Nachts an einer Kreuzung

Das Thema Warten beschäftigt mich momentan besonders und in diesem Zusammenhang musste ich an eine kleine Begebenheit denken, die mir irgendwann im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts widerfahren ist..

Ich fuhr gegen zwei, drei Uhr in einer Sommernacht mit dem Fahrrad von Prenzlauer Berg zurück nach Hause in Kreuzberg. Die Ampel an der Kreuzung Friedrichstraße / Unter den Linden zeigte Rot. Weit und breit war kein Auto unterwegs und jeder andere Radfahrer hätte die Kreuzung trotz roter Ampel überquert. Ich blieb stehen. Anders als die meisten Radfahrer bleibe ich oft stehen, wenn eine Ampel Rot zeigt, selbst wenn ein völlig gefahrloses Weiterfahren möglich wäre. So eilig habe ich es meist nicht und genieße diesen Moment des Innehaltens und der Entschleunigung. Ich schau mir die Gegend an oder die Gesichter in den Autos um mich herum.

In dieser Nacht an der Kreuzung in Berlin-Mitte hielt dann ein Polizeiauto neben mir. Die Polizistin auf dem Beifahrersitz sprach mich an und sagte: „Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt zehn Euro geben.“ Ich schaute verdutzt und sie fuhr fort: „Sie bleiben mitten in der Nacht an einer roten Ampel stehen und das Licht geht auch. Sowas sehen wir nicht oft.“ Zehn Euro wären wohl der Tarif, wenn ich die Ampel regelwidrig überfahren hätte. Ich erwähnte noch, dass ich viel Wert auf ein funktionierendes Fahrrad legen würde. Der männliche Kollege am Steuer ergänzte abschließend: „Wahrscheinlich ist das Rad geklaut.“ Irgendein Haar in der Suppe musste doch zu finden sein.

Wir lachten, die Ampel schaltete auf Grün und ich fuhr weiter Richtung Kreuzberg.

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Tour de Bier – Wie alles anfing

Seit gut einem Jahr sind die Offenbacher Designerin „Mokka“ und ich auf Tour de Bier. Zumindest dann, wenn das Wetter es zulässt, denn die Tour de Bier ist eine Fahrradreise in mehreren Etappen.

Bier Hannes

Der zweite Besuch während der Tour de Bier – Bier Hannes in Frankfurt.

Mokka und ich lernten uns über Twitter kennen. Schnell stellten sich einige identische Interessen heraus, darunter das Radfahren. Sie hatte die schöne Angewohnheit, sonntags mit ihrem Mountainbike kleine Brauereien im Rhein-Main-Gebiet zu besuchen, dort zweidrei Bier zu trinken und ggf mit dem Zug wieder zurück zu fahren. Das Konzept gefiel mir und irgendwann brachen wir zu unserer ersten gemeinsamen Tour auf. Das Ziel war Rüsselsheim. Im Stadtteil Haßloch steht Das Brauhaus. Ich fuhr damals noch Rennrad, wir brauchten also eine Strecke, die für die schmalen Reifen meines Rades geeignet war. Auf dem Mainradweg geht das so einigermaßen.

An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen und etwas über das Radfahren in Begleitung erzählen. Es genügt nicht, dass sich zwei Menschen für gemeinsame Radausflüge zusammentun, die gerne Fahrrad fahren. Damit diese Ausflüge Spaß machen, sind ein paar Voraussetzungen, außer dass man sich gut versteht, unabdingbar. Es ist hilfreich, wenn beide, oder auch eine größere Gruppe, über etwa die gleiche Kondition verfügen und auch das selbe Tempo fahren können. Wenn jemand alle halbe Stunde eine Pause braucht, weil Beine und Hintern schmerzen, ist das Vergnügen schnell getrübt. Auch beim Anblick einer Steigung sollte man nicht ins Jammern verfallen, sondern den blöden Berg halt klaglos hochfahren, schließlich gibt`s eine gute Gangschaltung. Ebenso hinderlich für eine schöne und erholsame Radtour ist es, wenn jemand mit übermäßigem Mitteilungsdrang teilnimmt. Für mich ist es unerträglich, wenn ich auf dem Rad permanent zugetextet werde. Ich mag die Stille, das gleichmäßige Treten und Dahingleiten. Vögel will ich hören und den Wind, kein Gelaber. Das ist meditativ und macht den Kopf frei. Wenn die Tour dann doch mal länger und anstrengender wird als geplant, auch dann sollte man nicht anfangen, laut zu klagen, zu fluchen und zu schimpfen. Das macht es nicht besser, ganz im Gegenteil. Auch diese Strapaze wird irgendwann ihr Ende finden und wenn man dann vor einem köstlichen, kühlen Bier sitzt, denkt man, dass es sich doch gelohnt hat. All das funktioniert mit Mokka perfekt. Ich bin schon mit vielen Menschen Rad gefahren, durchaus auch längere Strecken und ganze Radreisen über hunderte von Kilometern, aber mit niemandem war es entspannter und wohltuender als mit ihr. Der Gerechtigkeit halber muss ich meinen Freund Hpunkt erwähnen, mit dem ich Ende der Achtziger- Anfang Neunzigerjahre Frankreich in allen Richtungen durchquert habe, wobei es auch nie die kleinste Unstimmigkeit gab. Aber das ist fast 30 Jahre her.

