griff in die rechte Innentasche meiner Jeansjacke. Der Puls wurde schneller, das Herz raste, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen. Ich hatte den Taschencomputer vergessen. Den spontanen Impuls, die zehn Minuten nach hause zu laufen und das Gerät zu holen, unterdrückte ich nach kurzer Überlegung. Es war niemand im Lokal, mit dem oder der ich mich hätte unterhalten können. Aber ich hatte ein Buch dabei, wie immer. „Lies was“, sagte ich mir, „wie früher“. Ich habe oft stundenlang in Kneipen gesessen und gelesen.

Das Buch, das ich aufschlug, paßte zu meiner Situation – „Analog“ von Thomas Meinecke. Der kleine Band aus dem Verbrecher Verlag versammelt die Musikkolumnen des Autors, DJs und Musikers. Die Illustrationen stammen von der Künstlerin und Musikerkollegin Michaela Melián. Es geht um Techno, House, Deep House, Disco und Gender, lauter Sachen, von denen ich nichts verstehe. Aber der Enthusiasmus, mit dem Meinecke sein Thema behandelt und die Schönheit seiner Sprache ließen mich dranbleiben. Und, wer weiß, vielleicht schleicht sich ja die eine oder anderere Erkenntnis ein. Zu seinen DJ Sets in ganz Deutschland reist der Autor mit der Bahn. Da er ausschließlich mit Vinyl arbeitet, nimmt er nie mehr als 90 LPs mit. Ich möchte keine 90 Platten schleppen und mit der Bahn transportieren.

Meinecke ist ein guter DJ (soweit ich das beurteilen kann). Ich habe ihn zweimal gehört. Einmal im Frankfurter Schauspiel, anläßlich einer Veranstaltung von der mir nur sein Set in Erinnerung geblieben ist und ein anderes Mal in der, mittlerweile geschlossenen, Frankfurter Disco U60311. Es war während des sogenannten „Taschenbuch-Fests“, einer Party, die der Suhrkamp Verlag eine Zeitlang zur Buchmesse veranstaltet hat. Schon seit einigen Jahren verzichtet der Verlag auf diese Veranstaltung. Bis 23 Uhr war das Fest nur für geladene Gäste, danach durften alle rein. Es war immer sehr laut bei diesen Abenden. Die Bässe wummerten und die Hosenbeine flatterten. An Gespräche war nicht zu denken.

An diesem Abend legte irgendein DJ den üblichen Partymix auf, von Abba bis Gloria Gaynor. Nichts was mich auf die Tanzfläche treiben würde. Aber die war natürlich voll – bis Meinecke kam. Er packte seine Platten aus und spielte die Musik, die im U60311 normalerweise zu hören war, Techno, House, Drum and Base (Nehme ich an. Wie gesagt, ich habe davon keine Ahnung). Die Partytänzer hatten die Tanzfläche längst verlassen, mir aber ging die Musik in die Beine und trieb mich genau dorthin. Da blieb ich dann für die nächsten zwei Stunden. Mit mir bewegten sich vielleicht zehn andere Leute zu Meineckes Beats. Es war wunderbar, für zwei Stunden gab es nur noch Musik, Rhythmus und Bewegung. Alles um mich herum war ausgeblendet. Naßgeschwitzt, etwas betrunken und glücklich setzte ich mich auf mein Rad und fuhr nach hause. Daran mußte ich denken, als ich Meinecke las, nichts verstand und Bier trank.

Als ich nach ein paar Bieren und etlichen Seiten „Analog“ nach hause kam und endlich wieder mit der Welt verbunden war, schaltete ich sofort den Computer an und durchstöberte meine Social-Media-Kanäle. Alles war gut, ich hatte nichts verpaßt und niemand hat mich vermisst.

Aus meinem Plattenregal 1- Steve Piccolo – Domestic Exile

The Lounge Lizards

Lounge Lizards1981 erschein das Debüt der New Yorker „Fake-Jazz“-Combo The Lounge Lizards. Die Platte war eine Sensation und blies viel frischen Wind in die verstaubte Jazz-Szene. Kopf der Band war der Saxophonist John Lurie, ein an Coolness kaum zu überbietender, charismatischer Musiker, der später auch als Schauspieler schöne Erfolge feierte. Am Piano saß sein Bruder Evan, die Gitarre bediente Arto Lindsay. Er tat das auf bislang noch nie gehörte Art und Weise und entlockte seinem Instrument krachige und schreiende Geräusche, die mit herkömmlichem Gitarrenspiel nichts mehr gemein hatten. Am ehesten konnte man diesen Stil mit dem Scratchen von DJs vergleichen. Am Schlagzeug saß Anton Fier und am Bass war Steve Piccolo. In dieser Besetzung spielten die Lounge Lizards nur dieses Debüt-Album ein. In den folgenden Jahren nahm Lurie mit den Lounge Lizards mehrere Platten in unterschiedlichen Besetzungen auf.

