Donnerstags in Frankfurt

Mein liebster Wochentag ist der Donnerstag. Von den Vortagen stecken mir da drei meist anstrengende Kneipenschichten in den Knochen. In der ersten Januarwoche waren es sogar vier, vier harte Schichten. Ausnahmsweise habe ich am Sonntag gearbeitet. Am ersten Januar wird in der Kneipe immer ein Sauerkrautessen veranstaltet. Der Volksmund meint, man müsse an diesem Tag Sauerkraut essen, damit das Geld nicht ausgeht. Ich hab`s probiert und kann sagen, der Volksmund lügt. Egal, so fing das Jahr mit einer Elfeinhalb-Stundenschicht an. Der Donnerstag ist also sowas wie mein Wochenende, auch wenn ich arbeite, wie an den Folgetagen. Aber Donnerstags lass ich es gemächlich angehen. Nach dem späten Aufstehen erledige ich ein paar Dinge, Mails und so. Was halt anliegt. Gegen 15 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zur Konstablerwache. Denn der Markt auf der Konstabler macht diesen Tag erst zu einem besonderen.

Ich spaziere dann durch die Stadt, versuche meinen Kopf frei zu bekommen und möglicherweise die eine oder andere Idee auszubrüten. Beim Gehen klappt das am besten. Fast immer laufe ich die Berger Straße stadteinwärts. Andere Wege führen auch in die Innenstadt, aber auf der Berger ist am meisten los und es gibt mehr zu sehen. Ich kann zwischen zwei Varianten wählen, den Spaziergang zu beginnen. Entweder ich gehe rechts, wenn ich aus dem Haus trete, oder links. Letzten Donnerstag bin ich nach rechts gegangen, vorbei an den Ernst-May-Häusern in der Wittelsbacherallee Richtung Saalburgallee. Dort passiert man das Lieblingswasserhäuschen von Jörg Fauser, der mal in der Wittelsbacher gewohnt hat. wasserhauschen Hinter der stark befahrenen Kreuzung schlage ich mich durch ruhige Nebenstraßen zur Berger. Ich komme am Uhrtürmchenplatz an und schaue erstmal ins Schaufenster meiner Lieblingsbuchhandlung, der Buchhandlung Schutt. uhrturmchenplatz1Die Berger zieht sich über vier Kilometer von der Innenstadt durch das Nordend und Bornheim bis nach Seckbach. Sie ist die Haupteinkaufsstraße der beiden Bezirke. Daher nehme ich auf meinem donnerstäglichen Spaziergang meist diese Route. Die Straße ist stets belebt und es gibt was zu sehen. Gegenüber der katholischen Kirche an der Ecke Eichwaldstraße hat im letzten Jahr ein hessischer Devotionalienladen eine neue Filiale eröffnet. Auf die Inhaber dieses Ladens habe ich mich vor einigen Jahren mal zu sehr verlassen. Es war der wahrscheinlich größte Fehler meines Lebens. Anfangs wechselte ich immer die Straßenseite, wenn ich dort vorbeiging, mittlerweile nicht mehr. Rechterhand folgt das seit Jahren verlassene Gebäude des Elektrokaufhauses Saturn, Frankfurter reden immer noch von „Saturn-Hansa“. So hieß das wohl mal vor vielen Jahren. Gegenüber des toten Gebäudes stehen seither einige Läden leer. Immer wieder rauschen neue Pläne und Gerüchte durch den Blätterwald, was aus der Immobilie werden soll. Passieren tut nichts und so steht der hässliche Klotz sinnlos in der Gegend rum und verschandelt das Stadtbild. Allerdings dient der ehemalige, überdachte Eingangsbereich einigen Obdachlosen als Schlafplatz. saturnAn der Kreuzung Höhen- und Berger Straße wurde im letzten Jahr eine Fußgängerin von einem Baustellenfahrzeug überfahren und tödlich verletzt. Der LKW war entgegen der Einbahnstraße zur Kreuzung gefahren und rechts in die Höhenstraße abgebogen. Das Opfer wollte bei Grün die Straße überqueren. Bis heute erinnern Blumen und Kerzen an den grausamen Unfall. Gegenüber der Unfallstelle wird jetzt ein seit Ewigkeiten brach liegendes Gelände bebaut. Der Entwurf des Hauses, der dort hängt, macht auf mich einen guten Eindruck. Es wird sich erfreulich von der heute so verbreiteten „Würfelhustenarchitektur“ unterscheiden. Warten wir ab, wie es in der Realität wirkt. baustelle-berger-hohen

