Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

So kam das

friesenbuchhandlung

An diesem Ort in Berlin-Kreuzberg, damals noch 1000 Berlin 61, begann 1980 mein Leben in der Buchbranche. Das Geschäft mit den geschlossenen Rollläden wurde zu der Zeit von einem türkischen Gemüsehändler betrieben. Der Laden auf der linken Seite beherbergte eine kleine Buchhandlung. Sie hieß Friesenbuchhandlung, benannt nach der Straße, in der sie beheimatet war. Die Aufschrift über der Markise ist noch zu entziffern. Eher zufällig kam ich Ahnungsloser zu dem Vergnügen, in einer Buchhandlung arbeiten zu dürfen. Meine einzige Qualifikation: Ich las gerne. Der Gründer und Inhaber der Friesenbuchhandlung war Stammgast in der Kneipe, in der ich seinerzeit arbeitete. Er fragte mich eines Tages am Tresen, ob ich nicht jemand für seine Buchhandlung wüsste, sein Kompagnon sei ausgestiegen. „Frag doch mal mich“, antwortete ich. So kam das. Mal wieder zeigte sich, wie wichtig „Vitamin B“ ist.

Nach drei Jahren trennten sich unsere Wege wieder. In dieser Zeit ist das Wandgemälde, nach eine Idee von mir, entstanden. Es heißt Unter dem Pflaster liegt der Strand, gemäß eines zu dieser Zeit sehr beliebten Sponti-Spruchs. Gemalt hat es Bärbel Rothhaar, eine befreundete Künstlerin, die, nachdem das besetzte Haus, in dem sie lebte, geräumt worden war, bei mir wohnte.

Ich bin sehr froh, dass das Wandbild noch heute zu sehen ist. Die Gegend ist mittlerweile vollkommen durchsaniert und gentrifiziert. Dieses Haus ist ein Relikt aus jener Zeit. Ansonsten prägen aufpolierte Fassaden, Cafés, Gastronomie, Fahrradläden und erlesene Einzelhandelsgeschäfte das Bild. Am Straßenrand parken SUV.

Nach den drei Jahren folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die durch eine, vom Arbeitsamt gesponserte, Ausbildung zum Buchhändler beendet wurde. Umschulung von Nix auf Buchhändler. Die Vorstellung, irgendwann einmal im Suhrkamp Verlag zu arbeiten und später auch selbst Bücher zu machen, wäre mir damals so absurd erschienen wie ein Fall der Mauer.

Zweihundert Jahre Draisine

Diesen Text habe ich als Nachwort für meine Anthologie Vom Glück Fahrrad zu fahren – ein literarischer Rückenwind, die im März 2017 im Marix Verlag Wiesbaden erscheinen wird. Vom Verlag wurde der Text allerdings abgelehnt. Er wollte keine Kampfschrift pro Fahrrad und contra Auto. Ich hege deshalb keinen Groll, war von dieser Reaktion auch nicht überrascht. Dieser kleine Text ist ja jetzt dennoch in der Welt. Für die Anthologie schreibe ich ein anderes Nachwort.

Als Karl Freiherr von Drais (1785 – 1851) im Jahre 1817 seine Laufmaschine, die sog. Draisine, erfand, ahnte er nicht, dass er damit eine Revolution auslösen würde. Eine Revolution, die einem fortdauernden Prozess unterworfen ist und allerlei Rückschläge erleiden musste. Bis heute ist der Sieg dieser Revolution noch nicht errungen, allerdings lässt sie sich aber auch nicht mehr aufhalten. Die Drais`sche Erfindung im Jahre 1817 war eine notwendige Reaktion auf das „Jahr ohne Sommer“ 1816. Als im April 1815 die Eruption des Vulkans Tambora in Indonesien für viele Monate die Erde verdunkelte, folgten katastrophale Ernteausfälle und Hungersnöte. Pferde, das bis dahin wichtigste Fortbegungsmittel, konnten nicht mehr mit dem notwendigen Futter versorgt werden. Viele Tiere verendeten, bzw. wurden getötet. Es musste also ein Ersatz her für das Pferd als Verkehrsmittel. Mit der Drais`schen Laufmaschine schien eine Alternative gefunden zu sein.

