BookUp in der Frankfurter Verlagsanstalt

Es war die erste #BookUp-Veranstaltung, an der ich teilnahm. Geladen hatte die Frankfurter Verlagsanstalt im feinen Frankfurter Westend. Zehn Jahre lang bin ich ins Westend gefahren, in die Lindenstraße zum Suhrkamp Verlag. Das ehemalige Verlagsgebäude ist längst abgerissen und einem mondänen Apartementhaus gewichen, was heute halt so gebaut wird in Frankfurt.

Normalerweise brauche ich mit dem Rad ca. 20 Minuten von Bornheim ins Westend. An diesem Dienstag wurde es mir allerdings schwer gemacht. Ein gigantischer Firmenlauf, organisiert von einer Großbank, blockierte die Stadt. Vor einigen Jahren bin ich dort mit dem S.Fischer Verlag mal mitgelaufen. Fazit: Nie wieder. Ich bin rechtzeitig losgefahren und bis zum Opernplatz kam ich auch gut durch. Dort wurde es dann eng und die Straßen waren abgesperrt. Über Schleichwege konnte ich dem Getümmel entkommen und rechtzeitig in der Arndtstraße ankommen.

Zu Gast bei der Frankfurter Verlagsanstalt

Zu Gast bei der Frankfurter Verlagsanstalt

Es war kurz vor halbsieben und die anderen zirka zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer (einige kamen von weither angereist) strömten ebenfalls pünktlich in die großzügige Altbauwohnung in der Arndtstraße, die dem Verlag als Domizil dient. Hier läßt es sich sicher gut arbeiten, war mein erster Gedanke, und Joachim Unseld und seine drei Mitarbeiterinnen machten den Eindruck, dass sie genau das auch täten. Etwa fünfzehn Titel stemmt das Team jährlich, das aktuelle Programm war im Flurbereich präsentiert. Bücher von Julia Wolf, Peter Zingler, Bodo Kirchhoff oder Nino Haratischwilli etwa. Letztere bescherte dem Verlag mit ihrem 1280 Seiten starken Roman Das achte Leben (Für Brilka) einen beachtlichen Erfolg, auch ohne für eine der Listen zum Deutschen Buchpreis nominiert gewesen zu sein. Das Lektorat für diesen Titel brauchte sechs Monate, in deren Verlauf 300 Seiten des ursprünglichen Manuskriptes gestrichen wurden.

Wir wurden sehr freundlich empfangen mit Weisswein und Wasser. Als alle da waren und Platz genommen hatten, begrüßte uns Franziska Hedrich, bei der FVA zuständig u. a. für Presse und soziale Medien. Es folgte eine kurze Vorstellungsrunde der Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Etliche davon betrieben einen eigenen Blog. Ich stellte mich als „Suhrkamp-Überbleibsel“ vor, eine Bezeichnung, die Joachim Unseld später, wohl zurecht, rügte. Aber sie gab ihm die Vorlage für den Scherz, dass die Frankfurter Verlagsanstalt schuld sei am Umzug des Suhrkamp Verlags. Als die FVA vor einigen Jahren in die Arndtstraße zog, sei das für den Suhrkamp Verlag, der in der unweit gelegenen Lindenstraße residierte, zu nah gewesen. Deshalb hätte Suhrkamp die Flucht ergriffen und sei nach Berlin gezogen. Eine Anspielung auf das zerrüttete Verhältnis zu seinem 2002 verstorben Vater und dessen Wittwe.

Dann berichtete der Verleger von der Geschichte des Verlags, von seinen Erfolgen und von dem immerwährenden Bemühen, die Bücher dem Publikum bekannt zu machen und näher zu bringen. Zu etwa 900 Buchhandlungen bestünden stabile Geschäftsbeziehungen. In diesem Zusammenhang lobte er auch ausdrücklich die literarische Bloggerszene, die schon viel für manche Titel des Verlags getan hätten. Die FVA sei deshalb auch grundsätzlich bereit, vorab für Blogger Leseproben zur Verfügung zu stellen. Damit seien gute Erfahrungen gemacht worden.

Der Verleger stellt seinen Verlag vor.

Der Verleger stellt seinen Verlag vor.