Fahrräder

Pause auf dem Weg nach Groß-Umstadt

Hilfreich ist es auch, wenn beide ein ähnliches Rad fahren. Deshalb habe ich mir im letzten Jahr ein gebrauchtes Moutainbike zugelegt. Aber im letzten Jahr, bei unserer ersten gemeinsamen Tour, war ich noch mit dem Rennrad unterwegs. Schon nach wenigen Kilometern war klar, dass wir gut zusammen fahren konnten. Die Strecke war ok, wenn auch unspektakulär. Die letzten Kilometer vom Main nach Haßloch nervten allerdings. Im Das Brauhaus waren wir jedoch schnell versöhnt. Es liegt im idyllischen Dorfkern mit Kirche, Kastanie und Kopfsteinpflaster. Im hübschen Biergarten fanden wir problemlos einen Platz, die Räder im Blick. Wir freuten uns auf das Bier und wurden nicht enttäuscht. Es war naturtrüb, hatte eine schöne Hopfennote und war sehr süffig. Auch dass es nur 4,4% alc hatte, ist für Radfahrer ein Vorteil. So konnten wir eins mehr trinken. Auch die Küche hat überzeugt. Deftige Gerichte zu sehr angemessenen Preisen. Zwei bis drei Biere später machten wir uns gesättigt und gestärkt auf den Rückweg. Mokka packte sich noch zwei Literflaschen in den Rucksack. Ein schöner Rückenwind unterstützte unsere bierschweren Beine und nach siebzig Kilometern war die erste gemeinsame Fahrt beendet. Es sollte nicht die einzige bleiben.

Bergstraße

An der Bergstraße auf dem Weg nach Heppenheim

Einige Wochen später fuhren wir erneut nach Haßloch, dieses Mal in Rahmen der Tour de Bier. Die Idee entstand nach unserer ersten Fahrt. Wir recherchierten nach unabhängigen Brauereien mit eigenem Ausschank in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet. Es gibt immerhin ca. 45 solcher Betriebe, von unterschiedlicher Größe. Ein Frankfurter Verlag fand die Idee verlockend und wird ein Buch daraus machen. Wir entwarfen ein Anschreiben und entwickelten einen Fragebogen. Über eine eigens eingerichtete Mailadresse schrieben wir alle Brauereien an. Immerhin 25% antworteten. Im Sommer 2016 ging´s also los. Anfangs vereinbarten wir Termine mit den Brauern. Das nahm aber meist zwei bis drei Wochen mit Telefonaten, Emails und so weiter in Anspruch, bis ein Termin zustande kam. Und dann sind wir natürlich vom Wetter abhängig, bei Regen wollen wir nicht fahren. Es war also ein sehr aufwändiges Verfahren, das unseren Zeitplan komplett sprengte. Hatten wir dann aber endlich einen Termin, ergaben sich immer interessante Gespräche mit den Brauern, die sich oft über zwei Stunden hinzogen. Mittlerweile fahren wir ohne Ankündigung zu den Zielen, in der Hoffnung, dass vielleicht spontan ein Gesprächspartner zur Verfügung steht. Oder wir melden uns einzwei Tage vorher telefonisch und kündigen unseren Besuch an. Ein angenehmer Vorteil bei verabredeten Terminen war, dass wir dann meist eingeladen wurden. Bei spontanen Besuchen ist das nicht so.

Biergläser

Brauhaus in Mainz-Kastel

Braukessel

Kessel im „Halben Mond“ in Heppenheim

Mittlerweile haben wir etliche Brauereien abgeradelt. Es waren unterschiedlichste Betriebe dabei, von der mittelständischen Brauerei mit eigenem Vertrieb bis hin zu kleinen Wirtshausbrauereien, die nur für den Eigenbedarf brauen. Aber eines verbindet sie alle, die Qualität der Biere. Überall hat uns das Bier, bei allen Unterschieden, sehr gut geschmeckt. Handwerklich gebraut und meist ungefiltert, unterscheidet es sich deutlich von den „Industriebieren“, die aus nahezu jedem Kneipenzapfhahn fließen und die Supermarktregale verstopfen. Vielfalt und geschmackliche Abwechslung sind zu allererst bei den kleinen, handwerklichen Brauereien zu finden. Angesprochen auf den Craftbier-Hype, antworten die meisten Brauer dann auch sehr selbstbewusst: „Wir machen schon immer Craftbier.“

Glaabsbräu

Bei Glaabsbräu in Seligenstadt

 

 

Was ist Warten?

Angeblich verbringt der Mensch im Laufe seines Lebens ungefähr fünf Jahre mit Warten. Das ist eine Menge Zeit. Aber was ist dieses Warten eigentlich?

Es gibt unterschiedlichste Ausprägungen des Wartens. Da ist zum Beispiel das alltägliche Warten auf Bus, Bahn etc. Oder das Warten an der Kino- Konzertkasse. Eher lästige Situationen, die auch zeitlich anders empfunden werden. Eine Warteminute auf einem Bahnsteig oder an einer Haltestelle scheint 120 Sekunden zu haben. Dann gibt es das Warten auf etwas Schönes, Urlaub etwa oder die Ankunft eines geliebten Menschen. Auch in diesen Zeiten scheint die Zeit nicht vorüber zu gehen. Ist der Urlaub oder der geliebte Mensch endlich da, vergeht die Zeit wieder rasend.

Es gibt die Floskel „Das Warten hat ein Ende“. Sie wird meistens eingesetzt, wenn ein neues Produkt plaziert wird, ein Auto etwa oder ein Telefon. Auch bei saisonalen Besonderheiten wird sie gerne verwendet, zum Beispiel wenn die Spargelsaison beginnt. Dieses Warten, das angeblich ein Ende hat, ist im eigentlichen Sinne kein Warten, denn es tangiert den Alltag nicht. Es wird erst dann zu einem Warten, wenn irgendwelche Nerds die Nacht vor einem Telefonladen campieren, um als Erste bei Ladenöffnung das neue Modell in Händen zu halten.

Das Warten, oder Ausharren, ist ein Zustand vermeintlich außerhalb der Zeit. Es ist ein passiver Zustand, oftmals auch ein lähmender. Wer auf eine Antwort wartet, ohne die irgend etwas nicht weitergeht, fühlt sich gelähmt und behindert. Wenn diese notwendige Nachricht länger, trotz wiederholter Ermahnungen, ausbleibt, kann die oder der Wartende durchaus aggressiv reagieren. Daher wird Warten oft mit dem Adjektiv „passiv“ verbunden. Zur Passivität verurteilt zu sein ist eine quälende Zeit, die auch nicht, oder nur schwer, anderweitig sinnvoll genutzt werden kann. Quälend kann die Zeit des Ausharrens auch beim Warten auf eine medizinische Diagnose sein. Oder, wie mag sich ein Gefangener in der Todeszelle fühlen beim Warten auf die Hinrichtung?

