Ab jetzt ist Ruhe.

Der Roman der Namenlosen.

Es wimmelt von Prominenten in diesem Roman der Namenlosen, alle hinreichend entschlüsselt in den zahlreichen Rezensionen, die dieses Buch erfahren hat. Der Roman heißt „Ab jetzt ist Ruhe“ und ist das Debüt der Radiomoderatorin Marion Brasch. Die Autorin ist die letzte Überlebende einer außergewöhnlichen Familie, in der sich die Geschichte der zweiten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts spiegelt, wie in nur wenigen anderen. Und so hat Marion Brasch ihrem Buch den Untertitel „Roman meiner fabelhaften Familie“ gegeben. Roman also und nicht Biographie. Die Form des Romans hätte ihr mehr Freiheit beim Schreiben gelassen, sagt Marion Brasch, eine Freiheit, die dem Buch gut tut. Und deshalb auch der Verzicht auf Namen. Keine realen Personen sollten für ihre erfundenen Geschichten in Haftung genommen werden.

Es wird gerätselt, wer denn nun die eigentliche Hauptfigur in diesem Roman sei, der ältere Bruder, Thomas, oder der Vater. Vielleicht kann man sich ja darauf einigen, dass die Autorin selbst die Hauptfigur dieses Romans ist. Schließlich ist er aus der Ich-Perspektive geschrieben.

Marion Brasch ist in der DDR aufgewachsen, dem Land, in das ihre Eltern nach dem Krieg aus dem Londoner Exil gingen. Der Vater, Jude, hat nach einem kleinen Umweg über den Katholizismus zum Kommunismus gefunden und wollte helfen, den Sozialismus in Deutschland aufzubauen. Die Mutter, Wiener Jüdin, folgte widerwillig. Der Vater wurde Funktionär der Partei und später stellvertretender Kulturminister. Partei und Staat gingen ihm über alles, auch über die eigene Familie. Als der älteste Sohn, Thomas, 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei protestiert, wird er vom eigenen Vater denunziert und landet im Gefängnis.

Es wird viel gestorben in der Familie Brasch. Marion ist zehn Jahre alt, als ihre geliebte „Oma Potsdam“, die Mutter des Vaters, stirbt. Bei ihr durfte sie immer solange auf bleiben wie sie wollte, Westfernsehen schauen und für die Oma Zigaretten drehen. Zigaretten sind ständig präsent in der Familie Brasch, der Vater ist praktisch nie ohne Zigarette anzutreffen. Überhaupt wird ständig geraucht und gesoffen in diesem Buch, es ist normal.

Drei Jahre nach dem Tod der Großmutter unternimmt der Vater einen Selbstmordversuch. Ein unlösbarer Konflikt mit der Partei treibt ihn zu diesem verzweifelten Schritt. Marion entdeckt den Abschiedsbrief und kann so den Suizid verhindern.

Ein Jahr später, Marion ist vierzehn, stirbt die Mutter an Krebs. Ein schmerzhafter Verlust für die Tochter, die fortan alleine mit dem Vater lebt. Nur vier Jahre nach der Mutter stirbt auch der mittlere Bruder, der Schauspieler Klaus Brasch. Er hat sich buchstäblich zu Tode gesoffen. Kurz vor seinem Tod reüssierte er noch als stets besoffener Saxophonist im DEFA-Klassiker „Solo Sunny“.

Für den Vater ist die Tochter die letzte Hoffnung. Die Brüder haben sich schon lange von der DDR und der Partei abgewandt, Marion hingegen wird Mitglied der Partei, ihrem Vater zuliebe. Und als sie sich gegen ein Studium und statt dessen für eine Ausbildung zum Schriftsetzer entscheidet, ist der Vater stolz auf seine Tochter. Als Parteimitglied und Teil des Proletariats scheint sie seine Hoffnungen zu erfüllen. Sie rebelliert nicht gegen den Staat, eher gegen den Vater. Sie fordert das Recht auf ein eigenes Leben, ein Leben mit Freundinnen und Freunden, mit Party, Musik und Spaß. Ihre Freundinnen und Freunde, ihre Männer, werden mit Vornamen benannt. Aber man darf zweifeln, ob dies die richtigen Namen sind – es ist auch egal. Der Soundtrack zu ihrem Leben stammt unter anderem von Pink Floyd, Jimi Hendrix, Janis Joplin, den Stones, Bob Dylan, AC/DC, Neil Young, David Bowie, Frank Zappa und John Lennon. Die Hose heißt Levi`s. Obwohl Marion Brasch später selbst Mitglied einer Band ist – sie spielt Gitarre und singt – und durch die DDR tingelt, spielt Popmusik aus der DDR keine Rolle.