Nach dieser Einführung las die Autorin Julia Wolf aus ihrem Debütroman Alles ist jetzt. Ein Roman, der als unverlangt eingesandtes Manuskript seinen Weg in das Programm der Frankfurter Verlagsanstalt gefunden hat. Etwa 1500 dieser Manuskripte erreichen den Verlag jährlich und der Verleger nimmt für sich in Anspruch, jeden dieser Texte zu prüfen. Allerdings sei die Chance, angenommen zu werden, äußerst gering, was nicht nur an der meist fehlenden Qualität liege, sondern auch an einem mittlerweile gut entwickelten Agenturwesen in Deutschland. Romane, die in der FVA veröffentlicht werden müssen einen Realitätsbezug haben. Daher findet man im Programm keine Fantasy und auch nur sehr wenige Krimis. Mir ist das ausgesprochen sympatisch. Und es fiel der bemerkenswerte Satz: “Es läuft hervorragend.”. Das hört man gerne von einem kleinen, unabhängigen Verlag.

Der Vortrag Julia Wolfs war beeindruckend, was nicht zuletzt an der klaren Sprache der Autorin lag, die erfreulich sparsam im Umgang mit Adjektiven ist. Die Reaktionen des Feuilletons auf den Roman belegen, dass es eine richtige Entscheidung war, dieses Buch, und sicher auch weitere der Autorin, zu verlegen. Sie wird dort, wie alle Autorinnen und Autoren der FVA, in den Genuss einer Rundumbetreuung kommen. Vom selbstverständlichen Lektorat, über die Organisation von Lesereisen bis hin zu Sekretariatsarbeiten, alles wird vom Verlag für die Autorinnen und Autoren getan. Natürlich wurde während der Veranstaltung fleissig getwittert und so dieser Abend in die Welt getragen. Leider war die Verbindung (es gab kein WLAN) nicht geeignet, auch Bilder zu twittern.

Julia Wolf liest.

Julia Wolf liest.

Nach dem offiziellen Teil, gab es Schnittchen (köstlich der vegane Brotauftrich), und Gespräche im kleinen Kreis. Ich fragte Unseld, der zuvor angemerkt hat, noch nie ein E-Book gelesen zu haben, ob der Verlag denn E-Books produziere. Selbstverständlich, lautete die nicht überraschende Antwort. Obwohl die E-Books recht hochpreisig seien (in der Regel 20% unter dem Preis der gedruckten Ausgabe), läge der Anteil der elektronischen Bücher bei erstaunlichen acht Prozent des Gesamtumsatzes.

Nach gut zwei Stunden schwang ich mich wieder aufs Rad und brauchte zirka eine dreiviertel Stunde, um aus der Innenstadt, die mittlerweile von zehntausenden Läufern umzingelt war, wieder rauszukommen. In der Tasche den signierten Roman von Julia Wolf (alle durften sich ein Buch der Wahl mitnehmen) und damit die Erinnerung an einen interessanten Abend. Die Frankfurter Verlagsanstalt hat seit diesem Abend mindestens zwanzig Freundinnen und Freunde mehr und mir tat es gut, mal wieder Verlagsluft zu schnuppern.

Einige Eindrücke von der Blockupy-Demo vom 18. März 2015 in Frankfurt am Main

Vom Radfahren in der Großstadt oder Ich habe die Schnauze voll

Alltag für Radfahrer

Alltag für Radfahrer

Ich bin Fußgänger und Radfahrer, meist ein recht gesetzestreuer. An roten Ampeln bleibe ich in der Regel stehen, es sei denn, ich kann problemlos rechts abbiegen (ein grüner Pfeil für rechtsabiegende Radfahrer wäre sicher eine sinnvolle Sache) oder ich bin nachts um drei Uhr unterwegs, wenn der Rest der Stadt schläft. Bei Dunkelheit fahre ich mit Licht und ich gebe sogar Zeichen beim Abbiegen. Nur wenn es glatt ist, fahre ich auch mal U-Bahn. Das passiert selten, es gibt ja keinen Winter mehr. Frankfurt, die Stadt in der ich lebe, ist eine kleine Stadt. Mehr als eine halbe Stunde braucht man nicht um mit dem Rad von einem Ende zum anderen zu fahren. Die Steigungen im Osten sind moderat. Frankfurt könnte also eine perfekte Fahrradstadt sein.

