01. November 2014 – Ein Rückblick mit Musik, einer Buchpräsentation, einer Buchmesse und jeder Menge Namedropping

Der Oktober 2014 war ein besonderer Monat

Es fing schon Ende September an mit dem Konzert der Schwestern aus Schweden, die als First Aid Kit derzeit Erfolge feiern. Zurecht, wie ich nach dem Konzert sagen kann. Die eigentliche Sensation aber war der Support, ein junger Mann aus Manchester, Jo Rose, der allein mit seiner akustischen Gitarre auf der Bühne stand und schon nach wenigen Takten das Publikum im gut gefüllten Zoom zum Schweigen und gebanntem Lauschen brachte. Was für eine Stimme, was für wunderbare Songs! Er hat die Musik nicht neu erfunden, braucht sich aber nicht hinter namhaften Kollegen wie M. Ward, Joe Henry, Rufus Wainwright oder auch Neil Young zu verstecken.

Jo Rose Debüt Album

Jo Rose Debüt Album

Nach Konzertende habe ich mir die Debüt-CD gekauft (Vinyl gab`s leider nicht) und vom Künstler signieren lassen. Zuhause dann gehört und erneut völlig überrascht. Anders als auf der Bühne des Zoom, wird Jo Rose hier von einer Band begleitet. Wir hören neben den üblichen Begleitinstrumenten, Bläser, Streicher und eine Steelguitar, großartig arrangiert das Ganze. Nach einer halben Stunde endet die CD und man braucht eine Weile, um von diesem Rausch wieder auf dem Fußboden zu landen. Sensationell – und wenn es eine Gerechtigkeit gibt in der Musikwelt, dann wird dieser Mann eine große Karriere machen und die signierte Debüt-CD in einigen Jahren ein kleines Vermögen wert sein.

Buchpräsentation

Es folgte am 2. Oktober die Vorstellung der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Zwanzig Jahre habe ich auf diesen Moment gehofft, nun war er da und ich entsprechend aufgeregt. Aber es ging alles gut. Die Romanfabrik war sehr gut gefüllt und niemand ist früher gegangen, obwohl sich der Abend in die Länge zog. Etwas über anderthalb Stunden wurde gelesen, nur unterbrochen von einem kleinen und feinen musikalischen Intermezzo durch Elis. Die Reaktionen waren sehr positiv und der Buchhändler hat gut verkauft. Mein alter Freund Joe Bauer aus Stuttgart, der das Vorwort geschrieben hat, kam mit Freundin Barbara angereist und sie blieben über das Wochenende. Wir sind stundenlang durch Frankfurt gelatscht, auf den Spuren der Wegsehenswürdigkeiten.

Buchmesse

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Aufräumarbeiten beim Messeaufbau

Dann natürlich die Buchmesse. Es fing, wie in den letzten Jahren auch, am Dienstag an mit dem Aufbau am Suhrkampstand. Aufbautage sind besondere Tage, der Messebetrieb hat noch nicht angefangen und es ist schön, alte Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Überall ist eine gewisse Euphorie zu spüren. Die Messe ist das Familientreffen der Buchmenschen. Dieser Tag endet traditionell mit Altbier und Brezeln beim Buchmarkt. Dort trifft man dann Menschen aus anderen Verlagen und erfährt die ersten Neuigkeiten. Nicht mehr ganz nüchtern endet der Dienstag und alle freuen sich auf das, was in den nächsten Tagen kommen wird.
Allzuviel will ich über die Messe gar nicht schreiben, das haben mein Messegast Stefan Möller und Wiebke Ladwig bereits trefflich erledigt. Am wichtigsten sind ohnehin immer die Menschen, die man trifft. So konnte ich endlich Stephanie Bart persönlich kennenlernen, mit der ich schon seit einiger Zeit recht intensiv über Twitter verbunden bin. Sie hat mit Deutscher Meister einen beeindruckenden Roman geschrieben, der bei HoCa Spitzentitel ist. Am Donnerstagabend las sie bei Open Books, ich war dabei. Dort lernte ich dann endlich auch mal Philipp Werner kennen, Stephanies Lektor bei HoCa und Moderator der Lesung. Ich hatte mit ihm zu tun, als er meine Anthologie Mit des Blitzes Schnelle im Fischer Taschenbuchverlag betreute. Dieser Kontakt lief allerdings ausschließlich über Mail, getroffen hatten wir uns nie. Dafür gibt es die Messe.
Normalerweise wären wir jetzt nach Sachsenhausen gefahren zum Fest des Fischer Verlages. Aber das fiel wegen irgendwelcher Auflagen der Versicherung in diesem Jahr aus. Dankenswerterweise hat die Titanic ihren Abend von Freitag auf Donnerstag vorgezogen – und ich hatte, Leo Fischer sei Dank, erstmals eine Einladung. Vielleicht das schönste Fest der Messe – in einem Bootshaus am Main mit Skylineblick -, was ich leicht sagen kann, da es auch mein einziges war. Und hätte ich geahnt, was für ein köstliches Büffet die Chefsatiriker auffahren ließen, ich hätte auf die überteuerte Tüte Pommes in der Innenstadt verzichtet. Es war ne Menge Prominenz da, inklusive eines echten Europaabgeordneten.

