Ein schöner Tag

Es war Donnerstag und die Sonne schien. Ich verließ Schreibtisch und Laptop, zog bequeme Schuhe an und und begab mich auf einen ausgedehnten Spaziergang in Richtung Innenstadt. Das mache ich regelmäßig, meistens Donnerstags, gelegentlich auch am Samstag. Dann nämlich traue ich mich, die Konstablerwache zu betreten, diesen Vorhof zur Hölle, auch Zeil genannt. Es gibt Frankfurter, die stolz darauf sind, seit Jahren nicht mehr in der Frankfurter Innenstadt gewesen zu sein. Sie verweilen lieber in ihren Quartieren, im Gallus etwa oder in Ginnheim. Ich kann es verstehen auch wenn ich mich nicht dazu zähle. Aber fangen wir oben an.

Klabunt.

Klabunt.

Ich gehe die Berger Straße stadteinwärts, diese Einkauf- und Vergnügungstraße, die zur Zeit einen Umbruch erlebt. Nachdem der Elektrogroßmarkt den Standort aufgegeben hat – das Haus wird abgerissen – und das benachbarte Billigkaufhaus ebenfalls schließt, wächst der Leerstand an der Berger. Aber es geht schon in Bornheim Mitte los. Linkerhand steht noch die Kultgasttätte Klabunt, die aber mittlerweile geschlossen ist. Am 30. März war Schluß. Bald kommt die Abrissbirne und macht dem mittlerweile weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten Lokal den Garaus. Es soll für etwas weichen, daß die Frankfurter Neue Presse „Quartiersparkhaus mit Einkaufsmarkt und Wohnungen“ nennt. Die Bauaufsicht spricht von 29 Wohnungen, einer Einkaufsfläche und einer Tiefgarage. Wie auch immer, es muß mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Vor einigen Jahren ist ein Versuch gescheitert, das kleine Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Allerdings hat Denkmalschutz noch nie allzuviel bewirkt im Konflikt mit Investoreninteressen, wie das Zürich-Haus an der Bockenheimer Landstraße beweist. Nach Eigentümerklagen wurde dem Gebäude, dem ersten Hochhaus in Frankfurt, der Status eines Kulturdenkmals wieder entzogen. Daraufhin konnte es abgerissen werden.

Die Berger Straße ist in diesem oberen Abschnitt so eng, daß man sich wundert, daß dort überhaupt Autos fahren dürfen. Das geht zu Lasten der Fußgänger, die auf den engen Gehwegen nur mühsam voran kommen.

Ich gehe trotzdem weiter.

Die Blasenteebude zur Linken hat nicht lange durchgehalten. Wie eine Seifenblase geplatzt ist der Bubble-Tea-Boom – und das macht ja ein wenig Hoffnung. Diese wird allerdings durch immer mehr leerstehende Läden gedämpft. Noch vor wenigen Jahren war es fast unmöglich, auf der Berger Straße einen Laden zu bezahlbaren Konditionen zu mieten. Das dürfte sich jetzt geändert haben. Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer. Rechterhand lockt das Billigkaufhaus mit Ausverkaufrabatten. Das Haus soll einem Neubau weichen,
wahrscheinlich einer Quartiersgarage mit Einkaufsmarkt und Wohnungen. Dasselbe gilt für das weiter stadteinwärts gelegene Gebäude in dem der Elektronikhändler untergebracht war. Es werden hochwertige Wohnungen für die Bediensteten der nahegelegenen Europäischen Zentralbank gebraucht.

Südlich der Höhenstraße wird es vorwiegend gastronomisch und vegan. Ein veganes Restaurant ist im Bau, ein veganer Muffinladen bereits eröffnet. Überhaupt ist die Berger Straße ein Paradies für Veganer. Im oberen Teil ergänzen ein Supermarkt und ein veganer Metzger das Angebot. Unweit, an der Seckbacher Landstraße und der Dörtelweiler Straße haben vor kurzem in direkter Nachbarschaft zwei vegane Restaurants eröffnet. Es heißt abzuwarten, ob all diesen Läden das Schicksal der Bubble-Tea-Bude erspart bleibt.