Platz da…

Aber ich möchte hier nicht von schlechten und gefährlichen Radwegen oder gänzlich fehlenden Radspuren, nicht ausreichenden Stellplätzen oder einem zögerlichen grünen Verkehrsdezernenten sprechen. Die größte Gefährdung von Radfahrern geht immer noch von Autofahrern aus. Und diese Gefährdung betrifft nicht nur Radfahrer, sondern auch Fußgänger und alle anderen Verkehrsteilnehmer. Wer sich hinter das Steuer eines Autos setzt, entwickelt offensichtlich ein überhöhtes Selbstwertgefühl, gepaart mit ausgeprägter Arroganz. Diese brisante Mischung führt oft zu einem Verhalten nach dem Muster: Platz da, jetzt komm ich!

Weit verbreitete Phänomene

Zirka 70 Prozent aller Autofahrer hätten niemals ihre Fahrprüfung bestanden, wären sie so gefahren, wie sie das jetzt im Alltag tun. Wir haben es zu einem großen Teil mit Leuten zu tun, die zum Beispiel Blinken beim Abbiegen für entbehrlich halten. Andere telefonieren mit dem Handy am Ohr oder glotzen auf das Display ihres Smartphones, während sie mit 50 km/h und mehr eine stark befahrene Straße entlang fahren. Da fehlt natürlich die Hand zum Blinken. Es wird als selbstverständlich angesehen, auf Radwegen zu parken, ebenso wie auf Gehsteigen. Rücksichtslos werden Radfahrern und Fußgängern die Wege versperrt. Besonders Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen leiden unter diesem Verhalten. Gerne wird auch noch bei Rot über die Kreuzung gebrettert, selbst wenn die Fußgängerampel schon Grün zeigt. Eine Blitzanlage an der Kreuzung Bockenheimer Landstraße, Taunusanlage würde täglich dutzende Rotsünder erfassen. Das alles sind Leute, die mir vorschreiben wollen, wie ich Fahrrad zu fahren habe oder allein schon die Existenz von Radfahrern auf öffentlichen Straßen für eine Zumutung halten. Ich habe noch nie gesehen, dass Menschen, die eher mit dem Handy beschäftigt waren als mit dem Steuern ihres Fahrzeugs, von der Polizei angehalten und verwarnt wurden. Ebensowenig habe ich gesehen, dass bei Autos, die Rad- und Gehwege versperren, Strafzettel hinter den Scheibenwischer geklemmt, oder sie gar abgeschleppt wurden. Ja, ich weiß, man kann das alles nicht verallgemeinern. Aber das sind tägliche Beobachtungen und Erfahrungen, die dafür sprechen, dass hier nicht nur eine kleine verschwindende Minderheit gemeint ist. Vielmehr handelt es sich um weit verbreitete Phänomene und nicht um zu vernachlässigende Einzelfälle.

Die Zukunft

Ja, mich nervt es auch, wenn ich als Fußgänger von Radfahrern auf dem Gehweg bedrängt werde. Allerdings geschieht das viel seltener als dass ich von Autos vom Radweg verdrängt werde. Jetzt komme mir niemand mit dem „Argument“ es gäbe zu wenig Parkplätze. Das ist Unfug, die ganze Stadt ist unterkellert für die Blechkisten. Und außerdem wird andersrum ein Schuh draus: Es gibt genügend Parkplätze, es gibt nur zu viele Autos. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich, dass eine zukunftsgerichtete, städtische Verkehrspolitik eine Politik zu Lasten des Autos sein muss.
Bettina Hartz schrieb am 10. März 2015 in der Zeit über die Entwicklung des Radverkehrs in Berlin: „Um die Belastungen, die durch den motorisierten Verkehr entstehen, zu verringern, hilft nur eines: Man muss die Anzahl der Fahrzeuge reduzieren, indem man systematisch Straßen und Parkraum rückbaut, Geschwindigkeitsbegrenzungen einführt und Gebühren nach dem Verursacherprinzip eintreibt. Wer unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren oder dort eins halten will, muss dafür zahlen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Frankfurt Album

Der Kinkster in Frankfurt

Siebzig Jahre ist er mittlerweile alt, der „Texas Jewboy“ Kinky Friedman. Von der Vitalität, die er ausstrahlt kann ein Großteil des in Ehren ergrauten Publikums allenfalls noch träumen. Dem angemessen war der Saal der Brotfabrik an diesem Abend bestuhlt.

