Frankfurts Neustadt

Seit dem 9. Mai 2018 ist die sog. „Neue Altstadt“ in Frankfurt für alle zugänglich. Die Bauzäune, die das Gebiet zwischen Dom und Römer jahrelang abschotteten, fielen und gaben das Areal frei. Einen Tag vor jenem 9. Mai wurde des Tages gedacht, an dem im Jahre 1945 das verbrecherische Regime seinen letzten Atemzug aushauchte, das ursächlich verantwortlich war für die Zerstörung der Frankfurter Altstadt im August 1944.

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Krönungsweg mit Dom

Jetzt steht es also an alter Stelle, jenes Ensemble, das der Stadt jährlich hunderttausende Touristen aus nah und fern bescheren wird. Ob aus dem Viertel auch ein integrierter Teil der Stadt werden wird, den die Bewohnerinnen und Bewohner annehmen, darf bezweifelt werden. Dabei hat OB Feldmann nichts anderes versprochen, als dass die bislang offenbar seelenlose Stadt Frankfurt mit dem neuen Viertel eben diese Seele zurückerhält. Ich habe daraufhin eine völlig unrepräsentative Umfrage bei Twitter durchgeführt, die ergab, dass Frankfurts Seele flüssig ist und nicht steinern. Würde man chinesischen Touristen dieselbe Frage stellen, käme sehr wahrscheinlich ein gegenteiliges Ergebnis zustande. Umfrage

Natürlich habe auch ich gestaunt, als ich das Areal durchaus neugierig betrat und durch die engen Gassen schlenderte. Es ist schon beeindruckend, mit welchem handwerklichen Geschick die Gebäude rekonstruiert wurden. Das bemerkte sogar ein Ahnungsloser wie ich, der zufrieden ist, wen er einen Nagel halbwegs gerade und ohne Verletzung in die Wand gehämmert hat.

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Durchblick

Aber auch Neubauten fallen auf. Einige stehen in wohltuendem Kontrast zu den Rekonstruktionen und lassen erahnen, was alles möglich gewesen wäre, hätte man dort moderner Architektur eine Chance gegeben.

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Sehr gelungener Neubau gegenüber der Schirn.

Dann wäre eventuell auch der Eindruck der Kulissenhaftigkeit, der sich bei mir umgehend einstellte, vermeidbar gewesen. Verstärkt wurde dieser natürlich auch dadurch, dass in das Viertel noch kein Laden und keine Gastronomie eingezogen war. Von Bewohnern ganz zu schweigen. Vielleicht ändert sich meine Einschätzung, wenn dort etwas Leben herrscht. Ich will mich gerne überraschen lassen, bin aber skeptisch.

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Moderne Kamine auf rekonstruiertem Dach

Zu verdanken haben wir diese Kulisse dem Stadtverordneten der rechtspopulistischen BFF (Bürger für Frankfurt), Wolfgang Hübner, der am 20. August 2005 mit der Idee, an diesem historischen Ort die Altstadt wiedererstehen zu lassen, in die jahrelange Diskussion einstieg. Mit Erfolg, denn wenig später nahm die schwarz-grüne Römerkoalition, unterstützt vom Verein der Altstadtfreunde, den Vorschlag gerne auf. Das war der Todesstoß für den Entwurf des Siegers im städtebaulichen Wettbewerbs von 2005. Der verantwortliche Frankfurter Architekt Jürgen Engel, der dort eine moderne Bebauung vorsah, gab auf.

Anmerkung: Lesenswert sind die Beiträge von Claus-Jürgen Göpfert zur „Neuen Altstadt“ in der Frankfurter Rundschau.

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Durchgang zur Schirn

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Neue Perspektiven am sog. „Krönungsweg“ zwischen Römer und Dom

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Auch die U-Bahn wurde integriert

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Einen Stolperstein gibt es auch schon

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Kontrast zwischen Neu und Neu

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Friedrich Stoltze hat am Hühnermarkt seinen Platz gefunden

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An der Schirn wird`s eng

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Goldene Waage

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Unweit ragen die Kräne in den Himmel

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Von der Idee zum Buch

Ein passender Text zum „Welttag des Buches“. Auch wenn es nicht so geplant war.