Ab dieser Kreuzung beginnt die untere Berger Straße. Wir sind im Nordend. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Straße fast zu einer reinen Fressmeile entwickelt hat. Klassische Einzelhandelsgeschäfte können sich die Mieten hier nicht mehr leisten. Cafés, Restaurants, Burgerläden, Sushi-, Waffel- und Pizzabuden wechseln sich ab. Fast im Wochenrythmus eröffnen neue Gastrobetriebe, die die kochfaule und solvente Anwohnerschaft vorm Hungertod bewahren wollen. Ich wundere mich immer, wer das alles essen soll. Auch Frankfurts berühmteste Curryanstalt hat sich dort mit einem Ableger niedergelassen, „Best Worscht in Town“. Sie ist berühmt für ihre Soßen, die in verschiedensten Schärfegraden angeboten wird. Wer die schärfste wählt, muss wahrscheinlich eine Erklärung unterschreiben, dass die Wurst mit der feurigen Soße freiwillig und bei voller geistiger Gesundheit verzehrt werden soll. Ich bestellte dort mal eine Currwurst „ohne Darm“. Daraufhin wurde ich unschwer als Berliner identifiziert, mein Wunsch konnte allerdings nicht erfüllt werden. Also nahm ich die übliche Wurst, die Soße mit Schärfegrad C, was mir auch eine Warnung einbrachte. Ob ich die schonmal gegessen hätte?

Weiter geht`s stadteinwärts, vorbei am Merianplatz mit dem hässlichen Brunnen, der aussieht wie irgendwas aus einem Automotor. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Anlagenring, der der ehemaligen Stadbefestigung folgt. Vorher bleibe ich bei der Buchhandlung Y mit dem kleinen Café stehen und durchstöbere die Ramschkisten vor dem Laden. Kurz dahinter der schöne, wie aus der Zeit gefallene Gemüseladen, der auch leckere Suppen anbietet. Jedesmal nehme ich mir vor, mal eine zu probieren. Jedoch nicht am Donnerstag, denn da bin ich auf dem Weg zum Erzeugermarkt auf der Konstablerwache. Und dort warten andere Köstlichkeiten auf mich. Am Ende der Berger findet sich dann rechterhand der Bethmannpark, eine innerstädische Oase mit dem Chinesischen Garten. Einige Enten spazierten über den zugefrorenen Weiher. bethmannpark

An diesem Donnerstag jedoch macht der Markt einen recht gerupften Eindruck. Viele Besucher, mich eingeschlossen, irrten orientierungslos über den Platz, auf der Suche nach den gewohnten Anlaufstellen. Doch viele Erzeuger sind an diesem Tag zuhause geblieben, machten wohl eine Woche Urlaub nach den Weihnachtstagen. Mein erster Blick auf dem Markt gilt immer dem Stand des Obsthofs Sattler, der den besten Apfelwein ausschenkt, den ich kenne. Gelegentlich treffe ich dort Andeas Maier. Aber der Platz war verwaist, kein Sattler, kein Maier. konstablerDer benachbarte Platz, an dem sonst der Bauer Stranz seine Buden aufbaut war ebenso leer, wie viele andere an diesem Donnerstag. Ich wusste also im ersten Moment nicht, wo ich was essen sollte und wo meinen Schoppen trinken. Also besorgte ich mir woanders eine Kartoffelbratwurst und steuerte einen weiteren Stand an, der heißen Apfelwein anbot. Beides war lecker. bratwurstDennoch blieb ein leicht leeres Gefühl, als ich meine Schritte wieder Richtung Bornheim lenkte. Wie meist wollte ich auf dem Heimweg an einem Lieblingsort vorbeischauen und dort einen Kaffee trinken, dem Wasserhäuschen Fein am Anlagenring. Dieses ehemalige, klassische Wasserhäuschen mit den typischen Bindingtrinkern wurde im vorletzten Jahr von einer sehr engagierten und phantasievollen Frankfurterin übernommen und überaus liebevoll hergerichtet. Es gibt dort guten Kaffee, Kuchen, allerlei anderen Süßkram, auch Wein, Apfelwein und selbstverständlich auch Bier. Der Platz rund um den Kiosk ist immer liebevoll möbliert. Ein Kleinod, das zum Verweilen einlädt. Allerdings nicht am letzten Donnerstag. „Ferien bis 8. Januar“ verkündete ein Zettel an der geschlossenen Jalousie. Jetzt freu ich mich auf den nächsten Donnerstag.fein

Sommer 1972

Da ich mich derzeit viel mit dem Thema Fahrrad beschäftige, erinnere ich mich an eine lang vergangene Urlaubsreise.

