Analog

AnalogbierIch setzte mich an den gewohnten Platz am Stammtisch. Das Bier kam umgehend – ich trinke immer dasselbe. Dann der automatische Griff in die rechte Innentasche meiner Jeansjacke. Der Puls wurde schneller, das Herz raste, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen. Ich hatte den Taschencomputer vergessen. Den spontanen Impuls, die zehn Minuten nach hause zu laufen und das Gerät zu holen, unterdrückte ich nach kurzer Überlegung. Es war niemand im Lokal, mit dem oder der ich mich hätte unterhalten können. Aber ich hatte ein Buch dabei, wie immer. „Lies was“, sagte ich mir, „wie früher“. Ich habe oft stundenlang in Kneipen gesessen und gelesen.

Das Buch, das ich aufschlug, paßte zu meiner Situation – „Analog“ von Thomas Meinecke. Der kleine Band aus dem Verbrecher Verlag versammelt die Musikkolumnen des Autors, DJs und Musikers. Die Illustrationen stammen von der Künstlerin und Musikerkollegin Michaela Melián. Es geht um Techno, House, Deep House, Disco und Gender, lauter Sachen, von denen ich nichts verstehe. Aber der Enthusiasmus, mit dem Meinecke sein Thema behandelt und die Schönheit seiner Sprache ließen mich dranbleiben. Und, wer weiß, vielleicht schleicht sich ja die eine oder anderere Erkenntnis ein. Zu seinen DJ Sets in ganz Deutschland reist der Autor mit der Bahn. Da er ausschließlich mit Vinyl arbeitet, nimmt er nie mehr als 90 LPs mit. Ich möchte keine 90 Platten schleppen und mit der Bahn transportieren.

Meinecke ist ein guter DJ (soweit ich das beurteilen kann). Ich habe ihn zweimal gehört. Einmal im Frankfurter Schauspiel, anläßlich einer Veranstaltung von der mir nur sein Set in Erinnerung geblieben ist und ein anderes Mal in der, mittlerweile geschlossenen, Frankfurter Disco U60311. Es war während des sogenannten „Taschenbuch-Fests“, einer Party, die der Suhrkamp Verlag eine Zeitlang zur Buchmesse veranstaltet hat. Schon seit einigen Jahren verzichtet der Verlag auf diese Veranstaltung. Bis 23 Uhr war das Fest nur für geladene Gäste, danach durften alle rein. Es war immer sehr laut bei diesen Abenden. Die Bässe wummerten und die Hosenbeine flatterten. An Gespräche war nicht zu denken.

An diesem Abend legte irgendein DJ den üblichen Partymix auf, von Abba bis Gloria Gaynor. Nichts was mich auf die Tanzfläche treiben würde. Aber die war natürlich voll – bis Meinecke kam. Er packte seine Platten aus und spielte die Musik, die im U60311 normalerweise zu hören war, Techno, House, Drum and Base (Nehme ich an. Wie gesagt, ich habe davon keine Ahnung). Die Partytänzer hatten die Tanzfläche längst verlassen, mir aber ging die Musik in die Beine und trieb mich genau dorthin. Da blieb ich dann für die nächsten zwei Stunden. Mit mir bewegten sich vielleicht zehn andere Leute zu Meineckes Beats. Es war wunderbar, für zwei Stunden gab es nur noch Musik, Rhythmus und Bewegung. Alles um mich herum war ausgeblendet. Naßgeschwitzt, etwas betrunken und glücklich setzte ich mich auf mein Rad und fuhr nach hause. Daran mußte ich denken, als ich Meinecke las, nichts verstand und Bier trank.

Als ich nach ein paar Bieren und etlichen Seiten „Analog“ nach hause kam und endlich wieder mit der Welt verbunden war, schaltete ich sofort den Computer an und durchstöberte meine Social-Media-Kanäle. Alles war gut, ich hatte nichts verpaßt und niemand hat mich vermisst.

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