Spazieren an einem herrlichen Herbsttag

Jahrelang habe ich das Quartier zwischen Ostpark und Wittelsbacherallee, rund um den Parlamentsplatz, im Frankfurter Ostend buchstäblich links liegen gelassen, obwohl es zu meiner unmittelbaren Nachbarschaft zählt. Meine regelmäßigen und häufigen Wege führten mich immer in die andere Richtung, zum Günthersburgpark oder in das Nordend, gelegentlich auch durch die Berger Straße, aber immer Richtung Innenstadt. Bis ich vor einigen Monaten erstmals durch diese bisherige Terra Incognita spazierte. Es gefiel mir, unspektakulär, eine ruhige Wohngegend mit dem einen oder anderen interessanten Gebäude. Mein Frankfurt ist durch diesen Spaziergang etwas größer geworden.

Eigentlich hatte ich Lust auf einen faulen Tag zuhause, mit Lesen, Musik hören, Kochen. Das Wetter machte mir jedoch einen Strich durch die Rechnung. Der Tag empfing mich mit herrlichstem Herbstwetter, Sonne, strahlend blauer Himmel, klare Luft, recht kühl. Das lies mir keine Wahl, Schuhe schnüren, herumgehen, Kopf lüften. Nach wenigen Minuten spazierte ich zum zweiten Mal in diesem Jahr durch die Gagernstraße im Ostend. Auffallend die breiten Gehwege, ist in Fankfurt ja nicht allzu oft anzutreffen. Es waren nur sehr wenige Passanten unterwegs, ich konnte problemlos auf die Maske verzichten. Auch Autos störten kaum die Ruhe. Ich genoss die Stille und betrachtete die teilweise recht schmucken Häuser. Hinter dem unscheinbaren Parlamentsplatz wandte ich mich nach links, bei nächster Gelegenheit wieder nach rechts. Wenn ich irgendwo gerne wohnen würde, dann am Röderbergweg im Frankfurter Ostend und zwar in vorderster Reihe. Grzimek soll hier irgendwo gewohnt haben. Der Blick ist sensationell.

Blick nach Nord-Westen

Nach Süd-Osten schweift der Blick, über Offenbach und Hanau, bis zum Odenwald. Im Nord-Westen ist am Horizont der Stadtwald auszumachen und dort ragt tatsächlich der neue Goetheturm aus den Wipfeln. Dieses wahre Frankfurter Wahrzeichen, das von Idioten abgefackelt wurde und jetzt endlich wieder nachgebaut ist. Mein Frankfurt ist wieder komplett. Und an den alten Turm habe ich noch reichlich Kindheitserinnerungen, die kann mir niemand abfackeln. Selbst den Geruch nach Harz und Holz habe ich noch im olfaktorischen Gedächtnis. Das allerdings wird der neue nicht können, noch nicht. Ich muss ihn mir auf jeden Fall bald aus der Nähe ansehen. Und dort, am Röderbergweg, habe ich ihn erstmals wieder gesehen. Mein Herz hüpfte vor Freude.

Immer der Nase nach, durch bislang unbekanntes Gebiet, vorbei an der schönen, mir bislang aber unbekannten Luxemburgerallee, landete ich bald am Ostbahnhof.

Luxemburgerallee

Und dort, ich hatte davon gelesen und natürlich wieder vergessen, eine Wagenburg. Alte Camping- und Bauwagen standen dicht gedrängt am Bahndamm. Unmittelbar fühlte ich mich nach Berlin und Kreuzberg zurückversetzt. Das wurde verstärkt durch Transparente mit dem Besetzerzeichen und vertrauten Forderungen „Frankfurt besetzen“. Außerdem „Ihr baut Mist“ (o.s.ä.). Angesichts der benachbarten Neubauten eine nachvollziehbare Bemerkung. Ich war begeistert von meinem Spaziergang, hatte so viel Neues gesehen in kurzer Zeit.

Wagenburg

Weiter zum Main. An der Osthafenbrücke wieder der Goetheturm, jetzt etwas größer.

Osthafenbrücke mit Goetheturm

Auch am Mainufer war es kein Problem auf die Maske zu verzichten, es waren nur wenige Leute unterwegs. Ich spazierte der untergehenden Sonne entgegen und konnte mich nicht satt sehen am Licht und den herbstlich leuchtenden Bäumen.

Mainufer

Auf der gegenüberliegenden Mainseite das Literaturhaus Frankfurt, dahinter der Schwesternwohnturm des Hospitals zum Heiligen Geist, der das Literaturhaus fast erdrückt. Dieses, tatsächlich unansehnliche, Gebäude hat mich dazu gebracht, über Hässlichkeit in der Stadt nachzudenken. Meinen früheren, spontanen Gedanken ABREISSEN! überdenke ich mittlerweile. Ich habe gelernt, dass auch diesen Gebäuden mit Respekt begegnet werden muss. Stadt braucht Hässlichkeit. Vielleicht irgendwann mehr dazu.

Literaturhaus mit Turm des Hl. Geist Hospitals

Weiter am Main, die Skyline bestimmt das Bild. Ich wechsle jedoch über die Alte Brücke auf die andere Seite, von Dribbdebach nach Hibbdebach. Dort steht sie wieder, am angestammten Platz, die Statue Karls des Großen, in Sandstein. Es handelt sich um eine Kopie, das Original befindet ich im wunderbaren Historischen Museum. Der Original-Karl ist wohl auch noch im Besitz eines Schwerts, was der Doppelgänger nicht von sich behaupten kann. Das Schwert, das Karl auf der Brücke stolz und auch durchaus Respekt fordernd, himmelwärts richtete, war wohl ein beliebtes Souvenir. Daher wurde der Kaiser regelmäßig entwaffnet, letztmals im August 2020. Und so steht er da, der stolze Kaiser, ähnlich dem Ritter der Traurigen Gestalt, als „Karl ohne Schwert“ (Michael Quast).

Karl ohne Schwert

Durch die Wallanlagen spaziere ich zurück gen Bornheim, den Kopf voller Bilder und Gedanken, und erstmals in den zwanzig Jahren, die ich jetzt hier lebe, denke ich, wie interessant, abwechslungsreich, spannend und durchaus aufregend diese kleine Stadt doch sein kann.

Wallanlage

In Bornheim ging ich in meiner Kneipe ein Bier trinken (ich darf das, ich arbeite da und habe einen Schlüssel) und blickte auf einen wundervollen Tag zurück.

Was bedeutet Kochen und Essen im Alltag für Dich?

Teil zwei des Blogstöckchens „Die Welt auf dem Teller“, das Wibke Ladwig in den Ring geworfen hat.

Ich schreibe dies, nachdem ich was vom Vortag aus dem Kühlschrank in die Pfanne geworfen, aufgewärmt und lustlos verzehrt habe. Also, ich hatte weder Lust zu kochen noch zu essen. Es musste sein, ich hatte Hunger. Es hat nicht so besonders geschmeckt, aber ich war satt und musste nichts wegwerfen.

Ansonsten ist die Frage eine schwierige und komplexe, die ich nicht eindeutig beantworten kann. Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass ich nicht kochen kann. Niemand hat es mir beigebracht. Daher passt die oben erwähnte Speise ganz gut zu mir.

Zu oft habe ich Sachen verbrennen oder verkochen lassen. Ich lasse mich zu gerne ablenken. Wenn die Spaghetti zum Beispiel köcheln, ebenso die Soße im Topf, lasse ich mich auch mal verleiten, an den Computer zu gehen. Es könnte ja was passiert sein. Dann lese ich mich irgendwo fest, bis ich mich an das Essen auf dem Herd erinnere. Meist sind dann die Nudeln verkocht und die Soße angebrannt. Dergleichen ist mir schon relativ häufig passiert. Das landet dann im Müll und ich mache Spiegeleier.

Oft habe ich keine Lust zu kochen. Dann geh ich zum Italiener und ess ne Pizza. Gelegentlich mag ich auch nicht essen, spüre nur die Notwendigkeit. Wenn ich zu faul zum Kochen bin, aber doch was essen will, aber nicht schon wieder zum Italiener (kostet ja auch immer Geld), begnüge ich mich oft mit Käse, Baguette oder Grissini und Rotwein. Ein paar Oliven ergänzen das karge Mahl. Außerdem erinnert mich das an Frankreich. Das empfinde ich als ungemein entspannend. Gute Musik dazu, das hat was. Oder ich mache mir eine Fischkonserve auf. Habe ich immer da, Ölsardinen, Thunfisch, Makrelen. Alles köstlich. Außerdem lässt sich aus Thunfisch mit ein paar Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch auch mal schnell eine leckere Spaghettisoße basteln. Geht natürlich auch ohne Thunfisch.

Käse und Rotwein

Vielleicht muss ich sagen, dass ich alleine wohne. Ich kann nicht für nur eine Person kochen, es sei denn Spaghetti Aglio e Olio, mein geheimes Lieblingsgericht. Aber selbst das misslingt mir gelegentlich. Ich koche immer zu viel. Mein Gefrierfach ist voll mit Tupperdosen, in denen irgendwas drin ist. Was das ist, muss ich oft raten, denn ich beschrifte die Behälter nicht. Für mich alleine zu kochen ist kein Problem, das kenne ich schon lange. Und jetzt komme ich zum ersten Teil der Frage.

Seit dem ersten Shutdown im Frühjahr 2020, habe ich viel öfter gekocht. Das Beste was ich tun konnte. Nicht die schlechteste Art, sich die Zeit zu vertreiben. Irgendwann hat sich daraus die Improvisationsküche entwickelt. Die Ergebnisse poste ich auf Facebook. Es gibt Leute, denen gefällt das. Die Improvisationsküche macht wirklich viel Spaß. Sie heißt so, weil ich mich nicht zum Sklaven von Rezepten mache. Wenn ich mal was wissen will, dann frage ich beispielsweise auf Twitter, ob Knoblauch besser geschnitten oder gepresst werden soll. Die Antworten waren eindeutig, geschnitten. Seitdem mache ich das nur noch so. Durch die Improvisationsküche lerne ich. Wenn was schief geht, dann weiß ich mittlerweile, wieso es schief ging und was ich beim nächsten Mal besser machen muss. Ich traue mich in der Improvisationsküche auch gerne an bislang unbekannte Speisen. Irgendwann stieß ich zufällig auf Hähnchenpiccata. Ich hatte das noch nie gehört, es klang aber verlockend. Also habe ich es ausprobiert, es ist gelungen und war köstlich. Ein Fest.

Kochen ist aber weit mehr als der eigentliche Vorgang in der Küche. Kochen heißt auch, zu überlegen was ich zubereiten will. Und Kochen heißt natürlich auch immer Einkaufen. Ich habe mir inzwischen angewöhnt, fast alles auf Märkten zu besorgen, bei Erzeugern aus der Region. Und dann bevorzugt bei Biobetrieben. Es ist aber noch mehr als das Besorgen. Ich gehe immer zu Fuß auf die Märkte. Die sind in der Innenstadt, an der Konstablerwache oder in der Schillerstraße. Der Markt bei mir um die Ecke interessiert mich nicht, der liegt zu nah. Ich brauche das Spazieren. Alles gehört zusammen. Oft schleppe ich zwei volle und auch recht schwere Stoffbeutel nach hause, in der Umhängetasche noch eine Flasche Riesling vom Winzer auf dem Markt. Aber ich mache das gerne, es gehört dazu. Zuhause werden die Schätze in der Küche ausgebreitet. Und dann wird irgendwann angefangen zu kochen. Zunächst muss jedoch der richtige Wein im Glas sein, und, ganz wichtig, die passende Musik ausgewählt (früher habe ich zum Beispiel sehr gerne Frank Zappa beim Kochen gehört). Dann ist alles bereit. Vom Spazieren, über den Einkauf auf dem Markt, hin zum Schnibbeln und Zubereiten bis zum Wein und der Musik, all das gehört zusammen. Oft rundet das Ganze ein Espresso und ein Schnaps ab. Nicht zu vergessen der Abwasch, denn ich habe keine Spülmaschine. Das ist Kochen für mich. Und wenn das Ergebnis auch noch schmeckt, umso besser. Das kommt so etwas wie Glück sehr nahe. Da ich den esoterischen Begriff „ganzheitlich“ hasse, ist es für mich einfach eine runde, sehr beglückende Angelegenheit.

Küchenecke

Vor Kurzem habe ich angefangen, Gäste in meine Improvisationsküche einzuladen. Immer nur einen oder eine. Wir leben schließlich in Zeiten der Pandemie. Die Gäste gehen ein gewisses Risiko ein, weil ich ja nie weiß, ob es halbwegs gelingt oder nicht. Sind dann halt auch Versuchskaninchen. Zur Not bleiben immer noch Spiegeleier, Käse oder Thunfisch. Bislang waren sie aber immer zufrieden.

Essen ist etwas völlig anderes. Vor allem alleine essen. Essen geht zu schnell. Mein Vater sagte immer, zwei Stunden gekocht, in zehn Minuten gegessen. Wenn es schmeckt und ich habe es zubereitet, klar, siehe oben. Im Grunde finde ich Essen lästig, es muss halt sein. In Gesellschaft ist das was anderes. Das macht Spaß. Ein gutes Gespräch beim Essen mit einem oder mehreren lieben Menschen ist natürlich immer ein wunderbares Erlebnis. Natürlich ganz besonders wenn es schmeckt.

