Jakob Arjouni – Cherryman jagt Mr. White

Als Jakob Arjouni Mitte der achtziger Jahre den Deutsch-Türkischen Detektiv Kemal Kayankaya erfand und ihn im Frankfurter Bahnhofsviertel ermitteln ließ, redete noch niemand von Multikulti. Mit Happy Birthday, Türke legte er ein erfolgreiches Debut vor, dem anzumerken war, dass der Autor seine Vorbilder vor allem bei amerikanischen Autoren fand, besonders bei Dashiell Hammet. Die Sprache war knapp und hart, die Story schnell. Drei weitere Kayankaya-Romane folgten, der vorerst letzte, Kismet, erschien 2001.
Doch Arjouni hat sich nicht auf das Krimigenre festnageln lassen, sondern sich vielmehr immer wieder neu erfunden. So wurde er zu einem der vielseitigsten Autoren deutscher Sprache.
Er schrieb unter anderem ein Theaterstück (Edelmanns Tochter), Märchen (Idioten), präsentierte uns ein düstere politische Utopie (Chez Max) und schickte mit Magic Hoffmann einen wunderbaren Schelm durch das gerade vereinigte Deutschland.
Sein neuester Roman, Cherryman jagt Mr. White, führt uns in ein bedrückendes Szenario in einem trostlosen brandenburgischen Provinzkaff unweit Berlins.
Außer einem Supermarkt gibt es nicht viel in Storlitz. Einen Supermarkt und Heiko, Mario, Robert und Vladimir, die örtliche Nazigang, die dort immer rumhängt. Und es gibt unseren Helden, Rick Fischer, den Erzähler der Geschichte. Eine Geschichte um Erpressung, Nazis, Terror, Judenhass, Arbeits- und Perspektivlosigkeit und Angst – kurz, eine alltägliche Geschichte aus der ostdeutschen Provinz.
Erzählt wird der Roman aus der Rückschau. Rick schreibt einen Bericht an seinen Therapeuten, Dr. Layton. Er versucht zu erklären was passiert ist, weshalb er ist, wo er ist und wie es dazu kam.
Wir ahnen, dass eine Katastrophe passiert sein muss und erfahren, daß Ricks Eltern kurz nach der Wende im ersten Westauto bei einem Unfall ums Leben kamen und Rick, benannt nach Rick`s Cafe aus Casablanca, seitdem bei seiner Tante Bambusch aufwächst. Ricks Alltag ist bestimmt durch Langeweile und den Terror der Nazigang, dem er täglich ausgesetzt ist. Er flüchtet sich in eine Kunstwelt aus Comics und erfindet die Figur Cherryman, die stellvertretend für ihn das Böse, Mr. White, ausrottet.
Ricks Traum ist eine Lehrstelle als Gärtner, am besten in der großen Stadt Berlin, weg aus dem Kaff, weg von dem alltäglichen Terror der Supermarkt-Gang. Und ausgerechnet diese Gang verhilft ihm dazu, seinen Traum zu verwirklichen. Natürlich ist diese Hilfe nicht selbstlos.
Rick wird mit Pascal bekannt gemacht, einem geschniegelten Nazi aus Berlin. Dieser verspricht ihm eine Lehrstelle als Gärtner in der Hauptstadt. Er müsse Pascal nur einen Gefallen tun, nichts Gefährliches, nichts Verbotenes. Rick redet sich ein, es könne schon nicht so schlimm sein und willigt, mangels Alternative, ein. Kurze Zeit später hat er die Lehrstelle und fährt täglich mit dem Zug in die Stadt. Er lernt Marilyn kennen, benannt nach Marilyn Monroe, die immer den selben Zug nimmt und verliebt sich in sie. Das Bedrohungspotential durch die Gang wird mit Marilyn größer. Mehr oder weniger subtile Vergewaltigungs- und Gewaltandrohungen gegen sie und Tante Bambusch machen Rick gefügig.
Die Gärtnerei schickt Rick täglich in einen Park, den er pflegen soll. Dieser Park grenzt an einen jüdischen Kindergarten. Es gehört zu Ricks „Sonderaufgaben“, für Pascal und den Gärtner diesen Kindergarten zu bespitzeln und Pascal zu berichten, was er sieht. Während dieser Zeit freundet er sich mit dem zweijährigen Ninu an, später auch mit einer Kindergärtnerin. Bald stellt sich heraus, dass die Aufgabe sich nicht darin erschöpft, den Kindergarten nur zu beobachten. Die Situation wird für Rick immer auswegloser, sie eskaliert und explodiert endlich in einer, erwarteten, Gewaltorgie. Rick Fischer wird zu Cherryman.
Nicht meine Phantasien wurden Wirklichkeit, sondern meine Wirklichkeit wurde Phantasie. Anfangs jedenfalls. Am Ende war die Wirklichkeit stärker. (S. 111)
Jakob Arjouni hat mit Cherryman jagt Mr. White einen kurzen, beklemmenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben, der ein Bild zeichnet, das Teil unserer täglichen Realität ist.

Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White. Diogenes Verlag AG, Zürich 2011.

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