Saintes-Maries-de-la-Mer – Avignon

Es war im Sommer 1972. Ich studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Meine damalige Freundin K. und ich planten in den Semesterferien gemeinsam mit zweien meiner Kommilitonen eine Reise nach Südfrankreich. Wir waren sehr jung und es sollte unser erster gemeinsamer Urlaub werden. Einer der Studienkollegen fuhr einen Ford 20 M Coupé, mit dem wir in die Camargue ans Mittelmeer fuhren. Kaum in der Provence angekommen trennten wir uns von den bisherigen Wegbegleitern. Wir kamen mit ihnen nicht klar und wollten unsere Ruhe haben. Da der gemeinsame Reiseetat für vier Wochen lediglich 300 DM umfasste, beschlossen wir zu trampen. Die erste Etappe führte uns problemlos von Saintes-Maries-de-la-Mer nach Avignon. Dort schlugen wir unser schlichtes Zwei-Personen-Zelt am Ufer der Rhône auf. Es war damals kein Problem, irgendwo sein Zelt aufzubauen. Die Erinnerung, was wir in Avignon taten, ist verblasst. Ein Kinobesuch ist mir allerdings im Gedächtnis geblieben – Fellinis „Roma“, im Original mit französischen Untertiteln. Bis heute sind mir die Bilder dieses Films gewärtig.

Ebenso fest in mein Gedächtnis eingebrannt ist, dass es in der ersten Nacht heftig anfing zu regnen und wir etliche Mücken im Zelt hatten, die uns Schlaf und Nerven raubten. Etliche von ihnen erschlugen wir an der Zeltwand. Wie gesagt, es war ein schlichtes Zelt, mit einfacher Wandung. Irgendwann waren die Mücken erlegt und wir fielen endlich in den Schlaf. Als wir aufwachten lagen wir in einem See. Schlafsäcke nass, Klamotten nass, wir nass. Die nächtliche Mückenjagd im Regen hatte die Zeltwand durchlässig gemacht. Das hatten wir Amateure nicht bedacht. Hilfe in der Notlage gewährten uns zwei Jungs aus Ludwigsburg, die mit einem VW Käfer unterwegs waren, und ebenfalls am Ufer der Rhône zelteten. Bei mittlerweile wieder sonnigem und warmen Wetter trockneten wir Schlafsäcke und Kleidung auf dem Dach und der Motorhaube des Käfers. Die Nacht verbrachten wir auch in dem zwar engen, aber trockenem Auto.

Avignon – Lyon

Die beiden Ludwigsburger nahmen uns dann nach einigen Tagen mit nach Lyon. Dort postierten wir uns an einer Autobahnauffahrt mitten in der Stadt. Wir waren nicht alleine. Etliche andere Tramper standen bereits dort, auf der Suche nach einem Lift gen Norden. Aber kaum ein Auto hielt an. Nur eine hübsche junge Frau wurde nach wenigen Minuten mitgenommen. Alle anderen standen dort stundenlang, wir auch.

Bis zum Abend hatte noch niemand angehalten. Es dämmerte und wir verzweifelten zunehmend. Die Rettung kam in Gestalt zweier junger Frauen, die alle Tramper an dieser Autobahnauffahrt einsammelten und zu sich nach hause einluden. Sie führten uns in eine unweit gelegene beindruckende, großbürgerliche Wohnung, in der wir die Nacht verbringen konnten. Vorher gab es noch etwas zu essen und Rotwein. So richtig konnten wir nicht glauben, was uns widerfuhr. Unsere Gastgeberinnen erzählten, dass an dieser Tramperfalle vor wenigen Tagen ein Autofahrer von einem Anhalter, den er mitgenommen hatte, erschlagen wurde. Das erklärte die Situation, half uns aber nicht weiter. Wie auch immer, dankbar, gesättigt und rotweinselig rollten wir irgendwo unsere Schlafsäcke aus.

Lyon – Paris

Am nächsten Morgen, nach einem klassischen französischen Frühstück, packten wir unser Bündel und stellten uns erneut an die vermaledeite Autobahnauffahrt. Am Nachmittag standen wir noch immer dort. Erneut kamen die beiden Frauen vorbei, dieses Mal allerdings nicht, um uns wieder einzuladen. Statt dessen schickten sie uns aus dem Sichtfeld der Autofahrer und eine der beiden stellte sich statt unser an die Straße und hielt den Daumen raus. Nach wenigen Minuten hielt ein weißer R16. Der Fahrer erklärte sich nach einem kurzen Gespräch mit unserer Retterin bereit, uns mitzunehmen. Erleichtert und dankkbar stiegen wir ein und fuhren gen Norden. Es war eine eher schweigsame Fahrt, aber nicht unangenehm. Irgendwo zwischen Lyon und Paris stiegen wir aus.