Warten kann auch als Ausdruck von Macht eingesetzt werden. Jemanden warten zu lassen bedeutet, denjenigen nicht ernst zu nehmen, zu mißachten. Der kann ruhig noch warten heißt, der ist egal, nicht wichtig. Und doch lassen wir ständig andere warten. Es kann fatale Folgen haben, jemand zu lange warten zu lassen, bis derjenige eine Entscheidung trifft, die das Warten beendet. Nur wer in einer Position der Stärke ist, kann es sich leisten andere immer wieder zu vertrösten. Abhängige sollten niemals jemand warten lassen. Andere warten lassen zu können ist ein Privileg der Mächtigen, warten zu müssen, das Schicksal der Ohnmächtigen.

Bislang stellt sich der Zustand des Wartens als etwas Unangenehmes, Lähmendes dar. Aber gibt es auch etwas wie ein positives Warten? Wer in einen Zug oder ein Flugzeug steigt kann die Zeit bis zur Ankunft durchaus als angenehm empfinden, als eine Zeit, die sich kreativ oder kontemplativ nutzen lässt. Diese Zeit wird dann allerdings nicht als Warten empfunden.

Literarisch ist das Thema merkwürdigerweise nicht sehr präsent (wenn jemand Tipps hat, immer her damit). Die berühmtesten Wartenden in der Literatur sind wohl Wladimir und Estragon in Becketts Warten auf Godot und Penelope in Homers Odyssee, beziehungsweise Molly Bloom in Joyce`Adaption Ulysses.

Ein berühmtes Beispiel in der bildenden Kunst ist Richard Oelzes Gemälde Erwartung. Es ist eine Gruppe von gutgekleideten Menschen zu sehen, bis auf einen alle von hinten, die dichtgedrängt erwartungsvoll in den Nachthimmel starren. Was sie erwarten, erschließt sich dem Betrachter nicht. Dennoch hat dieses Motiv etwas religiöses, denkt man doch unwillkürlich an den Messias, oder einen Erlöser. Aufgrund der Entstehungszeit des Gemäldes 1935/36 sprechen manche Interpretationen auch von der herannahenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die in dem düsteren Himmel symbolisiert ist, in den die Wartenden blicken.

Wartenden wird oft Geduld empfohlen. Die Fähigkeit zur Geduld ist erstrebenswert, auch wenn sie nicht immer hilfreich ist. „Hab`doch etwas Geduld“ heißt ja oft nichts anderes als „Hör auf zu nerven“. Die Floskel „Das Warten hat ein Ende“ ist natürlich eine Lüge, denn das Warten hat erst dann ein Ende, wenn das eintritt, worauf wir alle warten, nämlich unser Ende. Wie also gehen wir mit diesem Warten um? Wie nutzen wir die fünf Jahre?

Ich möchte um Eure Mithilfe bitten. Was verbindet Ihr mit dem Zustand des Wartens, was bedeutet es für Euch? Ist es positiv oder negativ besetzt? Wie nutzt Ihr diese vermeintlich passive Zeit? Beiträge gerne hier in den Kommentaren oder auch kurz auf Twitter unter dem Hashtag #wasistwarten. Vielen Dank.

 

 

 

 

 

 

 

Wandertag – Ein Spaziergang im Rheingau

Als ich am Morgen des Samstags auf meinen kleinen Balkon trat, war ich überrascht, dass es recht kühl war und bewölkt. Ganz anders als die Tage vorher, die von Temperaturen über 30 Grad geprägt waren. Die Vorhersage meines Telefons hatte ebenfalls sonniges, wenngleich nicht mehr so heißes Wetter prognostiziert. Was also sollte ich anziehen für den schon lange geplanten Ausflug mit J. in den Rheingau? Schnell stellte sich heraus, dass ich viel zu warm angezogen war. Als wir in Wiesbaden-Biebrich den Zug verließen, schien die Sonne und das Thermometer zeigte 25 Grad. Die Jacke war überflüssig, die Jeans zu dick, ebenso wie die Socken. […]

Wir hatten uns im Frankfurter Hauptbahnhof getroffen, um gemeinsam mit dem Regionalexpress in den Rheingau zu fahren. Dort wollten wir ein wenig herumspazieren und natürlich auch Wein trinken. Das ist etwas, was ich an Frankfurt besonders mag; man ist in einer Stunde im Rheingau und kann einen Tag Urlaub machen. Nach Biebrich braucht man sogar nur 45 Minuten. Auch für einen Tagesausflug mit dem Rad ist das geeignet.

Wandertag, kunst

Kunst am Rhein

Wer den heruntergekommenen Bahnhof verlassen hat, braucht nur noch eine vierspurige Straße zu überqueren, um anschließend in den schönen Biebricher Schlosspark zu gelangen. Der Tagesurlaub kann beginnen. Wenn der Park durchquert ist, steht der Spaziergänger schon fast am Rheinufer. Nur eine Straße muss noch überwunden werden. Der Fluss schimmert im Sonnenlicht, die Luft ist frisch und der Wind lindert die Temperatur. Frachtkähne ziehen vorbei und etliche Freizeitkapitäne haben ihre Segel- beziehungsweise Motorboote flott gemacht. Es herrscht ein reges Treiben auf dem Strom. Unser Ziel ist Eltville, dieser Schatz im Rheingau. Zehn Kilometer Wandervergnügen liegen vor uns. Ich ziehe die Jacke aus und genieße es, mit J. am Rheinufer zu spazieren. Wir haben den gleichen Rhythmus, reden und schweigen. […]