Ich werde eher nie von Frauen angesprochen, doch bei der Titanic-Party passierte genau das. „Du bist doch der, der mir vor zwei Jahren geholfen hat, die Kisten ins Auto zu schleppen.“ Jetzt dämmerte es auch bei mir. Vor mir stand die wunderbare Undine Löhfelm von Orange Press in Freiburg. In der Tat, es hatte sich damals so ergeben und ich half ihr, die Kisten mit dem Standinventar des Verlags am Ende der Messe zum Auto zu schleppen. Es war eine elende Plackerei. Wir plauderten kurz und dann war sie wieder verschwunden.

Jürgen Roth und ich waren am Freitagabend im Rahmen von Open Books in der Heussenstamm Galerie zu Gast. Unterstützt wurden wir von Dirk Braunstein und Philipp Mosetter, die auch schon bei der Präsentation in der Romanfabrik dabei waren. Die Galerie war sehr gut besucht und ich mal wieder etwas nervös, sollte ich doch erstmals meinen Text vortragen. Zum Glück war die Zeit knapp bemessen, mein Vortrag war nicht mehr nötig und ich habe ein bißchen moderiert. Die beteiligten Herren haben auch alles bestens besorgt. Imposant wie Jürgen Roth den Text von Eckhard Henscheid las. Nach einer knappen Stunde war es zur Zufriedenheit aller erledigt und wir konnten eine nahegelegene Bindingkaschemme aufsuchen.
Der Samstag begann früh. Gegen elf Uhr setzte ich mich aufs Rad und fuhr gen Gallus. In einer dortigen Galerie war eine „Frühschoppenlesung“ annonciert, mit dem Kollegen Jürgen Roth und Thomas Kapielski. Ich kam zu spät, konnte dafür aber meinen Eintrittsobulus frei wählen. Einen Zehner war mir die Sache dann noch wert, war doch unbeschränkt Bier und Kaffee und Rindswurst darin enthalten. Ich nahm alles und amüsierte mich köstlich – wie alle Anwesenden in dem gut gefüllten Hinterhofraum. In Leipzig finden diese Lesungen regelmäßig satt, für Frankfurt war es eine Premiere. Es ist zu wünschen, daß es nicht dabei bleibt. Nachmittags dann auf der Messe ein Treffen mit der sehr geschätzten Twitterfreundin @mokka98. Es war sehr kurzweilig und leider auch zu kurz. Man kann sich trefflich mit ihr unterhalten, Bier trinken (schon wieder) und Fahrrad fahren. Letzeres weiß ich noch nicht, hoffe aber, daß es im nächsten Jahr mal dazu kommen wird. Schön, wenn sich die virtuelle Welt im richtigen Leben wiederfindet.

Arbeiten und Restetrinken – der letzte Tag

Am Sonntag stand ich wieder in Diensten des Suhrkamp Verlages. Es wird verkauft und alles ist recht betriebsam. Große Freude kam auf, als Markus Hablizel vorbeischaute. Er hatte etwas Zeit und wir konnten uns unterhalten. Vor einigen Jahren hatte er mit seinem Verlag noch einen eigenen Stand in Frankfurt. Jetzt steckt er das Geld lieber in andere Sachen, wie z. B. ein fünftägiges Fest in Köln zum fünfjährigen Bestehen seines Verlages. Herzlichen Glückwunsch nochmals an dieser Stelle. Solche Verlage sind das Salz in der Suppe der Literatur.
Dann war schon wieder Schluss, fast. Es folgte noch das Restetrinken beim Folio Verlag. Auch hier war ich erstmals dabei. Irgendwer hatte mich überredet (es war nicht schwer). Vielleicht war doch diese „After Work Party“ und nicht das Titanic-Fest die schönste Party der Messe. Der eifrige Jörg Sundermeier war da, Kristine Listau selbstverständlich auch. Sie hatten noch etwas Zeit, bis der Zug sie zurück nach Berlin bringen sollte. Jörg machte mich mit Deniz Yücel von der Taz bekannt. Ich versprach ihm ein Rezensionsexemplar der Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. Er war sehr interessiert, schließlich sei er Hesse. Viele andere waren auch da und machten sich über die, doch sehr impossanten, Reste her. Und Undine war da. Diesmal hatten wir etwas mehr Zeit zum Plaudern. Jetzt sind wir auf Facebook „befreundet“. Dafür ist Facebook da.
Es sind die Menschen, die die Messe ausmachen, und bei vielen wünschte ich mir, sie öfter als nur einmal jährlich zu sehen (längst nicht alle habe ich hier erwähnt). Verpasst habe ich leider Marion Brasch. Aber daran bin ich selbst schuld.
Also, bis zum nächsten Jahr. Und vielleicht darf ich ja auch mal wieder Kisten schleppen.

Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten

Heute wird, nach einjähriger Arbeit, das von Jürgen Roth und mir herausgegebene Buch Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten ausgeliefert. Es hat 224 Seiten und enthält etliche s/w Photos. Die Photos sind von den Autorinnen und Autoren, sowie von Jürgen Roth und mir. Nicht alle Bilder haben es in das Buch geschafft, deshalb hier einige Beispiele, die nicht aufgenommen wurden. Im Buch blättern könnt ihr hier. © Stefan Geyer

An der Staufenmauer 4

An der Staufenmauer 4

An der Staufenmauer 3

An der Staufenmauer 3

An der Staufenmauer 2

An der Staufenmauer 2

An der Staufenmauer 1

An der Staufenmauer 1

Staufenmauer 2

Staufenmauer 2

Staufenmauer 1

Staufenmauer 1

Roßmarkt 5

Roßmarkt 5

Roßmarkt 4

Roßmarkt 4

Roßmarkt 3

Roßmarkt 3

Roßmarkt 2

Roßmarkt 2

Roßmarkt 1

Roßmarkt 1

U-Bahn Römerstadt 3

U-Bahn Römerstadt 3

U-Bahn Römerstadt 2

U-Bahn Römerstadt 2

U-Bahn Römerstadt 1

U-Bahn Römerstadt 1

Platz der Republik 2

Platz der Republik 2

Platz der Republik 1

Platz der Republik 1

Mit Hut und Blauharz

Brasch, Wunderlich fährt nach Norden.Mit ihrem neuen Roman Wunderlich fährt nach Norden vollzieht Marion Brasch – nach ihrem realitätgesättigtem Debüt Ab jetzt ist Ruhe (2012) – einen mutigen und radikalen Genrewechsel. Sie nimmt uns mit auf eine phantastische Reise und erzählt ein märchenhaftes Roadmovie, in dem die Grenzen der Realität und Logik des öfteren überschritten werden.
Es fängt banal an. Wunderlich – der Name hätte nicht besser gewählt sein können – sitzt mit Marie, seiner Freundin, auf dem Dach eines großstädtischen Altbaus, als sie ihm eröffnet, sie werde ihn verlassen. Alles Bitten und Flehen nützt nichts, sie geht und läßt unseren Helden allein und verzweifelt zurück. Es passiert, was in einer solchen Situation passieren muß. Das Leben muß sich ändern und man tut etwas, was man sonst nicht tut, um dem Alltag und Schmerz zu entfliehen.
Wunderlich kommt der Film Zugvögel – Reise nach Inari in den Sinn. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der allein eine Zugreise nach Finnland unternimmt. Am nächsten Tag setzt Wunderlich, im besten Midlifekrisenalter und eher antriebsarm und phlegmatisch, den Hut auf, fährt zum Bahnhof, kauft sich eine Monatsnetzkarte und besteigt den nächsten Zug nach Norden. So ganz von alleine ist er nicht auf diese Idee gekommen. Da gibt es noch „Anonym“, eine unbekannte Stimme, die sich per SMS meldet. Guck nach vorn hat sie ihm gesagt. Anonym ist eine Art innere Stimme, allerdings eine mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie ist keine gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat, und gelegentlich ist sie auch eigensinnig und verweigert Antworten. Anonym wird Wunderlich auf seiner wundersamen Reise in eine Parallelwelt begleiten. Wunderlich läßt sich von Anonym treiben.
Die Reise beginnt mit einer Schaffnerin mit Blockwartcharakter und ist bereits nach einer Stunde wieder beendet. An einem Geisterbahnhof irgendwo in der Pampa verläßt Wunderlich den Zug wieder – Anonym hatte ihm dazu geraten. Es war doch im Grunde völlig egal wo er gerade war, und hier war es genauso gut wie anderswo. Dort lernt er Finke kennen, eine eigenwillige, undurchschaubare aber nicht unsympatische Figur. Sie trinken Bier zusammen, fassen Vertrauen zueinander. Schließlich nimmt Finke ihn mit zu der heruntergekommenen ehemaligen Gaststätte, in der er haust. Irgendwann ist das Bier alle. Finke fährt zur Tankstelle um neues zu holen – und kommt nicht zurück.
Es folgt eine Odyssee durch eine gottverlassene Gegend, in deren Verlauf Wunderlich weitere skurrile aber meist liebenswerte Menschen begegnen. An erster Stelle sei hier Toni genannt, eine androgyne Göre – und, laut Anonym, eine notorische Lügnerin – mit der er sich schnell anfreundet. Für Toni ist Wunderlich nur der Hutmann. Die Ereignisse überschlagen sich und Wunderlich trägt die eine oder andere Blessur davon. Zum Glück gibt es aber das Blauharz, daß er mit Toni zusammen entdeckt. Ein magischer Stoff, der Wunden heilen kann, aber auch die Erinnerung daran. Wir sind in einem Märchen.
Als Finke nach vier Tagen immer noch nicht wieder zurückgekommen ist, verläßt ein veränderter Wunderlich diesen Ort, der ihm Heimat geworden ist, auf abenteuerliche Weise in Richtung Norden. Zuvor nimmt ihm Toni das Versprechen ab zurück zu kommen.
Er schafft es bis zum Meer, mietet sich im besten Haus am Platze ein und kehrt nach wenigen Tagen wieder zurück. Oder doch nicht?
Die Autorin betont immer wieder, daß diese Geschichte an jedem Ort der Welt spielen könne, Hauptsache die Landschaft sei platt wie ein Brett. Jedoch darf man sich das Haus auf dessen Dach alles beginnt, als einen Altbau im Prenzlauer Berg vorstellen und bei den verlassenen Landschaften fühlt man sich in Bilder Mecklenburgs aus Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ (1993) versetzt.
In Wunderlich fährt nach Norden erzählt Marion Brasch mit leichter Hand eine melancholische Geschichte, die Grenzen überschreitet und der Phantasie Raum gibt. Literatur darf das. Um Wunderlich nicht zu vergessen, sollten wir die Finger vom Blauharz lassen.

Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden. 2014, S. Fischer, € 19,99

Weshalb ich Burgenblogger werden will

Der Rhein rauschte prächtig funkelnd in der Morgensonne zwischen den Bergen hin.

Joseph von Eichendorff

Wir lebten in Frankfurt am Main. Die Großeltern wohnten in Köln am Rhein, später dann in der Nähe von Bonn. Ich habe viel Zeit bei ihnen verbracht. Oft fuhren wir mit dem Opel Rekord meines Großvaters von Köln nach Frankfurt, später dann mit dem 190er Diesel. Oder in der Gegenrichtung mit dem Käfer meiner Eltern, später dann mit dem Opel Kadett. Egal mit welchem Auto oder in welcher Richtung, die Strecke blieb die selbe – das Rheintal.

Dieses eng gewundene Tal mit seinen Burgen und Weinbergen hat mich als Kind fasziniert und meine Phantasie beflügelt. So ist diese Landschaft Teil meiner Kindheit und Namen wie Bingener Mäuseturm oder Loreley haben noch heute einen geheimnisvollen Klang.

Irgendwann malte ich aus der Erinnerung das Tal mit Wasserfarben und einer gehörigen Portion kindlicher Naivität. Dieses Bild schenkte ich meinen Großeltern zu Weihnachten. Sie rahmten es und gaben ihm einen Platz an der Wohnzimmerwand. Mittlerweile ist es verschollen, aber ich habe es noch sehr genau vor Augen. Als Burgenblogger  werde ich das Tal und seine Menschen sicher nicht mit Farbe und Pinsel dokumentieren sondern mit Handy und Digitalkamera. Aber dazu später.

Das Rheintal war die erste Transitstrecke meines Lebens – eben von Frankfurt nach Köln/Bonn und retour. Eine Transitstrecke ist der Rhein heute noch und wird es auch bleiben. Es ist der auffallende Gegensatz des Mittelrheins – einerseits Kulturlandschaft und Weltkulturerbe, berühmtes Weinbaugebiet und Touristenziel, andererseits vielbefahrener Verkehrsweg zu Wasser und auf der Schiene. Interessant ist wie sich diese Gegensätze in den Menschen und der Landschaft spiegeln. Ich muß aber gestehen nicht allzu viel Ahnung von dem Landstrich zu haben. Was gibt es dort sonst außer Burgen, Weinbau, Tourismus, Fluss und Verkehr? Ist das Tal auch ein Industriestandort? Welche Industrie? Entsteht dort Musik, Literatur – welche Künstler leben dort? Das sind Fragen, die mich beschäftigen, je länger ich über die Aufgaben des Burgenbloggers nachdenke. Es sind spannende Fragen.