Meine Essgewohnheiten haben sich auch verändert im Laufe der Zeit. In jüngeren Jahren war das Frühstück immer die wichtigste Mahlzeit des ganzen Tages für mich. Da habe ich den Tisch gedeckt, bin losgelaufen, habe Brötchen und Zeitung geholt und diesen Tagesauftakt tatsächlich genossen und zelebriert. Dazu sollte ich wohl sagen, dass ich nichts zu Mittag esse. Ich frühstücke und später gibt es Abendessen. Zwischendrin etwas Obst oder auch was Süßes. Meine Frühstücksgewohnheiten haben sich mittlerweile komplett geändert, was vielleicht auch daran liegt, dass ich keine Lust habe, morgens, verschlafen, das Rad aus dem Keller zu holen um bei einem guten, aber entfernten Bäcker Brötchen zu holen. Ich habe Brot vom Markt, decke keinen Tisch mehr, sondern schmiere mir Brote in der Küche während der Tee zieht. Jeden Tag dasselbe, mehr oder weniger.

Eine Ausnahme muss ich machen zu Rezepten und Kochbüchern. Vor vielen Jahren habe ich gerne Sachen aus der „Kräuterküche“ von Maurice Mességué ausprobiert. Oft so kompliziert, dass ich auf Anleitungen angewiesen war. Meine Hits waren z.B. Kaninchen in provenzalischer Kapernsauce oder Hähnchen in Estragonsauce. Ich sollte mich vielleicht mal von Mességué zu Improvisationen inspirieren lassen.

Mal sehen, was ich am Donnerstag auf dem Markt kaufe.

Keep On Cooking In A Free World.

Wonach schmeckte Deine Kindheit?

Inspiriert von Doris Dörries Buch Die Welt auf dem Teller hat Wibke Ladwig ein „Blogstöckchen“ in den virtuellen Raum geworfen. Eine Woche lang stellt sie täglich eine Frage zum Thema Kochen und Essen, die alle, die sich bemüßigt fühlen, in irgendeiner Form beantworten können. Schlauerweise hat sie sich für die Aktion den Diogenes Verlag als Unterstützung ins Boot geholt. Eine sehr schöne Aktion, bei der ich gerne mitmache. Mehr dazu hier.

Mir gefällt das Thema, habe ich mich doch, nicht zuletzt bedingt durch Corona, in den letzten Monaten mehr mit dem Kochen beschäftigt. Nicht dass ich früher nicht auch schon gerne gekocht hätte, ich war jedoch wenig einfallsreich und risikoscheu, außerdem oft schlicht unfähig. Jetzt traute ich mich auch an Sachen, die mir bislang unvertraut waren. Die Ergebnisse poste ich anschließend auf Facebook, incl. des Weins den ich getrunken und der Musik, die ich beim Kochen gehört habe. Für mich gehört das alles zusammen. Eigentlich kann ich nicht kochen, zu oft habe ich irgendwas verkocht, in der Pfanne über Gebühr geschwärzt oder im Ofen vertrocknen lassen. Aber ich lerne. Nicht zu viel Hitze und nicht zu viel Öl, damit fahre ich mittlerweile ganz gut. Improvisationsküche nenne ich die ganze Angelegenheit, weil mich Rezepte nicht so besonders interessieren, insbesondere Mengenangaben. Ich schaue dort nach den Basics, der Rest ergibt sich. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass ich meine Küche nicht mag. Es ist kein Platz für einen Tisch und die Arbeitsfläche ist sehr schmal. Außerdem steht der Herd links vom Schneidebrett, was ich, als Rechtshänder, sehr lästig finde. Zu allem Überfluss ist die Ceran-Kochfläche, aus Gründen, die nur der Vormieter kennt, schräg. Langsam gewöhne ich mich dran. Aber immerhin ist der Ausblick aus dem Fenster schön.

Die erste Frage, die Wibke stellte, lautete: „Glück, Heimat, Trost, Abenteuer oder „Igittigitt“: Wonach schmeckte Deine Kindheit?“

Das ist für mich gar nicht so leicht zu beantworten, denn meine Kindheit hatte vielerlei Geschmäcker. Meine Mutter war eine recht gute Köchin (mein Vater hingegen war nicht mal in der Lage ein Spiegelei zu braten), die ein gewisses Repertoire an Gerichten beherrschte, die in schöner Regelmäßigkeit immer wieder auf dem Tisch landeten. Sie machte Sachen, die heute weitgehend vergessen sind, Grüne Bohnen sauer einwecken z. B. Die wurden dann als Saure Bohnen mit Salzkartoffeln und Speck serviert. Eine Köstlichkeit sondergleichen. Sehr gut waren auch ihr Hühnerfrikasse und die Königsberger Klopse. Beides habe ich geliebt. Als ich mich eines Tages an Frikasse versuchte, war ich enttäuscht. Ich kam nicht annähernd an den Geschmack heran, den meine Mutter gezaubert hatte und der mir vorschwebte. Manchmal blieb die Küche auch kalt. Etwas Besonderes war es dann, wenn Tartar besorgt wurde. Das auf frischem Brot, köstlich. Dazu gab es merkwürdigerweise immer Kakao, aufgekocht mit richtigem Pulver. Instantzeug gab es damals noch nicht, und wenn doch, dann gab es das bei uns nicht. Der Nachteil war, dass der Kakao von einer unappetitlichen Haut überzogen war. Das hat das Vergnügen doch merklich geschmälert. Bei Süßkram denke ich sehr gerne an den Griesbrei mit Pflaumenkompott. Auch das habe ich seit Kindertagen nicht mehr gegessen.

Ein besonderer Festtag aber war, wenn meine Mutter Schinkennudeln auf den Tisch brachte. Sie nutzte dazu einen Topf aus feuerfestem Glas. Dort füllte sie die vorgekochten Bandnudeln ein, gab Sahne, gewürfelten Kochschinken und Gewürze bei, rührte um und stellte den Topf in den Backofen. Oben bildete sich dann eine köstliche, knusprige Kruste, die von allen sehr begehrt war. Im Innern waren die Nudeln schön saftig und flutschig. Dazu gab es immer einen grünen Salat, der leicht gezuckert sein musste. Es war immer wieder ein Fest. Meine Mutter jedoch mochte keine Nudeln. Ihre Leibspeise waren Kartoffeln. Mit einem Teller voller Erdäpfel, etwas Soße und Gemüse war sie glücklich. Den Glastopf habe ich aus dem Nachlass meiner Eltern gerettet und benutze ihn sehr gerne. Schinkennudeln fanden bislang in der Improvisationsküche noch nicht statt, das wird aber demnächst nachgeholt.

Der Glastopf

Ein anderes Fest waren ihre eingelegten Heringe. Sie füllte dazu einen schmalen, hohen Steinguttopf mit den Heringen, Sahne, Zwiebeln, Gurken und Gewürzen und ließ das alles eine Weile ziehen. Auf den Teller kam diese kulinarische Sensation in Begleitung von Salzkartoffeln und Butter. Um den Inhalt auf die Teller zu verteilen, nutze sie einen langen schmalen Löffel, dessen Griff das Wort „Weck“ zierte. Vielleicht ein Löffel, um beim Kochen von Marmelade die Fruchtmasse umzurühren. Ich habe keine Ahnung. Topf wie Löffel befinden sich heute ebenfalls in meiner Küche, der erste beherbergt Kochlöffel und anderes Werkzeug, der Löffel fristet wohl behütet seinen Ruhestand. Heringe werde ich sicherlich niemals einlegen, ich liebe aber nach wie vor Matjes Hausfrauenart.

Der Steinguttopf

Guten Appetit.

Das Krisen-Photo zum Donnerstag

Eines meiner liebsten wöchentlichen Rituale ist der donnerstägliche Gang zum Erzeugermarkt an der Konstablerwache. Dort trinke ich ein-zwei Schobbe und esse irgendwas. Dann kaufe ich ein. Ich habe schon gelegentlich darüber geschrieben. Wann ich angefangen habe, mein Schobbeglas mit dem Deggelsche zu photographieren und auf Facebook zu veröffentlichen, weiß ich nicht mehr, bin auch zu faul, um zu recherchieren. Jedenfalls hat sich daraus eine kleine harmlose Spielerei ergeben und einige Leute haben Gefallen gefunden an diesen „Photos zum Donnerstag“, wie ich sie immer nenne. Die Bilder sahen meist so ähnlich aus wie dieses hier unten.

Photo zum Donnerstag

Mit den Corona-Schutzmaßnahmen, die ab Mitte März 2020 griffen, war das Photo zum Donnerstag in dieser Form nicht mehr möglich, denn der Ausschank auf dem Markt an der Konstablerwache wurde eingestellt. Es durfte dort nichts mehr verzehrt werden. Na gut, dachte ich mir, trinke ich meinen Schobbe halt zuhause und mache das Photo dort auf meinem Balkönsche. Das erste, das ich dann „Das Krisen-Photo zum Donnerstag“ nannte, war das vom 19. März. Ohne dass ich es beabsichtigt hatte, war das Glas unscharf dargestellt, nur der Baum im Hintergrund war scharf. Erst wollte ich es löschen, dann aber gefiel es mir. Ich hatte den Eindruck, das unscharfe Glas würde die Krise vielleicht ganz treffend illustrieren. Und ich hatte die Idee, mit dem Motiv zu spielen, auszubrechen aus der gewohnten Form. Dabei versuchte ich, eine gewisse Dramaturgie einzuhalten.

Spätestens als ich für das Photo vom 23. April ein Geripptes (so heißen diese Gläser) aus dem Nachlass meiner Eltern zerdepperte, wurde es völlig beliebig. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, mit dem „Photo zum Donnerstag“ auf diese Art zu spielen. Auch freute ich mich immer auf die, für meine Verhältnisse, zahlreichen Reaktionen und Kommentare. Sogar in Kanada wurden die Donnerstagsphotos wahrgenommen. Das erfolgreichste dieser Krisenphotos war das vom 02. April, das mit der Luftpolsterfolie. Das Bild vom 25. Juni war dann das erste, dass ich wieder auf dem Markt machte. Ich nannte es immer noch Krisen-Photo. Das Glas traut sich nicht so recht ins Bild, verharrt am Rand, mir war die Sache nicht geheuer. Eine Facebook-Freundin, die schon lange Gefallen an diesen Photos gefunden hatte, fand die Krisen-Photos dann allerdings recht deprimierend und schenkte mir zur Aufheiterung dieses schöne Halbliter-Gerippte mit Goldrand und Schleifchen. Eine Geste, über die ich mich sehr gefreut habe. Das Bild postete ich außerhalb der Reihe am 18. Juli unter dem Titel „Freude-Photo zum Samstag“. Seit dem 02. Juli geht es wieder gewohnt weiter mit den „Photos zum Donnerstag“, bis Corona wieder verstärkt zuschlägt und auf dem Markt wieder jeder Verzehr untersagt wird.

Das Freude-Photo zum Samstag

Ein schöner Tag

Ein Spaziergang

Wie immer donnerstags verlasse ich am frühen Nachmittag Schreibtisch und Laptop, ziehe bequeme Schuhe an und begebe mich auf einen Spaziergang in Richtung Innenstadt. Ein Ritual, das ich gelegentlich auch am Samstag wiederhole. „Schuhe schnüren, herumgehen, Kopf lüften“ teile ich der Welt via Twitter mit. An diesen beiden Tagen traue ich mich die Konstablerwache zu betreten, diesen Vorhof zur Hölle, auch Zeil genannt. Dann erwacht dieser Platz, diese innerstädtische Ödnis, zu turbulentem Leben. Ungezählte Menschen drängen sich unter den bunten Schirmen des Erzeugermarkts mit seinen verlockenden regionalen Angeboten. Kräuter, frisches Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch, Geflügel, unzählige Wurst- und Käsesorten, Backwaren aus handwerklicher Produktion und in unübersichtlicher Vielfalt finden sich neben den eng belagerten Ständen mit Säften, Wein, Bier und selbstverständlich Apfelwein. Sie verweilen, kaufen ein, essen Bratwürste oder Handkäs, belagern die vielen Stehtische, trinken ihren Schoppen und sorgen für ein lebhaftes Stimmengewirr. Ganz Frankfurt ist dort anzutreffen, besonders samstags. Bei gutem Wetter kann es qualvoll eng sein. Dass an diesen Tagen die Konstablerwache mehr oder weniger unsichtbar wird, ist ein willkommener Nebeneffekt des geselligen Treibens. Wer Frankfurt kennenlernen will, sollte den Erzeugermarkt besuchen. Hier ist der Querschnitt der einheimischen Bevölkerung versammelt. Aber fangen wir oben an.

Die Berger Straße

Ich gehe die Berger Straße stadteinwärts, diese Einkaufs- und Vergnügungsstraße, die im ständigen Wandel begriffen ist. Moden und Trends hinterlassen auf der Berger stets ihre Spuren. Oft sind diese nach kurzer Zeit auch wieder passé. Gewachsene Traditionen sind dort kaum zu finden, sieht man mal von der alteingesessenen Apfelweinwirtschaft Solzer im oberen Abschnitt der Straße ab. Das ehrwürdige Wirtshaus Zur Sonne wurde verkauft. Nach Monaten der Ungewissheit hat es unlängst mit neuen Inhabern wieder geöffnet. Eine gute Nachricht. Das Gebäude des ehemaligen Elektrokaufhauses wurde komplett umgestaltet und mit einem anderen Angebot und unter anderem Namen neu eröffnet. Berger-Village haben sich die Marketingleute ausgedacht, vielleicht in Anlehnung an den Stadtteil, den etliche Frankfurter auch heute noch als das „Lustige Dorf“ bezeichnen. Das Aus für „Saturn-Hansa“ bedeutete auch das Aus für einige Einzelhändler, die vom Einzugsgebiet des Elektromarkts profitierten. Anderorts herrscht allerdings jahrelanger Stillstand. In der oberen Berger Straße bietet die Brache, an der einst die Kultgaststätte Klabunt beheimatet war, nun Insekten, Vögeln und anderem Getier eine willkommene Heimat. Das Klabunt musste weichen, weil dort ein „Quartiersparkhaus mit Einkaufsmarkt und Wohnungen“ entstehen sollte. Diese Pläne wurden mit dem Ableben des Investors Gaumer beerdigt. Mittlerweile ist zu lesen, dass im Jahr 2020 mit der Bebauung des Geländes begonnen werden soll.