Merianplatz

Merianplatz

Ich erreiche den Merianplatz und da steht dann dieses Ding. Auf den ersten Blick erschließt sich sein Zweck nicht. Das Ding sieht aus wie ein – ja was? Ein Zylinder, ein Kolben, irgendwas aus einem Automotor, nur viel größer. Aber ich habe keine Ahnung, kenne mich nicht aus mit Automotoren. Beim Näherkommen erkennt man Wasser, das träge und lustlos die glatte Edelstahlhaut hinabrinnt. Oben stehen Tauben und nehmen ein Fußbad. Aha, ein Brunnen. Frankfurt ist kein guter Ort für Kunst im öffentlichen Raum.

Weiter geht`s zur Konstablerwache. Wie gesagt, es ist Donnerstag, also Markttag. Nur an diesen Tagen, Donnerstag und Samstag, ist die Konstablerwache erträglich. Dann wird das öde Plateau verdeckt von bunten Marktständen, die allerlei regionale Köstlichkeiten feilbieten. Ich esse eine Bio-Bratwurst aus der Rhön und trinke einen Schoppen. Derweil spuckt die Zeil fröhliche junge Menschen, bepackt mit braunen Papiertaschen voller Billigklamotten, die sie dort zusammengerafft haben, auf die Konstabler. Auf der Kurt-Schumacher-Straße rauscht vierspurig der Verkehr vorbei.

Gestärkt setze ich meinen Weg fort, es zieht mich zum Main. Am Römerberg, dieser Fotokulisse, wird geheiratet, musiziert, geschaustellert und salzgesäult. Touristen fotografieren. In zwei Jahren finden die Besucher unweit weitere Fotomotive, die an eine historische Altstadt erinnern sollen. Zwischen Schirn und Braubachstraße wächst ein Neubaugebiet aus dem Boden, das die Frankfurter Altstadt, die 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, möglichst originalgetreu rekonstruieren soll. Das sogenannte Stadthaus, von dem niemand weiß, für was es gut sein soll, erhebt schon seine massive Gestalt und läßt vom Dom nurmehr die Turmspitze sehen. Zur Schirn bleibt ein schmaler, dunkler Durchgang. Die Touristen wird es nicht stören.

Der Eiserne Steg trägt schwer an tausenden von sogenannten Liebesschlössern, diesem Unfug, der sich überall breitmacht und niemanden so erfreut wie die Schlosser-Innung. Würden sich all diese Liebesbeweise selbsttätig öffnen und in den Main versenken, wenn die ewige Liebe doch nicht so ewig war, dann wäre das Frankfurter Wahrzeichen weniger entstellt. Die Passanten scheint das nicht zu stören, es wird auf Teufel komm raus musiziert, fotografiert und geknutscht. Eine Zwanzigjährige nutzt den Aufzug um sich das Treppensteigen zu ersparen.

Ich nehme die Treppe und spaziere am Sachsenhäuser Ufer entlang in Richtung Maincafé. Zum Glück ist Donnerstag. An schönen Wochenenden trifft sich hier ganz Frankfurt – dann wimmelt es von Radlern, Joggern, Skatern, Spaziergängern und Hunden und ein Durchkommen wird fast unmöglich. An solchen Tagen gilt es das Mainufer zu meiden. Aber es ist Werktag und so finde ich einen Sitzplatz im Maincafé, diesem vielleicht schönsten Ort der Stadt. Ich trinke einen Kaffee und schaue der Skyline beim Wachsen zu. Östlich der Untermainbrücke, in allerbester Gegend mitten in der Stadt, entsteht ein Luxusquartier, gekrönt von einem Sechzigmeterturm und sicherlich unterkellert mit einem Quartiersparkhaus für die SUVs der künftigen Bewohner. Auf einen Einkaufsmarkt wird verzichtet.

Ausgeruht mache ich mich auf den Heimweg.