Wandertag, Schierstein

Bei Schierstein

An der Schiersteiner Brücke werden wir vom Fluss weggezwungen. Die marode Brücke wird seit über zwei Jahren instandgesetzt. Der Uferweg ist versperrt. Zwischen zwei Wohncontainern huscht ein Bauarbeiter in Unterhose mit Rasierschaum ums Kinn über das staubige Areal. Vor den Containern Campingmöbel und ein Grill. Nach kurzem Umweg geht es weiter am Rheinufer. In einem Seitenarm bei Schierstein liegen zahlreiche Boote und Jachten. Am anderen Ende der Bucht paddeln Jugendliche in Kanus und Kajaks um die Wette, ein Regattafest. Am Ufer einige Stände. Wir machen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, zusammen für zwei Euro, eine Pause und schauen dem Treiben auf dem Wasser zu. Ein Büchertisch des örtlichen Unterstützervereins der Stadtbibliothek, den „Leseratten“ bietet eine Menge gebrauchter Taschenbücher für einen Euro an. Ich entdecke nichts, was mich interessiert hätte. J. und ich sind uns einig, dass wir Begriffe wie „Leseratte“ oder „Bücherwürmer“ nicht mögen, wobei sie ein gewisses Verständnis für „Bücherwurm“ aufbrachte. Ebenso einig sind wir in der Vermutung, dass wir wahrscheinlich ebenfalls paddeln würden, lebten wir in Schierstein oder irgendwo direkt an einem Fluss.

Wandertag, Störche

Storchennester

Wieder am Rheinufer blieben wir stehen und blickten erstaunt an einem Strommast empor. Schon während unseres kleinen Spaziergangs sahen wir Störche, die ihre Runden drehten. Immer wieder ein beeindruckender Anblick. Am Rheinufer hinter Schierstein standen wir nun vor einem Mast, auf dem drei Storchenpaare ihre Nester gebaut hatten. Ein Nest in etwa zehn Metern Höhe, ein weiteres etwa zehn Meter höher, das dritte ganz oben, dort wo die Leitungen verlaufen. In den Nestern einige Jungvögel. Bei den beiden unteren Nestern saß jeweils ein Vogel in gleicher Höhe auf der anderen Seite des Mastes und beobachte die Umgebung. Als die üblichen Photos gemacht waren, ging es weiter Richtung Eltville.

Wandertag, Eltville

Weinprobierstand in Eltville

Nach zwei Stunden hatten wir das malerische Städtchen erreicht. […] Nach einem Gang durch das schöne Städtchen und der Besichtigung des Burghofs nebst Rosengarten, steuerten wir den „Eltviller Weinprobierstand“ am Ufer an, ein erstes Ziel des Wandertags. Jedes Rheingau-Städtchen am Rheinufer hat so einen Weinstand. Wir fanden problemlos ein schattiges Plätzchen an einem der zahlreichen Tische und versorgten uns mit Wein, Wasser und Brezeln, alles zu äußerst erschwinglichen Preisen. Der Wein sehr schmackhaft, wie es zu erwarten war. Es gab keinen besseren Ort auf der Welt an diesem Samstagnachmittag, als diesen Weinstand am Rhein mit einem Glas kühlen Rheingau-Riesling.

Nach zwei Stunden und zwei Gläsern Wein, die uns in eine entspannte Trägheit versetzten, verließen wir den gastlichen Ort. Wir wollten noch etwas durch Weinberge spazieren und den Blick über das Rheintal genießen. Also marschierten wir los ins nahe gelegene Kiedrich. Vorher ging`s nochmal durch den Burghof, in dem wieder ein Vogel unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Diesmal kein Storch, sondern eine Ente. Sie brütete in einem Nest, das malerisch in die Astgabel einer mächtigen Plantane eingebettet war, die den Burghof dominierte. Bislang war ich davon ausgegangen, dass Enten in Ufernähe brüteten. In einem Nest auf einem Baum hatte ich noch nie eine Ente gesehen, J. auch nicht. Auch ornithologisch hatte unser kleiner Ausflug also eine Menge zu bieten. Und dabei habe ich die Bussarde, die hier und da über unseren Köpfen kreisten, noch gar nicht erwähnt.

Wandertag, Ente

Ente brütet in einer Platane im Eltviller Burghof.

Von Eltville nach Kiedrich sind es ungefähr vier Kilometer. Man muss nur den Piktogrammen für den moderat ansteigenden Rheinsteig-Wanderweg folgen. Schnell haben wir Eltville hinter uns gelassen und gehen durch die Weinberge des Rheingaus. Ein Spaziergänger führt seinen Hund aus, sonst kommt uns niemand entgegen. Schon bald sehen wir den mächtigen Kirchturm der katholischen Kirche St. Valentinus und nach einer dreiviertel Stunde haben wir den Ort erreicht. Die leichte Weinseeligkeit, die wir aus Eltville mitnahmen, war verflogen. […] Wir konnten also nachlegen. Die Auswahl entsprechender Ausschankbetriebe war groß. Wir entschieden uns für eine Straußwirtschaft, die ich von einem Besuch im letzten Jahr bereits kannte. Da saßen wir allerdings im Gastraum, dieses Mal konnten J. und ich draußen Platz nehmen. Fünf bis sechs Tische verteilten sich in dem geräumigen Hof des Gutsausschanks. Die Speisekarte war übersichtlich und vielversprechend. Ich bestellte einen Riesling, den preiswertesten für € 2,80/0,2l., J. entschied sich für einen Grauburgunder. Wir waren sehr zufrieden.

