Der erste Satz.

Der neue Minister war erleichtert, ja befreit. Soeben hatte er den ersten Satz in seinem neuen Büro gesprochen, nein, nicht gesprochen, geschrien hatte er ihn, gegen die noch unvertrauten Wände geschleudert hatte er diesen Satz, dieses Mantra, auf dass sämtliche bisher in diesem Büro gesprochenen Sätze verstummen mögen hinter diesem einen Satz: DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND! Jetzt war er angekommen in seinem neuen Job, in seinem neuen Büro, aber bevor er sich zufrieden in seinen Ministersessel fallen ließ, hängte er rasch noch das 1 x 2 Meter große Stickdeckchen an die Wand hinter seinem Schreibtisch, das in schwarz-rot-goldenen Lettern jenen Satz trug, den er soeben gesprochen hatte.
Gefertigt hatte das Deckchen die Ministergattin höchstpersönlich. Es sollte eine Überraschung sein für ihren frisch gekürten Minister. Sie vertrieb sich die Zeit der Abwesenheit des Gatten in der fränkischen Heimat mit dieser Handarbeit. Der Minister zeigte sich sehr erfreut über den Einfall seiner fleißigen Frau Gemahlin und beauftragte sie umgehend weitere, allerdings deutlich kleinere, dieser Deckchen herzustellen. Schließlich sei er künftig als Minister noch weniger am häuslichen Herd anzutreffen als bislang. Da wäre es gut, die Gattin ginge einer sinnvollen Beschäftigung nach.
In jedem Büro seines Ministeriums solle ein solches Deckchen hängen, ausnahmslos, vom Büro des Staatssekretärs bis hin zur Empfangsdame. Es gibt viele Büros in seinem Ministerium, die Frau Minister würde lange sticken müssen. Das Gerücht, sie hätte sich die Unterstützung einer türkischen Schneiderei gesichert, konnte bislang nicht bestätigt werden.
Gleich nachdem der Minister das Präsent der Gattin aufgehängt hatte, bat er seine Sekretärin zu sich. Sie möge per Mail die Bediensteten bitten, in ihren Büros schon mal nach schönen, gut sichtbaren Plätzen für das Deckchen zu suchen. Wer ein zweites Deckchen wünsche um es vielleicht gerahmt neben das Foto des oder der Liebsten auf den Schreibtisch zu stellen, möge sich melden. Auch sei die Ministergattin willens, die leider zu unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Häkelhütchen für Klorollen auf Wunsch mit einer entsprechenden Aufschrift zu fertigen. Der Minister wolle die Wünsche gerne an seine Frau Gemahlin weiterleiten. Allerdings werde in diesem Fall um etwas Geduld gebeten.
Als Zweites bat der Minister seine Vorzimmerdame, sie möge den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses die neue Grußformel innerhalb des Hauses, seines Hauses, mitteilen. Ab sofort erwarte der Minister wie folgt gegrüßt zu werden: „Guten Morgen, Herr Minister. DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND!“ Der Minister versprach sich, dass dieses Mantra half, die Bediensteten des Hauses vergessen zu lassen, was sie auf dem Weg ins Ministerium auf den Straßen der Hauptstadt gesehen hatten.
Für die Weihnachtszeit hatte sich der Minister eine ganz besondere Maßnahme einfallen lassen, um seine Botschaft unter das Volk zu bringen. Schließlich musste er sich gegen das Staatsoberhaupt durchsetzen, sein Revier abstecken und Duftmarken setzen. Eine befreundete Lebkuchenbäckerei in Nürnberg, deren Inhaber die Partei des Ministers regelmäßig mit großzügigen Spenden bedenkt, wurde beauftragt für das kommende Weihnachtsfest zehntausende Lebkuchenherzen mit dem Mantra des Ministers zu verzieren. Er versprach sich einen großen Erfolg von dieser Aktion, sicher würden diese Herzen der Renner auf den Weihnachtsmärkten der Republik werden. Das Ministerium selbst hat die Abnahme von zehntausend Exemplaren fest zugesagt. Denn schließlich eigne sich die Weihnachtszeit wie keine andere, die christliche Botschaft in die Welt zu tragen: „DER ISLAM GEHÖRT NICHT ZU DEUTSCHLAND!“

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