Der Stellvertreter Brechts auf Erden – in Memoriam Wolfgang Jeske

Die schwierigsten Kundenfragen in meinem zwanzigjährigen Buchhändlerleben betrafen immer Bertolt Brecht – wo ist dieses Gedicht zu finden, in welchem Band steht jenes Stück, wo diese Erzählung? Es war die Zeit der Papierrecherche, des „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“, VLB, in mehreren Bänden. Internet gab es noch nicht und das VLB nannte nur die Titel der Bücher, nicht aber deren Inhaltsverzeichnis. Kurz, es war eine ewige Sucherei, wenn man seinen Brecht nicht im Kopf hatte. Ich war froh als ich in der Buchhandlung irgendwann nur noch mit Krimis und Comics zu tun hatte – da blieben mir die elenden Brecht-Fragen erspart.

Das änderte sich, als ich anfing bei Suhrkamp zu arbeiten, dem Verlag Bertolt Brechts. Dann kamen sie wieder, die Brecht-Fragen. Jetzt stammten sie aber von Buchhändlern, die mit denselben Fragen der Kunden konfrontiert waren wie ich in meiner Zeit als Buchhändler. Und doch war es bei Suhrkamp ungleich einfacher, diese Fragen zu beantworten. Bei Suhrkamp gab es ein Brecht-Lektorat, und das wurde geleitet von Wolfgang Jeske, dem „Stellvertreter Brechts auf Erden“, wie ich ihn bald für mich nannte. Wolfgang Jeske hatte seinen Brecht im Kopf, er hat die 30-bändige Brecht-Ausgabe betreut. Viele telefonische Fragen nach versteckten Brecht-Texten beantwortete ich dann auch mit: „Einen kleinen Moment bitte, ich verbinde Sie mit dem Stellvertreter Brechts auf Erden.“ Immer wurden die Fragen schnell und korrekt beantwortet. Wenn er etwas nicht auf Anhieb wusste, was selten vorkam, versprach er zügigen Rückruf. Dieser ließ nie lange auf sich warten.

Wolfgang Jeske war ein kleiner, schmächtiger Mann mit schütterem Haar. Er trug immer dunkle Stoffhosen, Hemd und Strickweste. Darin wirkte er, als müsse er noch reinwachsen. Bei offiziellen Anlässen kleidete er sich auch mal mit seinem grauen Anzug. Auch dieser war ihm zu groß. Man hatte Angst, Wolfgang Jeske könnte eines Tages immer weniger werden und verschwinden, einfach so. Aber Wolfgang Jeske war stets präsent, sei es als Brecht-Lektor, als Betriebsrat, dem er all die Jahre angehörte, in denen ich bei Suhrkamp arbeitete oder als Verwalter der Sozialkasse des Verlags. Im November versäumte er es nie, die Kolleginnen und Kollegen per Aushang auf eventuell noch einzureichende Arztrechnungen hinzuweisen bevor diese verfielen. Kurz, Wolfgang Jeske kümmerte sich um seine Kolleginnen und Kollegen und diese mochten und schätzten ihn.

Morgens konnte man ihn oft vor dem Eingang treffen, neben sich den karrierten Einkaufstrolley mit dem er seine Arbeitsunterlagen transportierte. In der Hand die unvermeidliche Zigarette, die noch zu Ende geraucht werden musste, bevor er den Verlag betrat. Freundlich schenkte er jedem zur morgendlichen Begrüßung sein verschmitztes Lächeln.