Heute habe ich die letzten beiden Texte eines Manuskripts an den Verlag geliefert. Die Arbeit des letzten Jahres ist somit abgeschlossen. Das Buch behandelt das Thema „Warten“ und wird im September 2018 im marixverlag in Wiesbaden erscheinen. Wie es dazu kam, oder hätte kommen können, erzähle ich in dem folgenden Text.

Von der Idee zum Buch

Am Anfang stand ein Zustand. Wie so oft saß ich in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und versuchte an einer Anthologie zu arbeiten, deren Abgabetermin noch zwei Monate entfernt war. Nur wollte die Arbeit nicht vorangehen. Meine Gedanken drehten sich um ein anderes Thema und ich war sehr unkonzentriert.

Was war geschehen? Zwei, drei Wochen zuvor hatte mich völlig unerwartet ein sehr reizvolles Angebot erreicht, das mein Leben auf den Kopf stellen würde. Der mir bekannte Auftraggeber, ein wohlhabender Geschäftsmann mit kulturellen Ambitionen, stellte außerdem eine, für meine Verhältnisse, verlockende Entlohnung in Aussicht. Wir tranken Kaffee und er erläuterte, welche Aufgabe mir zufiele. Ein Büro mit einem nagelneuen Apple-Computer stünde ebenfalls zur Verfügung, alles vom Feinsten. Als ich, eher scherzhaft, erwähnte, dann müsse ich ja jeden Tag mit dem Rad diesen Berg hochfahren, – tatsächlich kam ich völlig verschwitzt in der Villa über der Stadt an – wurde die Möglichkeit erwogen, ein E-Bike zu leasen. Was mein potentieller Auftraggeber sagte klang sehr überzeugend und glaubhaft. Spätestens zwei Monate später solle ich anfangen. Ich hörte mir alles an und konnte kaum fassen, was mir da gerade passierte. Da ich völlig unvorbereitet war, bat ich mir eine Bedenkzeit aus. Ich wollte mir das alles erst mal durch den Kopf gehen lassen. Zwei Wochen wurden gewährt.

In diesen zwei Wochen redete ich mit Freunden über das Angebot, machte mir viele Gedanken und notierte einige Fragen, die ich zuvor klären wollte. Die Tendenz, den Auftrag trotz einiger Bedenken anzunehmen, überwog. Inhaltlich war die Aufgabe durchaus reizvoll und ich traute mir zu, sie zu bewältigen.

Als die Bedenkzeit vorüber war, rief ich meinen potentiellen Auftraggeber an, um einen Termin zu vereinbaren. Ich wollte über die Fragen sprechen, die ich notiert hatte. Allerdings erreichte ich ihn nicht und er rief auch nicht zurück, was mich erstaunte. Schließlich hatte er bei unserem ersten Gespräch den Eindruck vermittelt, es müsse alles ganz schnell gehen. Einige Tage später schrieb ich eine Mail. Dieses Mal kam postwendend eine Antwort. Er entschuldigte sich, hätte viel zu tun und sei im Stress, würde sich aber in den nächsten Tagen melden. „Herzlichst, xxx“. Ich war beruhigt und wartete auf den Terminvorschlag, gedanklich schon mit meiner neuen Tätigkeit und meinem neuen Leben befasst.

Ich wartete, und dieses Warten ließ keinen Platz für anderes, es beherrschte meinen Alltag und mein Denken. Die Arbeit am Manuskript ging nicht voran. Zunächst war ich sehr zuversichtlich, die Verabredung zu einem weiteren Gespräch würde schon noch kommen. Etwa vier Wochen nach dem ersten Treffen und zwei Wochen nach Ende der Bedenkzeit dämmerte mir, dass es wohl nichts mehr werden würde mit einem neuen Leben. Tatsächlich war jenes „Herzlichst“ das letzte Wort, das ich von meinem Businessmann gelesen habe. Langsam versuchte ich mich wieder in meinem gewohnten Dasein einzurichten. Ich schrieb einen knarzigen Text über das Warten, das ich herzhaft verfluchte. Der Gedanke, was Warten eigentlich ist, ließ mich jedoch nicht mehr los. Immerhin werden etwa fünf Jahre unseres Lebens davon bestimmt.