Domestic Exile

PiccoloEin Jahr nach diesem aufregenden Debüt, 1982, veröffentliche Bassist Piccolo sein eigenes Debüt-Album, „Domestic Exile“. Es war nicht weniger aufregend als das der Lounge Lizards, erfuhr aber längst nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Keyboards spielte der Bandkollege Evan Lurie und an den Sythesizers saß G. Lindhal. Piccolo selbst spielte neben dem elektrischen und akustischen Bass noch Percussion und Gitarre, außerdem übernahm er den Vokalpart. Musik und Texte stammen ebenfalls von Steve Piccolo. Das Cover-Artwork erinnert stark an das der Lounge Lizards.

Neurotische Großstadtfolklore

„Domestic Exile“ ist ein vorwiegend ruhiges, zurückhaltendes Album voller wunderbarer, schräger Songs, ganz anders als die expressive Platte der Lounge Lizards. Piccolo erzählt in seinen Liedern von modernen und meist einsamen Großstadtmenschen und ihrem Alltag in New York. Es entsteht eine Art neurotischer Großstadtfolklore.

So heißt es in „Young and Ambitious“:

Now work is over I´m going to go out

now I am buying something to eat

something to wear something to read

now I am spending the money I earned

when I was working a short time ago

that is how things work

this I have learned

Und in „Business Man`s Lament“ geht es weiter:

I don`t give anything away if I don`t get something in return

I don`t like to keep anything that I haven`t earned

trading value for value that`s all I understand

and I never do anything unless I have a plan

so I guess You could call me a businessman

Aber es gibt Hoffnung, so etwa in dem fröhlichen „I Don`t Want To Join A Cult“:

But then I saw You

You looked as if You hadn`t heard the news of our defeat

You walk down the street of the welfare state

with Your head held up and Your back so straight

You`re not even overweight

and suddenly I feel like

I don`t want to join a cult

I`d rather be Your devotee

I don`t want to join a cult

except the cult of only You and Me

Piccolo selbst hat sich bald nach dem Lounge Lizards Debüt dem neurotischen Großstadtleben entzogen und ist nach Italien gegangen. Auf dem italienischen Label Materiali Sonori ist dieses kleine Meisterwerk dann auch erschienen.

Unter dem Titel „adaption“ folgte ein weiteres Album von Steve Piccolo`s Domestic Exile, das aber längst nicht so aufregend ist, wie das erste Album. Piccolo arbeite in der Folgezeit mit den unterschiedlichsten Musikern zusammen, unter anderem mit Elliot Sharp.

Lüften Festival, Frankfurt am Main

Vor ca. drei Jahren war ich erstmals in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Es spielten Laurie Anderson und Lou Reed – ihr einziges Deutschlandkonzert. Die Halle war nicht ausverkauft. Im letzten Jahr spielte dort PJ Harvey. Sie hatte gerade ihr phänomenales Album „Let England Shake“ veröffentlicht. Die Halle war mit gerade mal 2000 Besuchern nur zur Hälfte gefüllt.

Ich mag die Jahrhunderthalle. Sie ist ein herausragendes Beispiel für gelungene 60iger-Jahre Architektur und die Akustik ist hervorragend. Allerdings scheinen die Frankfurter die Halle nicht zu schätzen. Vielleicht weil sie in Höchst liegt, in der Pampa.

Was für ein besonderer Ort diese Halle und das sie umgebende Gelände wirklich ist, konnte ich aber erst am Wochenende vom 22. – 24. Juni während des Lüften Festivals entdecken.

Als ich vor einigen Monaten von diesem Festival erfuhr, wollte ich angesichts des Programms (neudeutsch: line up) meinen Augen nicht trauen. Frankfurt liegt außerhalb der üblichen Konzertroute, Berlin – Hamburg – Köln – München, die für Veranstalter und Bands in Deutschland interessant ist. Und plötzlich standen bei Lüften Bands und Musiker auf dem Programm, auf die man in FrankfurtRheinMain eventuell lange warten muss. Das erstklassige Konzertprogramm, Open Air und in der Halle, wurde ergänzt durch Kunst und Performance. Lüften war ein Festival der Überraschungen, für Menschen, die mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen, Menschen, die in der Lage sind sich zu entscheiden, freie Menschen also. Denn entscheiden musste man sich angesichts des üppigen Programmangebots. Alle Räume der Halle wurden bespielt, die Freiflächen herum ebenso, überall Theater, Kunst und Musik – ein Fest für alle Sinne.