Später dann, im Erwachsenenalter, hatte ich es mit einer anderen Transitstrecke zu tun, der von Westberlin nach der alten Bundesrepublik. Da gab es nichts zu malen und der Rhein war weit weg. Wer mit dem Zug von Berlin nach Köln fährt kommt nicht am Rhein vorbei.

Im Jahre 1993 habe ich es wieder geschafft dem Fluss eine Weile zu folgen, und zwar mit dem Rad. Vom Niederrhein kommend fuhr ich mit einem Freund den Rhein stromaufwärts, bis Koblenz. Von dort ging es an der Mosel entlang und über Saône und Rhône weiter bis in die Provence.

Mit diesem Freund war ich in jenen Jahren oft in Frankreich mit dem Rad unterwegs – von Ost nach West und von Nord nach Süd. 1989 folgten wir dem Lauf der Rhône, vom Rhônegletscher bis zur Mündung in der Camargue. Der Ursprung des Rheins in Graubünden ist vom Rhônegletscher im Wallis nicht allzu weit entfernt.

Radwanderführer RhoneAls Ergebnis unserer Reise erschien 1990 dieser Radwanderführer (der schon lange vergriffen ist). Es war eine abwechslungsreiche Reise an den Ufern der Rhône und aufregend zu erleben, welchen Veränderungen der Fluss ausgesetzt ist und wie er die Menschen und die Landschaften prägt.

Anfang dieses Jahrtausends bin ich nach Frankfurt zurückgekehrt und der Rhein ist wieder näher gerückt. Jetzt fuhr ich auch flussabwärts bis Bingen. Von dort weiter durch das Tal der Nahe ins Saarland und nach Lothringen. Und wenn ich heute mit dem Zug nach Köln fahre, nehme ich stets den langsameren auf der linksrheinischen Seite und genieße die Landschaft meiner Kindheit.

Ich werde also das Mittelrheintal und sein Hinterland hauptsächlich mit dem Fahrrad oder zu Fuß entdecken – und mit sehr viel Neugier. Gelegentlich sicher auch mit Bahn, Bus oder Schiff. Besser als mit dem Rad oder zu Fuß kann man sich einer Landschaft und seinen Menschen nicht nähern. Und ich kann endlich das mir noch fehlende Teilstück zwischen Bingen und Koblenz mit dem Rad erkunden. Zur Einstimmung greife ich mal wieder zu Brentanos Rheinmärchen.

Auf buntbewegten GassenNicht nur mit Radfahren kenne ich mich aus, auch mit Spaziergängern und Bahnfahrern. Diese BücherMit des Blitzes Schnelle (Auf buntbewegten Gassen, 2011, vergriffen, Mit des Blitzes Schnelle, 2012) habe ich vor wenigen Jahren im Fischer Taschenbuchverlag herausgegeben.

Im September erscheint im Frankfurter Waldemar Kramer Verlag das, von Jürgen Roth und mir herausgegebene Buch Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten. 42 Autorinnen und Autoren haben sehr genau hingesehen und einen etwas anderen Stadtführer geschaffen.

Frankfurter WegsehenswürdigkeitenWegsehenswürdigkeitenMit der Welt teilen werde ich meine Beobachtungen, Erkenntnisse und Erlebnisse über meine Social-Media-Kanäle, wie Twitter, Facebook und Google+. Auf meinem Tumblr-Blog schlechte fotos veröffentliche ich ausschließlich Handyfotos, bei Pinterest  sammle und teile ich alles Mögliche. Es gibt auch noch einen bislang ungenutzten Instagram-Account. Den werde ich als Burgenblogger aktivieren. Bei allen meinen Fotos sind Filter und Blitz verboten. Die einzige Bildbearbeitung, die ich nutze, ist der Zuschnitt.

Ebenso wenig wie Filter wird es Selfies geben. Ich bin nicht wichtig, es geht um den Fluss, das Tal, die Umgebung, die Menschen und ihre Kultur. Textbeiträge landen in meinem WordPress-Blog . Eine Verbreitung über diese Kanäle hinaus bietet die gewünschte Kooperation mit dem kulturellen Online-Magazin Glanz und Elend.