Dem Erfinder selbst hat die Draisine allerdings nicht allzu viel Glück gebracht. Spott, Intrigen und politische Verfolgung sowie wirtschaftliches Unvermögen bei dem Versuch eine eigene Produktion aufzubauen – Betrügerische Geschäftspartner brachten ihn um all sein Vermögen – läuteten den finanziellen Ruin des Freiherrn von Drais ein. Anfängliche Erfolge weltweit und die schnell wachsende Verbreitung der Laufmaschine führte auch zu verstärkten Konflikten, ähnlich den heutigen zwischen zwischen Radfahrern und Fußgängern. Die Draisine wurde als Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer eingeschätzt und verboten. Das war das Ende der Drais`schen Erfindung. Er starb verarmt am 10. Dezember 1851 in seinem Geburtsort Karlsruhe.

Das Prinzip der zweirädrigen Fortbewegung jedoch war in der Welt und feiert heutzutage Erfolge rund um den Globus.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann der eigentliche Siegeszug des Fahrrads. 1885 wurde, nach Umwegen über das unbequeme und gefährliche Hochrad, mit der Erfindung von Luftreifen und Kettenantrieb die Konstruktion des modernen Niederrades möglich. Nun konnten Fahrräder gebaut werden, die schon alle Merkmale heutiger Räder aufwiesen. Durch die Entwicklung einer Rahmenform, die es auch Frauen in Röcken ermöglichte Fahrrad zu fahren, wurde es zum individuellen Massenverkehrsmittel. Und nicht zuletzt trug das Rad zur Emanzipation der Frau bei. Die Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858 – 1938) schrieb um 1905: Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frau […] mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen.

Durch die massenhafte Verbreitung des Fahrrads wurde es selbstverständlich auch als Sportgerät interessant und bereits in den 1890iger Jahren fanden erste Radrennen statt, auch für Frauen. Das Fahrrad gewann an Faszination und fand Eingang in die Literatur. Im Jahr 1886 begann Adam Opel (1837 – 1895) in Rüsselsheim mit der Fabrikation von Fahrrädern und wuchs schnell zum größten Hersteller Deutschlands. Von ihm ist das zeitlose Wort überliefert: Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad. Auch soll er kurz vor seinem Tode beim Anblick eines Automobils gesagt haben: Aus diesem Stinkkasten wird nie mehr werden als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen! Eine Aussage, die nur wenige Jahrzehnte später widerlegt wurde.

Mit dem Aufkommen des Automobils verlor das Fahrrad immer mehr an Bedeutung. Es wurde zum „Arme-Leute-Vehikel“ für alle, die sich kein Auto leisten konnten oder wollten. Der herablassende Begriff Drahtesel fand Eingang in den Sprachgebrauch und hält sich dort bis heute hartnäckig. Radfahrer wurden belächelt, wenn nicht gar bemitleidet und im Straßenverkehr nicht ernst genommen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verfolgten viele Bürgermeister zerbombter deutscher Städte das Prinzip der „Autogerechten Stadt“ und ließen breite Schneisen durch ehemalige Wohngebiete schlagen, um diesem Prinzip gerecht zu werden. Für das Fahrrad war da kein Platz mehr und Radfahrer wurden auf Gehwege oder schmale Radwege gezwungen.