Schon vor Konzertbeginn signierte er am Merchandising-Stand CDs und Bücher, nicht ohne jeden mit Handschlag zu begrüßen. „God bless Texas“ hat er auf meiner CD vermerkt. Standesgemäß in Cowboyschwarz gekleidet, die obligatorische – unangezündete – Zigarre in der Hand oder im Mundwinkel, stand er da, plauderte mit dem Publikum und verbreitete gute Laune. Es ging pünktlich los in der gut besuchten Brotfabrik. Auf der Bühne stand ein Multitalent, ein Countrysänger, ein Comedian, ein erfolgreicher Autor und nicht zuletzt ein Politiker. Als Unabhängiger kandidierte er 2006 für das Amt des Gouverneurs von Texas.

Im Mittelpunkt stand an diesem Abend die Musik. Natürlich gab es auch seinen größten Hit zu hören: They Ain`t Makin` Jews Like Jesus Anymore.  Zwischen den Songs erzählte Friedman aber immer wieder Geschichten, Witze und Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bei denen alle ihr Fett abbekamen: Frauen, Männer, Politiker und Deutsche (The Germans are my second favorite people in the world. The first are all the other ones). Immer wieder spielte auch sein Kumpel Willie Nelson eine Rolle und Friedman ließ es sich nicht nehmen einige seiner namhaften Fans zu nennen, von Dylan über Bill Clinton bis hin zu Nelson Mandela. Dieser hörte angeblich täglich in seiner Zelle auf Robben Island eine geschmuggelte Kassette mit Songs des Kinksters. Das Publikum lauschte mit Ehrfurcht und hatte seinen Spaß, lachte auch bei einigen eher zotigen Scherzen und spendete reichlich Beifall. Kinkys trockene Witze kamen im Stil von W.C. Fields daher, manchmal jedenfalls, möglicherweise auch wegen des Whiskeys, von dem er gelegentlich nippte. Selbstverständlich wurde auch die Zigarre hin und wieder als Requisit eingesetzt, blieb aber den ganzen Abend über kalt.

Der Autor Kinky Friedman kam ebenfalls zu seinem Recht an diesem abwechslungsreichen Abend. Er las die Geschichte seines Vaters, der im 2. Weltkrieg Navigator der US Airforce war, an Angriffen auf Deutschland teilnahm und half Nazideutschland zu besiegen. Kinky will ihn mit seiner Geschichte vor dem Vergessen bewahren.

In der Pause und nach dem zweistündigen Konzert wurden wieder Hände geschüttelt, gelacht und CDs signiert. Das begeisterte Publikum hat einen Mann erlebt, der Spaß hatte an dem was er tat. Als Schlusswort wünschte er sich, Musikerinnen und Musiker würden die Welt regieren, die könnten das sicher besser als Politiker. Viel Applaus. Es war ein großer Abend mit einem großen Entertainer.

Das besoffene Schwein oder Meine Berlinale

Die Berlinale ist zu Ende. Das freut, nein, erleichtert mich etwas. Die ausführliche Berichterstattung auf Radio Eins weckte wehmütige Erinnerungen an Zeiten, die ich selbst bei der Berlinale verbracht habe. Über Jahre war ich dabei, nahm eine Woche frei und ging ins Kino. Auch schon zu Zeiten, als das Festival rund um den Zoopalast und das Delphi-Kino in West-Berlin angesiedelt war. Um Karten habe ich mich nie im Vorverkauf bemüht. Für Filme aus den Panorama- oder Forum-Reihen bekam man meistens noch Tickets an der Kasse, ebenso für Wettbewerbs-Wiederholungen. Es genügte eine halbe Stunde vor Filmbeginn dort zu sein. Hin und wieder bekam ich dann auch mal eine Karte geschenkt von Leuten, die sie selbst nicht nutzen konnten. Eine Freundin war Kamerafrau und bei der Berlinale akkreditiert. Sie versorgte mich ebenfalls gelegentlich mit Freikarten. Das lief nach dem Zufallsprinzip. Sie bekam nur jeweils eine Karte pro Film und auch nur eine für zeitgleich laufende Vorführungen. Ich mußte mich also danach richten, was sie sehen wollte und wußte daher oft nicht, was mich erwartete. Auf diese Weise habe ich Filme gesehen, die niemals den Weg zu einem deutschen Verleih gefunden haben. Die meisten davon habe ich vergessen aber einige sind mir im Gedächtnis haften geblieben.