Der schöne Sommer

WP_20140527_002Es ist immer dasselbe in diesen Tagen, die als Hundstage bekannt und meist auch beliebt sind. Ich wache schweißnass auf, es dämmert, der Wecker zeigt vieruhrdreißig. T-Shirt wechseln, Decke wenden, Nase putzen, Wasser trinken und sich dann zwei Stunden wälzen in der Hoffnung, der Schlaf möge doch noch wiederkommen. Später als geplant fängt der Tag dann an, oft auch mißmutig. Der Taschentuchverbrauch nimmt beängstigende Ausmaße an – der Heuschnupfen ist in Hochform.
Allein das sind schon ausreichend Gründe, den Sommer zu hassen, diesen Anschlag auf das Wohlbefinden. Eine Zumutung, diese Jahreszeit.
Aber es fängt ja alles schon viel früher an, nicht erst in der Zeit der größten Hitze, diesen sog. Hundstagen, an denen man keinen Hund vor die Tür jagen sollte. Ende März, wenn uns eine Stunde geklaut wird und die sog. Sommerzeit ihre unsinnige Herrschaft antritt, geht ein kollektiver Erleichterungsseufzer durchs Land. Endlich wird es Sommer. Als ob es für den Sommer einer Uhrzeit bedürfte statt eines Wetters. Und was ist so toll daran, wenn man sich das Elend eine Stunde länger im Hellen anschauen kann? Die Sommerzeit, Anfang der achtziger Jahre von Politikerhirnen erdacht, angeblich um Energie zu sparen. Als das erwünschte Ziel ausblieb, hatte niemand mehr den Mum, diesen Unfug zurückzunehmen. Statt dessen werden alljährlich Millionen von friedlichen Bürgern mit diesem Quatsch gequält.
Spätestens im Mai, wenn die Temperaturen dauerhaft über 20°C steigen, erinnern sich auch noch die Letzten an das Fahrrad, das seit einem halben Jahr im Keller den wohlverdienten Winterschlaf hält. Jetzt könnte man ja mal wieder damit fahren ohne Gefahr zu laufen, zu erfrieren oder sich mindestens eine Lungenentzündung einzufangen. Also raus mit dem Gefährt, Reifen aufgepumpt und ab damit durch die Gegend (aber nur wenn`s nicht bergauf geht). Im Bewußtsein, endlich mal wieder was für die Gesundheit und die Umwelt zu tun, wird forsch losgeradelt, wohlgemut und unbedarft – als sei man allein auf der Welt. Da werden Radspuren verstopft, da verschwendet man keinen Blick für andere, abgebogen wird ohne Zeichen. Wir sind ja alle Radfahrer, also die Guten, und die Anderen werden schon aufpassen.
Ab 25°C spätestens werden die Dreiviertelhosen entmottet und die sog. Trekkingsandalen entstaubt. Auf daß die hornhäutigen Füße gelüftet werden und die Hühneraugen die Aussicht genießen können. Komplettiert wird die sommerliche Khakikombination durch mächtige Rucksäcke, aus denen Anderthalbliter-Petflaschen ragen. Ausgestattet wie Rüdiger Nehberg im Urwald, wird derart der Großstadtdschungel durchquert.
Spätestens ab 30°C brechen alle Dämme, werden sämtliche Hemmungen fallen gelassen. Da sitzt man dann schon mal im Unterhemd im Wirtshausgarten, oder auch ganz ohne. Die Nachbarschaft wird mit olfaktorischen Zumutungen konfrontiert, denen man sonst nur im Zoo ausgesetzt ist.
Testosteron gesteuerte Jungmänner brettern in tiefergelegten 3er BMW mit geöffneten Fenstern durch die Straßen und belästigen die Welt mit furchtbaren Klängen. Ampelmusik, der sommerliche Soundtrack der Stadt. Hier sind wir und wir sind cool, so lautet die Botschaft. Egal, es ist ja heiß, es ist Sommer und da ist alles erlaubt.
Hat man irgendwo ein schattiges Plätzchen ergattert, muß man sich den Wein mit Herrscharen von Fruchtfliegen teilen, diesen Abgesandten der Hölle. Um das Essen tanzen angriffslustig zweidrei Wespen. So sitzt man am Wirtshaustisch und ist wild wedelnd damit beschäftigt, das wohlverdiente Mahl gegen unliebsame Mitesser zu verteidigen. Nicht selten geht dabei das Glas zu Bruch und der Wein ergießt sich über Tisch und Hose. Der Sommer ist schön.
Nein, der Sommer ist nicht schön, er ist eine Frechheit und gehört abgeschafft. Das Beste am Sommer ist, daß auf ihn die schönste Jahreszeit folgt, der Herbst. Im Herbst kann man sich in Würde bewegen und die Schönwetterfahrer packen ihre Räder wieder in den Keller – bis zum nächsten Jahr.