Meine Erinnerung setzt wieder ein, dass wir bei einer blonden Madame in einem Citroen saßen, die uns nach kurzem Warten einsteigen ließ und nach Paris mitnahm. Ich saß auf unserer Tour immer vorne neben den Fahrern, weil ich über rudimentäre französische Schulkenntnisse verfügte und daher für eine minimale Form der Kommunikation zuständig war. Es war dunkel, als wir in Paris ankamen. Unsere Fahrerin fragte, wo wir hinwollten. Sie möge uns in der Nähe eines Campingplatzes rauslassen, bat ich sie. Das sei schon zu spät, erwiderte die freundliche Französin und bot uns stattdessen an, die erste Nacht in ihrer Wohnung zu verbringen. Wir nahmen das natürlich gerne an und sie bereitete uns ein bequemes Bett in ihrer großbürgerlichen Wohnung. Am Morgen, nach Milchkaffee und Croissant, verabschiedeten wir uns dankbar und zogen durch Paris. Unser Gepäck hatten wir in einem Schließfach verstaut.

Nachmittags schlenderten wir durch das Quartier Latin. Eine Unterkunft hatten wir noch nicht, waren aber zuversichtlich. K. musste auf die Toilette und betrat ein Café. Ich wartete derweil draußen vor der Tür. Wenige Minuten später kam sie wieder raus, in Begleitung eines Afrikaners. Sein Name war Mustapha Thiam (wieso auch immer ich diesen Namen nicht vergessen habe), ein Senegalese. Er lebte in Argenteuil, einem Vorort von Paris, der vor wenigen Jahren wegen heftiger Unruhen in den Banlieues der Stadt in die Schlagzeilen geriet. Mustapha lud uns ein. Für die restlichen Tage unseres Aufenthalts könnten wir bei ihm bleiben. Er bot uns das Schlafsofa im Wohnzimmer an und wir hatten eine Bleibe in Paris. Täglich fuhren wir mit der Metro in die Stadt, liefen viel herum, besuchten Museen, ließen uns treiben, ernährten uns fast ausschließlich von Baguette und Käse und fühlten uns großartig.

Als sich der Urlaub und unser Geld dem Ende zuneigte verabschiedeten wir uns herzlich, bedankten uns für die Gastfreundschaft und überreichten Mustapha ein kleines Abschiedsgeschenk. Das war keine gute Idee. Das verletzte ihn in seiner Ehre als Gastgeber. Wir hatten ihn unwillentlich beleidigt. Zurück in Deutschland, entschuldige ich mich in einem Brief.

Paris – Straßbourg

Um nach Deutschland zurückzukommen, suchten wir uns an der Porte d`Orléans einen strategisch günstigen Platz und streckten den Daumen raus. Nach ungefähr fünf Minuten hielt ein weißer Peugeot 504. Auf dem Dach waren zwei Rennräder befestigt. Der Fahrer, ein freundlicher junger Mann, war auf dem Weg nach Straßbourg und ließ uns einsteigen. Was für ein traumhafter Lift. Unsere Glücksträhne in Frankreich hielt an. Wie immer setzte sich K. nach hinten und ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Es war Samstag, der 26. August 1972 und im Radio lief die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele von München, natürlich auf Französisch. Darüber kamen wir ins Gespräch beziehungsweise ins Radebrechen. Meine Eltern lebten zu der Zeit in der Nähe von München, und ich sagte unserem Fahrer, sie seien im Stadion bei der Eröffnungsfeier. Ob das auch stimmte – keine Ahnung. Wir waren also sofort beim Thema Sport. Ich fragte ihn nach den Rädern auf dem Dach seines Autos. Daraufhin stellte sich unser Fahrer vor. Er sei Yves Hézard, ein erfolgreicher Französischer Radrennfahrer. In diesem Jahr hätte er die 7. Etappe der Tour de France gewonnen und die Rundfahrt als Siebter des Gesamtklassements beendet. Ich war beeindruckt, obwohl ich mich damals noch nicht sonderlich für den Radsport interessierte. Er sei auf dem Weg nach Straßbourg, weil er dort morgen an einem Rennen teilnehmen wolle. Und er sei froh, die lange Strecke nicht alleine im Auto sitzen zu müssen. Deshalb hätte er uns mitgenommen. Heute fahren Profi-Radsportler sicher nicht mehr mit dem eigenen Auto zu den Rennen und transportieren auch noch ihre Rennmaschinen selbst. Aber damals war es möglich, als Anhalter von einem Radsporthelden mitgenommen zu werden.