Am eindringlichsten erinnere ich mich aber an einen Dokumentarfilm, dessen Titel mir mittlerweile entfallen ist und den ich mir ohne die Berlinale sicher niemals angesehen hätte. Der Film stammte, so ich mich richtig erinnere, von zwei französischen Regisseurinnen, vielleicht waren es auch Engländerinnen. Er behandelte ein japanisches Internat, nicht irgendeins, sondern ein Internat, in dem Catcherinnen ausgebildet werden. In Japan scheint Frauencatchen eine angesagte Sache zu sein, bei der viel Geld im Spiel ist. Der Film begleitete die Frauen in ihrem Alltag, einem Alltag der geprägt war von Disziplin, Training und militärischen Drill. Sie wurden angebrüllt und gedemütigt, wie man es sich nur auf einem Kasernenhof vorstellen kann. Die Aufseherin, anders kann man es nicht sagen, war eine kräftige Frau mit kurzgeschorenen Haaren, die versuchte die künftigen Catcherinnen zu Kampfmaschinen zu erziehen. Die Dokumentation folgte einer jungen Kämpferin, die etwas zierlicher war als ihre Kolleginnen. Ihr Schicksal war exemplarisch. Dadurch, daß die Kamera immer sehr nah am Geschehen war, entwickelte der Film eine ungeheure Intensität, was unter anderem dazu führte, daß ich ihn auch nach Jahren noch sehr deutlich vor Augen habe. Die Ausbildung der Frauen, während der es kein Privatleben gibt, dauert ein Jahr. Nur eine Frau hat aufgegeben in der Zeit, alle anderen haben durchgehalten. Nach diesem Jahr werden die Frauen in ihre ersten Profikämpfe geschickt. Ich ertappte mich wie ich die Fäuste ballte, mit der Protagonistin mitfieberte und sie innerlich anfeuerte als sie erstmals im Ring stand: „Mach sie fertig, hau sie um, laß dich nicht unterkriegen, wehr dich…“. So in etwa lautete mein innerer Monolog. Sie hat den Kampf verloren.

Mein schönstes Kinoerlebnis habe ich ebenfalls der Berlinale zu verdanken. Es war das Jahr, in dem Detlev Bucks Film Wir können auch anders im Wettbewerb lief. Der Film bedeutete den Durchbruch für Joachim Król als Schauspieler. Meine damalige Nachbarin und gute Freundin kannte Król aus gemeinsamen Schulzeiten in Herne. Sie waren Jugendfreunde. Król besuchte sie als er mit dem Film bei der Berlinale war. Am nächsten Tag gab es für einige Freunde und Bekannte eine Privatvorführung von Wir können auch anders im Delphi-Kino. Ich durfte dabei sein. Es saßen vielleicht 17 Leute in dem riesigen Kinosaal, dabei auch Sophie Rois. Anschließend gingen wir mit einer kleiner Gruppe irgendwo was trinken, leider ohne Sophie Rois. Joachim Król plauderte ein bißchen aus dem Nähkästchen über die Entstehungsgeschichte des Films, zum Beispiel, wie sie versucht haben, das Schwein mit in Bier getränktem Brot ruhig zu stellen. Das sind die unvergesslichen Geschichten, die das Kino schreibt. Der Film ist bis heute eine meiner liebsten Komödien und der Satz „Gelder sind vorhanden“ gehört seither zu meinem aktiven Wortschatz.

Natürlich kann man das ganze Jahr ins Kino gehen, aber es ist die besondere Atmosphäre, die ein Festival wie die Berlinale zu etwas Besonderem macht. Morgens um neun sitzt man normalerweise nicht im Kino, bei der Berlinale schon. Und drei Filme schaut man auch nicht an einem Tag, bei der Berlinale schon (ich weiß, es gibt Leute, die schaffen fünf). Im Kinosaal herrscht eine besondere Spannung, die noch geschürt wird vom Festival-Trailer und der Musik. Und dann geht es los. Die Filme werden immer in Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt und anschließend gibt es Applaus oder eben auch Pfiffe. Nach dem Abspann stehen Regisseure und Darsteller für Fragen zur Verfügung. In den Pausen zwischen zwei Filmen versucht man irgendwo einen Platz zu finden, wo man in Ruhe einen Kaffee trinken, oder was essen kann. Und dauernd begegnen einem Menschen, die man sonst nur im Kino oder im Fernsehen sieht. Nach drei Filmen, mehr hab ich nie geschafft, brauchte ich abends immer eine ganze Weile um mich wieder im Alltag zurecht zu finden. Die Berlinale, das war immer eine Woche in einem Paralleluniversum, ein Ausflug ins Ungewisse und Andere. Und das muß ich unbedingt mal wieder haben, vielleicht nächstes Jahr