Ich recherchierte und war etwas überrascht, kaum Texte zum Thema zu finden, jedenfalls keine literarischen. Es interessierte mich immer mehr, was andere über das Thema und den Zustand des Wartens denken, wie sie ihn empfinden. In einem weiteren Text, den ich mit „Was ist Warten?“ überschrieb und ins Internet stellte, bat ich um Antworten zu der Frage. Im Vergleich mit sonstigen Reaktion auf meine Beiträge, kamen zahlreiche Antworten, auch über Facebook und Twitter, die mich teilweise sehr überraschten. Für einige bedeutete das Warten eine willkommene Entschleunigung, andere nutzten es zum Nachdenken und Ideensammeln. Mir dämmerte, dass meine heftige Ablehnung des Wartens nur ein Teil der Wahrheit war. Das Thema schien tatsächlich auf ein breites Interesse zu stoßen, schließlich konnte jeder etwas aus eigener Erfahrung dazu beitragen. Die Idee zu einem Buch reifte. Unterschiedlichste Autoren sollten sich zu dem Thema äußern, in allen möglichen Formen und Stilen, und sich diesem alltäglichen Phänomen nähern. Vom satirischen Gedicht bis hin zum wissenschaftlichen Essay, alles sollte möglich sein. Mein Verleger, dem ich von der Idee erzählte, schien nicht abgeneigt, zögerte aber dennoch. Immerhin sagte er nicht gleich nein. Ich beendete die Anthologie fristgemäß. Dann widmete ich mich meinem neuen Lieblingsthema, recherchierte, sammelte Ideen, notierte Zitate und fing an, ein Exposé zu schreiben, das den Verleger endgültig überzeugen sollte. Das gelang so halbwegs. Er war angetan von meinen Vorstellungen zu dem Buch und gab mir grünes Licht, zunächst allerdings nur für weitere Recherchen und Akquise. Ein neues Exposé musste her, eines, das potentielle Autorinnen und Autoren überzeugen sollte, sich an dem Projekt zu beteiligen. Zur Buchmesse lag es vor und ich trug einige Exemplare immer bei mir. Alle Autorinnen und Autoren, denen ich von der Idee erzählte und mein Exposé in die Hand drückte, waren sofort von dem Thema angetan. Die Assoziationen sprudelten und alle sagten ihre Teilnahme sofort zu. Da wusste ich, dass es gelingen könnte, dieses Buch zu machen. Der Band sollte ausschließlich aus Originalbeiträgen bestehen. So musste ich namhafte Autorinnen und Autoren leider ablehnen, die mir bereits erschienene Texte angeboten hatten. Das war nicht immer einfach. Andere haben leider ihre Teilnahme aus zeitlichen Gründen absagen müssen.

Die Autorinnen und Autoren, die jetzt mit Beiträgen vertreten sind, kommen aus verschiedensten Disziplinen. Laien, Literaten, Journalisten, Satiriker, Verleger und Wissenschaftler sind vertreten und haben 32 Texte unterschiedlichster Art geliefert, die zusammen ein buntes Mosaik bilden. So wie ich es mir vorgestellt habe. Illustriert wird das Buch mit Fotografien des Frankfurter Fotografen Georg Dörr. Ich bin außerordentlich zufrieden und dankbar. Und jetzt heißt es warten bis September.

Am Anfang stand ein Zustand und am Ende steht ein Buch. Das ist das Beste, was aus den vier Wochen Warten werden konnte.