Wir redeten ansonsten über das Übliche, was man so mache, dass wir das erste Mal in Frankreich gewesen seien, das es uns sehr gut gefallen hätte und wir vielen netten und gastfreundlichen Menschen begegnet seien, etc. So verstrich die Zeit und als wir nach einigen Stunden in Straßbourg ankamen, dämmerte es bereits. Ich bat Hézard uns an einem Campingplatz rauszulassen. Es war schnell einer gefunden. An der Rezeption wurde mir allerdings erklärt, es gäbe keinen freien Platz mehr. Daraufhin kümmerte sich Yves Hézard um die Angelegenheit und umgehend hatten wir einen Platz. Einige Kinder und Jugendliche hatten inzwischen ihren Radhelden erkannt und umringten das Auto. Vom Beifahrersitz aus verteilte ich Autogrammkarten an die jugendlichen Fans. Meine Karte ist im Laufe der Jahre leider verschollen. Als wir uns verabschieden wollten, widersprach der Sportler. Er wolle uns zum Essen einladen. Wir nahmen das liebend gerne an. Die Aussicht auf ein richtiges Essen nach einer langen Käse- und Baguettediät war zu verlockend.

Nachdem wir unser kleines Zelt aufgebaut hatten, fuhren wir nach Straßbourg hinein. An einem Kreisverkehr wurde Hézard bereits erwartet. Hupend und winkend begrüßten ihn zwei schöne Frauen in einem Mini Cooper, wie einen Rockstar. Unser Gönner hupte und grüßte zurück. Die beiden Damen folgten uns bis zu einem Restaurant in der Innenstadt. Dort begrüßten sie sich auf sehr französiche Art mit Küßchen links und Küßchen rechts und betraten mit uns das Lokal. Hézard meinte, wir sollten bestellen, was wir wollten. Er würde morgen das Rennen gewinnen und mit der Prämie könne er sich das problemlos leisten. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und bestellten Choucrute Alsacienne, ein deftiges elsässisches Sauerkrautgericht mit Würsten und Fleisch. Dazu Bier. Es war köstlich. Seit Wochen hatten wir nicht mehr so üppig gegessen.

Nach dem Essen fuhr uns Hézard zurück zu unserem Zeltplatz. Er hatte wegen des Rennens am nächsten Tag nur Wasser getrunken. Wir verabschiedeten uns herzlich und dankbar. An diesem letzten Tag der außergewöhnlichen Reise hatten wir Frankreich und seine Bewohnerinnen und Bewohner endgültig in unser Herz geschlossen.

Seither war ich immer wieder mal in Frankreich. Aber nicht mehr per Anhalter, sondern mit dem Rad. Von Nord nach Süd, von Ost nach West, in allen Richtungen habe ich das Land durchquert.

26. Okt. 2015

Grabstein Siegfried Unseld

Grabstein Siegfried Unseld

Es ist einer dieser Tage, die dem Herbst das Attribut „Goldener“ verleihen. Ich sitze in der Nationalbibliothek und arbeite an einem Buch. Das klare Licht und die laue Luft locken mich nach draußen um für einige Minuten der trockenen Bibliotheksluft zu entfliehen.

Gegenüber der Bibliothek liegt der Frankfurter Hauptfriedhof. Diese riesige, friedliche Oase der Stille inmitten der Stadt ist letzte Ruhestätte für viele bedeutende Frankfurter, Schopenhauer, Stoltze und viele andere. Ein Besuch lohnt sich immer. Ich ging wahllos durch die Gänge, machte mit dem Taschentelefon ein paar Fotos, studierte manchen Grabstein, las die Inschriften und versuchte mir ein Leben hinter den Daten vorzustellen. Friedhöfe erzählen unzählige Geschichten.

Fast schon instinktiv näherte ich mich dem Grab Siegfried Unselds. Es liegt an einem stillen, schönen Ort unter Bäumen am Rande einer Lichtung unweit des Haupteingangs. Auf dem Grab lag ein frischer Kranz mit Schleife – „Dem Ehrenbürger der Stadt Frankfurt“, gesäumt von einem großen Strauß mit den Lieblingsblumen von Unselds Wittwe, Ulla Unseld-Berkéwicz, und sicherlich in deren Auftrag, wenn nicht gar am Morgen von ihr selbst dorthin gebracht. Ich schaute auf die Daten. Mein kleiner herbstlicher Spaziergang hatte mich ausgerechnet an Unselds Todestag zu dessen Grab geführt. Er starb am 26. Okt. 2002. An der Beerdigung habe ich teilgenommen.