Wandertag, Kiedrich

Ein letzter Riesling in Kiedrich

Nach einer halben Stunde gesellte sich ein älteres Ehepaar zu uns. Erwartungsgemäß kamen wir nach einiger Zeit ins Gespräch. Sie hatten ihr ganzes Leben in Kiedrich verbracht. Es wurde das Aussterben des Dialekts beklagt, und diverse Kostproben typischer mundartlicher Begriffe und Sätze zum Besten gegeben. […]

Unsere Tischnachbarn waren rüstig, er meinte, er sei jetzt „zum zweiten Mal Vierzig“ geworden, sie war 77. Die Dame freute sich auf den autofreien Sonntag in einem Teil des Mittelrheintals, der am folgenden Tag stattfinden sollte, sie würde immer mit dem Fahrrad daran teilnehmen. Ich konnte es mir nicht verkneifen und wollte wissen, ob sie ein E-Bike fahre. Voller Empörung wies sie das zurück. Solange es noch ginge, fahre sie ein normales Fahrrad ohne Motor. Es würde ihr nur vor dem Anstieg von Eltville nach Kiedrich grausen. Aber es gäbe schließlich eine Gangschaltung und irgendwann würde sie auch oben ankommen. Sie sei ihr ganzes Leben Rad gefahren, genau wie ihr Mann. Der allerdings könne das nicht mehr, weil er zwei künstliche Kniegelenke hätte, von denen das rechte Probleme mache. Das müsse jetzt abermals operiert werden und er hoffe, danach wieder Radfahren zu können. Wir waren beeindruckt. So kann man altern.

Nach zwei Gläsern Wein und einem herzhaften Essen, verabschiedeten wir uns und gingen zum Bus. Unsere Wirtshausbekanntschaft hatte uns verraten, wo und wann der abfährt. Der Bus kam schnell. Ich fragte den Fahrer, ob wir bei ihm auch einen Fahrschein bis Frankfurt kaufen könnten. Das ginge schon, erwiderte er, allerdings könne ich das auch in Eltville machen. Dann sollte ich also jetzt den Bus bis Eltville bezahlen und dort dann nochmal nach Frankfurt, fragte ich verwundert. Das hätte ja niemand gesagt, antwortete der Busfahrer. Wir durften ohne Fahrschein mitfahren.

So endete ein wunderschöner Ausflug auf angenehmste Art. Uns konnten dann auch die übervolle Bahn voller betrunkener, mit Asbachtüten und gefüllten Plastik-Weingläsern beladenen, Rüdesheim-Ausflügler die Laune nicht vermiesen.

Für Sibylle Jud

Am 12. Februar 2016 starb meine gute Freundin Sibylle Jud. Sie wurde nur 50 Jahre alt. Diesen Brief wollte ich schon kurz nach ihrem Tod schreiben. Aber über mehr als einen Satz bin ich nicht hinaus gekommen. Jetzt ein zweiter Versuch. Ich bin es ihr schuldig, auch wenn ich ihr mit meinen unzulänglichen Worten nicht gerecht werden kann.

Liebe Sibylle,

an deinem Todestag, dem 12. Februar 2016, habe ich den Mietvertrag für meine neue Wohnung unterschrieben. Eine Wohnung, die ich sehr mag und die du nie sehen wirst. Dabei bin ich jetzt für Gäste ganz gut eingerichtet. Du müsstest nicht mehr auf der Luftmatraze schlafen, wie in meiner vorherigen Bleibe, die du gut kanntest. Auch wenn du nie hier warst, lebt die Erinnerung an dich auch in dieser Wohnung weiter. Es vergeht seit deinem Tod kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Und das liegt auch an einer bunten, psychedelischen Glühbirne, die du mir für meine erste Wohnung in Frankfurt mitbrachtest. Dort habe ich sie kaum genutzt und wahrgenommen. Merkwürdigerweise hat sie den Umzug überlebt, hängt jetzt in meiner neuen Wohnung in der Küche und leuchtet jeden Tag für eine gewisse Zeit. Es ist dein Licht. gluhbirne

Wir kannten uns seit 20 Jahren. Im Jahr 1996 arbeitete ich in der Buchhandlung Kiepert in Berlin. Dort betreute ich unter anderem die detebe Taschenbuchreihe des Diogenes Verlags. Der Umsatz in der größten Buchhandlung Deutschlands war entsprechend. Das brachte mir in diesem Jahr eine Einladung des Verlags nach Zürich ein. Ich war einer von fünf Buchhändlerinnnen und Buchhändlern aus Deutschland, die zu einem Wochenend-Workshop nach Zürich geladen wurden. Flug, 4-Sterne-Hotel, alles dabei. Das größte Ereignis meines Buchhändlerlebens.

Silke und du waren für unsere Betreuung da. Mit mir hattet ihr am meisten zu tun. Ich war immer der Letzte, der ins Hotel wollte. Es war ein unvergessliches Wochenende. Nach den vier Tagen waren wir Freunde.

Du warst erst kurz zuvor aus Frankfurt zu Diogenes nach Zürich gekommen. In Frankfurt hast du in der berühmten Huss`schen Buchhandlung gearbeitet. Natürlich hatten wir auch gemeinsame Bekannte. Aber wer hätte damals gedacht, dass ich in wenigen Jahren selbst nach Frankfurt ziehen würde und zwar unter tätiger Mithilfe deinerseits? Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ich ohne dich niemals nach Frankfurt zum Suhrkamp Verlag gekommen wäre.

Man begegnet nur selten Menschen, die das eigene Leben in eine andere Richtung lenken. Für mich bist du so ein Mensch. Das war an diesem Wochenende in Zürich allerdings noch nicht absehbar. Wir blieben in Kontakt. Du hattest Freunde in Berlin, von denen ich seitdem einige auch zu meinen Freunden zähle, und kamst gelegentlich nach Berlin. Wir telefonierten ab und zu und trafen uns. Ich habe dich auch immer wieder gerne in Zürich besucht.