Mein 2017

Es ist der Silvesterabend 2017. Ich bin alleine zuhause, was bis vor wenigen Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Da war für mich Silvester das wichtigste Fest des Jahres, ich hatte das Gefühl, am nächsten Tag werde alles anders, besser. Ich wollte, und konnte, diesen Tag unmöglich alleine verbringen. Mittlerweile ist das anders, vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, oder damit, dass ich gemerkt habe, dass nichts anders wird wenn man es nicht selbst macht. Sonst ändert sich nichts, das ist unabhängig vom Datum. Also bleibe ich alleine, wie auch schon im letzten Jahr. Ich kann essen was ich will und die Musik hören, die ich mag. Und ich kann sie laut hören, niemand beschwert sich. Auch sollte niemand das Alleinsein mit Einsamkeit verwechseln. Ich bin allein, nicht einsam.

Das zu Ende gehende Jahr war ein sehr schwieriges. Der Tod meiner Eltern das alles überragende Ereignis. Binnen Monatsfrist haben sie sich verabschiedet, mein Vater am 27. August, meine Mutter folgte ihm am 27. September. Ich habe erstmals in meinem Leben Trauerreden gehalten und hoffe, dies nicht mehr tun zu müssen. Erst im letzten Jahr haben wir mit der Familie und Freunden ihre 90igsten Geburtstage sowie die Eiserne Hochzeit (65 Jahre!) gefeiert. Und so stehen an der Grabstelle für beide die Daten 1926 – 2017.

Es gab natürlich auch schöne Momente. Zwei Bücher sind erschienen, dieses und jenes. Und zwei weitere sind in Planung, schöne Projekte, die im Herbst zur Messe fertig sein sollen. Daneben das Langzeitprojekt „Tour de Bier“, das doch mehr Arbeit bereitet als gedacht. Es macht aber auch viel Spaß und ist verbunden mit schönen Radtouren an der Seite der wunderbaren Mokka. Wenn also alles klappt, erscheinen im nächsten Jahr drei Bücher, an denen ich beteiligt bin.

Konzerte kamen zu kurz, viel zu kurz. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich 2017 ein Konzert besucht habe. Billy Braggs Gastspiel musste ich wegen Arbeit leider verpassen. Aber zum Glück gab`s auch in diesem Jahr wieder gute Musik. Hingerissen bin ich von „Lust for Life“, dem neuen Album von Lana del Rey, wer hätte das gedacht. Leslie Feist hat eine sehr schöne Platte gemacht. The National und besonders Joe Henry mit „Thrum“ haben mich begeistert und tun das immer noch. Mein alter Held, Arto Lindsay, hat endlich mal wieder ein Album veröffentlicht, „Ciudado Madame“ heißt es, ist souverän und zeitlos schön, wie immer abseits jeden Mainstreams. Eine Wonne! Die großartige Tori Amos beweist mit „Native Invader“ wieder ihre Klasse. Respekt und Hochachtung gebührt ihr, nichts anders. Auch ihr Konzert in der Jahrhunderthalle habe ich verpasst. Unverzeihlich. Erwartbar schön „Semper Femina“ von Laura Marling. Nur auf die neue Platte der einzigartigen Shara Worden, aka My Brightest Diamond, musste ich warten. Sie wird wohl 2018 erscheinen. Ich bin gespannt und voller Vorfreude. Die Entdeckung des Jahres ist die junge Rapperin Little Simz. Dank an Radio Eins.

Die Schattenseite des Musikgeschäfts ist, dass Musikerinnen und Musiker, die ich sehr verehre und schätze, wie etwa Kate Tempest oder auch Elvis Costello, der unsäglichen BDS Bewegung das Wort reden. Daher Dank an Künstler wie Nick Cave oder Radiohead, die sich davon nicht beeinflussen lassen.