Gut kann ich mich erinnern, wie Jeske mir einst die berühmte Bibliothek im Keller der Unseld Villa in der Frankfurter Klettenbergstraße zeigte. Hier standen sie alle, die Bücher die der Verlag im Laufe seiner Geschichte publiziert hatte, in jeder Ausgabe und immer in der Erstauflage. Tausende Bände in großen Rollregalen, das Gedächtnis des bedeutendsten Verlages der deutschen Nachkriegsgeschichte. Niemand, außer Siegfried Unseld, kannte diese Bibliothek besser als Wolfgang Jeske und seine Augen leuchteten als er sie mir zeigte. Hier hatte er Monate und Jahre zugebracht um für das fünfzigste Jubiläum des Verlags im Jahre 2000 die Suhrkamp Bibliographie zu betreuen und zu bearbeiten. Fünfzig Jahre Suhrkamp-Geschichte in einem Band, ein Schatz und ein unverzichtbares Nachschlagewerk, dass es jedem Buchhändler ermöglichte auch noch entlegenste Brecht-Texte zu finden. Dieses Werk war Wolfgang Jeskes Verdienst und wir nannten die Bibliographie bald nur noch den „Großen Jeske“. Diese umfassende Bibliographie ist erst zwei Jahre nach dem 50. Jubiläum des Verlages erschienen, am 21.10.2002. Fünf Tage später starb Siegfried Unseld. Noch im Sterbebett konnte der Verleger sein Vermächtnis, die Bibliographie seines Lebenswerkes, in Händen halten. Ein größeres Geschenk hätte Wolfgang Jeske dem sterbenden Verleger nicht machen können.

Als der Verlag Anfang 2010 von Frankfurt nach Berlin zog, folgte ihm Jeske. In der letzten Zeit arbeitete er im Pressearchiv des Verlags. Über dreißig Jahre hat Wolfgang Jeske für den Suhrkamp Verlag und Bertolt Brecht gearbeitet, mehr als die Hälfte seines Lebens.

Am 11. Februar 2012 ist Wolfgang Jeske unerwartet in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wurde sechzig Jahre alt.

Radfahren mit David Byrne

David Byrne ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Endfünfziger ist Musiker, ehemals Mastermind der Talking Heads, Produzent und bildender Künstler. Diese Tätigkeiten führen ihn rund um die Welt, zu Konzerten und Ausstellungen. Und er ist Flaneur, ein moderner Flaneur, einer mit dem Fahrrad. Byrne ist leidenschaftlicher Radfahrer und so hat er sein Faltrad auf allen seinen Reisen in die Metropolen der Welt dabei.
Er nimmt uns unter anderem mit nach Berlin, New York, Manila, San Francisco, London, Sydney, er fährt Rad in Städten, in denen das sonst niemand tut, wie z. B. in Istanbul und Buenos Aires. Seine Begründung ist einleuchtend: […] ich schätze die Fahrradperspektive und die Freiheit offenbar mehr, als mir klar ist. Ich bin süchtiger, als ich mir eingestehe (S. 163). Auf all diesen Erkundungsfahrten tut er das, was ein Flaneur so tut – er beobachtet und denkt nach. Diese Gedanken und Beobachtungen hat er jetzt aufgeschrieben und so ist David Byrnes Buch „Bicycle Diaries“ voll mit seinen Erkenntnissen zu Architektur, Stadtplanung, Gentrifizierung, Verkehr und natürlich Kunst und Musik. Das sind keine revolutionären, nie gehörte Gedanken, aber es sind Gedanken, die vielleicht nur ein Radfahrer haben kann. Der Radfahrer ist aufmerksamer, sieht mehr und nimmt mehr wahr, als Autofahrer mit ihrem begrenzten Blick. Des Radfahrers Nase umweht der Wind der Freiheit. So bleibt auch der Kopf frei.
Natürlich kann man Byrne nur zustimmen, wenn er in Istanbul das Verschwinden ganzer Stadtviertel mit ihren Holzbauten zugunsten „moderner“ Bauten im Stil einer „globalen Architektur“ beklagt. Einer Architektur, die auf lokale und historische Gegebenheiten keine Rücksicht nimmt und die überall auf der Welt anzutreffen ist. Ebenso spendet man leise Applaus, wenn er, angesichts des Niedergangs der Stadt Detroit und der Krise des Autokonzerns General Motors, empfiehlt, das komplette Management gegen Manager aus Japan und Korea auszutauschen – die wüssten wenigstens, wie man sparsame Autos baut.
In Buenos Aires trifft Byrne, nicht unerwartet, auf dasselbe Phänomen wie in New York und vielen anderen Metropolen der Welt – Gentrifizierung. Leute mit kleinen Einkommen, Künstler, ziehen in die Vorstädte, weil sie die steigenden Mieten in den Innenstadtbezirken nicht mehr aufbringen können. Und natürlich begegnet ihm der Tango, dem im Buenos Aires Kapitel naturgemäß viel Platz eingeräumt wird. Und ihm begegnet der Fußball, indirekt. Im Fernsehen läuft das WM Spiel Mexiko gegen Argentinien – und so hat Byrne für eine gewisse Zeit die Stadt fast für sich alleine.