Fußgänger habe es schwer auf der oberen, sehr engen Berger Straße. Die Gehwege sind schmal und der Autoverkehr, der sich durchzwängt, tut ein Übriges. Man fragt sich, weshalb dort überhaupt Autos fahren dürfen. Das ist aber nicht nur ein Problem der Berger Straße. Sind die Gehwege in Frankfurt mal breit genug, um zum Spazieren einzuladen, werden sie oft durch quer parkende Autos zugestellt.

Ich gehe weiter. In immer kürzer werdenden Abständen kauern Menschen auf dem Gehweg und halten den Passanten leere Pappbecher mit der Bitte um etwas Kleingeld hin. Meist werfe ich ein paar Münzen in eines der zerknitterten Behältnisse. Andere durchstöbern Mülleimer während missionarisch gesinnte Zeugen Jehovas erbauliche Schriften feilbielen. Wäre ich gläubig, würde ich Gott danken, gesunde Beine zu haben und unbeschwert gehen zu können. Ein Geschenk.

Bubble-Tea und andere Kuriositäten

Längst vorbei ist einer der kuriosesten Trends der letzten Jahre, der sich natürlich auch auf der Berger Straße manifestierte. Wie eine Seifenblase geplatzt ist der Bubble-Tea-Boom – und das macht ja ein wenig Hoffnung. Mittlerweile werden die Läden von Nagelstudios, Waffelbäckereien und anderen seltsamen Angeboten genutzt. So versucht seit Kurzem ein merkwürdiges Geschäft sein Glück. Geneigte Passanten können sich dort für drei Minuten auf minus 150 Grad Celsius abkühlen lassen, „ohne Schwitzen und ohne Duschen“. Angeblich soll das dazu führen, überflüssige Kalorien zu verbrennen. Ob das eine gute Geschäftsidee ist, wird sich zeigen. Kundschaft habe ich dort noch keine gesehen. Erfolgreicher ist allerdings ein anderer ungewöhnlicher Laden einige Meter weiter, in dem man „Schwarzlicht-Minigolf“ spielen kann. Die Bediensteten tragen neonbunte T-Shirts und haben gut zu tun. Ich bevorzuge jedoch Bewegung an der frischen Luft wie regelmäßiges Gehen, auch wenn ich dabei gelegentlich ins Schwitzen komme.

Südlich der Höhenstraße wird es vorwiegend gastronomisch. Das Angebot ist abwechslungsreich wenn auch oft nur kurzlebig. Fast schon im Wochenrythmus öffnen und schließen entsprechende Betriebe unterschiedlichster Ausrichtung. Vegetarische, vegane und Rohkost-Restaurants wechseln sich ab mit Currywurstbuden, Pizzerien, Ökobäckern, Cafés, Buchhandlungen, Steakhäusern, Burger-Bratereien und Weinhändlern. Ein neu eröffneter Laden, der sich auf Donuts spezialisiert hat, ist offensichtlich, und zu meiner Verwunderung, sehr erfolgreich. Regelmäßig belagern vorwiegend junge Leute in Dreierreihen den Laden und tragen mit glücklichen Gesichtern die süße Beute in bunten Kartons davon. Manche setzten sich auch an die Bänke vor dem Laden und vertilgen die klebrigen Zuckerkringel gleich vor Ort. Freitagabends lädt eine Buchhandlung mit dem pragmatischen Namen Buch & Wein zum „Betreuten Trinken“ in ein ehemaliges Fotostudio im Hinterhaus. Für den Spaziergänger also genügend Möglichkeiten, eine Pause einzulegen und die müden Beine zu schonen.

Ich lasse mich jedoch nicht beirren, gehe weiter und erreiche den Merianplatz. Da steht dann dieses Ding. Auf den ersten Blick erschließt sich sein Zweck nicht. Das Ding sieht aus wie ein – ja was? Ein Zylinder, ein Kolben, irgendwas aus einem Automotor, nur viel größer. Aber ich kenne mich nicht aus mit Automotoren. Beim Näherkommen erkennt man Wasser, das träge und lustlos die glatte, grafittiverzierte Edelstahlhaut hinabrinnt. Obendrauf hocken Tauben und nehmen ein Fußbad. Aha, ein Brunnen. Frankfurt ist kein guter Ort für Kunst im öffentlichen Raum. Neuerdings hat der Brunnen Gesellschaft bekommen, die moderne Ausführung einer Litfassäule, die den Brunnen um einiges überragt, wurde ihm zur Seite gestellt. Er scheint sich nun dahinter verschämt zu verstecken. Anwohner haben sich schon beschwert über den Werbeträger, er würde den Blick auf den Merianplatz behindern, dabei versteckt er nur dieses silberne Ding. Der den Platz dominierende, achteckeckige, flache Bau, der einst als öffentliches Badehaus diente, beherbergt jetzt ein Lokal, das Kupferstecher heißt und eine etwas edlere Umgebung bietet, was sich auch an den Preisen ablesen lässt. Dennoch bewegt sich alles noch im vertretbaren Bereich. Ein gastronomischer Betrieb wurde also durch einen anderen ersetzt, der übliche Lauf der Dinge auf der Berger Straße.Zwei öffentliche Duschräume stehen allerdings weiterhin zur Verfügung.

Auf zur Konsti

Weiter geht`s in Richtung Konstablerwache. Vor dem Schaufenster der Buchhandlung Ypsilon bleibe ich stehen und betrachte die Auslage. Ein paar Meter weiter, am Anlagenring schaue ich nach rechts zum ummauerten Bethmannpark mit seinem Chinesischen Garten. Der Pavillon dort fiel 2017 einem oder mehreren Brandstiftern zum Opfer. Dieses Schicksal teilt er mit vielen anderen Holzbauten der Stadt, darunter das wahre Wahrzeichen Frankfurts, der Goetheturm im Stadtwald. Der oder die Täter sind bis heute nicht gefasst. Das Gebäude wurde von chinesischen Fachleuten rekonstruiert und im November 2019 wieder eröffnet.

Ich gehe nach links zum Anlagenring, vorbei an einem Weiher, der diverse Wasservögel angelockt hat, und kreuze die Grünanlage. Radfahrer und Fußgänger kommen mir entgegen. Auf einer schattigen Bank sitzen Männer und Frauen mit Bierbüchsen in der Hand. Im Gerichtsviertel kurz vor der Zeil fällt ein heruntergekommenes Gebäude mit vergitterten Fenstern auf, das von einer bunt bepinselten hohen Mauer umgeben ist. Das Klapperfeld, ein ehemaliges Gestapo- und Polizeigefängnis, das seit einigen Jahren einem, natürlich umstrittenen, linksautonomen Zentrum Räume bietet. Die überaus sehenswerte Ausstellung zur Geschichte des Gefängnisses, die der Trägerverein des Klapperfeldes erarbeitet hat, kann samstags ab 15 Uhr besichtigt werden. Eintritt frei, Spende willkommen.

Gelegentlich wende ich mich auch nach rechts zur stark befahrenen Kurt-Schumacher-Straße, um über die kleine Große-Friedberger-Straße von Norden her zur Konstablerwache zu gelangen. Bei meinen Gängen vermeide ich es auf dem Hin-und Rückweg die selben Wege zu beschreiten, denn das mindert die Aufmerksamkeit. Und ist es nicht einer der schönsten Aspekte beim Gehen, Dinge zu entdecken, die anders dem Auge verborgen geblieben wären?

Wie gesagt, es ist Donnerstag, also Markttag. Bald habe ich das erste Ziel meines Spazierganges erreicht, den Erzeugermarkt auf der Konstablerwache. Noch ist genug Platz an den Ständen, erst ab 17 Uhr füllen sie sich mit Angestellten aus den umliegenden Bürohäusern, die hier ihren Feierabend einläuten. Ich esse eine Bio-Bratwurst aus der Rhön und trinke einen Schoppen. Derweil spuckt die Zeil fröhliche junge Menschen auf die Konstabler, die bepackt sind mit braunen Papiertaschen voller Billigklamotten. Auf der Kurt-Schumacher-Straße rauscht vierspurig der Verkehr vorbei. Unweit wurde auf dieser Straße im Sommer 2018 ein Radfahrer von einem LKW getötet. Dieser und einige andere Todesfälle von Radfahrern in Frankfurt sowie der unerwartet erfolgreiche Radentscheid, haben zu einem behutsamen Umdenken in der Frankfurter Verkehrspolitik geführt. Jetzt fallen die roten Radstreifen auf, die in jeder Richtung in einer akzeptablen Breite angelegt wurden. Die Autofahrer mussten dafür eine Spur abtreten. Diese Umverteilung der Verkehrsflächen muss dringend weitergehen.

Am Main

Gestärkt setze ich meinen Weg fort, es zieht mich an den Main. Am Römerberg, dieser Fotokulisse, wird geheiratet, musiziert, geschaustellert und salzgesäult. Von dort zieht es die Besucherschar weiter zur teilweise rekonstruierten Neuen Altstadt, einem Quartier, das hauptsächlich von Touristen aus der ganzen Welt bevölkert wird. Ich mache es wie die meisten Frankfurter, lasse die Altstadt links liegen und gehe statt dessen weiter in Richtung Eiserner Steg.

Dem neuen Historischen Museum, zwischen Römer und Main gelegen, ist ein anderes Schicksal als der Neuen Altstadt widerfahren. Aufgrund seiner sehr gelungenen Architektur, der interessanten und vielfältigen Ausstellungen wird es von den Frankfurtern angenommen. Dieses Museum ist ein Schmuckstück und eine Bereicherung für die Stadt, die an gelungener neuer Architektur nicht gerade allzu viel vorzuweisen hat.

Der Eiserne Steg trägt schwer an tausenden von sogenannten Liebesschlössern, diesem Unfug, der sich überall breitmacht und niemanden so erfreut wie die Schlosser-Innung. Würden sich all diese Liebesbeweise selbsttätig öffnen und in den Main versenken, wenn die ewige Liebe doch nicht so ewig war, dann wäre das Frankfurter Wahrzeichen weniger entstellt. Die Passanten scheint das nicht zu stören, es wird auf Teufel komm raus musiziert, fotografiert und geknutscht. Eine Zwanzigjährige nutzt den Aufzug, um sich das Treppensteigen zu ersparen.

Ich nehme die Treppe, bahne mir einen Weg durch die Menschenmenge und spaziere am Sachsenhäuser Ufer entlang in Richtung Maincafé. Zum Glück ist Donnerstag. An sonnigen Wochenenden ist das Mainufer bevölkert von tausenden Radlern, Joggern, Skatern, Spaziergängern und Hunden und ein Durchkommen wird fast unmöglich. An solchen Tagen gilt es den Uferweg zu meiden. Aber es ist Werktag und so finde ich einen Sitzplatz im Maincafé, diesem vielleicht schönsten Ort der Stadt. Ich trinke einen Kaffee und schaue der Skyline beim Wachsen zu. Jogger, Radfahrer und Spaziergänger kreuzen meinen Blick. Es ist noch nicht allzu lange her, dass das Mainufer von der Stadt wiederentdeckt und den Menschen zugänglich gemacht wurde. Über Jahrzehnte diente es vorwiegend als Parkplatz.

Diese neue Qualität ist natürlich auch Investoren nicht verborgen geblieben, die nun versuchen, für eine zahlungsfreudige Klientel am Mainufer Luxusimmobilien zu errichten. Östlich der Untermainbrücke, in zentraler Lage, fällt ein bunkerartiges, je nach Licht graues oder sandfarbenes Edelquartier auf, das von einem Sechzigmeterturm überragt wird. Völlig ironiefrei wurde das Ensemble auf Maintor getauft, obwohl es genau das Gegenteil dessen tut, was ein Tor gemeinhin macht, nämlich sich zu etwas zu öffnen. Das Maintor jedoch ist eine massive Barriere zwischen Fluss und Stadt. Die dort wohnenden „Kosmopoliten“ wird es nicht stören, solange es in der Tiefgarage einen Platz für den SUV gibt. Mit dem gemeinen Volk am Mainufer hat man eh nichts am Hut.

Dieses graue „Maintor“ liegt am Mainkai, jener zweispurigen Uferstraße, die Ende Juli 2019 „für den Rad- und Fußverkehr geöffnet“ wurde, sprich, für den Autoverkehr gesperrt. Für ein Jahr sollte getestet und Daten gesammelt werden, wie sich das auf den Verkehr in der Stadt auswirkt, für den Autoverkehr muss einschränkend gesagt werden. Abgesehen davon, dass die Maßnahme miserabel vorbereitet wurde, ist das natürlich eine gute Idee und kann nur ein erster Schritt sein auf dem Weg zu einer weitgehend autofreien Stadt. Aber es hat nicht gereicht, die Straße einfach nur mit Betonquadern zu sperren, und sonst aber alles sich selbst zu überlassen. Passanten und Radfahrende sind nach wie vor lieber direkt auf dem Uferweg am Main unterwegs. Der Mainkai blieb verwaist. Nur Räder und Elektroroller waren zu sehen. Auf dem gewonnenen Freiraum wurde nichts angeboten, keine Gastronomie, keine Bänke, keine Sitznischen, keine Bühnen für Klein- und Großkunst. Nichts was die Straße zu einem Boulevard gemacht hätte, auf dem man sich gerne aufhält.