Abgegeben

Letzte Woche war es soweit. Wir haben das Manuskript abgegeben, mit zweimonatiger Verspätung. Aber das ist im Verlagsgeschäft normal und der Verleger hatte Verständnis. Wir, das sind Jürgen Roth und ich. Mit Jürgen Roth hatte ich den perfekten Mitherausgeber gefunden; ohne ihn wäre das Buch nicht entstanden. Als ich ihm vor einiger Zeit von meiner Idee erzählte, war er sofort bereit, mitzumachen. Ich wollte sie schon vor zwanzig Jahren in Berlin verwirklichen. Es gab einen interessierten Verlag und es gab Hpunkt, mit dem ich das Projekt machen wollte. Es ist daran gescheitert, daß Hpunkt völlig unerwarteterweise Vater wurde.

Aber der Einfall hat mich nie mehr losgelassen. Als ich anfang des neuen Jahrtausends zum Suhrkamp Verlag nach Frankfurt am Main wechselte, war Berlin aus dem Schneider. Vor einigen Jahren gab es bereits einen Versuch, das Buch in Frankfurt zu machen, mit einem anderen Mitherausgeber. Es hat nicht geklappt, wir haben keinen Verlag gefunden. Mittlerweile bin ich sehr froh darüber.

Allzuviel möchte ich noch nicht verraten über das Buch. Nur soviel, es geht um Frankfurt – es läßt sich auch für jede andere Stadt umsetzen – und ist eine Textsammlung; bis auf zwei Ausnahmen sind alle 42 Beiträge ausnahmslos für dieses Projekt verfasst. Die Autorinnen und Autoren sind namhafte Journalisten, Kabarettisten, Satiriker, Geisteswissenschaftler und Literaten – Profis allesamt. Der einzige Laiendarsteller bin ich. Wenn ich mir das imposante Inhaltsverzeichnis anschaue, gewinne ich den Eindruck, daß Jürgen Roth und ich einen Punkt angesprochen haben, zu dem viele etwas zu sagen hatten. Gelegentlich twittere ich unter dem unverständlichen Hashtag #ffwsw darüber.
Es war erwartet aufwendig, 42 Beiträge innerhalb des ursprünglich genannten Zeitrahmens einzusammeln. Die sog. Deadline wurde mehrfach nach hinten verschoben, am Ende dann um zwei Monate. Ein Eindruck läßt sich hier gewinnen.
Am 19. September spätestens soll das Buch erscheinen, rechtzeitig zur Buchmesse. Bis dahin gibt es hoffentlich auch einen brauchbaren Coverentwurf. Bislang ist das nämlich noch nichts. Dann geht es los mit Buchvorstellungen und Veranstaltungen und es fängt wieder an, Autorinnen und Autoren zu bitten und notfalls auch zu drängen, sich an diesen Veranstaltungen zu beteiligen. Eine Facebook-Seite wird eingerichtet, denn mit den Erscheinen des Buches ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Jetzt gibt es auch einen Termin für die Buchpräsentation. Am 2. Okt wird das Projekt in der Romanfabrik vorgestellt.

In einem bin ich mir sicher – die Aufmerksamkeit in Frankfurt-RheinMain wird groß sein.

 

Sie nennen mich den Wolfgang Koeppen der Satire

Ein Facebook-Gespräch mit dem Frankfurter Autor Leo Fischer*

25. Feb. 17:09
Leo Fischer:
Lieber Stefan, wie sieht es denn mit Fotos aus für Deinen Stadtführer? Die wären für meinen Beitrag, wie ich ihn jetzt geplant habe, extrem wichtig. Sind Fotos möglich, und wenn ja, mache ich selber welche, oder wird ein Fotograf zu von mir bezeichneten Orten geschickt? Beste Grüße

17:27
Stefan Geyer:
Lieber Leo, ja, unbedingt EIN Foto, am besten selbst gemacht. Steht auch so im Exposé. Und bitte noch eine KURZE Vita. Geboren wann und wo, lebt als… in… Letzte Verõffentlichung. Nicht mehr. Bin sehr gespannt auf Deinen Beitrag. Beste Grüße, Stefan

17:28
L.F.:
Lieber Stefan, gehen auch mehrere Fotos? Ich möchte ja eine Führung durch die T*** machen. Der Text würde Dich dann nächste, spätestens übernächste Woche erreichen, wenn das konveniert.
Herzlich, Leo

17:33
S.G.:
Muß ich mit Jürgen besprechen. Aber wieso nicht. Wir sind nicht dogmatisch. Manch einer will gar kein Foto. Aber nicht mehr als drei, bitte. Wir wollen ein Lesebuch machen. Bis denn, Stefan

17:33
L.F.:
Okay, dann muß ich halt den Rest anschaulich beschreiben.