Es dauerte einige Jahrzehnte bis die autogerechte Stadt als fatale Fehlplanung erkannt wurde. Städte leiden heutzutage mehr denn je unter dem stetig wachsenden Autoverkehr, der mit Individualverkehr nichts mehr zu tun hat. Die Luftbelastung nimmt immer stärkere gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Lärm, Feinstaub und Stickoxyd belasten die Stadtbewohner und der Flächenbedarf für den Autoverkehr steht in großem Widerspruch zu dringend benötigtem Platz für den Wohnungsbau. Das wurde in vielen deutschen Städten inzwischen erkannt, allerdings verläuft die Umsetzung der notwendigen Maßnahmen vielerorts nur sehr zögerlich. Fahrradpolitik in Deutschland ist oftmals Stückwerk, man will sich nicht mit der Autolobby anlegen und denkt eher an die nächsten Wahlen als an den Ausbau einer funktionierenden Fahrradinfrastruktur. Dabei sind Autofahrer in den Städten eine Minderheit. Die meisten Menschen gehen zu Fuß, nutzen das Rad oder den öffentlichen Nahverkehr. Dennoch verbreitet sich allmählich die Einsicht, dass eine zukunftsfähige innerstädtische Verkehrspolitik eine Politik zulasten des Autos sein muss. Selbst in Millionenstädten wie New York, London und Paris wird mittlerweile viel Geld investiert um den Radverkehr zu fördern und das Auto zurückzudrängen. Berlin will jetzt auch ernsthaft darangehen, die Verkehrsinfrastruktur zugunsten des Fahrrads zu verbessern. Andere deutsche Metropolen tun sich da deutlich schwerer und oft bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Aber immerhin wird unterdessen auch über Radfernwege diskutiert. Einige wurden auch bereits beschlossen und befinden sich in der Planung. Das ist eine Folge der massenhaften Verbreitung des E-Bikes, mit dem sich auch für ungeübte Radler problemlos längere Strecken zurücklegen lassen.

In den letzten Jahren hat das Fahrrad das Arme-Leute-Image vergangener Tage abgelegt und ist inzwischen weit mehr als ein Verkehrsmittel. Es hat sich vielmehr zum Kultgegenstand gewandelt und zum Lifestyleaccessoire. Besonders bei jungen Menschen hat das Fahrrad dem Auto längst den Rang als Statussymbol abgelaufen. Wenn das rasante Wachstum des Radverkehrs weiter fortschreitet, und nichts spricht dagegen, und sich in den Kommunen stärker als bisher die Erkenntnis durchsetzt, das dieses massiv gefördert werden muss, dann wird in nicht allzu ferner Zeit das Fahrrad das sein, was die Draisine für das Pferd war, ein Ersatz für das Auto. Es wäre der späte Sieg des Freiherrn von Drais.

Donnerstags in Frankfurt

Mein liebster Wochentag ist der Donnerstag. Von den Vortagen stecken mir da drei meist anstrengende Kneipenschichten in den Knochen. In der ersten Januarwoche waren es sogar vier, vier harte Schichten. Ausnahmsweise habe ich am Sonntag gearbeitet. Am ersten Januar wird in der Kneipe immer ein Sauerkrautessen veranstaltet. Der Volksmund meint, man müsse an diesem Tag Sauerkraut essen, damit das Geld nicht ausgeht. Ich hab`s probiert und kann sagen, der Volksmund lügt. Egal, so fing das Jahr mit einer Elfeinhalb-Stundenschicht an. Der Donnerstag ist also sowas wie mein Wochenende, auch wenn ich arbeite, wie an den Folgetagen. Aber Donnerstags lass ich es gemächlich angehen. Nach dem späten Aufstehen erledige ich ein paar Dinge, Mails und so. Was halt anliegt. Gegen 15 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zur Konstablerwache. Denn der Markt auf der Konstabler macht diesen Tag erst zu einem besonderen.