Ausgeruht mache ich mich auf den Heimweg.

Mit M. im Rheingau

RB10

M wartete schon, lächelnd, Sonnenbrille, Zigarette, in der anderen Hand einen Mitnahmekaffee, im Ohr Stöpsel, die sie raus nahm, als sie mich sah. In Bornheim-Mitte bestiegen wir die U4, die uns in wenigen Minuten zum Hauptbahnhof brachte. Am Gleis 23 stand die RB10 bereit, in fünf Minuten sollte sie losfahren. Es herrschte Ausflugswetter, der Rheingauexpress war daher gut besetzt mit Menschen jeden Alters, wie immer am Sonntag bei sonnigem Wetter. Sie wollten durch die Weinberge spazieren, oder am Rhein entlang und in einem der Winzerstädtchen Wein trinken. Wie wir auch. M trug einen Rucksack mit etwas Proviant bei sich. Ich hatte auf Wegzehrung verzichtet, unterwegs würde es ausreichend Gelegenheiten geben, eine Brezel zu essen, Wasser und Riesling zu trinken. Nur auf Fisherman`s Friend, Geschmacksrichtung Anis, wollte ich nicht verzichten. M konnte ich damit allerdings keine Freude machen.

Das erste Mal

Ich war gespannt auf den Ausflug mit M. Wir waren noch nie zusammen spazieren gewesen und hatten jetzt doch etwa elf Kilometer vor uns. Skeptisch beäugte ich ihre Schuhe, die mir nicht sonderlich geeignet schienen für einen dreistündigen Spaziergang. Sie versicherte, in diesen Schuhen ganz hervorragend gehen zu können, auch größere Strecken. Ich trug meine alten, grünen Laufschuhe. Es ist keine Selbstverständlichkeit, gemeinsam entspannt und harmonisch zu spazieren, das geht nicht mit jeder. Ich gehe auch sehr gerne allein, genieße es, nicht abgelenkt zu werden und mich nur meinen Beobachtungen und Gedanken zu widmen. Manch gute Idee ist auf diese Weise entstanden. Allerdings lässt es sich niemals entspannter plaudern als bei einem gemeinsamen Spaziergang. Wohl dosiert natürlich. Spaziergänge mit mehr als zwei Personen versuche ich zu vermeiden, irgendjemand hat dann immer ein erhöhtes Kommunikationsbedürfnis. Bei M war ich gewiss, dass wir uns unterwegs nicht auf die Nerven gehen würden. Sie hatte nicht den Drang ununterbrochen zu reden und konnte auch mal schweigen. Darin waren wir uns sehr ähnlich.

Eine Radtour

Der Zug setzte sich in Bewegung, erster Stop in Hoechst, danach nonstop weiter bis Mainz Kastel. Zuvor jedoch passierte der Rheingauexpress rechterhand eine riesige, blaue Lagerhalle, um die ein frisch asphaltierter Radweg führte. Dort war ich schon mit M gefahren. Es war nicht die M, neben der ich jetzt in der RB10 saß, sondern M aus Offenbach, eine Twitterbekanntschaft. Uns verband, unter anderem, die Begeisterung für das Radfahren und die Vorliebe für Bier. M fuhr Mountainbike, ich Rennrad. Da war es schwierig, passende Wege zu finden. Wir waren auf Asphalt angewiesen. Und ich war immer zu schnell. Also verkaufte ich das Rennrad und investierte den Erlös in ein gutes, gebrauchtes Mountainbike. Stahlrahmen, eine professionelle Federgabel, 24 Gänge, Hydraulikbremsen. Das reichte, jetzt standen uns alle Wege offen. Bei unserer ersten gemeinsamen Tour war ich jedoch noch mit dem Rennrad unterwegs. Sie führte uns über den Mainradweg nach Rüsselsheim zum Kleinen Brauhaus. Ich war genauso gespannt, mit M eine Radtour zu machen, wie ich es jetzt war mit der M neben mir, mit der ich zu einem längeren Spaziergang unterwegs war. Es konnte schief gehen oder gut werden. Nach wenigen Kilometern schon dämmerte mir, dass sie die perfekte Partnerin war für gemeinsame Radausflüge. Wir fuhren dasselbe Tempo, hatten dieselbe Kondition, und, vielleicht am wichtigsten, niemand wollte reden. Das hoben wir uns für die Pausen auf. Im Kleinen Brauhaus angekommen, tranken wir köstliches Bier und nahmen eine rustikale Mahlzeit zu uns. Zwei, drei weitere Biere sollten uns stärken für den Rückweg. Es war eine wunderbare, sehr entspannte Fahrt über immerhin doch siebzig Kilometer. Wir radelten, jeder für sich und doch gemeinsam. Zum Abschluss gab es ein letztes Bier im Maincafé. Es sah so aus, als hätte ich mit M eine Frau gefunden, die ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte. Eine Frau, mit der ich entspannt gemeinsam mit dem Rad unterwegs sein konnte. Ich hatte auch schon Radtouren erlebt, die in heftigstem Streit endeten und einmal beinahe zum Abbruch eines Provence-Urlaubs führten. Aber jetzt war da M und ich war glücklich. Sie mochte auch Fisherman`s Friend, Geschmacksrichtung Anis.

Viele weitere Radtouren folgten, darunter jene nach Eltville, die uns an dieser Lagerhalle vorbeiführte, die die RB10 eben hinter sich gelassen hat. Bald tauchten die ersten Weinberge auf, wir näherten uns dem Rheingau. Immer wieder waren Radler auf dem Weg zu sehen, den M und ich damals auch gefahren waren. Gelegentlich schimmerte der sonnenbeschienene Main durch das Geäst.

Wiesbaden Biebrich – Walluf

Wiesbaden Biebrich, der Bahnhof kaum als solcher erkennbar, eher eine Haltestelle. Aber es konnte losgehen mit dem Spaziergang. Der Biebricher Schlosspark, angelegt im frühen achtzehnten Jahrhundert und später umgestaltet, entschädigte schnell für den ungastlichen Empfang am Bahnhof. Weitere Spaziergänger schlenderten durch die Anlage und genossen die Ruhe, die Luft und das Grün. Wir durchquerten eine großzügige und gepflegte Parklandschaft, vorbei an Weihern mit allerlei Wasservögeln. Mehrere Papageienarten hatten sich hier angesiedelt, vorwiegend die lustigen grünen Halsbandsittiche hüpften lärmend durch die Zweige. Der Park lebte, die Stadt war weit weg. Ein perfekter Einstieg in unseren Ausflug. Bald war das Schloss in Sichtweite, dahinter der Rhein. Erste Urlaubsgefühle keimten auf. Nach nur wenigen hundert Metern werden die Spaziergänger jedoch vom Fluss weg auf die vielbefahrene Rheingaustraße geleitet, um noch eine ordentliche Dosis Feinstaub zu tanken, bevor es hinter der Dauerbaustelle der Schiersteiner Brücke, die den Uferweg blockierte, nach links zum Hafen von Schierstein geht. Motorboote liegen vertäut an den Kais, SUVs am Uferweg. Segelboote gleiten Richtung Rhein, Familien mit Kindern, Einzelgänger und Paare schlendern über die Promenade und freuen sich an der Aussicht, dem Wetter und dem Wein. Den ersten Weinprobierstand auf unserem Weg nutzten wir für eine Pause. Beide tranken wir Riesling, sie als Schorle, ich pur, das Wasser extra dazu. Wir setzten uns, schauten den Schiffen zu, beobachteten die Passanten und genossen den Wein. Störche zogen ihre Bahnen am blauen Himmel.

Bei Schierstein

An der Eisdiele hatte sich eine veritable Warteschlange formiert. Ich ließ mich nicht beirren und reihte mich ein. Nur selten esse ich Eis, schon der Anblick der bunten Fett- und Zuckerkugeln verursacht mir Übelkeit. Aber in Schierstein aß ich Eis, zwei Kugeln, Nuss und Vanille, das gehörte zum Ritual. Wir spazierten weiter und ließen den Schiersteiner Hafen hinter uns. Nach kurzem erreichten wir den unbefestigten Pfad am Rheinufer und folgten ihm flussabwärts. Für die nächsten Kilometer wird der scheinbar träge dahin fließende Fluss unser Begleiter sein. Frachtkähne zogen vorbei, gelegentlich auch ein Segelboot oder ein Ausflugsdampfer. Der Uferweg stark frequentiert, Fußgänger, Radfahrer, Hunde kamen uns entgegen. Schon bald taucht rechter Hand der Strommast auf, der drei Storchenfamilien Heimstatt bietet, unübersehbar die Nester in unterschiedlicher Höhe. Jungtiere harrten auf Futter.

Es bestätigte sich, was ich erwartet hatte, mit M zu spazieren war ein Vergnügen. Gleiches Tempo, nicht zu viele Worte, gleichmäßig und zügig setzten wir einen Fuß vor den anderen, ließen unsere Blick über das Wasser schweifen oder in den Himmel, an dem Störche und allerlei andere Vögel ihre Runden drehten. Eine Nachtigall ließ ihren Gesang erschallen. Kurz vor Walluf dann ein eingezäuntes Vogelschutzgebiet. Eine Wasserlandschaft mit Bäumen und Schilfgräsern bot etlichen Vögeln paradiesische Bedingungen. Wir spazierten durch eine scheinbar heile Welt.

Walluf verfügt über einen kleinen Sandstrand, der sehr gut besucht war an diesem Sonntagnachmittag. Kinder spielten im Sand, Müßiggänger saßen auf den Mäuerchen, die das Areal eingrenzten, tranken Wein. Manch einer warf Stöckchen für den Hund in den Strom, dem der wagemutig nachschwamm und es wieder raus fischte, immer wieder. Als wären wir Teil einer Strandszene von Heinrich Zille, im Rheingau, nicht in Berlin. Der perfekte Standort für den örtlichen Weinstand, das Fässchen Walluf. Die Reihe der Durstigen war lang, der Riesling kalt und trocken. Für eine Dreiviertelstunde schauten wir dem Treiben zu und tranken gemächlich den Wein. Das Ziel unseres Ausflugs kam näher. Etwa fünfundvierzig Gehminuten trennten uns von Eltville. Immer mehr Spaziergänger und Radfahrer bevölkerten den Uferweg, es wurde zusehends enger. Bald kamen die ersten Villen der „Eltviller Riviera“ in den Blick. Als markante Landmarke thronte der Turm der Kurfürstlichen Burg Eltville am Ufer und das silberne Band des Rheins zog sich durch die Landschaft.