Man fragt sich was, um alles in der Welt, jemand veranlassen könnte, nach Australien zu reisen, wenn man Byrne nach Sydney folgt und seinen Schilderungen der feindlichen Flora und Fauna des Landes, die ihn daran erinnert, dass die Menschen der Natur schnuppe sind (S. 208). Nicht so David Byrne, nach vielen Besuchen hat er den Kontinent lieben gelernt, nicht zuletzt deshalb, weil es sich in seinen Städten so trefflich Radfahren lässt.
Berlin scheint Byrnes Fahrradparadies zu sein. Er ist entzückt von den vielen Radfahrern, den guten Radwegen und der Disziplin und Rücksichtnahme, die Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer aufbringen. Selbst an roten Ampeln blieben alle stehen. Jeder, der schon mal in Berlin Rad gefahren ist, weiß, dass dem nicht so ist. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck, wenn man meist in New York mit dem Rad unterwegs ist. Es sei ihm verziehen. Verglichen mit den anderen Metropolen der Welt, in denen David Byrne mit dem Rad unterwegs war, ist Berlin wahrscheinlich schon so etwas wie ein Fahrradparadies. Verzeihen wollen wir ihm auch, dass er aus dem, mittlerweile abgerissenen, Palast der Republik das Hauptquartier der SED macht und ihn auch gleich noch an den Alexanderplatz verlegt.
Das letzte Kapitel ist David Byrnes Wohnort New York gewidmet, einer Stadt, die sich langsam für Radfahrer öffnet. Immer mehr Radwege werden angelegt und immer mehr New Yorker nutzen das Rad, nicht nur die wagemutigen Fahrradkuriere. Byrne hat für seine Stadt verschiedene Fahrradständer entworfen, immer entsprechend dem Ort, an dem sie aufgestellt werden sollen. Ein solcher Ständer in Form eines Damenschuhs steht z. B. vor einem Luxuskaufhaus, für Greenwich Village hat er einen gitarrenförmigen entworfen, für die Bowery eine Flasche. Alle sind Unikate, kleine Kunstwerke, die das Image des Fahrrads verbessern helfen.
Im Epilog beschäftigt sich der Autor noch mit der Zukunft des Verkehrs, die er naturgemäß im Fahrrad sieht. Er führt unter anderem positive Beispiele aus aller Welt an, in denen sich Städte, wie z. B. Bogotá oder auch Paris bewußt für eine Förderung des Radverkehrs entschieden haben, mit guten Erfolgen.
Byrne fährt nicht Rad, weil es ökologisch und vernünftig ist, sondern hauptsächlich, weil es mir ein berauschendes Gefühl von Freiheit vermittelt (S. 330). Und: Es ist das befreiende Gefühl – das physische und psychische Empfinden -, das überzeugender ist als jedes praktische Argument. Allein die Perspektive, die der Höhe von Fußgängern, Straßenverkäufern und Schaufenstern entspricht, verbunden mit einer Fortbewegungsweise, bei der man sich nicht ganz vom Straßenleben ausgenommen fühlt, ist pures Vergnügen (S. 349). David Byrne ist also Radfahrer aus Vergnügen und daher kommt sein Buch auch ohne jeden moralischen Zeigefinger aus.
Es macht Spaß mit David Byrne durch die Metropolen der Welt zu radeln und seinen wachen, witzigen und klugen Gedanken zu folgen, den Gedanken eines Flaneurs, eines Flaneurs auf dem Fahrrad.