Ich spaziere dann durch die Stadt, versuche meinen Kopf frei zu bekommen und möglicherweise die eine oder andere Idee auszubrüten. Beim Gehen klappt das am besten. Fast immer laufe ich die Berger Straße stadteinwärts. Andere Wege führen auch in die Innenstadt, aber auf der Berger ist am meisten los und es gibt mehr zu sehen. Ich kann zwischen zwei Varianten wählen, den Spaziergang zu beginnen. Entweder ich gehe rechts, wenn ich aus dem Haus trete, oder links. Letzten Donnerstag bin ich nach rechts gegangen, vorbei an den Ernst-May-Häusern in der Wittelsbacherallee Richtung Saalburgallee. Dort passiert man das Lieblingswasserhäuschen von Jörg Fauser, der mal in der Wittelsbacher gewohnt hat. wasserhauschen Hinter der stark befahrenen Kreuzung schlage ich mich durch ruhige Nebenstraßen zur Berger. Ich komme am Uhrtürmchenplatz an und schaue erstmal ins Schaufenster meiner Lieblingsbuchhandlung, der Buchhandlung Schutt. uhrturmchenplatz1Die Berger zieht sich über vier Kilometer von der Innenstadt durch das Nordend und Bornheim bis nach Seckbach. Sie ist die Haupteinkaufsstraße der beiden Bezirke. Daher nehme ich auf meinem donnerstäglichen Spaziergang meist diese Route. Die Straße ist stets belebt und es gibt was zu sehen. Gegenüber der katholischen Kirche an der Ecke Eichwaldstraße hat im letzten Jahr ein hessischer Devotionalienladen eine neue Filiale eröffnet. Auf die Inhaber dieses Ladens habe ich mich vor einigen Jahren mal zu sehr verlassen. Es war der wahrscheinlich größte Fehler meines Lebens. Anfangs wechselte ich immer die Straßenseite, wenn ich dort vorbeiging, mittlerweile nicht mehr. Rechterhand folgt das seit Jahren verlassene Gebäude des Elektrokaufhauses Saturn, Frankfurter reden immer noch von „Saturn-Hansa“. So hieß das wohl mal vor vielen Jahren. Gegenüber des toten Gebäudes stehen seither einige Läden leer. Immer wieder rauschen neue Pläne und Gerüchte durch den Blätterwald, was aus der Immobilie werden soll. Passieren tut nichts und so steht der hässliche Klotz sinnlos in der Gegend rum und verschandelt das Stadtbild. Allerdings dient der ehemalige, überdachte Eingangsbereich einigen Obdachlosen als Schlafplatz. saturnAn der Kreuzung Höhen- und Berger Straße wurde im letzten Jahr eine Fußgängerin von einem Baustellenfahrzeug überfahren und tödlich verletzt. Der LKW war entgegen der Einbahnstraße zur Kreuzung gefahren und rechts in die Höhenstraße abgebogen. Das Opfer wollte bei Grün die Straße überqueren. Bis heute erinnern Blumen und Kerzen an den grausamen Unfall. Gegenüber der Unfallstelle wird jetzt ein seit Ewigkeiten brach liegendes Gelände bebaut. Der Entwurf des Hauses, der dort hängt, macht auf mich einen guten Eindruck. Es wird sich erfreulich von der heute so verbreiteten „Würfelhustenarchitektur“ unterscheiden. Warten wir ab, wie es in der Realität wirkt. baustelle-berger-hohen

Ab dieser Kreuzung beginnt die untere Berger Straße. Wir sind im Nordend. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Straße fast zu einer reinen Fressmeile entwickelt hat. Klassische Einzelhandelsgeschäfte können sich die Mieten hier nicht mehr leisten. Cafés, Restaurants, Burgerläden, Sushi-, Waffel- und Pizzabuden wechseln sich ab. Fast im Wochenrythmus eröffnen neue Gastrobetriebe, die die kochfaule und solvente Anwohnerschaft vorm Hungertod bewahren wollen. Ich wundere mich immer, wer das alles essen soll. Auch Frankfurts berühmteste Curryanstalt hat sich dort mit einem Ableger niedergelassen, „Best Worscht in Town“. Sie ist berühmt für ihre Soßen, die in verschiedensten Schärfegraden angeboten wird. Wer die schärfste wählt, muss wahrscheinlich eine Erklärung unterschreiben, dass die Wurst mit der feurigen Soße freiwillig und bei voller geistiger Gesundheit verzehrt werden soll. Ich bestellte dort mal eine Currwurst „ohne Darm“. Daraufhin wurde ich unschwer als Berliner identifiziert, mein Wunsch konnte allerdings nicht erfüllt werden. Also nahm ich die übliche Wurst, die Soße mit Schärfegrad C, was mir auch eine Warnung einbrachte. Ob ich die schonmal gegessen hätte?