Und doch hat es niemand interessiert. Der Besucherandrang hielt sich in extrem überschaubaren Grenzen. Auf dem angebotenen Zeltplatz verloren sich ein Dutzend Zelte. So kam es, dass am Samstagnachmittag Dexys ein unvergessliches Konzert spielten, bei schönem Wetter, vor 300 Leuten. Es war das einzige Deutschlandkonzert der Band.

Was haben sie gemacht an diesem Sommerwochenende, die Frankfurter, die Bewohner der angeblichen Metropolregion RheinMain mit immerhin 4,5 Mio. Einwohnern? Haben sie Blasentee getrunken und kalten Fisch gegessen, oder haben sie vorgeglüht für das abendliche Fußballspiel?

Es wurde viel Kritik geübt im Anschluss an das Festival. Kritik am falschen Marketing-Konzept (da läßt sich sicher einiges verbessern), am uninteressanten Programm (wer das behauptet, hört wahrscheinlich den ganzen Tag HR1 und hat wirklich keine Ahnung) oder an den überhöhten Preisen (Preise, die Zehntausende ohne Murren bereit sind zu zahlen, um, eingepfercht in ein Fußballstadion, beispielsweise eine Combo wie U2 zu hören).

Manch einer fragte sich, wie man ein solches Festival ausgerechnet zeitgleich mit der Fußball EM veranstalten könne. Mit Verlaub, wer einem Festival fernbleibt, das um 13:30 Uhr beginnt, weil abends um 20:45 ein Fußballspiel angepfiffen wird, das man in der Halle auf mehreren Monitoren durchaus verfolgen konnte, der wäre auch ohne Fußball nicht gekommen. Andere zeigten sich beleidigt, weil sie erst zwei Tage vor Beginn überhaupt von der Veranstaltung erfahren hätten. Das kommt davon, wenn man nicht mit offenen Augen durch die Stadt geht. Zu guter Letzt wurden die Subventionen kritisiert, die Steuergelder, die beim Lüften verpulvert wurden. Im gleichen Atemzug beschwerte man sich über die angeblich zu hohen Eintrittspreise.

Lüften war ein in jeder Hinsicht einmaliges Festival, wie es die Region FrankfurtRheinMain bislang noch nicht gesehen hat. Es ist zu befürchten, dass es ein einmaliges Experiment bleiben wird.

BOY in der Centralstation Darmstadt

Es läuft rund bei Valeska Steiner und Sonja Glass. Unter dem Namen BOY touren sie durch die Lande, von einem ausverkauften Konzert zum nächsten. Eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Aber diese ist kein Zufall.

Zwei sehr gut aussehende junge Frauen wählen den sehr eingängigen Bandnamen BOY. Dass Frauen hinter diesem Namen stecken, macht die Sache nur interessanter. Es scheint noch keine Probleme mit der gleichnamigen amerikanischen Band gegeben zu haben.

Mit ihrem sympatischen Auftreten und ihrer Wohlfühlpopmusik begeistern BOY Teenies und ältere Damen und Herren gleichermaßen. Aus diesem Spektrum setzte sich auch das Publikum in der ausverkauften Darmstädter Centralstation zusammen. Andernorts wird es nicht anders sein. Die Songs von BOY bewegen sich zwischen Mitsing-Hymnen und melancholischen Balladen. Die Mischung macht`s und die stimmt.

Das in leichten Sepiatönen gehaltene Cover ihrer bislang einzigen Platte, dessen Motiv aus gutem Grund auch das Tourplakat ziert, passt vortrefflich zum Gesamtauftritt des Duos. Die beiden sitzen auf dem Fußboden, angelehnt an ein Sofa, und schauen ins Off. Sonja Glass bläst einen Kaugummiballon, der bald zu platzen droht. Man muss BOY einfach mögen.

Denoch hat die Band ein Problem, das der zweiten Platte. Man darf gespannt sein, ob sie nach ihrem erfolgreichen Debut „Mutual Friends“ etwas ähnlich Gelungenes nachlegen können. Es ist ihnen zu wünschen.