Hier stand ich vor einer Geschichte, die ich kannte, jedenfalls ein wenig. Mir war es vergönnt Siegfried Unseld zu Lebzeiten erlebt zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Bockenheim schreibt ein Buch

BockenheimDieses Buch ist vor wenigen Tagen im Frankfurter Verlag Mainbook erschienen. Von mir ist ein launiger Text enthalten. Ich habe nie in Bockenheim gewohnt, aber eine Zeitlang dort gearbeitet. Es war eine Scheißzeit mit Arschlöchern. Aus juristischen Gründen verkneife ich mir die Nennung von Klarnamen. So mußte halt der Stadtteil dran glauben. Und ja, ich weiß, daß in Bockenheim auch nette Menschen wohnen, sehr nette.

Hier nun eine frühe Fassung meines Textes, die in dieser Form nicht im Buch enthalten ist.

Ödland

Man braucht gute Gründe um nach Bockenheim zu fahren, einen Job beispielsweise oder Freunde, einfach so tut man das nicht. Es gibt keinen Grund. Das Beste an Bockenheim ist die Lage zwischen Niddapark und Messe. Messe und Nidda sind wirklich sehr schnell erreichbar.

Bockenheimer Landstraße

Wer, aus Bornheim kommend, mit dem Rad nach Bockenheim fährt, muß einige schwere Prüfungen bestehen. Durch das Nord- und Westend läßt es sich noch ganz entspannt radeln, aber plötzlich steht der Palmengarten quer und zwingt einen auf die Bockenheimer Landstraße und in das Grauen. Das Grauen ist zirka einen Meter breit, etwa zehn Zentimeter über Straßenniveau, rechtsseitig von Blumenkübeln und Pollern begrenzt, linksseitig von steinernen Riegeln, und nennt sich Radweg. Selbstverständlich ist es unmöglich dort zu überholen und so findet sich der zielstrebige Radler oft hinter Senioren im Schrittempo, kurz vor dem Umfallen. Es bleibt nur die Straße oder der Gehweg, was gelegentlich zu wüsten Beschimpfungen führt. „Sorry“, möchte man dann rufen, „ich habe diesen scheiß Radweg nicht gebaut.“. Hat man endlich die Unibibliothek erreicht, ohne in Höhe der KfW von zum Essenfassen kreuzenden Bankern über den Haufen gerannt worden zu sein, geht die Unbill weiter. Der gewundene, für Fußgänger unsichtbare, Weg leitet einen in Richtung einer Kreuzung, die von der Bockenheimer Warte bewacht wird. Visavis lädt das ehrenwerte Wirtshaus Doktor Flotte zur Rast. Hier wird es nun völlig absurd. Einen zirka zwei bis drei Meter breiten Gehweg müssen sich Fußgänger und Radfahrer teilen. Der Radweg ist selbstverständlich nicht farblich abgehoben und so sieht ihn auch niemand, was zu einem fröhlichen Durcheinander führt. Wem sein Leben wert ist, der meidet all diese Zumutungen und fährt auf der Straße. Da gehören Radfahrer ja auch hin. Das gilt selbstverständlich auch für den Rückweg, wenn man nach erledigtem Tagwerk erleichtert die Bockenheimer Enge wieder verlassen kann.

Leipziger Straße

Aber noch sind wir nicht angekommen. Gleich nach Doktor Flotte wird man in die Leipziger Straße geführt und wundert sich umgehend, daß dort Autos fahren dürfen. In der Leipziger ist definitiv kein Platz für Autos, Radfahrer und Fußgänger. Der Gehweg nicht breiter als der Radweg an der Bockenheimer. An entspanntes Flanieren ist hier überhaupt nicht zu denken. Die Leipziger ist die Haupteinkaufsstraße Bockenheims, die Hauptstraße sozusagen, sowas wie die Berger Straße in Bornheim, mit dieser aber überhaupt nicht vergleichbar. Erst vor wenigen Jahren wurde über das Kopfsteinpflaster eine Lage Asphalt gegossen. Man hätte gleich eine Fußgängerzone draus machen sollen. Wäre auch billiger gewesen.
Das bereits erwähnte Lokal Doktor Flotte nennt sich selbst Alt-Berliner-Wirtshaus. Hier wird sich also gleich am Entree zu Bockenheim distanziert, als wolle man mit all dem nichts zu tun haben. Und dennoch wird hier gejubelt, wenn die Eintracht Hertha schlägt und nicht andersrum. Etikettenschwindel allüberall.
Auch sonst hat Bockenheim nicht viel zu bieten. Interessant wird es dann, wenn was wegkommt, wie der Uniturm, dessen Sprengung man sogar live im Fernsehen verfolgen konnte. So mußte man schon nicht hinfahren, was ja eine echte Erleichterung ist.