Das Klabunt ist zu

Am Sonntag war es also soweit, das Klabunt sagte tschö. Nach neun Jahren muß die Kultkneipe für etwas weichen, das die Frankfurter Neue Presse „Quartiersparkhaus mit Einkaufsmarkt und Wohnungen“ nennt. Investor Gaumer hingegen hält sich bedeckt was seine Pläne für das Gelände angeht und die Bauaufsicht spricht von 29 Wohneinheiten, einer großen Einzelhandelsfläche und einem Parkhaus. Wenn es irgendwas gibt, an dem in Bornheim kein Mangel herrscht, dann sind es Supermärkte, egal ob konventionell, bio oder vegan. In unmittelbarer Nähe der künftigen „Quartiersgarage“ finden sich allein derer drei. Was auch immer dort gebaut wird, es darf getrost mit dem Schlimmsten gerechnet werden.
Seit zwei Jahren schon hing dieses Damoklesschwert über dem Lokal. Das Klabunt bewegte sich auf unsicherem Terrain, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen.
Der Satirelandgasthof (Eigenbeschreibung) war mehr als eine Kneipe, er war eine kulturell-kulinarische Institution – bekannt weit über Frankfurts Grenzen hinaus – vielen auch Heimat und Wohnzimmer. Es gibt Menschen, die behaupten, alles was sie in Frankfurt kennen würden, hätten sie dem Klabunt zu verdanken. Ich zum Beispiel.
Als ich im Januar 2000 aus Berlin nach Frankfurt kam, kannte ich nur wenige Leute, sie wohnten in Offenbach. Dort wohnte ich auch während der ersten drei Monate. Als ich eine Wohnung in Bornheim fand, erkundete ich die Gegend auf der Suche nach einem Lokal, das ich zu meiner Stammkneipe machen könnte. Ich probierte einige aus, auch im Nordend – und fand keine. In Kreuzberg hatte ich immer eine Stammkneipe. Solche Kneipen müssen fußläufig erreichbar sein, ein vernünftiges Preisleistungsverhältnis haben, die Musik darf nicht nerven und vorallem müssen Personal und Publikum nett sein. Man geht dort hin, in der Gewissheit irgend jemand zu treffen, den man kennt, und man geht dort hin, wenn man mal pleite ist und anschreiben lassen kann. Stammkneipen sind unerläßlich um sich irgendwo wohlzufühlen, ein Stück Heimat eben. Das fehlte mir während meiner ersten Jahre in Frankfurt.
Bis im Jahre 2005 das Klabunt eröffnete. Zirka zwei Wochen nach der Eröffnung war ich mit einem Freund erstmals da. Es war ein schöner Sommertag, wir setzten uns draußen an einen Biertisch. Das Essen war reichlich und lecker, das Bier schmeckte auch. Wir waren sehr satt und verlangten zur Verdauung Wodka. Wodka sei nicht im Angebot, sagte der Wirt, er würde uns was anderes bringen, wir sollten gespannt sein. Er brachte, wie konnte es anders sein, Haselnussgeist von Dirker und noch was anderes, Himbeerbrand wahrscheinlich. Beides war köstlich. Der Haselnussgeist hat sich dann auch zum absoluten Bestseller des Klabunt entwickelt. Manche gingen dort nur hin um diesen Schnaps zu trinken. An diesem Abend war meine Suche nach einer Stammkneipe beendet.
Es dauerte nicht lange und man begrüßte sich mit Namen. Auch kam man schnell mit anderen Gästen in Kontakt, aus einigen sind Freunde geworden.
Und dann gab es noch die regelmäßigen Satirelesungen aus dem Umfeld der Titanic und darüber hinaus. Einige der Autoren, die im Klabunt gelesen haben, kamen am Sonntag um sich von Christa Brill, Andreas Kramer und ihrem Klabunt zu verabschieden – Eckard Henscheid, Oliver Maria Schmitt, Leo Fischer, Pit Knorr, Tilman Birr, Elis, Mark-Stefan Tietze, um nur ein paar zu nennen.
Zu der einen oder anderen Veranstaltungen konnte ich organisatorisch beitragen, so bei einer Lesung mit Wolfram Koch, der aus Magnus Mills „Die Herren der Zäune“ las, einem meiner Lieblingsbücher. Später folgten dann Abende mit Detlef Kuhlbrodt, Wolfgang Welt und Andreas Maier.
Am letzten Abend war es natürlich nochmal sehr voll, manche der Gäste waren wohl auch zum ersten Mal da. Sehr schnell war die Küche ausverkauft, dann war der Haselnussgeist und der Apfelwein alle, bald darauf auch das Schlappeseppel. Dann wurde halt getrunken, was noch da war.
Jetzt ist es vorbei. Und doch gibt es keinen Grund zur Trauer. Der neue Ort ist bereits gefunden. Dort wird renoviert und im Mai soll die Eröffnung sein. Und bis es soweit ist, gehen wir halt woanders unseren Schoppen trinken.