David Byrne, Bicycle Diaries, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011

In Memoriam Tristan Egolf

Am 16. Mai 2003 war der junge amerikanische Autor Tristan Egolf im Studio des Frankfurter Mouson Turms zu Gast. Begleitet und vorgestellt wurde er von dem damaligen Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg und Egolfs Übersetzer und Freund, Frank Heibert. Egolf selbst, ein sympathischer, ruhiger, junger Mann mit kurzen Haaren, schaute freundlich ins Publikum, machte aber den Eindruck, als fühle er sich sich bei dieser literarischen Veranstaltung etwas fehl am Platz.

Im Jahre 1998 erschien im renommierten französischen Verlag Gallimard das erste Buch Egolfs „Lord of the Barnyard“ (dt. Monument für John Kaltenbrunner, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000). In den USA hatte sich kein Verlag für den Roman interessiert, was allerdings nicht weiter wundert. Egolfs Stil hat nichts zu tun mit jener geschmeidigen Creative-Writing-Gefälligkeit, die bei jungen amerikanischen Autoren so weit verbreitet ist – er schreibt rauh, schnell, hart und doch sehr kunstvoll. In einem anderen Ton lassen sich die Geschichten Egolfs auch nicht erzählen. Es sind Geschichten von Aussenseitern, Nonkonformisten, Unangepassten, Menschen, die das spießige Gefüge ihrer Umgebung durcheinanderbringen.

Egolf selbst war so ein Underdog, ein politischer Aktivist, der sich gegen den Irakkrieg und Präsident Bush engagierte und ein Punkmusiker, der obskure Undergroundbühnen in Philadelphia bespielte. Er tingelte als Straßenmusiker durch Europa und dort wurde die Tochter des französischen Autors Patrick Modiano auf ihn aufmerksam, die Kaltenbrunner erfolgreich an Gallimard vermittelte. Es folgte ein kleiner Welterfolg und in Deutschland erschien das Buch schließlich bei Suhrkamp.

Monument für John Kaltenbrunner war ein großer Erfolg und mit diesem Debut hat Egolf einen Maßstab gesetzt, dem er in den folgenden Büchern nicht mehr ganz gerecht werden konnte. John Kaltenbrunner ist ein Held, schon in jungen Jahren ein Genie und erfolgreicher Geschäftsmann. Das weckte Argwohn bei den „Fabrikratten, Trolls, Schmalzköppen und Methodistenvetteln“, die in einem Kaff namens „Baker“, irgendwo in Pennsylvania, wohnen. Es entwickelt sich eine aberwitzige Geschichte, die vom Kampf Kaltenbrunners gegen den Rest der Welt berichtet und im totalen Chaos endet, atemlos, grotesk, brutal, schreiend komisch und tragisch in einem. Egolf ist nicht der Mann für Happy Ends.

In seinem zweiten Roman „Skirt and the Fiddle“ (dt. Ich & Louise, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2003), jagt er den talentierten aber gescheiterten Musiker Charlie Evans und seinen Kumpel Tinsel Greetz zur Rattenjagd durch die Kanalisation von „Philz Town“ (Philadelphia). Mit diesem Drecksjob läßt sich am meisten Kohle verdienen, Kohle, die Charlie dringend braucht, um das verhasste „Philz Town“ endlich verlassen zu können. Nachdem er das erste Rattengeld in einer ausschweifenden Nacht versoffen hat, erwacht Charlie in der Luxuswohnung einer Traumfrau, Louise. Wie er da hin gekommen ist, bleibt ihm ein Rätsel. Aber es entwickelt sich eine – ja, Liebesgeschichte, die allerdings eher einer rasenden Achterbahnfahrt ähnelt.