Gastronomie

Auch gastronomisch ist Bockenheim eher Ödland. Weit und breit keine gescheite Apfelweinkneipe. Binding allüberall. Wer sich durch die Leipziger quält, vorbei am anarchistischen Exzess, bis ganz nach hinten, da wo die Leipziger schon gar nicht mehr so heißt sondern irgendwie anders, findet linkerhand das schlichte und sympatische Wirtshaus Heckmeck. Dort läßt es sich recht gut einkehren. Oder auch im Casa Nostra, wenn man den Kellerverschlag endlich mal gefunden hat. Das war`s aber auch schon mehr oder weniger.
Vielleicht deshalb wurden im Flotte Pläne geschmiedet, Perspektiven entwickelt, Pakte geschlossen, Produkte entwickelt. Und die Pleite geplant. Die folgte wenige Jahre später mit einem Arschtritt an sakralerem Ort. Nein, Bockenheim hat mir kein Glück gebracht. Gelegentlich gab es auch entspannte Momente, etwa wenn die schöne Freundin, die genauso heißt wir die Straße in der sie wohnt, zu Pasta und Rotwein lud. Entspannt saßen wir in lauen Sommernächten auf dem Balkon, tranken Rotwein, beobachteten Vögel, Eichhörnchen und Flugzeuge und erzählten, was uns in den letzten drei Monaten wiederfahren war – ihr in der weiten Welt, mir in Bornheim. Auch Vergangenheit das alles.

Tschüß Bockenheim

Ich vermisse dich nicht, Bockenheim, und wenigstens muß ich jetzt nicht mehr diesen scheiß Radweg benutzen, es sei denn, ich bin im Heckmeck oder im Casa Nostra verabredet. Das kommt glücklicherweise nicht allzu oft vor.
Einzig die Titanic bildet den Silberstreif über dem Taunus. Das Magazin hat seine Heimstatt in Bockenheim gefunden. Anders als mit Satire ist dir, ach Bockenheim, auch nicht beizukommen. Aber auch die Stammkneipe der Titanic ist nicht in Bockenheim, sondern in Bornheim. Aus Gründen.

Ein Jahr Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten – ein kritischer Rückblick

Eine Idee

Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten CoverHeute vor einem Jahr, am 19. September 2014, wurde ein Traum wahr, den ich zwanzig Jahre geträumt hatte. Einst in Berlin, wahrscheinlich rotweinselig, mit einem Freund ersonnen und dort auch beinahe realisiert, sind die Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten endlich im Frankfurter Waldemar Kramer Verlag erschienen. Frankfurt statt Berlin.
Namhafte Autorinnen und Autoren, nicht alle zwingend aus Frankfurt, konnten gewonnen werden, einen Beitrag zu diesem Projekt zu leisten. Die Herausgeber, Jürgen Roth und ich, waren von dem Erfolg des Buches überzeugt. Die Frankfurter Presse würde sich des Themas annehmen, schließlich waren Beiträger aus allen drei Frankfurter Tageszeitungen beteiligt, dazu noch Volker Breidecker von der Süddeutschen Zeitung. Die Bücher würden in Stapeln in allen Buchhandlungen ausliegen. Das war so gut wie sicher.

Lesungen

Es ließ sich auch gut an. Die Buchpräsentation in der Romanfabrik war ausverkauft. Besonders hat mich gefreut, daß mein alter Freund, der Stuttgarter Journalist Joe Bauer, unser Vorwortschreiber, extra für den Abend angereist kam. Die Veranstaltung dauerte über anderthalb Stunden (eigentlich zu lange für eine Lesung), sieben Autorinnen und Autoren lasen ihre Texte und niemand aus dem Publikum ist vorzeitig gegangen. Ein gutes Zeichen. Für ein kurzes musikalisches Intermezzo sorgte Elis von der Lesebühne Ihres Vertrauens. Es war ein kurzweiliger Abend und der Buchhändler am Büchertisch war zufrieden.
Es folgte eine weitere Lesung im Rahmen der Lesereihe Open Books zur Frankfurter Buchmesse. Wir waren zu Gast in der Heussenstamm-Galerie. Auch diese Veranstaltung war sehr gut besucht und fütterte unseren Optimismus.