Weiter geht`s stadteinwärts, vorbei am Merianplatz mit dem hässlichen Brunnen, der aussieht wie irgendwas aus einem Automotor. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Anlagenring, der der ehemaligen Stadbefestigung folgt. Vorher bleibe ich bei der Buchhandlung Y mit dem kleinen Café stehen und durchstöbere die Ramschkisten vor dem Laden. Kurz dahinter der schöne, wie aus der Zeit gefallene Gemüseladen, der auch leckere Suppen anbietet. Jedesmal nehme ich mir vor, mal eine zu probieren. Jedoch nicht am Donnerstag, denn da bin ich auf dem Weg zum Erzeugermarkt auf der Konstablerwache. Und dort warten andere Köstlichkeiten auf mich. Am Ende der Berger findet sich dann rechterhand der Bethmannpark, eine innerstädische Oase mit dem Chinesischen Garten. Einige Enten spazierten über den zugefrorenen Weiher. bethmannpark

An diesem Donnerstag jedoch macht der Markt einen recht gerupften Eindruck. Viele Besucher, mich eingeschlossen, irrten orientierungslos über den Platz, auf der Suche nach den gewohnten Anlaufstellen. Doch viele Erzeuger sind an diesem Tag zuhause geblieben, machten wohl eine Woche Urlaub nach den Weihnachtstagen. Mein erster Blick auf dem Markt gilt immer dem Stand des Obsthofs Sattler, der den besten Apfelwein ausschenkt, den ich kenne. Gelegentlich treffe ich dort Andeas Maier. Aber der Platz war verwaist, kein Sattler, kein Maier. konstablerDer benachbarte Platz, an dem sonst der Bauer Stranz seine Buden aufbaut war ebenso leer, wie viele andere an diesem Donnerstag. Ich wusste also im ersten Moment nicht, wo ich was essen sollte und wo meinen Schoppen trinken. Also besorgte ich mir woanders eine Kartoffelbratwurst und steuerte einen weiteren Stand an, der heißen Apfelwein anbot. Beides war lecker. bratwurstDennoch blieb ein leicht leeres Gefühl, als ich meine Schritte wieder Richtung Bornheim lenkte. Wie meist wollte ich auf dem Heimweg an einem Lieblingsort vorbeischauen und dort einen Kaffee trinken, dem Wasserhäuschen Fein am Anlagenring. Dieses ehemalige, klassische Wasserhäuschen mit den typischen Bindingtrinkern wurde im vorletzten Jahr von einer sehr engagierten und phantasievollen Frankfurterin übernommen und überaus liebevoll hergerichtet. Es gibt dort guten Kaffee, Kuchen, allerlei anderen Süßkram, auch Wein, Apfelwein und selbstverständlich auch Bier. Der Platz rund um den Kiosk ist immer liebevoll möbliert. Ein Kleinod, das zum Verweilen einlädt. Allerdings nicht am letzten Donnerstag. „Ferien bis 8. Januar“ verkündete ein Zettel an der geschlossenen Jalousie. Jetzt freu ich mich auf den nächsten Donnerstag.fein

Bockenheim schreibt ein Buch

BockenheimDieses Buch ist vor wenigen Tagen im Frankfurter Verlag Mainbook erschienen. Von mir ist ein launiger Text enthalten. Ich habe nie in Bockenheim gewohnt, aber eine Zeitlang dort gearbeitet. Es war eine Scheißzeit mit Arschlöchern. Aus juristischen Gründen verkneife ich mir die Nennung von Klarnamen. So mußte halt der Stadtteil dran glauben. Und ja, ich weiß, daß in Bockenheim auch nette Menschen wohnen, sehr nette.

Hier nun eine frühe Fassung meines Textes, die in dieser Form nicht im Buch enthalten ist.

Ödland

Man braucht gute Gründe um nach Bockenheim zu fahren, einen Job beispielsweise oder Freunde, einfach so tut man das nicht. Es gibt keinen Grund. Das Beste an Bockenheim ist die Lage zwischen Niddapark und Messe. Messe und Nidda sind wirklich sehr schnell erreichbar.

