Ein Spaziergang

Zwei bis dreimal in der Woche verlege ich meinen Arbeitsplatz in die Deutsche Nationalbibliothek. Ich kann dort besser arbeiten als im Heimbüro, mal ganz abgesehen von den Recherchemöglichkeiten, die die Bibliothek nun mal bietet. Bis vor einigen Wochen bin ich immer mit dem Rad dort hin gefahren. Mehr als 13 Minuten habe ich für die Strecke nicht gebraucht. Mittlerweile jedoch gehe ich zu Fuß. Das macht wach, körperlich und geistig. Oft entstehen bei diesen Gängen Ideen, die mir bei der Arbeit in der Bibliothek nützlich sind. Wichtig ist mir auch die zeitliche Distanz, die ich dadurch zwischen Frühstücks- und Schreibtisch lege. Meist fahre ich mit dem Rad zu der Kneipe, in der ich dreimal wöchentlich meine Miete verdiene. Ich stelle es im Hof ab, schnappe mir die große Stofftasche vom Bio-Supermarkt, in der ich den Laptop verstaut habe und gehe los.

Bürotasche

Ich kann zwischen unterschiedlichen Wege wählen. Die kürzeste Verbindung beträgt 2,1 km. Dafür brauche ich etwa 25 Minuten. Das ist mir allerdings zu wenig, ganz abgesehen davon, dass dieser Gang auch ziemlich langweilig ist. Für den Rückweg nutze ich immer einen anderen Weg. Da ist es auch egal, ob ich fünf oder zehn Minuten länger brauche. Beim Gehen gibt es keine Umwege. Besonders nach ein paar Stunden in der trockenen Luft im Lesesaal der Nationalbibliothek tut dieser Spaziergang besonders gut. Er bietet mir auch eine Pause zwischen den so unterschiedlichen Tätigkeiten mit Büchern und Bieren. Trotz der diversen Variationen für den regelmäßigen Gang zum Arbeitsplatz, sind mir diese mittlerweile doch allzu vertraut und bieten nur noch wenige Überraschungen.

Jetzt habe ich einen neuen Weg entdeckt, ohne Zweifel der schönste, wenn auch längste. Aber, wie gesagt, es gibt keine Umwege beim Gehen. Dieser Spaziergang führt mich zunächst durch den Günthersburgpark, dann über einen schmalen Fußweg vorbei an einem Abenteuerspielplatz und Kleingärten auf der einen Seite sowie zunächst kleinen Ein- bis Zweifamilienhäusern und später Bauten aus den 60iger Jahren auf der anderen Seite. Autos sind nur in der Ferne vernehmbar. Entspanntes Spazieren also.

Günthersburgpark
Fußweg
Abenteuerspielplatz
Kleingarten

Die letzten zwei- dreihundert Meter des Weges lege ich, die Bibliothek bereits in Sichtweite, durch den Hauptfriedhof zurück. Ich mag Friedhöfe, die Grabsteine erzählen Geschichten, nicht immer nur traurige. Ich vergleiche die Lebensdaten der Verstorbenen mit meinen eigenen oder denen meiner Freunde und Familie und versuche mir das Leben der Toten vorzustellen.

Trauriger Grabstein

Und dann steht da dieser Grabstein, der eine besonders traurige Geschichte erzählt. Zweier Frauen wird hier gedacht, wahrscheinlich Mutter und Tochter, zwei weitere Personen werden bedacht. Wer mögen Trixi und Ray wohl gewesen sein, was ist ihnen widerfahren und weshalb sind sie auf diesem Grabstein verewigt? Aber die traurigste Geschichte ist die von Gisela, von der nur eine Jahreszahl erwähnt ist. Ein sehr kurzes Leben oder tatsächlich eine noch Lebende, deren Namen und Geburtsjahr schon zu Lebzeiten in den Stein gehauen wurde, mit der Maßgabe, das noch fehlende Jahr zu gegebener Zeit nachzutragen? (Falls die Friedhofsordnung so etwas hergibt.) Diese Gedanken beschäftigen mich, wohl wissend, dass die offenen Fragen unbeantwortet bleiben werden. Aber wer weiß für was es gut sein kann? Aber halt, vielleicht wird bei Gisela eines Tages, und noch zu meinen Lebzeiten, das Rätsel gelöst und die fehlende Jahreszahl ergänzt. Dann wäre die Frage beantwortet.

Nationalbibliothek Frankfurt
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