Rezensionen

Voller Vorfreude wartete ich täglich auf Rezensionen, doch die blieben aus. Nur das Journal Frankfurt hat eine launige Besprechung gebracht. Die verglich unser Buch fälschlicherweise mit den Frankfurter Unorten, einer mittlerweile dreiteiligen Reihe, die sich als eine Art Reiseführer zu versteckten Orten in Frankfurt versteht. Der Begriff Unort ist in diesem Zusammenhang also eher missverständlich. Die „Rezension“ der Wegsehenswürdigkeiten endete dann auch mit einem Hinweis auf einen Spaziergang auf den Spuren der Unorte.

Fehler

Hier offenbarte sich einer der Fehler, die wir mit dem Buch gemacht haben. Wir haben die Verwechslungsgefahr mit den Unorten komplett unterschätzt und uns nicht davon abgegrenzt. Ganz offensichtlich wurden wir von vielen, auch Buchhändlern, für Epigonen gehalten.
Diesem Eindruck hätten wir mit einer Reihe weiterer Lesungen entgegentreten können. Aber wir haben uns entschieden, vor Weihnachten auf zusätzliche Lesungen zu verzichten und statt dessen im Januar wieder anzutreten. Dies ist dann nicht geschehen, nicht zuletzt weil eine gewisse Ernüchterung eingetreten ist.
Auch haben wir auf der U4-Seite (Rückseite) des Umschlags einen Auszug aus dem Beitrag Eckhard Henscheids abgedruckt. Ein schöner, böser Text, der aber leider überhaupt nichts über das Buch aussagt. Eine weitere vertane Chance, auf die Eigenständigkeit der Wegsehenswürdigkeiten hinzuweisen. Auch wurde das Covermotiv kritisiert, wahrscheinlich zurecht. Bis es zu diesem Cover kam, wurden viele Entwürfe der Agentur von uns verworfen. Wir wollten ein Cover, das den starken Titel herausstellt. Das ist mit diesem Umschlag gelungen. Allerdings war das Motiv nicht unbedingt frankfurtypisch. Wir hätten uns für eine Ansicht mit Wiedererkennungswert entscheiden müssen.

Doch noch

Einige mediale Aufmerksamkeit gab es dann aber doch noch. Der Wiesbadener Kurier hat den Titel besprochen, ebenso wie einige Partnerzeitungen, aus Mainz etwa. Und das Hessische Fernsehen hat einen Filmbericht gesendet, mit Leo Fischer und Andreas Maier als Gästen. Dieser fünfminütige Beitrag wurde bei 3SAT in Kulturzeit wiederholt. Das hat die Wegsehenswürdigkeiten dann mal kurz auf Platz 4000 im Amazon-Ranking gehievt.
Nur die Frankfurter Tagespresse ignorierte die Wegsehenswürdigkeiten komplett. Auch nicht die Offenbach Post ließ sich zu einer Rezension hinreißen. Allein die Frankfurter Rundschau erwähnte das Buch im Lokalteil in der Rubrik „Die besten Frankfurt-Bücher des Jahres 2014“. Dort wurde der Titel an erster Stelle genannt. Gebracht hat aber auch das nichts.

Wir haben gelernt

Den Grund für das Ignorieren des Titels durch die Frankfurter Presse hat mir dann Andrea Diener (auch sie ist in den Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten vertreten) von der FAZ verraten. Zeitungen besprechen grundsätzlich keine Bücher, bei denen ihre eigenen Autorinnen und Autoren beteiligt sind. Es war also ein Eigentor, einige Journalisten zur Mitwirkung zu bitten. Dennoch bin ich froh und dankbar, das ein Beitrag von Dieter Bartetzko enthalten ist, dem kürzlich verstorbenen Architekturkritiker der FAZ.
Auch von Verlagsseite wurde nicht viel getan, um das Buch zu einem Erfolg werden zu lassen. Dort herrschte ebenfalls die Ansicht, das Ding würde ein Selbstläufer werden. Und so wurde z. B. auf jede Werbung verzichtet.
Dennoch wurde der Titel recht gut verkauft, wenn er auch deutlich unter unseren Erwartungen geblieben ist. Aber wir haben daraus gelernt und können es besser machen.