Nachtrag: Der Name der Gaststätte sorgte stets für Verwirrung, nicht zuletzt wegen der eigenwilligen Typographie. Er war einerseits ein Wortspiel aus KLAA und BUNT – was das Lokal trefflich charakterisierte – sowie eine Hommage an den Satiriker und Zeitgenossen Tucholskys, Klabund. An das “d” in des Autors Synonym erinnerte ein kleiner Kringel im “t” des Kneipennamens, wie am Außentransparent zu sehen war. Das führte zu allerlei Verwirrung bezüglich Aussprache und korrekter Schreibweise. Da wurde schon mal vom “Klabunat” gesprochen oder “Klabundt” und “Klabund” geschrieben. Richtig ist und war: KLABUNT.

 

 

 

19. März 2014

Gestern fand erneut der MedienMittwoch statt, eine Veranstaltungsreihe an wechselnden Orten, die sich zum Ziel gesetzt hat “Networking und Gedankenaustausch zwischen Medienschaffenden, der Finanzwirtschaft und der Politik” zu ermöglichen. Ich war zum zweiten Mal dabei. Der Anlaß für die gestrige Veranstaltung war das Lichter Filmfestival, das am kommenden Dienstag startet. Das Festival steht in diesem Jahr unter dem Motto Humor und der MedienMittwoch diente als Auftaktveranstaltung.

Leo Fischer liest u.a. aus den "Fröhlichen Hundegeschichten".

Leo Fischer liest u.a. aus den “Fröhlichen Hundegeschichten”.

So wurde zu Beginn von einem der Macher des Festivals eine kurze Einführung in das Filmfest gegeben. Als Gast war, getreu des Mottos, Leo Fischer geladen, der seit kurzem den Ehrentitel Ehemaliger Titanic-Chefredakteur tragen darf. Er sollte aus seinem neuen Buch lesen, das unter dem Titel “Fröhliche Hundegeschichten” Titanic-Kolumnen Fischers versammelt und im Mai bei Eichborn erscheint. Es war vielleicht der Titel, der die zahlreichen Gäste in das Gebäude namens VAU an der Mainzer Landstraße lockte. Aber Fischer enttäuschte die Erwartungen, jedenfalls teilweise. Er las nämlich nicht nur seine Hunde-Kolumnen, die so fröhlich gar nicht sind, sondern auch andere Texte aus der Titanic oder dem Neuen Deutschland. Schnell wurde deutlich, daß sich dort nicht das typische, titanicaffine Publikum versammelt hatte und es dauerte etwa 20 Minuten bis die Ersten aufstanden und gingen. Als Fischer nach einer Stunde endete, hatte sich der hörsaal-ähnliche Raum deutlich geleert. Also alles richtig gemacht, Leo. Das verbliebene Publikum hatte seinen Spaß, ich auch.

Auf das anschließende Networking habe ich verzichtet.

In der Nacht von einer ehemaligen Kollegin geträumt, die anders aussah, von einem Opel Elektroauto, das anders aussah und einem Hund, der anders aussah.

7.März 2014

Apostoloff mit Lesezeichen

Apostoloff mit Lesezeichen

Als ich gestern Abend meine Regale durchforstete um die Bücher von Sybille Lewitscharoff auszusortieren, fand ich nur ein einziges – Apostoloff von 2009. Pong, ihr hochgelobtes Debut aus dem Jahr 1998, damals im Berlin Verlag erschienen, war nicht dabei. Freunde arbeiteten in dem Verlag und ich dachte, sie hätten mir ein Exemplar geschenkt. War aber nicht so. Statt dessen fand ich also Apostoloff in der zweiten Reihe des Regals mit den ungelesenen Büchern. Es ist ein Leseexemplar aus dem Suhrkamp Verlag. Zwischen den Seiten 26/27 steckte ein Lesezeichen. Weiter bin ich wohl nicht gekommen. Ich nutze gerne irgendwelche Eintrittskarten zu Museen, Konzerten etc. als Lesezeichen und lasse sie nach der Lektüre in den Büchern. Dann stelle ich mir vor, wie jemand nach meinem Ableben die Bücher durchblättert, Spuren von mir entdeckt und sich denkt: Aha, an diesem Tag war der also in dieser Ausstellung oder jenem Konzert.