Eltville -Oestrich-Winkel

An einem schönen Spätsommertag waren M, die Radfahrerin, und ich von Eltville aus zu einem Spaziergang nach Oestrich-Winkel gestartet. Das Städtchen mit dem wohlklingenden Namen kannten wir noch nicht. Wikipedia sagte etwas von Tourismus und Weinbau. Das war nicht sonderlich überraschend im Rheingau. M und ich hatten bislang nur gemeinsame Radtouren unternommen, zusammen spaziert waren wir noch nie. Auch dieser Ausflug also ein kleines Experiment. Ich hatte keine Bedenken, wir konnten entspannt zusammen Radfahren, dann würden wir auch einen gemeinsamen Spaziergang genießen können. Kaum in Eltville angekommen, suchten wir zunächst den Weinstand für einen ersten Riesling auf. Der Eltviller Weinprobierstand wird fast ganzjährig in regelmäßigem Wechsel von acht örtlichen Winzern betrieben. Die Promenade war gut besucht. Auf einer Bank unter Platanen fanden wir Platz, tranken Wein und schauten auf den Fluss. Eine große, weiße Jacht drehte in provozierender Langsamkeit einige Angeberrunden. M war übermüdet und etwas niedergeschlagen an diesem Tag. Das besserte sich bald durch die Luft, den Fluss und den Wein. Im Laufe des folgenden Spaziergangs hellte sich ihr Gemüt immer weiter auf, auch wenn dieser landschaftlich eher reizlos war. Der Weg war enttäuschend, das krasse Gegenteil zum unbefestigten Pfad zwischen Schierstein und Eltville. Ein Großteil war asphaltiert und verlief zwischen Fluss und einer stark befahrenen Bundesstraße. Etliche Radfahrer kamen uns entgegen oder überholten knapp. Entspannend war das nicht. Wenigstens für ein kurzes Stück ging es durch ein Wäldchen. Ein Campingplatz mit Biergarten lud zu einer Rast unter Bäumen. Wir tranken Hofbräuhausbier aus München, was uns etwas deplatziert vorkam, aber dennoch gut schmeckte. M wirkte mittlerweile ganz gelassen und zufrieden. Hunger machte sich bemerkbar, essen wollten wir aber erst in Oestrich-Winkel. Es war nicht mehr weit, schon in Sichtweite lag unser Ziel, malerisch am Ufer des Rheins, vielleicht noch drei Kilometer. Wir verließen den gastlichen Ort und spazierten weiter, erneut einquetscht zwischen Bundesstraße und Fluss. Je mehr wir uns Oestrich näherten, desto deutlicher offenbarte sich jedoch eine hässliche Gewissheit. Oestrich-Winkel, das Rheingaustädtchen mit dem schönen Namen, lag gar nicht am Rhein sondern an der B42. Kein Weinprobierstand am Ufer des Flusses, keine Menschen, die die Ruhe, den Blick und den Wein genossen. Nichts von dem, was wir erwartet hatten und von Schierstein, Walluf und Eltville kannten, nein, eine lärmende und stinkende Bundesstraße trennte die Stadt brutal von ihrem Fluss. Eine graffitiverzierte Unterführung, die an den Ratswegkreisel in Frankfurt erinnerte, stellte den Zugang zur Stadt her. Viel unfreundlicher kann man Spaziergänger nicht empfangen. Oestrich-Winkel, eine Stadt ohne Fluss. Das eigentlich ganz pittoreske Städtchen war nicht nur vom Fluss abgeschnitten, nein, es schien, als sei der Ort auch vom Leben abgeschnitten. Niemand war unterwegs, die Straßen ausgestorben, von Tourismus war hier nichts zu spüren. Fluchtgedanken, wann fuhr der nächste Bus nach Eltville? Ein älteres Pärchen irrte orientierungslos durch die Gegend, fragte uns, wo man einkehren könne. Wir konnten nicht helfen, uns ging`s genauso. Es war auch sonst niemand unterwegs, der vielleicht hätte helfen können. Eine Weile streiften wir durch den Geisterort, bis wir uns plötzlich, wie aus dem Nichts, vor dem Gutsausschank des Weinguts Andreas Kühn fanden. Wir zögerten nicht. Einige Tische im Innenhof waren besetzt, andere noch frei. Es gab also doch Leben in Oestrich-Winkel. Endlich sitzen. Auch das Pärchen von vorhin hatte den Weg hierher gefunden. Der, von einer großen Platane dominierte, Garten war einladend. Im Nachbargrundstück hüpfte ein Dutzend Halsbandsittiche, wie sie auch im Biebricher Schlosspark heimisch waren, durch einen Baum und flatterten, wie auf Kommando, plötzlich davon. Die Bedienung war freundlich, das Essen und der Wein ausgezeichnet. Unser kleiner Ausflug nahm ein versöhnliches Ende. Und doch fragte ich mich, weshalb die Menschen dieses Ortes die B42 nicht schon gesprengt oder sonst wie unbrauchbar gemacht haben.

Gegen 20 Uhr brachen wir gesättigt auf zum Bahnhof, der, wenig überraschend, einen recht heruntergekommenen Eindruck machte. Das kannten wir auch aus Eltville. Zur Versorgung stand ein Getränkeautomat bereit. Zum Glück ist der Zustand dieser Eisenbahnbauten nicht symptomatisch für den Rheingau. Der Zug hatte zwanzig Minuten Verspätung und wir waren in die nächste Tarifstufe spaziert. Das Ticket nach Frankfurt war vier Euro teurer als von Eltville aus.

Rheinsteig

Erstmals im Rheingau war ich vor einigen Jahren mit M.. Es war nicht die M., neben der ich jetzt in der RB10 saß und auch nicht M., die Radfahrerin. Es war M. aus Sachsenhausen, die erste M., sozusagen. Wir trafen uns an Gleis 23, an dem die RB10 bereit stand. Sie konnte mich mit ihrer Monatskarte mitnehmen. Ich war neugierig. Dass wir zusammen gut würden spazieren können, wusste ich, wir hatten schon manch gemeinsamen Gang unternommen. Fisherman`s Friend, Geschmacksrichtung Anis, brauchte ich ihr gar nicht erst anbieten, sie mochte es nicht. Ich war neugierig auf den Rheingau. Es war einzig meiner Trägheit geschuldet, dass ich mich in all den Jahren, die ich nun schon in Frankfurt lebte, noch nicht aufgerafft hatte, dorthin zu fahren. Vor vielen Jahren war ich mal im Verlauf eines Fahrradurlaubs mit einem Freund aus Berlin in Eltville. Damals hielt ich allerdings noch nichts von deutschem Wein, trank ausschließlich französischen, noch dazu roten. Mit Riesling und dergleichen hatte ich nichts am Hut. Diesen Besuch hatte ich daher fast schon wieder vergessen. M. und ich fuhren bis Biebrich und liefen zunächst denselben Weg, den ich jetzt mit der Bornheimer M. ging. In Schierstein verließen wir das Rheinufer, um dem Rheinsteig zu folgen. Dieser Wanderweg beginnt am Biebricher Schloss und ist selbstverständlich ausgeschildert. M. kannte sich aus, sie war dort schon mehrere Male gewesen. Wir durchquerten Weinberge, nur wenige andere Spaziergänger kreuzten unseren Weg, und genossen den Blick über das Rheintal und die Ruhe. Unser Ziel war Kiedrich. Dazu mussten wir den Rheinsteig verlassen, das Städtchen wäre über den Wanderweg erst in zwei Tagesetappen erreichbar gewesen. Also mussten wir abkürzen und hatten irgendwann die Orientierung verloren, besser, M hatte die Orientierung verloren, ich hatte ja keine. Die grobe Richtung wusste sie, und eine freundliche Spaziergängerin wies uns den Weg. Da lang. Wir kraxelten längs einer Steinmauer, die einen Weinberg einschloss, einen steilen Hang hinauf. Plötzlich wurde die Rheingauruhe jäh unterbrochen, zwei Motocrossfahrer pflügten mit ihren Maschinen durch den Waldboden hangaufwärts, überholten und nebelten uns ein. Oben waren wir wieder auf dem Weg zu unserem ersten Ziel, Kloster Eberbach. Szenen aus dem Film „Der Name der Rose“, der hier gedreht wurde, kamen mir in den Sinn. Wir waren nicht die einzigen Besucher an diesem Nachmittag, die Parkplätze gut belegt. Nach einem Rundgang und einem Kaffeepäuschen setzten wir unseren Weg nach Kiedrich fort. Knapp vier Kilometer trennten uns von diesem Ort, von dem ich noch nie gehört hatte. Es ging bergab und M führte uns über geheimnisvolle Wege. Gelegentlich fragte ich zweifelnd, ob wir wirklich hier lang müssten. Sie ließ mich reden und stapfte zielstrebig voran, schließlich kannte sie die Gegend. Ich folgte und war froh, als wir endlich das kleine, sehr ansehnliche Winzerstädtchen erreichten. Die Beine wurden mir schwer und ich hatte Hunger und Durst. In einer urigen Straußwirtschaft kehrten wir ein zu regionaler Hausmannskost und Riesling. Nach einem abschließenden Kaffee setzten wir ausgeruht unseren Weg fort, talwärts nach Eltville. Der Weg, den M wählte, erschien mir stellenweise erneut recht abenteuerlich, aber ich schwieg und trottete hinterher. Es dämmerte und als wir den Bahnhof von Eltville erreichten, war es fast schon dunkel. Zum Glück kam der Rheingauexpress umgehend, so blieb uns ein längerer Aufenthalt an diesem zugigen Unort erspart. M war ich sehr dankbar für diesen Tag, unser kleiner Ausflug verlief in schönster Vertrautheit. Meine Liebe zum Rheingau war geweckt.

Biebrich – Kiedrich

Im Sommer des darauf folgenden Jahres wollte ich den selben Weg mit J, einer alten Freundin aus der Wetterau, gehen. Keine M also dieses Mal. Wir waren schon öfter längere Wege durch Frankfurt gestiefelt, so dass ich wusste, ein größerer gemeinsamer Ausflug zu Fuß würde kein Problem sein. Auch wir starteten in Biebrich, verließen, wie im Jahr zuvor mit M, in Schierstein das Rheinufer und folgten dem Rheinsteig. An diesem Tag war ich der Reiseleiter, fühlte mich durch den Ausflug mit M bestens gewappnet. Schließlich war ich die Strecke schon einmal gegangen. Frohgemut durchquerten wir Schierstein, immer den Symbolen des Rheinsteigs folgend. Ein Bach geleitete uns langsam bergan in die Weinberge, der Blick über das Rheintal wurde weiter. Oberhalb von Frauenstein kehrten wir in einem Ausflugslokal auf einer Burg ein, aßen Fabrikkuchen und tranken Kaffee. Weiter ging der Weg, hinab nach Georgenborn, und wieder hinauf, immer dem Symbol folgend. Gelegentlich erinnerte ich mich an Wege und Orte, die M und ich im Vorjahr auch passiert hatten. Kiedrich konnte also nicht mehr allzu weit entfernt sein. Ich freute mich auf die Straußwirtschaft, eine deftige Mahlzeit und den Riesling. Das beschleunigte den Schritt. Wir waren guter Dinge, freuten uns an der Landschaft, dem Ausblick und dem Wetter. Die Wetterauerin war etwas gesprächiger als M., M., und M. Aber auch das hielt sich in sehr erträglichen Grenzen. Wir folgten einem breiten Weg, ständig leicht bergan, durch einen Wald. Der Weg zog sich, mir kam die Gegend völlig unbekannt vor. Hier waren wir nicht gewesen, M. und ich, vor einem Jahr. Jetzt hatten wir schon etwa zwölf Kilometer in den Beinen, unser Ziel konnte nicht mehr weit sein. J. äußerte verhalten Unmut, sie hatte Probleme mit den Knien. An einer Weggabelung bemühte sie das Navi ihres Telefons. Nach Kiedrich seien es noch vierzehn Kilometer, das würde sie heute nicht mehr laufen. Leider hatte ich keine Salbeibonbons dabei, die hätte sie genommen, nicht jedoch Fisherman`s Friend, Geschmacksrichtung Anis. Ich hatte nicht nur die Bonbons vergessen, sondern auch dass M uns vom Rheinsteig weggeführt hatte, um abzukürzen. Und ich hatte bei der Planung übersehen, dass Kiedrich auf dem Wanderweg erst nach zwei Tagesetappen erreicht würde. Als Reiseleiter hatte ich komplett versagt. Dankenswerterweise hielt sich ihr Missmut in Grenzen. Statt dessen übernahm sie das Kommando und marschierte entschlossenen Schritts den Weg zurück, den wir gerade erst gekommen waren. Sie wollte tatsächlich irgendwo ein Taxi auftreiben und nach Biebrich fahren. Ein freundlicher Mann an irgendeinem Weiler sagte, nachdem wir gefragt hatten, wieso Taxi, dahinten sei Frauenstein, von dort führe ein Bus. Es seien nur ein paar Minuten. Diese paar Minuten zogen sich dann zu einer halben Stunde. Oberhalb des Ortes thronte die Burg, an der wir vor Stunden gerastet hatten. Der Bus fuhr in einer Stunde und ein Taxi war weit und breit nicht aufzutreiben. Ein Wegweiser für Radfahrer wies nach Schierstein, nur drei Kilometer. Das schaffen wir jetzt auch noch, bestimmte J und marschierte los, in einem Tempo, dem ich kaum folgen konnte. Sie wollte diesen Ausflug zu Ende bringen, so schnell wie möglich, ihr schmerzendes Knie ignorierend. Endlich, Schierstein. Wir waren bestimmt siebzehn, achtzehn Kilometer gelaufen und erleichtert, in einem Gartenlokal die müden Beine ausstrecken zu können. Die Stimmung war sehr entspannt, ich musste mir keine Vorwürfe anhören. Im Fernsehen lief Fußball, es war WM, Deutschland längst ausgeschieden. Das Bier schmeckte so gut wie schon lange nicht mehr. Es gab Fisch, darauf war das Lokal spezialisiert. Anschließend fuhren wir mit dem Taxi nach Biebrich. Den Besuch in Kiedrich holten wir nach, allerdings ohne Experimente. Biebrich, Rheinufer, Schierstein, Walluf, Eltville. Dort zwei Stunden Rast mit Riesling, Wasser und Brezeln. Anschließend die vier Kilometer bergan durch Weinberge längst des Rheinsteigs, nach Kiedrich. Die Straußwirtschaft war geöffnet, wir fanden einen Platz im Hof und fühlten uns sehr wohl. Schnell kamen wir mit dem älteren Ehepaar ins Gespräch, das sich an unseren Tisch gesellte („wir sind beide kürzlich zweimal vierzig geworden“). Sie freuten sich auf das autofreie Wochenende im Mittelrheintal, das bald anstand und wollten dann in Ruhe am Ufer des Rheins entlang radeln. Das konnte ich gut verstehen. Auch die Menschen in Oestrich-Winkel würden sicherlich Freude an diesen autofreien Tagen haben.

Walluf – Eltville

Wir näherten uns dem Ziel unseres Kurzurlaubs, Eltville. Das Rheinufer war voll mit Buden, Menschen und Biergartengarnituren. Die Stadt beging das jährliche Sekt-und Biedermeierfest. Einige Teilnehmer waren stilecht ausgestattet. Der Weinstand umringt von einer Traube Durstiger. Mit etwas Geduld gelang es uns, zwei Gläser Riesling zu ergattern, Nr 1, der trockene. Wir fanden zwei Plätze, M besorgte Flammkuchen an einem der Stände. Auf dem Rhein bretterten einige Jetski-Piloten laut lärmend flussabwärts. Nach zwei weiteren Riesling brachen wir auf zum Bahnhof und bestiegen den Rheingauexpress, der uns zurück nach Frankfurt brachte. Einige Mitreisende ließen ihren Ausflug nach Rüdesheim stimmgewaltig und feuchtfröhlich ausklingen. Ein schöner Tag näherte sich seinem Ende.