Die Literatur kam mal wieder viel zu kurz. Gut, ich hatte eine schöne Buchmesse, aber das Lesen habe ich sträflich vernachlässigt. Dennoch lese ich permanent, aber zielgerichtet für meine Projekte. Immerhin seien aber drei Bücher genannt, die ich in diesem Jahr mit Gewinn gelesen habe. Da war zum einen der Roman „Wach“, bereits 2011 erschienen, das Debüt von Albrecht Selge. Ein Großstadtroman und die passende Lektüre für alle Schlafgestörten und Flaneure. Ein Kleinod ist Mathias Énards Roman „Der Alkohol und die Wehmut“, eine melancholische Geschichte über Trennung, das Reisen, das Fliehen. Und über Alkohol. Eine kurzweilige, sehr liebenswerte Lektüre hat Klaus Bittermann, der Berliner Verleger und Autor mit „Der kleine Fup“ vorgelegt. Kurze Geschichten um Fup, den Sohn des Autors und daher auch, wie sein Vater, BVB Fan. Alltagsabenteuer eines Kreuzberger Jungen, sehr witzig und gescheit. Neben dem Bett lagen und liegen als Einschlaflektüre hauptsächlich Krimis von Don Winslow oder Adrian McKinty. Guter Stoff also.

Wie jedes Jahr hat sich auch im vergangenen die Weltlage nicht gebessert. Noch immer nicht gewöhnt habe ich mich an den Wahnsinnigen aus Washington, ich möchte mich auch nicht an ihn gewöhnen. Nur stelle ich mir jedes mal die Frage, wie dieses große Land das zulassen kann. Aber in Europa ist es auch nicht besser. In Polen und Ungarn haben rechtsnationale Regierungen, die offen mit Nazis paktieren, das Sagen, Tschechien ist auf dem Weg und jetzt auch Österreich. Mit solchen Leuten möchte in einem „Haus Europa“ nicht leben. Aber auch wir haben eine rechtsnationale Partei im Parlament, und ich fürchte, sie wird daraus auch nicht wieder verschwinden. Es heißt, wachsam zu sein.

Zum Glück habe ich wunderbare Menschen an meiner Seite. Nur mit euch ist das alles auszuhalten. Danke dafür!

In diesem Sinne: Nicht verzagen und alles Gute für 2018!

Die Schrankwand am Straßenrand

Auf den ersten Blick haben Schrankwände und Autos nicht viel gemein. Doch wie so oft trügt auch hier dieser Eindruck. Schauen wir daher genauer hin.

Der elementarste Unterschied zwischen einer Schrankwand und einem Auto besteht in einer Stunde. Das ist die Stunde, in der das Auto täglich durchschnittlich bewegt wird, eine Fähigkeit, die der Schrankwand nicht gegeben ist. In den restlichen 23 Stunden des Tages verharrt das Auto jedoch ebenso regungslos wie die Schrankwand am Straßenrand.

Oftmals sind Besitzer von Autos und Schrankwänden ein und dieselbe Person. Und doch führten völlig unterschiedliche Überlegungen zu den jeweiligen Kaufentscheidungen. Wer sich entschlossen hat, eine Schrankwand anzuschaffen, wird die Wand vermessen und kein Möbel bestellen, das fünf Meter lang ist, wenn sie nur vier Meter misst. Sorgsam kartographiert wird der Raum, auf dass das Möbel seine Funktionen entfalten kann, ohne andere zu beeinträchtigen, beispielsweise die von Türen und Fenstern.

Wer sich hingegen ein Auto anschafft, wird vorher keinerlei Überlegungen anstellen, wo denn das Fahrzeug die 23 Stunden des Tages verbringen könnte, in denen es, schrankwandgleich, tatenlos rumsteht, es sei denn eine Garage ist verfügbar. Ganz im Gegenteil, je enger es in der Stadt wird, desto größer muss das Auto sein. Da wird dann gerne das fünf Meter lange Fahrzeug dem nur vier Meter messenden Modell vorgezogen, schließlich will der Platz auf den immer voller werdenden Straßen behauptet sein. Für einen Stellplatz wird die Gemeinschaft schon sorgen. Darauf hat man ein natur-gegebenes Anrecht, niemand muss sich hierüber Gedanken machen.