2006 erschien der letzte Roman Egolfs, „Kornwolf“ (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006). Owen Brynmor, ein gescheiteter Journalist, kehrt wiederwilllig in seine Heimatgemeinde „Stepford“, Pennsylvania, zurück – er will Boxer werden. Um Geld zu verdienen, verdingt er sich als Lokalreporter und recherchiert die Legende vom „Kornwolf“. Dabei trifft er auf den Outsider Ephrahim Bontrager, der durch sein unorthodoxes Verhalten die ganze Gemeinde gegen sich aufbringt, die schließlich zu einer regelrechten Hetzjagd auf ihn aufbricht. Sehr lesenswert und informativ ist das Nachwort, das der Übersetzer Frank Heibert für diesen Roman verfasst hat.

Gehe immer aufrecht, lass dich nicht fertigmachen vom Mainstream, bleib du selbst, das ist die Botschaft Egolfs, „All Hail Discordia“ sein Credo. Er hat es uns in drei wunderbaren Romanen hinterlassen.

Ziemlich genau zwei Jahre nach jenem Abend im Frankfurter Mouson Turm, am 7. Mai 2005, nahm sich Tristan Egolf das Leben. Er war ein Kurt Cobain der Literatur.

Am 19. Dez. 2011 wäre Tristan Egolf 40 Jahre alt geworden.

Bibliografie:

Monument für John Kaltenbrunner (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000 (vergriffen).

Ich & Louise (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003.

Kornwolf (Deutsch von Frank Heibert), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009

John Kennedy Toole, Die Verschwörung der Idioten.

Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem schönen Nachwort von Alex Capus, der „Die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel „Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten“ erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus.

Dieser Ignatius J. Reilly ist eine Nervensäge sondergleichen, und die Idioten sind alle anderen, besonders seine Mutter (Wenn ich mir vorstelle, dass die Kommunissen mich unterwandern…) [S. 309]. Ignatius ist fett, häßlich, hat einen Oberlippenbart und zwei verschiedenfarbige Augen, eins blau, das andere gelb. Er trägt stets die gleichen Tweethosen, Flanellhemden, eine Mütze und einen Schal. Dinge, die er als „vernünftige“ Kleidung bezeichnet. Das einzige Regulativ ist sein ominöses „Magenventil“, das ihn schon mal wochenlang an`s Bett fesselt, sowie Myrna Minkoff, seine linksradikale „Freundin“ aus gemeinsamen Studientagen. Myrna, die mittlerweile in New York lebt und Ignatius liefern sich einen ausführlichen Briefwechsel, der sich in der Regel in gegenseitigen Beschimpfungen und Belehrungen erschöpft. Myrna versucht Ignatius in ihren Briefen, die alle mit „Sehr geehrte Herren“ anfangen, zu bekehren, endlich die gemeinsame Wohnung mit der Mutter zu verlassen und sich von ihr „befreien“ zu lassen. Diese Briefe, das empfindliche „Magenventil“ und die ewig keifende Mutter sind die wenigen Konstanten in Ignatius`Leben. Nun ist Ignatius niemand, der sich befreien lassen will, hält er sich doch für ein Genie (Tatsächlich entbehrt mein Wesen nicht gewisser Proust`scher Züge. [S. 56]), das allein über die seeligmachenden Ideen, wie die Welt zu retten sei, verfügt. Diese Ideen und Gedanken notiert er in unzähligen Schulheften, die den Boden seines Zimmers bedecken. Was du hier siehst, ist meine Weltanschauung. Sie muß noch zu einem Ganzen zusammengefügt werden,[...] (S. 56).