An einem unwiderstehlichen Herbstsonntag im Oktober spazierte ich alleine längs des Rheinufers, von Schierstein nach Eltville. Keine der drei M hatte Zeit. Auf der Rückfahrt musste ich mich mit einem letzten Fisherman`s Friend, Geschmacksrichtung Anis, begnügen.

Nach Frankfurt

Im letzten Jahr hatte ich angefangen, ein paar kleinere Geschichten aufzuschreiben. Einige sind fertig, andere noch nicht. Wahr sind sie alle, denn ich kann mir nichts ausdenken. Gerne hätte ich sie in einem kleinen Buch versammelt gesehen, konnte den Verlag aber nicht überzeugen. Das ist nicht so tragisch, es gibt ohnehin zu viele Bücher. Da ich keine Lust habe, bei anderen Verlagen anzuklopfen, werde ich hier gelegentlich die eine oder andere Geschichte veröffentlichen. Und immerhin eine dieser Geschichten wird in diesem Buch veröffentlicht, dass im Mai 2020 erscheinen soll.

Das Vorstellungsgespräch

Das Gespräch, das mein Leben veränderte, dauerte etwa eine Viertelstunde. Ich saß lediglich dabei als ginge mich das alles nichts an und hörte zu, wie sich zwei Männer über mich unterhielten. Nur gelegentlich gab ich einen Kommentar ab.

Am Morgen war ich in Berlin am Bahnhof Zoo in einen ICE gestiegen, der mich nach Frankfurt am Main brachte. Dort fuhr ich mit der U-Bahn ins Westend, fragte mich zur Lindenstraße durch und meldete mich am Empfang des Suhrkamp Verlages. Ich möge einen Moment Platz nehmen, gleich würde mich jemand abholen. Auf dem schwarzen Uwe-Johnson-Sofa im Eingangsbereich wartete ich ein- zwei Minuten, bis mich mein künftiger Abteilungsleiter und Vorgesetzter begrüßte. Der Aufzug brachte uns in den dritten Stock. Ich war zum Vorstellungsgespräch beim damaligen kaufmännischen Geschäftsführers des Verlags geladen. Für diesen Anlass hatte ich mir den ersten Anzug meines Lebens gekauft. Nun saß ich da in meinem Anzug und wartete darauf, dass das Vorstellungsgespräch beginnen würde und ich ein paar Fragen beantworten müsste. Das blieb aus. Was der Abteilungsleiter über mich berichtet hatte, schien dem Geschäftsführer zu genügen. Nach fünfzehn Minuten durfte ich wieder gehen, mein künftiger Chef versprach, sich zu melden. Ich fuhr zurück zum Bahnhof. Am Tresen der DB-Lounge vertrieb ich mir die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges. Gegen 17 Uhr, ich trank mein zweites Bier, klingelt das Telefon. Ich hätte den Job, in den nächsten Tagen würde man mir den Arbeitsvertrag zuschicken, ich möge bitte am 10. Januar anfangen. Vierundzwanzig Jahre Berlin näherten sich dem Ende. In sechs Wochen musste ich umziehen. Der Kreis schließe sich, bemerkte mein Vater, ein gebürtiger Frankfurter, als ich anrief und die Neuigkeit verkündete.

Im Zug

Während mich der ICE zurück zum Bahnhof Zoo brachte, schaute ich aus dem Fenster und versuchte, mir mein künftiges Leben in „Westdeutschland“ vorzustellen. Ich kannte Frankfurt, hatte als Kind mit meinen Eltern schon einige Jahre in der Stadt gelebt und war in Sachsenhausen zur Schule gegangen. Zudem fuhr ich jährlich zur Buchmesse. Frankfurt war mir sympathisch, schön fand ich es nicht. Die Vorstellung, dort zu leben, fiel mir jedoch schwer. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass jemand freiwillig nach Frankfurt zog, etwa weil die Stadt so attraktiv ist, oder wegen des kulturellen Angebots und des hohen Freizeitwerts. Da ging man doch eher nach Berlin, Hamburg oder München. Frankfurt zählte für mich eher zu den grauen Mäusen unter den deutschen Städten, kurz vor Stuttgart und Hannover. Sicher, am Main ist es ganz schön, er wurde von der Stadt aber eher stiefmütterlich behandelt. Aber was ist der Main gegen die Wasserlandschaft Berlins mit Havel, Spree, Landwehrkanal und all den Seen? Und die Skyline war ganz hübsch anzusehen, Leben ging von diesen Gebäuden allerdings nicht aus. Wer nach Frankfurt zog, tat das eines Jobs oder vielleicht noch der Liebe wegen, nie jedoch aus freien Stücken. Dennoch, Apfelwein kannte und mochte ich und Fan der Eintracht war ich seit frühester Kindheit. Die Lage der Stadt und die Möglichkeit sehr schnell in alle Richtungen verschwinden zu können, schien mir ihr größter Vorteil zu sein. Ich fühlte mich als Berliner durch und durch, war jedoch bereit für Neues. Kurz zuvor hatte sich die lang umworbene Kölner Journalistin nach nur wenigen Monaten wieder von mir verabschiedet, und somit in einen Zustand versetzt, der wohl gemeinhin als Midlifecrisis bezeichnet wird. Bislang dachte ich immer, dieser Zustand sei eine Schimäre, aber jetzt hatte sie mich ordentlich im Griff und die Bereitschaft wachsen lassen, mein Leben zu ändern. Der Mauerfall hatte auch die Buchhandlung, in der ich elf Jahre gearbeitet hatte, in Schieflage gebracht. Längst war sie nicht mehr das erste Haus am Platze. Neue Konkurrenz hatte sich angesiedelt, die wirtschaftliche Situation der einst größten Buchhandlung Deutschlands verschlechterte sich zusehends. Mit Abfindungen sollten so viele wie möglich der ehemals einhundertvierzig Beschäftigten bewegt werden, freiwillig die Firma zu verlassen. Das traf sich gut mit meinem neuen Job bei Suhrkamp.

Die Stammkneipe

Am Abend wieder in Kreuzberg, steuerte ich umgehend meine Stammkneipe an. Sie lag auf dem Weg am Chamissoplatz, nur wenige Meter von dem Haus entfernt, in dem ich lebte. „Hansi“, sagte ich zum Wirt, „ich ziehe nach Frankfurt. Habe einen Job bei Suhrkamp, den konnte ich nicht ablehnen. In sechs Wochen bin ich weg.“ Hansi bedauerte das natürlich, beglückwünschte mich trotzdem, bemerkte aber, dass ich so einen Laden wie das Matto, so hieß die Kneipe, in Frankfurt wohl nur schwer finden würde. Er sollte recht behalten, zumindest für einige Jahre. Der letzte Tag des 20. Jahrhunderts war mein letzter Arbeitstag in Berlin.

Die ersten Monate

Zunächst kam ich bei Freunden in Offenbach unter, die ich aus gemeinsamen Berliner Tagen kannte. Ihr Gästezimmer diente mir für die ersten drei Monate als Unterkunft. Durch eine Suchanzeige in der Frankfurter Rundschau fand ich eine Wohnung in der Seckbacher Landstraße. Bornheim, so hieß es, sei ein begehrter Bezirk. Die Wohnung sagte mir zu. Ein Altbau, Parkettfußboden, Einbauküche, bezahlbar. Sie hatte die richtige Größe für mich und war ähnlich geschnitten wie meine Kreuzberger Wohnung. Der private Vermieter machte einen sympathischen Eindruck. Und doch hätte ich unter anderen Umständen diese Wohnung nicht genommen. Sie lag im ersten Stock an der Seckbacher Landstraße, einer stark befahrenen Ausfallstraße mit Busverkehr und ständigem Sirenengeheul der Rettungswagen, die Tag und Nacht das Bethanien- oder Katharinen-Krankenhaus ansteuerten. Das Rattern der U4, die unter dem Haus verkehrte, brummte durchs Haus und ließ es leicht vibrieren. An Schlaf bei offenem Fenster war nicht zu denken. Dennoch, ich brauchte eine Wohnung. An den Lärm würde ich mich schon gewöhnen, sagte ich mir. Im April zog ich ein.

Jetzt war ich schon einige Monate in Frankfurt. Ich war eingerichtet, mit den ersten Kollegen per Du, ich wusste auf welchen Wegen ich am bequemsten mit dem Rad von Bornheim ins Westend kam und wo ich einkaufen konnte. Eingelebt hatte ich mich nicht. Freundschaftliche Beziehungen zu meinen neuen Kolleginnen und Kollegen bauten sich nur zögerlich auf. Nach wie vor kannte ich nur meine alten Freunde aus Berliner Zeiten sowie einen ehemaligen Schulfreund, der in Frankfurt arbeitete und ebenfalls in Offenbach wohnte. Ich hatte in meiner Umgebung ein kleines Spanisches Lokal entdeckt, das uns zusagte. Bei José trafen wir uns wöchentlich, gelegentlich auch in Offenbach. Auf der Suche nach einer Wirtschaft, die als Stammkneipe geeignet war, besuchte ich diverse Wirtshäuser in der näheren Umgebung. Ich brauchte ein Matto. Aber ich wurde nicht fündig, keins der Lokale entsprach meinen Vorstellungen. Eine Apfelweinwirtschaft zu meiner Stammkneipe zu machen, wäre doch ein zu großer Schritt gewesen, quasi ein Kulturschock. Dem Thema musste man sich behutsam nähern. Ich verbrachte also die meisten meiner Abende zuhause, es sei denn die Offenbacher riefen. Eine Stammkneipe musste her. Aber was macht eine Kneipe zu einer Stammkneipe?

So eine Wirtschaft muss fußläufig in wenigen Minuten erreichbar sein. Das Matto war ideal, ich schaute aus dem Fenster und konnte zumindest im Sommer sehen, ob jemand draußen saß, den ich kannte. Meistens war das so. Und wenn ich niemanden kannte, war da immerhin Hansi, der Wirt, der stets ein offenes Ohr hatte. Die Einrichtung muss passen, Tischdecken und anderes Gedöns brauchte ich nicht. Ich suchte eine Kneipe, kein Restaurant. Das Angebot muss stimmen, gutes Bier, gutes Essen zu guten Preisen und natürlich ein gutes Publikum. Wenn schon Musik im Hintergrund läuft, muss mir diese gefallen. Und, ganz wichtig, der Wirt oder die Wirtsleute müssen sympathisch sein. Das ist vielleicht das Wichtigste. Dort will man sich wohlfühlen und auch mal, in Zeiten monetären Mangels, einen Deckel machen können. Zu diesem Wohlfühlen tragen der Wirt oder die Wirtin entscheidend bei, sie halten eine Kneipe zusammen.

Zwischen Berlin und Frankfurt

Meine Wohnung am Kreuzberger Chamissoplatz hatte ich behalten, sie war preiswert. In den ersten Monaten fuhr ich alle vierzehn Tage übers Wochenende nach Berlin und ging unter anderem ins Matto. Und da gab es noch meinen Lieblingsitaliener, Zagato, in der Bergmannstraße, gegenüber der Markthalle. Benannt war der Laden nach dem Konstrukteur der Alfa-Romeo-Sportwagen. Photos dieser Autos zierten dann auch die Wände des Lokals. Daneben Bilder von Rennmotorrädern, Inter Mailand und Radrennfahrern, Fausto Coppi und anderen. Die Decke tapeziert mit italienischen Sportzeitungen, die an die Triumphe des italienischen Fußballs erinnerten. Der Rest der Einrichtung war schlicht gehalten, Papiertischdecken, einfache Weingläser, keine aufgetürmten Servietten. Im nur selten genutzten Nebenraum stand ein altes Motorrad. Auf dem Heizkörper unter der großen Fensterfront ein Zettel: Füße runter von der Heizung, ZAKI ZAKI! An der Wand befahl ein weiterer Hinweis: Keine Zigarren! ZAKI ZAKI! Im Hintergrund erklang dezent italienische Schlagermusik der Fünfziger Jahre. Ein kleiner Raum, sieben Tische. Im Sommer zusätzlich fünf vor der Tür. Die Speisekarte änderte sich nie, Pizza suchte man vergebens. Gelegentlich gab es ein bis zwei wechselnde Tagesgerichte. Alles schmeckte köstlich. Die Weinkarte war überschaubar. Hier gab es von nichts zuviel, selbst die gespielte und übertriebene Freundlichkeit manch italienischer Kellnerdarsteller mit einem geträllerten Buona Sera Dottore und Ciao Bella hatte hier keinen Platz. Die Gäste wurden mit der gebotenen Zurückhaltung sehr freundlich begrüßt, bedient und verabschiedet, Smalltalk über Fußball und das eigene Befinden in angemessener Dosierung. Zum Abschluss gab`s einen Grappa aufs Haus. Zagato war ein Familienbetrieb, der Vater stand in der Küche, der Sohn, Mario, kümmerte sich um den Service. Das machten sie seit vielen Jahren so, täglich bis auf Sonntag. Mario war Eintrachtfan. Die Trikots erinnerten ihn an die von Inter Mailand. Wenn ich von Frankfurt aus anrief, um zu reservieren, lag dann auf dem jeweiligen Tisch ein Zettel, auf dem stand „Eintracht Stefan“. Als ich einige Jahre später bei einem weiteren Berlinbesuch mit einem befreundeten Buchhändler ins Zagato wollte, sagte dieser, der Laden sei zu, sie hätten vor einer hundertprozentigen Mieterhöhung kapituliert. Ich war geschockt und fühlte mich heimatlos. Nach einem solchen italienischen Lokal habe ich in Frankfurt bislang vergebens gesucht. In Berlin dann auch.