Bockenheimer Landstraße

Wer, aus Bornheim kommend, mit dem Rad nach Bockenheim fährt, muß einige schwere Prüfungen bestehen. Durch das Nord- und Westend läßt es sich noch ganz entspannt radeln, aber plötzlich steht der Palmengarten quer und zwingt einen auf die Bockenheimer Landstraße und in das Grauen. Das Grauen ist zirka einen Meter breit, etwa zehn Zentimeter über Straßenniveau, rechtsseitig von Blumenkübeln und Pollern begrenzt, linksseitig von steinernen Riegeln, und nennt sich Radweg. Selbstverständlich ist es unmöglich dort zu überholen und so findet sich der zielstrebige Radler oft hinter Senioren im Schrittempo, kurz vor dem Umfallen. Es bleibt nur die Straße oder der Gehweg, was gelegentlich zu wüsten Beschimpfungen führt. „Sorry“, möchte man dann rufen, „ich habe diesen scheiß Radweg nicht gebaut.“. Hat man endlich die Unibibliothek erreicht, ohne in Höhe der KfW von zum Essenfassen kreuzenden Bankern über den Haufen gerannt worden zu sein, geht die Unbill weiter. Der gewundene, für Fußgänger unsichtbare, Weg leitet einen in Richtung einer Kreuzung, die von der Bockenheimer Warte bewacht wird. Visavis lädt das ehrenwerte Wirtshaus Doktor Flotte zur Rast. Hier wird es nun völlig absurd. Einen zirka zwei bis drei Meter breiten Gehweg müssen sich Fußgänger und Radfahrer teilen. Der Radweg ist selbstverständlich nicht farblich abgehoben und so sieht ihn auch niemand, was zu einem fröhlichen Durcheinander führt. Wem sein Leben wert ist, der meidet all diese Zumutungen und fährt auf der Straße. Da gehören Radfahrer ja auch hin. Das gilt selbstverständlich auch für den Rückweg, wenn man nach erledigtem Tagwerk erleichtert die Bockenheimer Enge wieder verlassen kann.

Leipziger Straße

Aber noch sind wir nicht angekommen. Gleich nach Doktor Flotte wird man in die Leipziger Straße geführt und wundert sich umgehend, daß dort Autos fahren dürfen. In der Leipziger ist definitiv kein Platz für Autos, Radfahrer und Fußgänger. Der Gehweg nicht breiter als der Radweg an der Bockenheimer. An entspanntes Flanieren ist hier überhaupt nicht zu denken. Die Leipziger ist die Haupteinkaufsstraße Bockenheims, die Hauptstraße sozusagen, sowas wie die Berger Straße in Bornheim, mit dieser aber überhaupt nicht vergleichbar. Erst vor wenigen Jahren wurde über das Kopfsteinpflaster eine Lage Asphalt gegossen. Man hätte gleich eine Fußgängerzone draus machen sollen. Wäre auch billiger gewesen.
Das bereits erwähnte Lokal Doktor Flotte nennt sich selbst Alt-Berliner-Wirtshaus. Hier wird sich also gleich am Entree zu Bockenheim distanziert, als wolle man mit all dem nichts zu tun haben. Und dennoch wird hier gejubelt, wenn die Eintracht Hertha schlägt und nicht andersrum. Etikettenschwindel allüberall.
Auch sonst hat Bockenheim nicht viel zu bieten. Interessant wird es dann, wenn was wegkommt, wie der Uniturm, dessen Sprengung man sogar live im Fernsehen verfolgen konnte. So mußte man schon nicht hinfahren, was ja eine echte Erleichterung ist.