Wer sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, will diese auch unter die Leute bringen. Getrieben von seiner Mutter, die keine Lust hat, alleine für den Lebensunterhalt sorgen zu müssen, nimmt er auch schon mal Jobs an, z.B. bei der heruntergekommenen Firma „Hosen-Levy“. Dort endet sein missionarischer Eifer naturgemäß im Chaos, er wird, nicht ohne einen verhängnisvollen Brief geschrieben zu haben, gefeuert. Die Leute waren von meiner Einzigartigkeit überfordert (S. 170). Ebenso treibt er einen Hotdog Fabrikanten in den Wahnsinn, der Ignatius mit einem Würstchenwagen durch die Straßen von New Orleans schickt. Es findet sich allerdings niemand, der Ignatius einen Hotdog abkaufen will, zumal dieser auch lieber den Wagen irgendwo abstellt und statt dessen einer weiteren Leidenschaft frönt, dem Kinogang. Freilich geht er nur ins Kino um sich lautstark über die Unfähigkeit der Schauspieler und deren moralischen Verworfenheit aufzuregen. Wo Ignatius hintritt, wächst kein Gras mehr, oder, wie Jones, der unterbezahlte Putzmann aus dem „Night of Joy“ meint: Weißt du, wer die Atombombe ist? Dieser fette Spinner ist die Atombombe! Du schmeißt ihn irgendwo drauf, gleich geht alles kaputt und alle bekommenden den Fallout ab (S. 404).

Trotz allen Wahnwitzes trägt dieser urkomische Roman viele autobiographische Züge seines Autors, John Kennedy Toole. Es sollte, abgesehen von einem Jugendwerk, sein einziger Roman bleiben. Nachdem sich der Autor nicht mit dem Lektor des renommierten Verlags Simon & Schuster, der sich für das Manuskript interessiert hatte, über diverse Änderungswünsche verständigen konnte, und es so nicht zu einer Veröffentlichung kam, nahm sich Toole 1969 durch Autoabgase das Leben. Seiner Mutter schließlich gelang es, das Manuskript doch noch bei einem Verlag unterzubringen. Ihr und einem Universitäts-Verlag, der noch nie zuvor ein belletristisches Buch veröffentlicht hatte, ist es zu verdanken, das wir diesen Schatz jetzt lesen dürfen. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass ein wenig Ignatius in uns Allen steckt.

John Kennedy Toole, Die Verschwörung der Idioten. Neu übersetzt von Alex Capus. Klett-Cotta, Stuttgart 2011.

My Brightest Diamond im Kölner Club „Gebäude 9“ am 26.11.2011

Der Club „Gebäude 9“ in Köln war mit ca. 150 Leuten beschämend schlecht besucht. Gerade mal € 15,- waren fällig um eine der großartigsten Musikerinnen des zeitgenössischen Musikgeschehens live erleben zu können. P.J. Harvey kostete das Vierfache dieser Summe. Und P.J. ist niemand, hinter der sich Shara Worden verstecken müßte.

Ebenso beschämend ist, das sich gerade mal zwei (!) Clubs in Deutschland bereit fanden, Shara Worden aka My Brightest Diamond zu buchen. So war ich gezwungen nach Köln zu fahren um sie hören zu können. Nun gut, vor drei Jahren bin ich ins schwäbische Schorndorf gefahren.

Im Oktober diesen Jahres ist das dritte Album von My Brightest Diamond erschienen, „All Things Will Unwind“. Gute drei Jahre sind vergangen seit ihrem Meisterwerk „A Thousand Shark`s Teeth“ . Drei Jahre, in denen sie allerdings nicht untätig war. Es sind diverse Alben anderer Musikerinnen und Musiker erschienen, bei denen Shara Worden beteiligt war – u.a. von Clogs, einem Projekt des The National Gitarristen Bryce Dessner, von Sarah Kirkland Snider, den Decemberists und David Byrne. Außerdem ist sie Mutter eines Sohnes geworden (den sie auf „All Things Will Unwind“ in dem wunderschönen Song „I have Never Loved Someone the Way I Love You“ besingt) und von Brooklyn in die sterbende Stadt Detroit gezogen. Beim Friseur war sie auch.