My Brightest Diamond im Kölner Club „Gebäude 9“ am 26.11.2011

Der Club „Gebäude 9“ in Köln war mit ca. 150 Leuten beschämend schlecht besucht. Gerade mal € 15,- waren fällig um eine der großartigsten Musikerinnen des zeitgenössischen Musikgeschehens live erleben zu können. P.J. Harvey kostete das Vierfache dieser Summe. Und P.J. ist niemand, hinter der sich Shara Worden verstecken müßte.

Ebenso beschämend ist, das sich gerade mal zwei (!) Clubs in Deutschland bereit fanden, Shara Worden aka My Brightest Diamond zu buchen. So war ich gezwungen nach Köln zu fahren um sie hören zu können. Nun gut, vor drei Jahren bin ich ins schwäbische Schorndorf gefahren.

Im Oktober diesen Jahres ist das dritte Album von My Brightest Diamond erschienen, „All Things Will Unwind“. Gute drei Jahre sind vergangen seit ihrem Meisterwerk „A Thousand Shark`s Teeth“ . Drei Jahre, in denen sie allerdings nicht untätig war. Es sind diverse Alben anderer Musikerinnen und Musiker erschienen, bei denen Shara Worden beteiligt war – u.a. von Clogs, einem Projekt des The National Gitarristen Bryce Dessner, von Sarah Kirkland Snider, den Decemberists und David Byrne. Außerdem ist sie Mutter eines Sohnes geworden (den sie auf „All Things Will Unwind“ in dem wunderschönen Song „I have Never Loved Someone the Way I Love You“ besingt) und von Brooklyn in die sterbende Stadt Detroit gezogen. Beim Friseur war sie auch.

Shara Worden war also alles andere als untätig. Im Oktober kam dann endlich ihr neues Album, für das sie sich auferlegt hatte, ausschließlich Instrumente zu spielen, die in einen Koffer passten. Die Gitarre fiel also aus. Statt dessen hat sie das Kammerensemble yMusic engagiert. Herausgekommen ist ein wunderbares, stilles, kammermusikalisches Album, das voller Kostbarkeiten steckt. Lautere, rockigere Songs, wie noch auf dem „Shark“ Album oder dem MBD Debut „Bring Me the Workhorse“ fehlen hier völlig. Vielmehr gibt es, ähnlich wie bei den Alben von Clogs und Sarah Kirkland Snider, deutliche Anleihen bei der klassischen Musik. Der gelernten Opernsängerin Shara Worden ist dieses Terrain ja nicht fremd.

Umso überraschter war ich, dass sie die Bühne des „Gebäude 9“ nur in Begleitung eines Schlagzeugers betrat. Shara sang, spielte Gitarre, Ukulele, Keyboards sowie diverse andere Instrumente und es wurde teilweise sehr laut und rockig. Das war keine reine Vorstellung des neuen Albums, sondern ein Querschnitt durch das bisherige, so großartige, Schaffen von My Brightest Diamond. Auffallend war die Farbgebung, die auch beim neuen Album vorherrscht. Sind bei den beiden Vorgängeralben eher zurückhaltende, dunkle Farben prägend, so wird das Albumdesign bei „All Things Will Unwind“ durch die Farbe Rot bestimmt. Das Cover des Albums, man muss es nicht schön finden, das Bühnenoutfit, all das strahlte so viel Optimismus aus, dass man sich dem nicht entziehen konnte, was man freilich auch nicht wollte. Selbst der Drummer, Brian Wolf, trug auf seiner ansonsten schwarzen Kleidung, rote, gelbe und orange Filzapplikationen.

Perfekt vorbereitet wurde ihr Auftritt durch die Berliner Singer-Songwriterin Miss Kenichi, die auch beim Eröffnungssong „We Added It Up“ MBD begleiten konnte, was ihr bravorös gelang. Shara Worden hatte dann keine große Mühe, das Publikum, ja – zu verzaubern. Ihr Charme, ihr Witz, die wunderbaren Songs und ihre einmalige Stimme taten ein Übriges. Allein schon für ihre Version des Nina Simone Songs „Feelin` Good“ hat der Besuch gelohnt. Zwei Stunden und zweimal drei Zugaben später war dieses unvergessliche Konzert beendet und 150 Menschen verließen glücklich den Club, viele mit Platten, CDs oder T-Shirts vom Merchandising-Stand unterm Arm. Alle anderen haben was verpasst.

Was bleibt ist die Frage, weshalb P.J. Harvey, Joan As Policewoman und der kommende Star, Anna Calvi, Clubs und Hallen füllen, die nicht minder großartige Shara Worden aber nicht. Aber so kann ich sie in drei Jahren wieder in einem kleinen Club für wenig Geld sehen und hören, irgendwo in Deutschland.