Das Lesezeichen aus dem Lewitscharoff-Roman ist eine Eintrittskarte für das Empire State Building vom 13. September 2008. Es war der letzte Tag einer aufregenden Woche, die ich mit einer Freundin in New York verbrachte. Um 12 Uhr 17 kauften wir für $19,- unsere Tickets. Wir mußten erst am frühen Abend am Flughafen sein, an verschiedenen Terminals. Sie flog nach München, ich nach Frankfurt. Die verbleibende Zeit nutzten wir für den Besuch des berühmten Gebäudes.

Blick vom Empire State Building am 13. Sept. 2008

Blick vom Empire State Building am 13. Sept. 2008

Daß mir ausgerechnet an diesem Abend die Eintrittskarte wieder in die Hände fällt, ist ein schöner Zufall. Kurz zuvor hatte ich mich am Tresen des Klabunt mit einer flüchtigen Kneipenbekannten und dem Zapfer über unsere New-York-Reisen unterhalten. Wir sprachen über einen Pastrami-Laden, der unlängst im Bahnhofsviertel eröffnet hatte. Über der Frage, was Pastrami sei, landeten wir schließlich bei Bagels und so in NY. Meine Tresennachbarin mochte sie nicht, ich habe sie geliebt und regelmäßig im Cafe 28 auf der 5th Av. mit Creamcheese zum Frühstück gegessen. Und dann ließ mich das unsägliche Geschwätz von Frau Lewitscharoff das Empire-State-Ticket wiederfinden. Ich hätte nicht mehr gewußt, wo es ist. Apostoloff werde ich nachher in den offenen Bücherschrank stellen.

Dieser 13. September 2008 war auch der Tag, an dem das Ende von Lehman Brothers besiegelt wurde. In den nächsten Wochen bebte die Welt und wir alle wurden zur Kasse gebeten, um Banken zu retten, die wir nicht zerstört hatten.

Mein Ohrring war schon wieder weg. Ich habe ihn aber schnell wiedergefunden, an einem unerklärlichen Ort.

6. März 2014

Gegen 13 Uhr sollte ich in Wiesbaden sein. Ich hatte einen Termin mit meinem Verleger. Nun gut “mein Verleger” klingt etwas hochtrabend, und dennoch stimmt es – auch wenn ich kein Autor bin. Wir hatten einige Dinge zu besprechen. Die passende U-Bahn sollte mich um 11 Uhr 33 zum Hauptbahnhof bringen. Wenn ich es vermeiden kann U-Bahn zu fahren, tu ich es. Daher hatte ich nicht bedacht, daß der RMV jetzt auch diese schicken Fahrkartenautomaten mit Touchscreen einsetzt.

RMV Fahrkartenautomat

RMV Fahrkartenautomat

Für einen Menschen mit normalen feinmotorischen Fähigkeiten, also jemanden wie mich, ist es völlig ausgeschlossen, fehlerfrei seinen Zielbahnhof einzutippen. Es ist reine Glücksache, den richtigen Buchstaben zu treffen. Nach fünf bis sechs Versuchen war es mir gelungen “Wiesbaden” in das entsprechende Feld einzugeben. Damit nicht genug. Der Apparat verlangte nähere Informationen, Hauptbahnhof beispielsweise. Es gibt auch ein Feld, in das man die zweistellige Nummer des Zielbahnhofs eingeben kann. Nur daß diese Nummer nirgends angezeigt wird. Als ich endlich, kurz vor dem Nervenzusammenbruch, mein Ziel fehlerfrei eingegeben hatte, stellte ich fest, daß ich nur einen 50-Euro-Schein hatte. Damit kann der Ticketautomat nichts anfangen. Dann fahre ich halt ohne Fahrschein, dachte ich mir und rannte die Rolltreppe runter in den Schacht – um die Rücklichter der 11:33 im Tunnel verschwinden zu sehen.

Mein Verleger ist ein netter und verständnisvoller Mensch. Es sei egal, wenn ich eine Stunde später käme, sagte er mir am Telefon, er sei ohnehin da. Also ging ich einkaufen, nicht zuletzt um den Geldschein in automatentaugliche Einheiten zu wechseln.