Bei einem dieser Besuche wollten wir mit einem deiner Freunde vom Haffmans Verlag einen „Spaziergang“ in den Zürcher Bergen machen. Er sollte etwa drei Stunden dauern, eine überschaubare Zeit. Das Wetter war schön, K., deinen Freund fand ich nett. Also sind wir frohgemut mit K.s Auto ein Stück weit ins Gebirg gefahren. Zu Beginn des „Spaziergangs“ tranken wir Weizenbier auf einer Alm am Sessellift und genossen die Aussicht. Anschließend stiefelten wir guter Dinge los. Ich trug stabile Turnschuhe, heute würde man wohl „Sneaker“ sagen, ihr wart professionell mit Wanderschuhwerk ausgestattet. An einer Weggabelung hast du entschieden, nach links zu gehen statt nach rechts. So wurde aus drei Stunden „Spaziergang“ eine veritable Wanderung von acht Stunden und etwa 1500 Höhenmetern. Ohne Proviant versteht sich, braucht man für drei Stunden auch nicht. Und doch blieb die Stimmung, bei aller Anstrengung, gut. Niemand hat gejammert oder geflucht. Wasser gab`s aus Bächen und irgendwelche Beeren am Wegesrand sorgten für eine rudimentäre Verpflegung. Das Naturerlebnis war dennoch überwältigend. Du gabst der Wandergruppe stets optimistische Prognosen. „Wir sind gleich da“, „Es dauert nicht mehr lang“, „Nur noch über diesen Kamm und dann kommt ein Wirtshaus nahe am Parkplatz“ und so weiter. Wir haben dir geglaubt, das hielt uns bei Laune, bei positiver Laune. Aber dann kam noch ein Kamm, noch ein Hügel, noch ein paar Höhenmeter. Es zog sich, doch unsere Stimmung kippte nicht. Aber irgendwann, nach acht Stunden, als wir die letzte Steigung erklommen hatten, erspähten wir unten im Tal das versprochene Wirthaus. Alles war gut und das Bier wahrscheinlich das beste, das ich jemals getrunken habe. Zu Essen gab es auch was. Wir bestellten. Als ich von der Toilette zurückkam, fand ich euch schallend lachend am Tisch. Der von mir bestellte Wurstsalat hatte sich als ein großer Salatteller entpuppt, in dessen Mitte eine rote Wurst ruhte wie ein junger Hund im Körbchen. Es war ein der Erschöpfung geschuldetes, befreiendes Lachen, das der kleinste Anlass auslösen kann. Dieser achtstündige „Spaziergang“ hat uns verbunden. Es war eine intensive Erfahrung, von der ich bis heute zehre.

Du warst Fußballfan. Der SC Freiburg war dein Verein (haben heute 2:1 gegen Köln gewonnen). Am 28. Mai 1997 bestritten Juventus Turin und Borussia Dortmund das Championsleague-Finale in München. Juve (dein Freund und Kollege Walter war glühender Juve-Fan, ist es wahrscheinlich heute noch) war Tabellenführer in Italien. Der BVB kämpfte gegen den Abstieg. Klar, wer Favorit war. Wir wetteten, du auf Juve, ich auf den BVB. Es ging um zwei Flaschen Champagner. Meine Gewinnaussichten waren eher gering. Es war das Spiel, in dem Lars Ricken zehn Sekunden nach seiner Einwechslung, nach Vorarbeit von Andi Möller, das sensationelle Tor aus 40 Metern schoss, das für immer in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Dortmund hat 3:1 gewonnen und du zwei Flaschen Champagner verloren. Du hast mich später gerügt, dass ich dich an diesem Abend nicht angerufen habe. Den Champagner tranken wir bei mir zuhause in Berlin. Anderthalb Flaschen haben wir geschafft, dann begleitete ich dich durch die Nacht zu deinem Gastgeber ein paar Straßen weiter. Bei mir bleiben wolltest du nicht.

Im Oktober 1999 hatte eine gemeinsame Freundin, K.,die ich selbstverständlich durch dich kennengelernt hatte, Geburtstag. Sie war erst kurz vorher mit ihrem Mann H., von Berlin nach Offenbach gezogen. Wir waren durch dich Freunde geworden und sahen uns in Berlin regelmäßig. Ich fuhr nach Frankfurt. Es war kurz nach der Buchmesse, auf der ich erfuhr, dass der Suhrkamp Verlag Verstärkung für die Verkaufsabteilung suchte. Ich habe mich nicht um den Job bemüht, weil ich bei Suhrkamp niemanden kannte. Wechselwillig war ich aber durchaus. Bei dieser Geburtstagsparty im Oktober 99 war dann auch der Verkaufsleiter von Suhrkamp anwesend, ein Freund und Kollege des Geburtstagskindes, den du selbstverständlich auch kanntest. Du sprachst ihn darauf an, ob die Stelle noch vakant sei. Sie war es, er wolle aber an diesem Abend nicht darüber reden, weil er auch schon was getrunken hätte. Ich solle mich aber schriftlich bewerben, er würde sich daran erinnern. Das tat ich dann auch. Das Geburtstagskind K. legte ebenfalls ein gutes Wort für mich ein. An meinem Geburtstag im Jahre 1999 rief mich der Verkaufsleiter in der Buchhandlung an und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt ein. Wenige Tage später fuhr ich hin. Das Gespräch mit dem damaligen kaufmännischen Geschäftsführer dauerte zehn Minuten. Am Abend hatte ich den Job. Heute ist U., der damalige Verkaufsleiter, ein Freund von mir.

Du hast vor einigen Jahren das Zürcher Büro gegen das Vertreterdasein eingetauscht und warst seither für Diogenes als Vertreterin in NRW unterwegs. Als Wohnsitz hast du Düsseldorf gewählt und dort sehr schnell eine wunderbare Wohnung gefunden. Ich habe dich zwei-dreimal besucht. Dass du Anfang 2014 die Altstadt-Buchhandlung in Ratingen übernommen hast, die von deinem Lebenspartner Sven geführt wurde und noch immer wird, habe ich nicht mitgekriegt. Ratingen, mein Geburtsort.