Gastronomie

Auch gastronomisch ist Bockenheim eher Ödland. Weit und breit keine gescheite Apfelweinkneipe. Binding allüberall. Wer sich durch die Leipziger quält, vorbei am anarchistischen Exzess, bis ganz nach hinten, da wo die Leipziger schon gar nicht mehr so heißt sondern irgendwie anders, findet linkerhand das schlichte und sympatische Wirtshaus Heckmeck. Dort läßt es sich recht gut einkehren. Oder auch im Casa Nostra, wenn man den Kellerverschlag endlich mal gefunden hat. Das war`s aber auch schon mehr oder weniger.
Vielleicht deshalb wurden im Flotte Pläne geschmiedet, Perspektiven entwickelt, Pakte geschlossen, Produkte entwickelt. Und die Pleite geplant. Die folgte wenige Jahre später mit einem Arschtritt an sakralerem Ort. Nein, Bockenheim hat mir kein Glück gebracht. Gelegentlich gab es auch entspannte Momente, etwa wenn die schöne Freundin, die genauso heißt wir die Straße in der sie wohnt, zu Pasta und Rotwein lud. Entspannt saßen wir in lauen Sommernächten auf dem Balkon, tranken Rotwein, beobachteten Vögel, Eichhörnchen und Flugzeuge und erzählten, was uns in den letzten drei Monaten wiederfahren war – ihr in der weiten Welt, mir in Bornheim. Auch Vergangenheit das alles.

Tschüß Bockenheim

Ich vermisse dich nicht, Bockenheim, und wenigstens muß ich jetzt nicht mehr diesen scheiß Radweg benutzen, es sei denn, ich bin im Heckmeck oder im Casa Nostra verabredet. Das kommt glücklicherweise nicht allzu oft vor.
Einzig die Titanic bildet den Silberstreif über dem Taunus. Das Magazin hat seine Heimstatt in Bockenheim gefunden. Anders als mit Satire ist dir, ach Bockenheim, auch nicht beizukommen. Aber auch die Stammkneipe der Titanic ist nicht in Bockenheim, sondern in Bornheim. Aus Gründen.

Ein Jahr Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten – ein kritischer Rückblick

Eine Idee

Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten CoverHeute vor einem Jahr, am 19. September 2014, wurde ein Traum wahr, den ich zwanzig Jahre geträumt hatte. Einst in Berlin, wahrscheinlich rotweinselig, mit einem Freund ersonnen und dort auch beinahe realisiert, sind die Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten endlich im Frankfurter Waldemar Kramer Verlag erschienen. Frankfurt statt Berlin.
Namhafte Autorinnen und Autoren, nicht alle zwingend aus Frankfurt, konnten gewonnen werden, einen Beitrag zu diesem Projekt zu leisten. Die Herausgeber, Jürgen Roth und ich, waren von dem Erfolg des Buches überzeugt. Die Frankfurter Presse würde sich des Themas annehmen, schließlich waren Beiträger aus allen drei Frankfurter Tageszeitungen beteiligt, dazu noch Volker Breidecker von der Süddeutschen Zeitung. Die Bücher würden in Stapeln in allen Buchhandlungen ausliegen. Das war so gut wie sicher.

Lesungen

Es ließ sich auch gut an. Die Buchpräsentation in der Romanfabrik war ausverkauft. Besonders hat mich gefreut, daß mein alter Freund, der Stuttgarter Journalist Joe Bauer, unser Vorwortschreiber, extra für den Abend angereist kam. Die Veranstaltung dauerte über anderthalb Stunden (eigentlich zu lange für eine Lesung), sieben Autorinnen und Autoren lasen ihre Texte und niemand aus dem Publikum ist vorzeitig gegangen. Ein gutes Zeichen. Für ein kurzes musikalisches Intermezzo sorgte Elis von der Lesebühne Ihres Vertrauens. Es war ein kurzweiliger Abend und der Buchhändler am Büchertisch war zufrieden.
Es folgte eine weitere Lesung im Rahmen der Lesereihe Open Books zur Frankfurter Buchmesse. Wir waren zu Gast in der Heussenstamm-Galerie. Auch diese Veranstaltung war sehr gut besucht und fütterte unseren Optimismus.

