Die Liebe zum Fahrrad

Der Informationswert von Sätzen wie „Schon im Alter von fünf Jahren beschloss er, Schriftsteller zu werden“ darf angezweifelt werden. Gemünzt ist dieser Satz auf den französischen Autor Paul Fournel, der auch Lektor, Verlagsleiter sowie Kulturattaché an diversen Französischen Botschaften war. Neben all diesen Tätigkeiten findet Fournel auch noch Zeit für seine große Leidenschaft, das Radfahren. Diese Leidenschaft hat er in Worte gefasst und der, auf Fahrradliteratur spezialisierte, Verlag Covadonga hat diese Erzählungen jetzt unter dem Titel „die liebe zum fahrrad“ veröffentlicht. Eigentlich müsste das Buch heißen „Die Liebe zum Rennrad“, denn darum geht es. Eine Liebe, die der Autor mit Millionen anderen Franzosen teilt.

Das Buch ist unterteilt in fünf Kapitel, diese wiederum in etliche, sehr kurze Unterkapitel. Sie heißen z. B. „Die kleine Landstraße“, „Leichtgewicht“, Übersetzung“, „Radfahrerbräune“, „Wind“ oder auch „Paris“. Hier erweist sich unser Autor auch als Alltagsradler, der täglich mit seinem Stadtrad durch die Metropole radelt, so schnell wie der Bus und schneller als Autos. Auf funktionierende Bremsen sollte geachtet werden und wenn man die meisten Radwege meidet, kommt man gut durch die Stadt (Das Buch ist 2001 in Frankreich erschienen. Seitdem hat sich in Paris in Sachen Fahrradverkehr eine Menge getan).

Aber ansonsten geht es um die Lust am Radfahren, das Rennrad, natürlich um die Tour, um berühmte Pässe und Gipfel, um Rahmen, Übersetzungen, Stürze und die richtige Fahrradmontur.

Es ist eine Plattitüde, dass Radfahrer die Natur intensiver wahrnehmen als Autofahrer. Und doch ist es gut, immer wieder darauf hinzuweisen. Fournel tut das auf anderthalb Seiten im Unterkapitel „Gerüche“ und kommt zu dem Schluss Radfahren riecht gut. Er eignet sich die Landschaft an, durch die er fährt (im Buch ist allerdings meist von „Pedalieren“ und „Kurbeln“ die Rede). Der Berg, den er bezwungen hat, gehört ihm – Ich habe ihn erklommen, ihn „genommen“, und er ist in mir. (S. 111).

Ein Mysterium für jeden Rennradler ist der Mont Ventoux. Fournel hat seine eigenen Erinnerungen an grauenhafte Aufstiege, bei denen nichts gelingen will, zur Hälfte des Anstiegs schon die Wasserflaschen leer sind und die Reifen vor Hitze am Asphalt kleben. Und doch denkt man am Ventoux nicht ans Umkehren, man denkt überhaupt nicht mehr (S. 122). An anderen Tagen bezwingt er den mächtigen Berg gleich zweimal hintereinander.

Bis man in der Lage ist, den Ventoux zu erklimmen, muss man tausende Kilometer auf dem Rad in den Beinen haben. Am Anfang dieser vielen Kilometer steht das erste Fahrrad, das mit den Stützrädern. Diese werden durch die helfenden Hände der Eltern ersetzt, bis sie eines Tages loslassen. Das Wunder war eingetreten: Ich fuhr Rad (S. 38) und Dieses Wunder wirkt bis heute nach (S. 39).

Nach diesem Wunder lies Fournel das Radfahren nicht mehr los. Es folgte ein Leben auf dem Rad, lange Touren, viele Fahrräder und zahlreiche Stürze. Nach einem heftigeren Sturz wurde eine notwendige Operation auch schon mal verschoben, weil die Schlussphase des Klassikers Paris – Roubaix erst noch im Fernsehen verfolgt werden musste, von Arzt und Patient gemeinsam.

Wie fast alle Franzosen ist der Autor ein großer Fan der Tour de France. Seine „Helden“ der Rundfahrt werden in “die liebe zum fahrrad“ ausführlich gewürdigt. 1996 erhält er die Gelegenheit, die Tour in einem Begleitfahrzeug aus nächster Nähe zu erleben. Zwei Jahre später versank die „Große Schleife“ durch die sog. Festina Affäre im Doping-Sumpf und ihrer bislang größten Krise. Die Geschichte des bedeutendsten Radrennens der Welt ist eine Geschichte des Dopings und bei seinen Anstiegen auf den Mont Ventoux hat Fournel schon öfter die Gedenkstätte für Tom Simpson passiert. Der Engländer war das erste Doping-Todesopfer der Tour. 1967 fiel er, als Führender, kurz unter dem Gipfel des Ventoux tot vom Rad. Er stand unter Amphetaminen und Alkohol. Seltsam, dass diese Tragödie bei Fournel keine Erwähnung findet.

Auch im Jahre 2001, als das Buch in Frankreich erschien, war das Thema Doping bei der Tour noch lange nicht erledigt. Fournel hat eine eindeutige Meinung dazu: Ich habe nichts gegen Doping – das Problem ist komplexer als die Frage, ob man »dafür oder dagegen« ist -, ich hatte einfach keine Lust mitzumachen. Und: Wenn man sich im Peloton weigert zu dopen, ist das so, als wollte man nicht »seinen Job machen«, als weigere man sich, zu trainieren oder massiert zu werden (S. 152). Es bleibt die vage Hoffnung, dass es heute, über zehn Jahre nach Erscheinen des Buches, anders ist.

Und doch sind es die schönen Seiten des Radfahrens, die in „die liebe zum fahrrad“ ausführlich geschildert werden und die Erkenntnis: Das Fahrrad ist eine geniale Erfindung (S. 35) behält eine ewige Wahrheit. Paul Fournel schildert ein Leben mit dem Rad und alle, die seine Leidenschaft teilen, wissen wovon er schreibt.

Paul Fournel, die liebe zum fahrrad, Covadonga Verlag, Bielefeld 2012

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s