Sonntags kam der unausweichliche Zeitpunkt der Rückreise. Nach einem letzten Blick aus dem Fenster verließ ich wehmütig mein Gründerzeitviertel und stieg am Platz der Luftbrücke in die U-Bahn, die mich zum Hauptbahnhof brachte. Aus dem ICE heraus beobachtete ich wie mir Berlin unaufhaltsam entglitt. Vier Stunden später stieg ich fast vor meiner Haustür aus dem Schacht und fand mich auf der Seckbacher Landstraße, verloren und am falschen Ort. Autos rauschten vorbei und Passanten eilten zur U-Bahn. Was hatte ich hier zu suchen? Ob es so eine gute Idee war, aus Berlin wegzugehen? Diese Frage stellte ich mir über Jahre.

Nach zwei Jahren lernte ich die Nichte einer Kollegin kennen. Sie arbeitete im Eichborn Verlag als Lektorin. Wir wurden ein Paar, bis wir anderthalb Jahre später übereinstimmend feststellten, dass die Beziehung ein Irrtum war und wir uns wieder trennten. Aber durch sie lernte ich andere Menschen und Orte kennen, und kam somit etwas mehr in Frankfurt an. Am schönsten war es aber immer, wenn wir zusammen in Berlin waren. Sie ging leidenschaftlich gerne ins Matto und mochte Hansi, den Wirt, sehr.

Das Klabunt

Nach etwa fünf Jahren, ich war immer noch nicht richtig in Frankfurt angekommen, geschah etwas, dessen Tragweite ich noch nicht absehen konnte. In der oberen Berger Straße eröffnete in einem kleinen Fachwerkhäuschen, das zuvor einen Thai-Imbiss beherbergt hatte, ein Lokal. Klabunt stand draußen dran, sowie Satire und Schnaps. Es war Sommer und auf dem Gehweg davor standen zahlreiche Biergarnituren. Das war einladend, aber ich brauchte einige Wochen, um dort erstmals einzukehren. Mit meinem alten Schulfreund, der immer noch in Offenbach wohnte, verabredete ich ein Treffen in eben jenem Lokal. Es war ein sonniger Tag und wir setzten uns nach draußen. Ein großer, schwarz gekleideter und bleichgesichtiger Mann bediente uns. Später stellte sich heraus, dass es der Wirt war. Die Speisekarte bot Ungewöhnliches auf hessischer Basis. Wir bestellten beide ein Frankfurter Schnitzel. Es war köstlich und reichhaltig. Wohlgesättigt verlangten wir zum Abschluss nach Wodka. Den gab`s nicht, dafür aber einen herrlichen Obstbrand aus heimischen Gefilden. Wir waren überzeugt. Fortan ging ich öfter ins Klabunt, auch alleine. Der Name war ein Wortspiel aus Klabund, dem satirischen Dichter der zwanziger Jahre und der hessischen Fassung von klein und bunt, klaa un bunt. Ich setzte mich an einen ovalen Tisch neben dem Tresen, trank anfangs dunkles Bier und las. Irgendwann kam ich ich mit den Wirtsleuten ins Gespräch und das Bier wurde mir ungefragt hingestellt. Zu Fuß brauchte ich von der Seckbacher Landstraße etwa zehn Minuten. Das Klabunt veränderte mein Leben. Ich hatte eine Stammkneipe, auch wieder mit einem literarischen Namen.

Die Kneipe gehörte zum Umfeld der Titanic. Davon zeugten zahlreiche Cartoons, die die Wände zierten. Regelmäßig wurden Lesungen, vorwiegend aus dem humoristischen Genre, veranstaltet. Namhafte Satiriker, Autorinnen und Autoren fanden den Weg in den „Satirelandgasthof“ Klabunt. Längst war ich Stammgast, kannte die anderen Stammgäste und organisierte selbst drei Lesungen mit Autoren des Suhrkamp Verlags.

Trotz aller kulinarischen Raffinesse ist das Klabunt eine Kneipe geblieben. Am langen Tresen traf man auch noch nachts um zwei irgendwelche bekannten Gesichter. Vieles von dem, was mein jetziges Leben in Frankfurt ausmacht, hat seinen Ursprung in diesem Wirtshaus.

Ein langer Abschied

Meine Wochenendfahrten nach Berlin wurden weniger. Trotzdem wäre ich noch immer sofort wieder zurückgegangen, wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte. Als der Verlag in einer herrschaftlichen zweihundert Quadratmeter großen Wohnung in der Berliner Fasanenstraße eine Repräsentanz eröffnete, erkundigte ich mich, ob geplant sei, dort ein Büro zu eröffnen. Dem war nicht so, ich blieb.

Es schien, als sei erst jetzt, nach etwa sieben Jahren der Moment gekommen, mich endgültig in Frankfurt einzurichten. Meine Berlinfahrten wurden noch weniger. Im Jahr 2008 räumte ich die Wohnung in der Kopischstraße, in der ich seit 1985 gelebt hatte. Es war die schönste Wohnung, in der ich jemals gewohnt habe, in einer der schönsten Gegenden Berlins. Dennoch verließ ich sie ohne Wehmut. Für die endgültige Fahrt nach Frankfurt gönnte ich mir ein 1.Klasse Ticket. Good Bye Berlin.

Der Umzug

An einem Vormittag im Februar 2009 wurden den Suhrkamp-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Umzug des Verlags nach Berlin im Januar 2010 verkündet. Das hatte niemanden mehr überrascht, Gerüchte gab es schon länger. Außerdem stand die Meldung bereits eine Viertelstunde vor der Versammlung im Internet. Es ging sehr lebhaft zu im Sitzungszimmer. Für den Rest des Tages wurde nicht mehr viel gearbeitet. Wäre die Entscheidung drei Jahre früher gefallen, ich wäre mit wehenden Fahnen zurück nach Berlin gezogen. Jetzt hingegen war ich auf dem besten Weg, Frankfurter zu werden. Aber es blieb noch fast ein Jahr Zeit, da würde mir noch irgendwas einfallen. Es gab ja noch andere Verlage in Frankfurt. Aber meine Versuche, woanders unterzukommen, scheiterten. Es wurde Dezember, ich brauchte eine Wohnung in Berlin. In Prenzlauer Berg wurde ich dank Internet fündig. Ich schickte einen Kollegen zur Besichtigung, besuchte an diesem Tag einen alten Freund in Stuttgart. Dem Kollegen sagte die Wohnung zu, die Bilder, die ich gesehen, hatten mir gefallen. Die Miete hielt sich auch im Rahmen. Ich bekam die Wohnung, wurde bevorzugt, weil ich bei Suhrkamp arbeitete. Es gab unzählige weitere Bewerber. Der Umzugstermin kam bedrohlich näher und mir wurde immer mulmiger zu Mute. Grundsätzlich entschied ich lieber selbst, wenn ich umziehe. Meine umzugsfreudigen Eltern haben mir in Kinderjahren mit ihren vielen Ortswechseln keine Freude gemacht.

In den Büros wurde geräumt und gepackt. Auf den letzten Drücker suchte ich nach einem Ausweg. Der bot sich durch die Kooperation mit einem kleinen Frankfurter Verlag und Regionaliaproduzenten. Dass das keine gute Idee war, ist eine andere Geschichte.

Am 10. Januar 2010, genau zehn Jahre nach meinem ersten Arbeitstag im Suhrkamp Verlag, schrieb ich meine Kündigung zu Ende Februar. Die Wohnung in Prenzlauer Berg sagte ich ab. Ich war angekommen im „Weltkaff“ (Eva Demski), ich war Frankfurter.

Die Vergangenheit

In der Vergangenheit war mir die Zukunft egal. Selbst die nähere Zukunft. Wollen wir im September in Urlaub fahren? Es ist Februar, woher soll ich wissen was im September ist! Rente? Darum kümmere ich mich, wenn`s soweit ist. Sparen? Was denn? Heiraten, Kinder? Nichts für mich. Ich war nie vorsorgend, daher hamstere ich jetzt auch nicht in dieser Corona-Krise. Dafür konnte niemand vorsorgen. Vor allem, wann fängt Zukunft an? In der nächsten Stunde, am nächsten Tag, nächste Woche? Es galt nur das Jetzt.

Vielleicht liegt es ja am fortschreitenden Alter, dass die Vergangenheit jetzt immer näher rückt. Wer kennt es nicht, man erinnert sich im Laufe seines mittlerweile schon längeren Lebens gelegentlich an andere Menschen, die dieses eigene Leben für eine Weile begleitet haben. Meist sind es angenehme Erinnerungen, die unangenehmen werden verdrängt. So denkt man zurück an Schulfreunde, andere Freunde, Freundinnen, Kollegen, Kolleginnen und Geliebte. Sie alle haben ihren Anteil daran, dass man zu dem geworden ist, der man jetzt ist. Und man bemüht eine Suchmaschine, um den einen oder die andere ausfindig zu machen. Manche werden gefunden, andere nicht. Wieder andere hat man seit vielen Jahren aus den Augen verloren, weil sich die Lebenswege so komplett unterschiedlich, oft auch an anderen, entfernten Orten, entwickelt haben. Die Mailadresse hat man aber trotzdem noch. Es wäre also ein Einfaches, sich mal zu melden. Wie oft habe ich gedacht, das einfach mal zu tun. Es blieb beim Gedanken.

Glücklicherweise sind nicht alle so wie ich. Bei mir standen in den letzten Monaten drei Menschen aus unterschiedlichen Phasen meines Lebens vor der virtuellen Tür, zwei Männer und eine Frau. Ich kenne sie seit 30, 40 und 50 Jahren, mindestens. Mit dem einem teilte ich die Schulbank in Schwäbisch Gmünd, der andere war mein Nachbar in Berlin und mit der Frau verband mich eine wunderbare Liebschaft, die 1979 in Mainz ihren nicht allzu langen Lauf nahm.

Hase

Den Anfang machte „Hase“. „Hase“ ist ein anonymer Twitteraccount, der mir folgte, neben drei weiteren. Kein Photo, keine Beschreibung, kein Name. Nichts, das nackte Rätsel. Mann oder Frau? Völlig ungeklärt. Aber Hase schien mich zu kennen, reagierte regelmäßig auf meine Tweets, nannte auch Details aus meinem Leben, zum Beispiel wusste Hase, wo ich in Berlin gewohnt hatte. Ich habe nie reagiert. Bis auf eine Ausnahme. Als Hase schrieb, er/sie sei von einem Autofahrer vom Rad geholt worden und läge jetzt eine Woche im Krankenhaus, habe ich „unbekannterweise“ gute Besserung gewünscht. Auch daraufhin hat sich Hase nicht vorgestellt. Ich überlegte lange, den anonymen Account einfach zu blocken, fand es sehr unhöflich, mit jemandem kommunizieren zu wollen, ohne sich vorzustellen. Auch twitterte ich eines Tages, dass ich anonymen Accounts nicht folgen würde. Keine Reaktion. Dann erwähnte ich Hase explizit in einem Tweet. Ich machte meinem Unmut Luft und schrieb, ich würde den Account blocken, wenn die Person sich nicht zu erkennen gäbe. Aber Stefan, begann die schnelle Reaktion, ich dachte, du weißt wer ich bin, ich bin W. Da war ich erstaunt. W war in Berlin mein Nachbar. Er wohnte im Hinterhaus, ich vorne. Wir lernten uns kennen, wie genau weiß ich nicht mehr, und freundeten uns an, nicht zuletzt wegen einiger gemeinsamer Interessen. Fußball, Bier, Musik, da vor allem Frank Zappa. Natürlich war das Spektrum, das uns beschäftigte, wesentlich weiter gefasst. Aber das war die Basis. Er war auch ein großer Leser. Auch das passte. Als 1998 Schröder, Lafontaine und Fischer die Bundestagswahl gewannen, haben wir den Abend in unserer Stammkneipe, der „Volkskammer“ in Kreuzberg, verfolgt. Als der Abend beendet war und die Ergebnisse fest standen, waren wir volltrunken. Dabei hatte W eigentlich nichts für SPD oder Grüne übrig, er war Marxist.

Irgendwann ging er nach Edinburgh, hatte einen Job in der Uni. Und auch eine Freundin. Ich bedauere, dass ich ihn nie dort besucht habe. Aber wir haben regelmäßig telefoniert. Seit über zwanzig Jahren ist W nun schon Prof. an der Uni von York. Dort habe ich ihn auch einmal besucht. Auf irgendeinem Kongress lernte er eines Tages eine Frau aus Argentinien kennen und lieben. Sie heirateten in Buenos Aires. Ich durfte Trauzeuge ein. W lud mich ein und bezahlte den Flug. C, die direkte Nachbarin aus Ws Hinterhaus kam auch mit. Wir wohnten bei Verwandtschaft der Braut in Palermo, einem Stadtteil von Buenos Aires, dem Jorge Louis Borges ein literarisches Denkmal gesetzt hat, und blieben zwei Wochen. Auch als ich nach Frankfurt zog, hielten wir den Kontakt aufrecht. Meist telefonierten wir am Sonntag, sie besuchten mich auch mal in Frankfurt. Dann verloren wir uns aus den Augen. Wie`s halt manchmal so geht. Er gehört zu denen, deren Mailadresse ich noch hatte. Gemeldet habe ich mich nicht, dran gedacht aber schon. Es ist also W, alias „Hase“ zu verdanken, dass wir wieder Kontakt haben. Auch wenn wir noch keine Zeit gefunden haben, miteinander zu telefonieren.