Im Jahre 2008 trafen wir uns zufällig in Bochum zu einem Konzert der Ruhrtrienale. In der Jahrhunderthalle spielten zum Abschluss Joe Henry, Billy Bragg und Rosanne Cash. Als ich bei der Halle ankam, standen plötzlich du und Sven vor mir. Das war ein wundervolles zufälliges Zusammentreffen. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich kein Hotel gebucht, sondern wäre mit euch nach Düsseldorf gefahren. So waren wir nach dem Konzert nur noch zusammen was essen. Dennoch, das war ein sehr schöner Abend.

Bei der Buchmesse 2014 warst du nicht dabei. Es hieß, du seiest krank. Gut, dachte ich mir, sie hat eine Grippe. Ich schrieb dir eine SMS, die unbeantwortet blieb. Im Folgejahr blieb Diogenes der Messe fern. Aber ich erfuhr, dass deine Krankheit wesentlich ernster war als eine Grippe. Ich weiß nicht, wie du die zwei Jahre nach der Diagnose verlebt hast. Wir hatten keinen Kontakt mehr und ein Leben nach einer solchen Diagnose übersteigt mein Vorstellungsvermögen.

Seit 2014 blieben dann auch die liebevollen Weihnachts- und Neujahrswünsche aus, mit denen du jahrelang deine Freundinnen und Freunde erfreut hast. Es bleibt so vieles aus seitdem.

neujahrsgrus

Liebe Sibylle, ohne dich wäre mein Leben anders verlaufen. Die Welt ist ärmer geworden durch deinen Tod. Du fehlst schmerzlich. Danke für alles.

Stefan

So kam das

friesenbuchhandlung

An diesem Ort in Berlin-Kreuzberg, damals noch 1000 Berlin 61, begann 1980 mein Leben in der Buchbranche. Das Geschäft mit den geschlossenen Rollläden wurde zu der Zeit von einem türkischen Gemüsehändler betrieben. Der Laden auf der linken Seite beherbergte eine kleine Buchhandlung. Sie hieß Friesenbuchhandlung, benannt nach der Straße, in der sie beheimatet war. Die Aufschrift über der Markise ist noch zu entziffern. Eher zufällig kam ich Ahnungsloser zu dem Vergnügen, in einer Buchhandlung arbeiten zu dürfen. Meine einzige Qualifikation: Ich las gerne. Der Gründer und Inhaber der Friesenbuchhandlung war Stammgast in der Kneipe, in der ich seinerzeit arbeitete. Er fragte mich eines Tages am Tresen, ob ich nicht jemand für seine Buchhandlung wüsste, sein Kompagnon sei ausgestiegen. „Frag doch mal mich“, antwortete ich. So kam das. Mal wieder zeigte sich, wie wichtig „Vitamin B“ ist.

Nach drei Jahren trennten sich unsere Wege wieder. In dieser Zeit ist das Wandgemälde, nach eine Idee von mir, entstanden. Es heißt Unter dem Pflaster liegt der Strand, gemäß eines zu dieser Zeit sehr beliebten Sponti-Spruchs. Gemalt hat es Bärbel Rothhaar, eine befreundete Künstlerin, die, nachdem das besetzte Haus, in dem sie lebte, geräumt worden war, bei mir wohnte.

Ich bin sehr froh, dass das Wandbild noch heute zu sehen ist. Die Gegend ist mittlerweile vollkommen durchsaniert und gentrifiziert. Dieses Haus ist ein Relikt aus jener Zeit. Ansonsten prägen aufpolierte Fassaden, Cafés, Gastronomie, Fahrradläden und erlesene Einzelhandelsgeschäfte das Bild. Am Straßenrand parken SUV.

Nach den drei Jahren folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit, die durch eine, vom Arbeitsamt gesponserte, Ausbildung zum Buchhändler beendet wurde. Umschulung von Nix auf Buchhändler. Die Vorstellung, irgendwann einmal im Suhrkamp Verlag zu arbeiten und später auch selbst Bücher zu machen, wäre mir damals so absurd erschienen wie ein Fall der Mauer.

Zweihundert Jahre Draisine

Diesen Text habe ich als Nachwort für meine Anthologie Vom Glück Fahrrad zu fahren – ein literarischer Rückenwind, die im März 2017 im Marix Verlag Wiesbaden erscheinen wird. Vom Verlag wurde der Text allerdings abgelehnt. Er wollte keine Kampfschrift pro Fahrrad und contra Auto. Ich hege deshalb keinen Groll, war von dieser Reaktion auch nicht überrascht. Dieser kleine Text ist ja jetzt dennoch in der Welt. Für die Anthologie schreibe ich ein anderes Nachwort.

Als Karl Freiherr von Drais (1785 – 1851) im Jahre 1817 seine Laufmaschine, die sog. Draisine, erfand, ahnte er nicht, dass er damit eine Revolution auslösen würde. Eine Revolution, die einem fortdauernden Prozess unterworfen ist und allerlei Rückschläge erleiden musste. Bis heute ist der Sieg dieser Revolution noch nicht errungen, allerdings lässt sie sich aber auch nicht mehr aufhalten. Die Drais`sche Erfindung im Jahre 1817 war eine notwendige Reaktion auf das „Jahr ohne Sommer“ 1816. Als im April 1815 die Eruption des Vulkans Tambora in Indonesien für viele Monate die Erde verdunkelte, folgten katastrophale Ernteausfälle und Hungersnöte. Pferde, das bis dahin wichtigste Fortbegungsmittel, konnten nicht mehr mit dem notwendigen Futter versorgt werden. Viele Tiere verendeten, bzw. wurden getötet. Es musste also ein Ersatz her für das Pferd als Verkehrsmittel. Mit der Drais`schen Laufmaschine schien eine Alternative gefunden zu sein.