Sollte doch mal irgendwer, in einem unachtsamen Moment, eine fünf Meter lange Schrankwand bestellen, und dann feststellen dass die Wand nur vier Meter misst, zu wenig um dem Möbel Raum zu gewähren, wird er sich denken, na gut, stellen wir das Ding in den Hausflur, da ist noch Platz. Blöd, dass dann niemand mehr daran vorbeikommt, aber das ist halt leider so. Zur Abhilfe könnten vier blinkende rote Lichter angebracht werden, die signalisierten, dass das Problem bekannt sei, sich aber leider nicht ändern ließe. Und spätestens beim nächsten Umzug sei das Thema ja auch wieder erledigt. Es ist anzunehmen, dass die Schrankwand im Flur keine halbe Stunde überleben würde. Erboste Nachbarn klingelten Sturm, verlangend, das Ungetüm unverzüglich zu entfernen, riefen den Hausmeister und der dann gegebenenfalls die Polizei. Die Hausordnung wäre verletzt und der Hausfrieden massiv gestört.

Wenn die Schrankwand jedoch ordnungsgemäß in den eigenen vier Wänden untergebracht ist, mit der verspiegelten Hausbar, den zwei sorgsam ausgeleuchteten Büchern, dem integrierten Flachbildmonstrum, sowie den polierten Gläsern aus Omas Bestand, hat sie einen unbestreitbaren Vorteil gegenüber dem Auto. Sie entzieht ihre aufdringliche Hässlichkeit dem öffentlichen Blick. Einzig die Bewohner, sowie deren gelegentliche Besucher dürfen sich an der imposanten Präsenz des Möbels erfreuen.

Das Auto ist in dieser Hinsicht schamloser. Es stellt seine monströse Klobigkeit gänzlich ungeniert in der Öffentlichkeit zur Schau und verhält sich dann manchmal wie die Schrankwand im Hausflur. Dafür können sich Passanten gelegentlich erfreuen an Regenschirmen, Hüten, gehäkelten Klorollenmützen und Wackeldackeln, die die Ablage des Autos zieren, eine Fläche, die nicht umsonst als Hutablage bezeichnet wird. Hierin ähnelt das Auto wieder verblüffend der Schrankwand, die ja auch allerlei Nippes und Tand beherbergt. Wir sehen also, es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen Autos und Schrankwänden als vermutet.

Einen unbestreitbaren Vorteil haben Autos allerdings; sie lassen sich mieten.

„Schätzchen, am Samstag kommen doch die Schulzes zum Essen. Die waren ja noch nie bei uns. Ruf doch mal rasch bei Rent-A-Schrankwand an, ob die morgen schnell was aufbauen können, vielleicht auch mit Büchern drin. Damit es hier nicht so kahl aussieht.“ Das wird nicht funktionieren.

Ebenso wenig funktioniert auch die Gemeinschaft, die sich immer öfter außerstande sieht, den nötigen Parkraum für die Straßenschrankwände in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen. Da sehen sich manche veranlasst, das Auto an Orten abzustellen, die dafür nicht vorgesehen sind, Fußgängerzonen beispielsweise oder Radwege. Sind eh verschenkter Platz, wenn da niemand parken darf. Und so trifft man dort seinen Nachbarn, der ebenfalls an diesem Ort sein Fahrzeug abstellt. Schnell ist man sich einig, dass es viel zu wenig Parkplätze gäbe, wo man denn sonst sein Gefährt in den 23 Stunden lassen soll, in denen man es nicht braucht. Im Rathaus säßen ja nur Schwachköpfe, die das Bedürfnis der Bevölkerung nach Parkplätzen einfach nicht erkennen würden. Es ist derselbe Nachbar, der sich vorhin noch lautstark über die Schrankwand im Hausflur beschwert hat. Die Hausordnung hat halt einen höheren Stellenwert als die Straßenverkehrsordnung.

Wenn Sie derzeit also mit der Frage beschäftigt sind, sich ein Auto oder eine Schrankwand anzuschaffen, nehmen Sie die Schrankwand und mieten Sie das Auto, wenn Sie eins brauchen. Damit ist allen am besten gedient.

Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

Tour de Bier – Wie alles anfing

Seit gut einem Jahr sind die Offenbacher Designerin „Mokka“ und ich auf Tour de Bier. Zumindest dann, wenn das Wetter es zulässt, denn die Tour de Bier ist eine Fahrradreise in mehreren Etappen.

Bier Hannes

Der zweite Besuch während der Tour de Bier – Bier Hannes in Frankfurt.

Mokka und ich lernten uns über Twitter kennen. Schnell stellten sich einige identische Interessen heraus, darunter das Radfahren. Sie hatte die schöne Angewohnheit, sonntags mit ihrem Mountainbike kleine Brauereien im Rhein-Main-Gebiet zu besuchen, dort zweidrei Bier zu trinken und ggf mit dem Zug wieder zurück zu fahren. Das Konzept gefiel mir und irgendwann brachen wir zu unserer ersten gemeinsamen Tour auf. Das Ziel war Rüsselsheim. Im Stadtteil Haßloch steht Das Brauhaus. Ich fuhr damals noch Rennrad, wir brauchten also eine Strecke, die für die schmalen Reifen meines Rades geeignet war. Auf dem Mainradweg geht das so einigermaßen.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen und etwas über das Radfahren in Begleitung erzählen. Es genügt nicht, dass sich zwei Menschen für gemeinsame Radausflüge zusammentun, die gerne Fahrrad fahren. Damit diese Ausflüge Spaß machen, sind ein paar Voraussetzungen, außer dass man sich gut versteht, unabdingbar. Es ist hilfreich, wenn beide, oder auch eine größere Gruppe, über etwa die gleiche Kondition verfügen und auch das selbe Tempo fahren können. Wenn jemand alle halbe Stunde eine Pause braucht, weil Beine und Hintern schmerzen, ist das Vergnügen schnell getrübt. Auch beim Anblick einer Steigung sollte man nicht ins Jammern verfallen, sondern den blöden Berg halt klaglos hochfahren, schließlich gibt`s eine gute Gangschaltung. Ebenso hinderlich für eine schöne und erholsame Radtour ist es, wenn jemand mit übermäßigem Mitteilungsdrang teilnimmt. Für mich ist es unerträglich, wenn ich auf dem Rad permanent zugetextet werde. Ich mag die Stille, das gleichmäßige Treten und Dahingleiten. Vögel will ich hören und den Wind, kein Gelaber. Das ist meditativ und macht den Kopf frei. Wenn die Tour dann doch mal länger und anstrengender wird als geplant, auch dann sollte man nicht anfangen, laut zu klagen, zu fluchen und zu schimpfen. Das macht es nicht besser, ganz im Gegenteil. Auch diese Strapaze wird irgendwann ihr Ende finden und wenn man dann vor einem köstlichen, kühlen Bier sitzt, denkt man, dass es sich doch gelohnt hat. All das funktioniert mit Mokka perfekt. Ich bin schon mit vielen Menschen Rad gefahren, durchaus auch längere Strecken und ganze Radreisen über hunderte von Kilometern, aber mit niemandem war es entspannter und wohltuender als mit ihr. Der Gerechtigkeit halber muss ich meinen Freund Hpunkt erwähnen, mit dem ich Ende der Achtziger- Anfang Neunzigerjahre Frankreich in allen Richtungen durchquert habe, wobei es auch nie die kleinste Unstimmigkeit gab. Aber das ist fast 30 Jahre her.