17:34
S.G:
Genau, Du bist doch ein Mann des Worts. :-)

10. März, 15:01
S.G.:
Lieber Leo, ich möchte Dich sanft daran erinnern, daß der Abgabetermin naht. In drei Wochen spätestens brauchen wir die Texte. Bitte schick mir auch noch eine Kurzvita: Geboren… in…, lebt in …, arbeitet als… bei…, letzte Veröffentlichung…
Vielen Dank und herzliche Grüße
Stefan

15:23
L.F.:
Ja! Bis Ende der Woche.

16:44
S.G.:
Prima.

13. März, 18:42
L.F.:
Lieber Stefan, leider konnte ich meine Besichtigung noch nicht machen, da ich mit einem schweren Husten zu kämpfen habe. Ich hoffe, daß es über das Wochenende besser wird. Du erhältst den Text dann Anfang der Woche. Herzlich Leo

22:28
S.G.:
Kein Streß, das reicht locker. Gute Besserung. Und wir sehen uns beim Medienmittwoch. Herzlich, Stefan

8. April, 15:44
S.G.:
Hallo Leo, was macht der Text? Grüße, Stefan

15:56
L.F.:
Donnerstag! Ganz g’wiß.

16:14
S.G.:
Prima. Freu mich.

12.April, 12:16
S.G.:
Und?

19. April, 14:07
S.G.:
Lieber Leo, allerletzter Termin: 27. Apr. Wir würden es bedauern, wenn Du nicht dabei wärst. Und Du vielleicht auch. Schöne Feiertage, Stefan

20. April, 02:35
L.F.:

FB-Daumen

 

 

 

 

28. April, 14:49
S.G.:
Leo, gib mir bitte eine aufrichtige Antwort. Besteht die realsitische Aussicht, daß wir Deinen Beitrag noch kriegen, oder nicht? Wir haben jetzt die Deadline bereits um 4 Wochen nach hinten verlegt und ich habe keine Lust, das für nichts und wieder nichts erneut zu tun. Wir stehen auch unter Zeitdruck. Grüße, Stefan

14:55
L.F.:
Das weiß ich, Stefan. Wenn Ihr den Beitrag morgen nicht habt, dann dürft ihr mir zur Strafe hundert Mal auf den Kopf schlagen. Dies gelobt feierlich: Leo

14:57
S.G.:
Na, da bin ich aber gespannt. Würde mich wirklich sehr freuen!!!

22:22
L.F.:
Der Artikel ist praktisch fertig, habe heute auch noch mal Fotos gemacht. Ich überarbeite ihn morgen früh und schicke ihn Dir dann.

30. April, 00:31
S.G:
Und ich dachte schon, wir könnten zur Buchvorstellung Hau Den Leo spielen. Bin sehr gespannt.

19:14
L.F.:
Sorry, habe gestern abend noch jemanden kennengelernt… morgen früh!

19:34
S.G.:
Hoffentlich hat es sich gelohnt. OK, morgen.

01.Mai, 17:56
L.F.:
Der Liebe eine Gasse! Meine neue Bekanntschaft beansprucht mich leider. Aber morgen früh hast Du ihn, beim Zeus!

18:10
S.G.:
Ich glaube, aus unserer Facebookkommunikation mache ich einen eigenen Anhang. Aber es sei Dir gegönnt.

19:48
L.F.:
Sie nennen mich den Wolfgang Koeppen der Satire.

05. Mai, 12:34
S.G.:
Leo, LAST CALL!

16:39
L.F.:
Lieber Stefan, wenn Du ihn morgen nicht hast, will ich für immer schweigen.

16:39
S.G.:
Ich will ihn! Und Dich sprechend. Ansonsten schick mir was Du hast. Z.B. den schönen Text, den Du beim […] gelesen hast, Goethedenkmal (gemeint war ein Kunstobjekt mit dem Titel „Ein Haus für Goethe“).

06. Mai, 19:05
L.F.:
Bin fast fertig! In anderthalb Stunden hast Du ihn.

20:45
L.F.:
Bittesehr!

20:55
S.G.:
Bin nicht zuhause. Aber sehr gespannt. Vielen Dank!

21:07
L.F.:
Evtl. morgen noch mal überarbeitet…

23:46
S.G.:
Da wird nichts mehr überarbeitet! Es liegt jetzt in Herrn Roths Hand. Aber, lieber Leo, das Warten hat sich gelohnt. Ein wunderbarer Text! […]

 

 

*Mit freundlicher Genehmigung von Leo Fischer