Dem Erfinder selbst hat die Draisine allerdings nicht allzu viel Glück gebracht. Spott, Intrigen und politische Verfolgung sowie wirtschaftliches Unvermögen bei dem Versuch eine eigene Produktion aufzubauen – Betrügerische Geschäftspartner brachten ihn um all sein Vermögen – läuteten den finanziellen Ruin des Freiherrn von Drais ein. Anfängliche Erfolge weltweit und die schnell wachsende Verbreitung der Laufmaschine führte auch zu verstärkten Konflikten, ähnlich den heutigen zwischen zwischen Radfahrern und Fußgängern. Die Draisine wurde als Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer eingeschätzt und verboten. Das war das Ende der Drais`schen Erfindung. Er starb verarmt am 10. Dezember 1851 in seinem Geburtsort Karlsruhe.

Das Prinzip der zweirädrigen Fortbewegung jedoch war in der Welt und feiert heutzutage Erfolge rund um den Globus.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann der eigentliche Siegeszug des Fahrrads. 1885 wurde, nach Umwegen über das unbequeme und gefährliche Hochrad, mit der Erfindung von Luftreifen und Kettenantrieb die Konstruktion des modernen Niederrades möglich. Nun konnten Fahrräder gebaut werden, die schon alle Merkmale heutiger Räder aufwiesen. Durch die Entwicklung einer Rahmenform, die es auch Frauen in Röcken ermöglichte Fahrrad zu fahren, wurde es zum individuellen Massenverkehrsmittel. Und nicht zuletzt trug das Rad zur Emanzipation der Frau bei. Die Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858 – 1938) schrieb um 1905: Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frau […] mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen.

Durch die massenhafte Verbreitung des Fahrrads wurde es selbstverständlich auch als Sportgerät interessant und bereits in den 1890iger Jahren fanden erste Radrennen statt, auch für Frauen. Das Fahrrad gewann an Faszination und fand Eingang in die Literatur. Im Jahr 1886 begann Adam Opel (1837 – 1895) in Rüsselsheim mit der Fabrikation von Fahrrädern und wuchs schnell zum größten Hersteller Deutschlands. Von ihm ist das zeitlose Wort überliefert: Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad. Auch soll er kurz vor seinem Tode beim Anblick eines Automobils gesagt haben: Aus diesem Stinkkasten wird nie mehr werden als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen! Eine Aussage, die nur wenige Jahrzehnte später widerlegt wurde.

Mit dem Aufkommen des Automobils verlor das Fahrrad immer mehr an Bedeutung. Es wurde zum „Arme-Leute-Vehikel“ für alle, die sich kein Auto leisten konnten oder wollten. Der herablassende Begriff Drahtesel fand Eingang in den Sprachgebrauch und hält sich dort bis heute hartnäckig. Radfahrer wurden belächelt, wenn nicht gar bemitleidet und im Straßenverkehr nicht ernst genommen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges verfolgten viele Bürgermeister zerbombter deutscher Städte das Prinzip der „Autogerechten Stadt“ und ließen breite Schneisen durch ehemalige Wohngebiete schlagen, um diesem Prinzip gerecht zu werden. Für das Fahrrad war da kein Platz mehr und Radfahrer wurden auf Gehwege oder schmale Radwege gezwungen.

Es dauerte einige Jahrzehnte bis die autogerechte Stadt als fatale Fehlplanung erkannt wurde. Städte leiden heutzutage mehr denn je unter dem stetig wachsenden Autoverkehr, der mit Individualverkehr nichts mehr zu tun hat. Die Luftbelastung nimmt immer stärkere gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Lärm, Feinstaub und Stickoxyd belasten die Stadtbewohner und der Flächenbedarf für den Autoverkehr steht in großem Widerspruch zu dringend benötigtem Platz für den Wohnungsbau. Das wurde in vielen deutschen Städten inzwischen erkannt, allerdings verläuft die Umsetzung der notwendigen Maßnahmen vielerorts nur sehr zögerlich. Fahrradpolitik in Deutschland ist oftmals Stückwerk, man will sich nicht mit der Autolobby anlegen und denkt eher an die nächsten Wahlen als an den Ausbau einer funktionierenden Fahrradinfrastruktur. Dabei sind Autofahrer in den Städten eine Minderheit. Die meisten Menschen gehen zu Fuß, nutzen das Rad oder den öffentlichen Nahverkehr. Dennoch verbreitet sich allmählich die Einsicht, dass eine zukunftsfähige innerstädtische Verkehrspolitik eine Politik zulasten des Autos sein muss. Selbst in Millionenstädten wie New York, London und Paris wird mittlerweile viel Geld investiert um den Radverkehr zu fördern und das Auto zurückzudrängen. Berlin will jetzt auch ernsthaft darangehen, die Verkehrsinfrastruktur zugunsten des Fahrrads zu verbessern. Andere deutsche Metropolen tun sich da deutlich schwerer und oft bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Aber immerhin wird unterdessen auch über Radfernwege diskutiert. Einige wurden auch bereits beschlossen und befinden sich in der Planung. Das ist eine Folge der massenhaften Verbreitung des E-Bikes, mit dem sich auch für ungeübte Radler problemlos längere Strecken zurücklegen lassen.

In den letzten Jahren hat das Fahrrad das Arme-Leute-Image vergangener Tage abgelegt und ist inzwischen weit mehr als ein Verkehrsmittel. Es hat sich vielmehr zum Kultgegenstand gewandelt und zum Lifestyleaccessoire. Besonders bei jungen Menschen hat das Fahrrad dem Auto längst den Rang als Statussymbol abgelaufen. Wenn das rasante Wachstum des Radverkehrs weiter fortschreitet, und nichts spricht dagegen, und sich in den Kommunen stärker als bisher die Erkenntnis durchsetzt, das dieses massiv gefördert werden muss, dann wird in nicht allzu ferner Zeit das Fahrrad das sein, was die Draisine für das Pferd war, ein Ersatz für das Auto. Es wäre der späte Sieg des Freiherrn von Drais.