Rezensionen

Voller Vorfreude wartete ich täglich auf Rezensionen, doch die blieben aus. Nur das Journal Frankfurt hat eine launige Besprechung gebracht. Die verglich unser Buch fälschlicherweise mit den Frankfurter Unorten, einer mittlerweile dreiteiligen Reihe, die sich als eine Art Reiseführer zu versteckten Orten in Frankfurt versteht. Der Begriff Unort ist in diesem Zusammenhang also eher missverständlich. Die „Rezension“ der Wegsehenswürdigkeiten endete dann auch mit einem Hinweis auf einen Spaziergang auf den Spuren der Unorte.

Fehler

Hier offenbarte sich einer der Fehler, die wir mit dem Buch gemacht haben. Wir haben die Verwechslungsgefahr mit den Unorten komplett unterschätzt und uns nicht davon abgegrenzt. Ganz offensichtlich wurden wir von vielen, auch Buchhändlern, für Epigonen gehalten.
Diesem Eindruck hätten wir mit einer Reihe weiterer Lesungen entgegentreten können. Aber wir haben uns entschieden, vor Weihnachten auf zusätzliche Lesungen zu verzichten und statt dessen im Januar wieder anzutreten. Dies ist dann nicht geschehen, nicht zuletzt weil eine gewisse Ernüchterung eingetreten ist.
Auch haben wir auf der U4-Seite (Rückseite) des Umschlags einen Auszug aus dem Beitrag Eckhard Henscheids abgedruckt. Ein schöner, böser Text, der aber leider überhaupt nichts über das Buch aussagt. Eine weitere vertane Chance, auf die Eigenständigkeit der Wegsehenswürdigkeiten hinzuweisen. Auch wurde das Covermotiv kritisiert, wahrscheinlich zurecht. Bis es zu diesem Cover kam, wurden viele Entwürfe der Agentur von uns verworfen. Wir wollten ein Cover, das den starken Titel herausstellt. Das ist mit diesem Umschlag gelungen. Allerdings war das Motiv nicht unbedingt frankfurtypisch. Wir hätten uns für eine Ansicht mit Wiedererkennungswert entscheiden müssen.

Doch noch

Einige mediale Aufmerksamkeit gab es dann aber doch noch. Der Wiesbadener Kurier hat den Titel besprochen, ebenso wie einige Partnerzeitungen, aus Mainz etwa. Und das Hessische Fernsehen hat einen Filmbericht gesendet, mit Leo Fischer und Andreas Maier als Gästen. Dieser fünfminütige Beitrag wurde bei 3SAT in Kulturzeit wiederholt. Das hat die Wegsehenswürdigkeiten dann mal kurz auf Platz 4000 im Amazon-Ranking gehievt.
Nur die Frankfurter Tagespresse ignorierte die Wegsehenswürdigkeiten komplett. Auch nicht die Offenbach Post ließ sich zu einer Rezension hinreißen. Allein die Frankfurter Rundschau erwähnte das Buch im Lokalteil in der Rubrik „Die besten Frankfurt-Bücher des Jahres 2014“. Dort wurde der Titel an erster Stelle genannt. Gebracht hat aber auch das nichts.

Wir haben gelernt

Den Grund für das Ignorieren des Titels durch die Frankfurter Presse hat mir dann Andrea Diener (auch sie ist in den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten vertreten) von der FAZ verraten. Zeitungen besprechen grundsätzlich keine Bücher, bei denen ihre eigenen Autorinnen und Autoren beteiligt sind. Es war also ein Eigentor, einige Journalisten zur Mitwirkung zu bitten. Dennoch bin ich froh und dankbar, das ein Beitrag von Dieter Bartetzko enthalten ist, dem kürzlich verstorbenen Architekturkritiker der FAZ.
Auch von Verlagsseite wurde nicht viel getan, um das Buch zu einem Erfolg werden zu lassen. Dort herrschte ebenfalls die Ansicht, das Ding würde ein Selbstläufer werden. Und so wurde z. B. auf jede Werbung verzichtet.
Dennoch wurde der Titel recht gut verkauft, wenn er auch deutlich unter unseren Erwartungen geblieben ist. Aber wir haben daraus gelernt und können es besser machen.