Das Gespräch verlief dann erwartet unkompliziert. Nach nur anderthalb Stunden waren die wichtigen Fragen geklärt und das weitere Vorgehen abgestimmt. Sehr zufrieden machte ich mich auf den Weg zum Wiesbadener Hauptbahnhof und versüßte mir die halbe Stunde Wartezeit mit einem Capuccino und einer Nußecke. Der Wiesbadener Hauptbahnhof ist ein schöner Kopfbahnhof, der auch über einen großen Fahrradparkplatz verfügt. Sowas hat der doppelt so große Frankfurter Bahnhof nicht.

Der dortige Fahrkartenautomat bereitete mir keine Probleme, für mein Ziel Frankfurt/City mußte ich nur den Button oben links drücken und einen passenden Schein in den Schlitz schieben.

Daß es einen entsprechenden Button für Wiesbaden auch bei den Frankfurter Automaten gibt, habe ich erst gemerkt, als ich wieder zurück war.

28. Feb. 2014

Gestern war ich seit langem mal wieder im Waldstadion, oder, wie es heute marketingmäßig heißt, der Commerzbank-Arena. Ein Bekannter von mir konnte seine Karte nicht nutzen. Die Eintracht spielte in der Europa League gegen den FC Porto. Ich hatte noch nie ein Europacup-Spiel im Stadion erlebt und die Chance genutzt. Das Hinspiel in Porto endete 2:2. Der Mannschaft reichte also ein 0:0 oder ein 1:1 zum Weiterkommen – besser noch ein Sieg. Das Stadion war ausverkauft, die Stimmung prächtig. Die Frankfurter spielten gut, sehr gut und hatten zahlreiche Chancen. Und doch hat es nicht gereicht. Kurz vor Schluß führten sie 3:2 und dann kam die verflixte 86. Minute. Auf meine Bemerkung, gleich käme die 86. Minute, schrie mich der eifrige Fan hinter mir an: “Wenn du noch einmal 86. Minute sagst, beiß ich dir ein Ohr ab”. In der laufenden Saison hatte sich die Mannschaft in dieser Minute schon einige spielentscheidende Tore eingefangen. So war es auch gestern. Ein schneller Vorstoß der Portugiesen und schon stand es 3:3. Das war das Aus für Eintracht Frankfurt. In der Kneipe anschließend gab es kein anderes Thema als dieses unglückliche Ausscheiden.

Eintracht Choreographie

Eintracht Choreographie

Aber so ganz wohl war mir nicht im Stadion, obwohl ich einen sehr guten – und teuren – Platz hatte. Wenn fast 50000 Menschen die selben Lieder singen, die selben Rituale vollführen, wenn so etwas wie eine Massenhysterie entsteht, wird mir mulmig. Daher werde ich sicherlich nicht regelmäßig ins Eintracht-Stadion gehen. Dann doch lieber zum Lokalrivalen FSV, dem sympatischen Club aus Frankfurt-Bornheim. Da ist alles kleiner und freundlicher. Zumal ich deren Stadion in gerade mal 10 Minuten zu Fuß erreiche.

Als Kind war ich allerdings oft und regelmäßig in der damals noch Waldstadion genannten Sportarena. Das Stadion von damals hatte allerdings kaum was gemein mit den heutigen Fußballtempeln. Nur die Haupttribüne war überdacht und es gab mehr Steh- als Sitzplätze. Nach dem Abpfiff konnte man noch den Platz stürmen. Da gab es noch keine Zäune.

Am Nachmittag war ich in meinem ehemaligen Büro, ich mußte etwas erledigen. Dem voraus ging ein unangenehmer Mailwechsel mit meinem früheren Kollegen, Partner und Auftraggeber. Anfang des Jahres haben er und seine Frau mir mitgeteilt, daß sie ab sofort auf meine Mitarbeit verzichten werden. Jetzt werde ich behandelt, als hätte ich das Familiensilber geklaut. Nun geht es, naturgemäß, um Geld. Ohne anwaltlichen Beistand wird sich das nicht lösen lassen. Sehr unerfreulich das alles.

Der Ohrring ist wieder da.

