Vom Warten

Es ist die Zeit des Wartens. Sie verstreicht langsam, diese Zeit und sie lähmt. Wie eine Wand steht das Warten vor mir, behindert weitere Schritte nach vorne. Wobei nicht klar ist, wo vorne ist.

Ist vorne bei den vier bis fünf Buchprojekten, die besprochen, abgewogen und bedacht sind und die einer Entscheidung harren, einer Entscheidung pro oder contra, einer Entscheidung, die eine Richtung vorgeben wird und weitere Schritte, wohin auch immer?

Oder liegt vorne in den Antworten auf vor langem geschriebene Mails? Eine dieser Mails fragte zum Beispiel nach der Zukunft meines Engagements für die Social-Media-Präsenz eines bekannten Bornheimer Lokals. Mails und SMS zu ignorieren gilt dort als selbstverständlich. Es stellt sich die Frage, wie lange dieses Warten noch akzeptabel ist.

Ein Warten, das jeder freiberuflich Tätige kennt, ist das Warten auf die Begleichung von Rechnungen. Das ist vielleicht das quälenste Warten überhaupt. Zu harren, bis endlich ein paar Euro den Blick auf das Konto etwas erträglicher gestalten werden.

Schmerzhaft das Warten darauf, in Gegenwart eines geliebten Menschen eine Auszeit nehmen zu können. Nur für ein paar Stunden nicht mehr zu warten, sondern zu sagen und zu fühlen „Ich bin da. Ich warte nicht. Jetzt ist Jetzt. Warten ist morgen.“.

Wieviel Zeit verbringen wir im Leben mit Warten? Gibt es Tage ohne auf irgendwas zu warten? Nach dem Frühstück wartet man auf das Mittagessen, danach dann aufs Abendessen. Gelegentlich wartet man auf einen Zug, wobei Warteminuten auf Bahnsteigen doppelt solange währen wie im richtigen Leben. Montags wird auf das unendlich fern erscheinende Wochenende gewartet, genau wie alle weiteren Tage auch. Im Winter wird auf den Sommerurlaub gewartet, danach dann auf den Winterurlaub. Hat man nach monatelanger Arbeit ein Manuskript abgegeben, wartet man weitere Monate sehnsüchtig darauf, das Produkt seiner Arbeit endlich in Händen zu halten. Wir warten ständig auf irgendwas, am liebsten aber wohl auf romantische Ideale wie Glück oder Liebe.

Und über all dieses Warten werden wir älter und älter bis wir schließlich keine Zeit mehr haben zu warten. Und doch hört es nie auf, ist gnadenlos und penetrant. Glücklich sind die, die den Wartezustand in Kreativität wandeln können. Die sagen können, ok, solange nichts entschieden ist, kann ich die Zeit für was anderes nutzen. Denen ist das Warten Freiraum und Muße. Ich jedoch habe mich noch nie in Wartesälen wohl gefühlt.

Jemanden warten zu lassen bedeutet, denjenigen nicht ernst zu nehmen, zu mißachten. „Der kann ruhig noch warten“ heißt, der ist egal, nicht wichtig. Und doch lassen wir ständig andere warten. Es kann fatale Folgen haben, jemand zu lange warten zu lassen, bis derjenige eine Entscheidung trifft, die das Warten beendet. Nur wer in einer Position der Stärke ist, kann es sich leisten andere immer wieder zu vertrösten. Abhängige sollten niemals jemand warten lassen. Andere warten lassen zu können ist ein Privileg der Mächtigen, warten zu müssen, das Los der Ohnmächtigen.

Das Gegenteil des Wartens ist die Entscheidung. Eine Entscheidung beendet das Warten, egal ob sie positiv oder negativ ausfällt. Eine Entscheidung schafft Klarheit und Sicherheit und beendet den nebulösen Zustand des Wartens. Eine Entscheidung ist die Erlösung – bis zum nächsten Warten.

Hab` Geduld, wird oft gesagt. Ja, die Fähigkeit zur Geduld ist eine starke Kraft. Wer geduldig ist, kommt besser durch das Leben. Allerdings wird diese Fähigkeit arg strapaziert, wenn es darum geht, von was man in den nächsten Monaten leben soll.

Ich will nicht mehr warten!

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