Canada calling

Jetzt bringe ich die Chronologie ein wenig durcheinander. Vor einigen Wochen erreichte mich eine Freundschaftsanfrage über Facebook. Sie kam aus Kanada und war nicht hinter einem Pseudonym versteckt. Der Name war mir wohlbekannt. Ich hatte auch schon nach ihm gesucht. Der Mann heißt Arnim mit Vornamen, ich war aber völlig sicher, dass er Armin heißt. Ich habe ihn nicht gefunden. Wir waren Schulfreunde in den Sechziger Jahren in Schwäbisch Gmünd. Ich bin 1976 nach Berlin gegangen, er 1977 nach Kanada. Seit dem hatten wir keinen Kontakt mehr. Eine Tante von ihm lebte in Toronto. Schon damals träumte er von dieser Möglichkeit. Ich hatte vergessen, dass er einen Bruder hat. Aber zu dem hat auch er keinen Kontakt mehr, weiß nicht mal, wo er lebt. Selbstverständlich nahm ich diese Facebook-Anfrage an. Wir schrieben uns über Messanger und einmal telefonierten wir 15 Minuten lang. Er hatte mich auf dem Handy angerufen. „Kanada war gut zu mir“, sagte er. Es ist seinen Fotos, die er regelmäßig postet, anzusehen. Auch ist er unter anderem ein hervorragender Naturfotograf. Seine Aufnahmen der örtlichen Tierwelt sind beeindruckend. Grisslys, Adler, Robben und allerhand anderes Getier kommt ihm vor die Linse. Hier kann man seine Photos ansehen. Mal sehen, was sich aus diesem Kontakt noch weiter entwickelt. Wiedererkannt hätte ich ihn natürlich nicht.

Eine unerwartete Mail

Der sicher aufregendste Ruf aus der Vergangenheit erreichte mich Anfang Januar. K aus Hannover schrieb mir eine Mail. Ob ich der sei, von dem sie annahm, dass er es sei. Ich freute mich sehr über diese überraschende Meldung aus der Vergangenheit, schließlich kannten wir uns seit einundvierzig Jahren. Im März wollten wir uns wiedersehen, aber dann kam Corona. Die ganze Geschichte habe ich ins Coronarchiv geschrieben.

Und jetzt ist mir die Vergangenheit präsenter als es die Zukunft jemals war.

4. Seckbacher Eppelweinkontest

Es herrschte Ausgehwetter zum 4. Seckbacher Eppelweinkontest (über die Schreibweise „Eppelwein“ lässt sich streiten). Ein sonniger Tag, nicht zu heiß. Und so zogen viele Freundinnen und Freunde des güldenen Frankfurter Nationalgetränks zum Vereinsheim der FG Seckbach im Frankfurter Osten. Sie wollten eine Tradition feiern, die in Frankfurt leider fast ausgestorben ist, das Keltern von Apfelwein. Über Jahrzehnte war es selbstverständlich, dass Apfelweinwirte ihren Schoppen selbst herstellten. Davon kann inzwischen keine Rede mehr sein. Die meisten Frankfurter Apfelweinwirtschaften beziehen jetzt ihr „Stöffche“ von auswärtigen Keltereien aus dem Odenwald, der Wetterau oder dem Spessart. Nur eine Handvoll der Frankfurter Wirtsleute pflegt noch diese Tradition, aber auch die müssen oft noch zukaufen, weil der eigene Ertrag nicht ausreicht. Immerhin, ein waschechter Apfelweinwirt und Kelterer hatte sich eingefunden und stellte die Früchte seiner Arbeit zur Wahl. Er wurde Dritter. Ansonsten waren Hobbykelterer aufgerufen, ihre eigenen Schoppenkreationen anonym einem fachkundigen Publikum zu präsentieren und bewerten zu lassen. Den Sieger, die Siegerin, erwartete eine goldfarbene Krone aus Pappe und der Titel der neuen Seckbacher Apfelweinkönigin, bzw des Königs. Da das Selbstkeltern eine rein männliche Domäne zu sein scheint, stand von Anfang an fest, dass es sich beim neuen, wie auch beim alten, um einen König handeln wird.

Veranstaltet wird die ganze Angelegenheit unter anderem von Apfelweinenthusiasten, die als Seckbacher Pressung antreten, und in schöner Regelmäßigkeit den letzten Platz belegen, so auch dieses Mal. Das hält sie jedoch nicht davon ab, immer wieder aufs Neue ihren rauen Schoppen vorzustellen und vor allem diese liebenswerte Veranstaltung zu organisieren. Wie stets sorgten auch bei der 4. Ausgabe zwei DJs für die angemessene musikalische Untermalung und ließen Punk-, Rockabilly- und Soulklänge über den Seckbacher Sportplatz erschallen. Zum Einsatz kamen ausschließlich Vinyl-Singles. Auch hier zeigte sich also die Liebe zum Detail und zur Handarbeit. Einige tanzten.

Der diesjährige Zuspruch war beeindruckend, 19 Teilnehmer hatten sich gemeldet und die vorgeschriebenen zehn Liter ihres Apfelweins mitgebracht. Diese Proben landen in nummerierten Bembeln, die in Reih und Glied an der Probiertheke aufgereiht stehen. Vor den Bembeln platziert ist jeweils eine Dose mit der entsprechenden Nummer. Dort werden, nachdem alles gekostet ist, die Unterlegscheiben, die zum Eintritt (€ 4,- plus ein Euro Pfand fürs Glas) in einem kleinen Tütchen überreicht werden, entsprechend der Wertung eingeworfen. Außerdem erhält jeder eine Liste und einen Kugelschreiber, um die einzelnen Proben zu bewerten. Bei 19 unterschiedlichen Schoppen kann schnell der Überblick verloren gehen.

Das Gedränge an der Theke war groß, gelegentlich kamen Ellenbogen zum Einsatz, um an den Probeschluck zu gelangen. Kennerhaft wurden Geruch und Farbe begutachtet, nicht zuletzt natürlich der Geschmack. Es war ein harter Parcours, der das Publikum vor große Herausforderungen stellte. Einige der Tropfen kratzten an der Schmerzgrenze und sorgten für verzogene Mundwinkel und verdrehte Augen. Die bereitgestellten Eimer füllten sich zusehends. Zur Neutralisierung der Geschmacksnerven standen Brotwürfel bereit.

Probiertheke

Weil es sich mit leerem Magen schlecht testen lässt, sorgte ein Grill für die standesgemäße Versorgung mit Brat- und Rindswürsten, an der Kuchentheke gab`s Selbstgebackenes und natürlich durfte auch der Handkäs nicht fehlen. Wer von den Proben noch nicht genug hatte, griff zum unvermeidlichen Mispelchen. Bekannte wurden begrüßt, die jeweiligen Favoriten empfohlen und vor anderen gewarnt. Einmal die Frage, woher kenne ich dich? Es war schnell aufgeklärt, aus der Kneipe beim Apfelwein. Wo sonst? Ein buntes Völkchen hatte sich dort am Rande des Sportplatzes zusammengefunden. Junge, Alte, Tätowierte, Nichttätowierte, Rentner und Rock `n Roller. T-Shirts zeugten von der Liebe zur Eintracht, zu Metalbands, zur Stadt oder auch zum Apfelwein. Eine Besucherin trug ein Kleid mit Apfelmuster. Auf dem Sportplatz kickte ein Vater mit seinem Sohn. Es herrschte ausgelassene, sommerfrische Stimmung und im Mittelpunkt stand der Apfelwein.

Die Dosen werden unter der Aufsicht des Moderators vom letztjährigen Seckbacher Apfelweinkönig gewogen

Irgendwann hatte man sich durchgekämpft, alle 19 Proben verkostet und entsprechende Notizen gemacht. Die fünf bis sechs Schoppen, die in der engeren Wahl standen, sollten nochmals begutachtet werden, aber, siehe da, fast alle Bembel standen auf dem Kopf. Ausgetrunken. Mehr als die zehn Liter gab`s nicht. Die wenigen Proben, die jetzt noch übrig waren, wollte man dann vorsichtshalber nicht mehr testen. Also wurden die Unterlegscheiben gemäß den Notizen, sofern diese lesbar waren, in unterschiedlicher Gewichtung in den Dosen versenkt. Ein vierköpfiger Seckbacher Männerchor sang Apfelweinlieder und stimmte das Volk aufs große Finale ein. Dann wurde gewogen. Je schwerer die Dose, desto höher die Platzierung. Als die Sieger ermittelt waren, wurden sie vom letzten Seckbacher Apfelweinkönig gekrönt und erhielten einen hölzernen Teller mit entsprechender Widmung für die heimische Vitrine. Zum Schluss sangen alle das Lied der Frau Rauscher aus der Klappergass und vom Blauen Bock beim Äppelwein. Wie schon berichtet, belegte die Seckbacher Pressung den letzten Platz. Es bleibt zu hoffen, dass sie das nicht entmutigt im nächsten Jahr zum 5. Seckbacher Eppelweinkontest laden.

Die glücklichen Sieger

Ein Spaziergang

Zwei bis dreimal in der Woche verlege ich meinen Arbeitsplatz in die Deutsche Nationalbibliothek. Ich kann dort besser arbeiten als im Heimbüro, mal ganz abgesehen von den Recherchemöglichkeiten, die die Bibliothek nun mal bietet. Bis vor einigen Wochen bin ich immer mit dem Rad dort hin gefahren. Mehr als 13 Minuten habe ich für die Strecke nicht gebraucht. Mittlerweile jedoch gehe ich zu Fuß. Das macht wach, körperlich und geistig. Oft entstehen bei diesen Gängen Ideen, die mir bei der Arbeit in der Bibliothek nützlich sind. Wichtig ist mir auch die zeitliche Distanz, die ich dadurch zwischen Frühstücks- und Schreibtisch lege. Meist fahre ich mit dem Rad zu der Kneipe, in der ich dreimal wöchentlich meine Miete verdiene. Ich stelle es im Hof ab, schnappe mir die große Stofftasche vom Bio-Supermarkt, in der ich den Laptop verstaut habe und gehe los.

Bürotasche

Ich kann zwischen unterschiedlichen Wege wählen. Die kürzeste Verbindung beträgt 2,1 km. Dafür brauche ich etwa 25 Minuten. Das ist mir allerdings zu wenig, ganz abgesehen davon, dass dieser Gang auch ziemlich langweilig ist. Für den Rückweg nutze ich immer einen anderen Weg. Da ist es auch egal, ob ich fünf oder zehn Minuten länger brauche. Beim Gehen gibt es keine Umwege. Besonders nach ein paar Stunden in der trockenen Luft im Lesesaal der Nationalbibliothek tut dieser Spaziergang besonders gut. Er bietet mir auch eine Pause zwischen den so unterschiedlichen Tätigkeiten mit Büchern und Bieren. Trotz der diversen Variationen für den regelmäßigen Gang zum Arbeitsplatz, sind mir diese mittlerweile doch allzu vertraut und bieten nur noch wenige Überraschungen.

Jetzt habe ich einen neuen Weg entdeckt, ohne Zweifel der schönste, wenn auch längste. Aber, wie gesagt, es gibt keine Umwege beim Gehen. Dieser Spaziergang führt mich zunächst durch den Günthersburgpark, dann über einen schmalen Fußweg vorbei an einem Abenteuerspielplatz und Kleingärten auf der einen Seite sowie zunächst kleinen Ein- bis Zweifamilienhäusern und später Bauten aus den 60iger Jahren auf der anderen Seite. Autos sind nur in der Ferne vernehmbar. Entspanntes Spazieren also.

Günthersburgpark
Fußweg
Abenteuerspielplatz
Kleingarten

Die letzten zwei- dreihundert Meter des Weges lege ich, die Bibliothek bereits in Sichtweite, durch den Hauptfriedhof zurück. Ich mag Friedhöfe, die Grabsteine erzählen Geschichten, nicht immer nur traurige. Ich vergleiche die Lebensdaten der Verstorbenen mit meinen eigenen oder denen meiner Freunde und Familie und versuche mir das Leben der Toten vorzustellen.

Trauriger Grabstein

Und dann steht da dieser Grabstein, der eine besonders traurige Geschichte erzählt. Zweier Frauen wird hier gedacht, wahrscheinlich Mutter und Tochter, zwei weitere Personen werden bedacht. Wer mögen Trixi und Ray wohl gewesen sein, was ist ihnen widerfahren und weshalb sind sie auf diesem Grabstein verewigt? Aber die traurigste Geschichte ist die von Gisela, von der nur eine Jahreszahl erwähnt ist. Ein sehr kurzes Leben oder tatsächlich eine noch Lebende, deren Namen und Geburtsjahr schon zu Lebzeiten in den Stein gehauen wurde, mit der Maßgabe, das noch fehlende Jahr zu gegebener Zeit nachzutragen? (Falls die Friedhofsordnung so etwas hergibt.) Diese Gedanken beschäftigen mich, wohl wissend, dass die offenen Fragen unbeantwortet bleiben werden. Aber wer weiß für was es gut sein kann? Aber halt, vielleicht wird bei Gisela eines Tages, und noch zu meinen Lebzeiten, das Rätsel gelöst und die fehlende Jahreszahl ergänzt. Dann wäre die Frage beantwortet.

Nationalbibliothek Frankfurt