24. Feb. 2014

Das Wochenende ist vorüber. Da ich zur Zeit hauptsächlich zuhause arbeite, ist mir das ziemlich egal. Seit einiger Zeit komme ich auch nicht mehr zum Tatortschauen am Sonntagabend. An den letzten Sonntagen war ich verhindert, und das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben. Schade finde ich das schon. Der Sonntagabend mit Tatort war eines der letzten Rituale, die ich mir bewahrt hatte. Vorallem seit ich angefangen hatte, auch zum Tatort zu twittern, war es ein besonderes Vergnügen. Nun gut, manchmal sind die Umstände nicht so, wie ich sie gerne hätte.

Ebenfalls ausgefallen ist eine Radtour nach Darmstadt am Samstag. Dort wohnt ein alter Freund von mir. Wir kennen uns seit über 30 Jahren. In Berlin waren wir Nachbarn, einige Zeit lang gar unzertrennlich. Er lebt schon seit vielen Jahren in Darmstadt, länger als ich in Frankfurt. Aber im Laufe der Jahre ist unser Kontakt seltener geworden, vielleicht einzwei Mal im Jahr haben wir uns getroffen. Vor einigen Tagen stand er allerdings unangekündigt vor meiner Tür. Er hatte in Frankfurt zu tun und eine halbe Stunde Zeit. Wir verabredeten, daß ich ihn an diesem Wochenende in Darmstadt besuchen käme, auch um seine neue Wohnung zu besichtigen, die er im letzten Jahr gekauft hatte. Ich beschloß, mit dem Rad zu fahren und freute mich darauf, endlich mal wieder eine etwas längere Strecke zu fahren.

Gute Frage.

Gute Frage.

Gerade als ich aufbrechen wollte, rief der Freund an und sagte, er sei krank. Wir verschoben den Termin auf Mitte März. Ich blickte plötzlich in ein Loch, fragte mich, was ich nun mit dem Wochenende anfangen solle. Mir fiel nichts ein, also machte ich einen Spaziergang zum Wochenmarkt auf der Konstablerwache, Bärlauchbratwurst essen und Apfelwein trinken. Auf dem Weg fotografierte ich Streetart und Graffiti. Zwei Stunden später war ich wieder zuhause.

Die Olympischen Winterspiele sind vorbei. Außer einer halben Stunde Skispringen, habe ich nichts davon mitgekriegt. Ich wollte einen Film im TV schauen und dessen Beginn verschob sich wegen eben jenes Skispringens. Das einzige Ereignis bei diesen Spielen, daß mir besonders aufgefallen ist, hat auch mit Skispringen zu tun. Die erste Gewinnerin des Frauen-Skispringens stammt aus Waldstetten, einem kleinem Ort in der Nähe von Schwäbisch Gmünd. Dort habe ich vor sehr vielen Jahren, noch mit meinen Eltern und meinem Bruder, gewohnt. Wir hatten einen schönen Bungalow mit großem Garten, direkt neben dem örtlichen Freibad. Im Sommer sind wir öfter nachts über den Zaun geklettert um im leeren Bad zu schwimmen. Ich ging in Schwäbisch Gmünd zur Schule. Dort fuhr ich mit einem Mofa hin. Als es kaputt ging nahm ich das Rad. Es war nicht die schlechteste Zeit in meinem Leben. Sie wurde beendet, als meine Eltern und also auch ich, nach Bayern umgezogen sind. Das war der Beginn meines einjährigen Kampfes, um frühzeitig von zuhause ausziehen zu können.

Heute Abend gastiert Martin Betz im Klabunt. Es ist die letzte Veranstaltung im “Satire-Landgasthof”, dem ich soviel zu verdanken habe. Wahrscheinlich noch im März wird das kleine Fachwerk-Gebäude abgerissen, um einer Tiefgarage, nebst Einkaufszentrum und Edelapartments zu weichen. Zum Glück gibt es einen Nachfolgeort.

Habe heute am Buch weitergarbeitet, nicht an dem, vom dem ich letztens berichtete. Es wird eine schlichte Anthologie, mal wieder. Ich muß Texte zusammen suchen.

Beim Schreiben dieses Beitrags habe ich mir in Gedanken meinen Ohrring aus dem Ohr gezwirbelt und finde ihn nun nicht mehr. Er wurde mir vor vielen vielen Jahren  in eben jenem Schwäbisch Gmünd, von dem oben die Rede war, von einer befreundeten Goldschmiedin handgefertigt.

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