Fahrräder

Pause auf dem Weg nach Groß-Umstadt

Hilfreich ist es auch, wenn beide ein ähnliches Rad fahren. Deshalb habe ich mir im letzten Jahr ein gebrauchtes Moutainbike zugelegt. Aber im letzten Jahr, bei unserer ersten gemeinsamen Tour, war ich noch mit dem Rennrad unterwegs. Schon nach wenigen Kilometern war klar, dass wir gut zusammen fahren konnten. Die Strecke war ok, wenn auch unspektakulär. Die letzten Kilometer vom Main nach Haßloch nervten allerdings. Im Das Brauhaus waren wir jedoch schnell versöhnt. Es liegt im idyllischen Dorfkern mit Kirche, Kastanie und Kopfsteinpflaster. Im hübschen Biergarten fanden wir problemlos einen Platz, die Räder im Blick. Wir freuten uns auf das Bier und wurden nicht enttäuscht. Es war naturtrüb, hatte eine schöne Hopfennote und war sehr süffig. Auch dass es nur 4,4% alc hatte, ist für Radfahrer ein Vorteil. So konnten wir eins mehr trinken. Auch die Küche hat überzeugt. Deftige Gerichte zu sehr angemessenen Preisen. Zwei bis drei Biere später machten wir uns gesättigt und gestärkt auf den Rückweg. Mokka packte sich noch zwei Literflaschen in den Rucksack. Ein schöner Rückenwind unterstützte unsere bierschweren Beine und nach siebzig Kilometern war die erste gemeinsame Fahrt beendet. Es sollte nicht die einzige bleiben.

Bergstraße

An der Bergstraße auf dem Weg nach Heppenheim

Einige Wochen später fuhren wir erneut nach Haßloch, dieses Mal in Rahmen der Tour de Bier. Die Idee entstand nach unserer ersten Fahrt. Wir recherchierten nach unabhängigen Brauereien mit eigenem Ausschank in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet. Es gibt immerhin ca. 45 solcher Betriebe, von unterschiedlicher Größe. Ein Frankfurter Verlag fand die Idee verlockend und wird ein Buch daraus machen. Wir entwarfen ein Anschreiben und entwickelten einen Fragebogen. Über eine eigens eingerichtete Mailadresse schrieben wir alle Brauereien an. Immerhin 25% antworteten. Im Sommer 2016 ging´s also los. Anfangs vereinbarten wir Termine mit den Brauern. Das nahm aber meist zwei bis drei Wochen mit Telefonaten, Emails und so weiter in Anspruch, bis ein Termin zustande kam. Und dann sind wir natürlich vom Wetter abhängig, bei Regen wollen wir nicht fahren. Es war also ein sehr aufwändiges Verfahren, das unseren Zeitplan komplett sprengte. Hatten wir dann aber endlich einen Termin, ergaben sich immer interessante Gespräche mit den Brauern, die sich oft über zwei Stunden hinzogen. Mittlerweile fahren wir ohne Ankündigung zu den Zielen, in der Hoffnung, dass vielleicht spontan ein Gesprächspartner zur Verfügung steht. Oder wir melden uns einzwei Tage vorher telefonisch und kündigen unseren Besuch an. Ein angenehmer Vorteil bei verabredeten Terminen war, dass wir dann meist eingeladen wurden. Bei spontanen Besuchen ist das nicht so.

Biergläser

Brauhaus in Mainz-Kastel

Braukessel

Kessel im „Halben Mond“ in Heppenheim

Mittlerweile haben wir etliche Brauereien abgeradelt. Es waren unterschiedlichste Betriebe dabei, von der mittelständischen Brauerei mit eigenem Vertrieb bis hin zu kleinen Wirtshausbrauereien, die nur für den Eigenbedarf brauen. Aber eines verbindet sie alle, die Qualität der Biere. Überall hat uns das Bier, bei allen Unterschieden, sehr gut geschmeckt. Handwerklich gebraut und meist ungefiltert, unterscheidet es sich deutlich von den „Industriebieren“, die aus nahezu jedem Kneipenzapfhahn fließen und die Supermarktregale verstopfen. Vielfalt und geschmackliche Abwechslung sind zu allererst bei den kleinen, handwerklichen Brauereien zu finden. Angesprochen auf den Craftbier-Hype, antworten die meisten Brauer dann auch sehr selbstbewusst: „Wir machen schon immer Craftbier.“

Glaabsbräu

Bei Glaabsbräu in Seligenstadt