Marion Brasch liebt John Lennon. Eines Tages verfolgt sie sogar einen fremden Mann, der Lennon ähnlich sieht, traut sich aber nicht, ihn anzusprechen. Sie hat bereits eine eigene Wohnung, als folgendes passierte: „An einem Tag im Dezember spielte der amerikanische Sender nur noch John Lennon. Der Moderator hatte Tränen in der Stimme. Ich saß in meiner Wohnung und konnte es nicht fassen.“ (S. 216). Es ist der 8. Dezember 1980, Marion Brasch ist neunzehn Jahre alt und ihre Trauer um Lennon teilt sie mit Millionen anderer ihrer Generation in der ganzen Welt.

Marion Brasch hat ein pragmatisches Verhältnis zu ihrem Land. Dass sie nach Ungarn fahren muss, um Ihren Bruder Thomas, der mittlerweile, nur ein paar Kilometer entfernt, in West-Berlin lebt, treffen zu können, wird so kommentiert: „Ja, es war absurd, doch so war es nun einmal.“ (S. 169)

Braschs Vater stirbt ebenfalls an Krebs, im Oktober August 1989. Den Mauerfall erlebt er nicht mehr, statt dessen richtete die sterbende DDR ein letztes Mal ein Staatsbegräbnis aus.

Der älteste und der jüngste Bruder, Thomas und Peter, sterben beide 2001, erst Peter und ein halbes Jahr später Thomas. Marion Brasch ist die letzte ihrer Familie.

Eine Person, die in Braschs Leben eine entscheidende Rolle spielte, ist Lutz Bertram, der blinde Moderator. Bertram war ein landesweit bekannter Radiomoderator des Jugendsenders DT 64. Nach dem Mauerfall erreichte er auch im Westen, besonders aber in Berlin-Brandenburg als Moderator bei Radio Brandenburg einen gewissen Kultstatus. Als er 1995 als Stasi-IM enttarnt wurde, war der Skandal, das Entsetzen und die Enttäuschung groß. Er hatte der Stasi Berichte über die DDR-Musikszene geliefert und musste daraufhin den Sender verlassen. Marion Brasch lernte ihn während einer Tournee mit ihrer Band kennen. Bertram holte Brasch zum Radio und da ist sie heute noch.

Angesichts dieser tragischen Familiengeschichte wird Marion Brasch gelegentlich der angeblich allzu lockere Erzähltstil und die fehlende Kritik an den Verhältnissen in der DDR zum Vorwurf gemacht, und mit Oberflächlichkeit verwechselt. Als ob eine Geschichte glaubwürdiger würde, wenn sie in bedeutungsschwerem Ton Kritik an den herrschenden Verhältnissen übte. Es war nicht ihr Anliegen ein Buch über die DDR zu schreiben, sie wollte ein Buch über ihre Familie schreiben – und über sich. Und das ist ihr ganz wunderbar gelungen.

P.S. Bemerkenswert ist, wie Marion Brasch sog. Social-Web-Anwendungen nutzt, um für ihr Buch zu werben. Sie hat ein eigenes Blog, twittert regelmäßig und ist auf Facebook präsent. Für „Ab jetzt ist Ruhe“ gibt es eine eigene Fan-Seite auf Facebook. Hier öffnet sie auch mal ihr Fotoalbum und präsentiert Familienfotos, immer mit dem entsprechenden Zitat aus dem Buch und der Seitenangabe, wo es zu finden ist. Außerdem werden immer aktuelle Rezensionen, Streams, TV-Beiträge verlinkt und Fotos von Lesungen veröffentlicht. So bietet sie durchaus einen interessanten Mehrwert zum Buch. Viele Autoren können sich in Sachen Selbstvermarktung an Marion Brasch ein Beispiel nehmen.

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