Shara Worden war also alles andere als untätig. Im Oktober kam dann endlich ihr neues Album, für das sie sich auferlegt hatte, ausschließlich Instrumente zu spielen, die in einen Koffer passten. Die Gitarre fiel also aus. Statt dessen hat sie das Kammerensemble yMusic engagiert. Herausgekommen ist ein wunderbares, stilles, kammermusikalisches Album, das voller Kostbarkeiten steckt. Lautere, rockigere Songs, wie noch auf dem „Shark“ Album oder dem MBD Debut „Bring Me the Workhorse“ fehlen hier völlig. Vielmehr gibt es, ähnlich wie bei den Alben von Clogs und Sarah Kirkland Snider, deutliche Anleihen bei der klassischen Musik. Der gelernten Opernsängerin Shara Worden ist dieses Terrain ja nicht fremd.

Umso überraschter war ich, dass sie die Bühne des „Gebäude 9“ nur in Begleitung eines Schlagzeugers betrat. Shara sang, spielte Gitarre, Ukulele, Keyboards sowie diverse andere Instrumente und es wurde teilweise sehr laut und rockig. Das war keine reine Vorstellung des neuen Albums, sondern ein Querschnitt durch das bisherige, so großartige, Schaffen von My Brightest Diamond. Auffallend war die Farbgebung, die auch beim neuen Album vorherrscht. Sind bei den beiden Vorgängeralben eher zurückhaltende, dunkle Farben prägend, so wird das Albumdesign bei „All Things Will Unwind“ durch die Farbe Rot bestimmt. Das Cover des Albums, man muss es nicht schön finden, das Bühnenoutfit, all das strahlte so viel Optimismus aus, dass man sich dem nicht entziehen konnte, was man freilich auch nicht wollte. Selbst der Drummer, Brian Wolf, trug auf seiner ansonsten schwarzen Kleidung, rote, gelbe und orange Filzapplikationen.

Perfekt vorbereitet wurde ihr Auftritt durch die Berliner Singer-Songwriterin Miss Kenichi, die auch beim Eröffnungssong „We Added It Up“ MBD begleiten konnte, was ihr bravorös gelang. Shara Worden hatte dann keine große Mühe, das Publikum, ja – zu verzaubern. Ihr Charme, ihr Witz, die wunderbaren Songs und ihre einmalige Stimme taten ein Übriges. Allein schon für ihre Version des Nina Simone Songs „Feelin` Good“ hat der Besuch gelohnt. Zwei Stunden und zweimal drei Zugaben später war dieses unvergessliche Konzert beendet und 150 Menschen verließen glücklich den Club, viele mit Platten, CDs oder T-Shirts vom Merchandising-Stand unterm Arm. Alle anderen haben was verpasst.

Was bleibt ist die Frage, weshalb P.J. Harvey, Joan As Policewoman und der kommende Star, Anna Calvi, Clubs und Hallen füllen, die nicht minder großartige Shara Worden aber nicht. Aber so kann ich sie in drei Jahren wieder in einem kleinen Club für wenig Geld sehen und hören, irgendwo in Deutschland.

Ampeldialog

Autofahrer kurbelt Scheibe runter: Wasse mache wenn Winter kommt?
Radfahrer: Wie jetzt?
AF: Viele Snee, viele fahre.
RF: Aha.
AF: Was wenn kaputt?
RF: Das Fahrrad?
AF: Fahrrad niche slimm, paar hundert Euro. Auto kaputt slimm, teuer.
RF: Ja, ja.
AF: Sneit son.
RF: Wo?
AF: In Oste, in DDR sneit son.
RF: Ah ja.
AF: Sind aus Frankfurt?
RF: Ja.
AF: Söne Wocheend.
RF: Danke, gleichfalls.
Ampel grün und weg.

Meine Buchmesse 2011

Den ersten Kaffee am Mittwochmorgen gab`s bei Suhrkamp. Ein paar Leute kenne ich ja dort noch und es gab echte Wiedersehensfreude. Ein Kaffee, abends ein Bier und einige Bücher sind für mich immer drin. Sehr schön ist der neue Suhrkamp-Messestand, hell, offen, schlicht und elegant – sehr gelungen.

Aber ich war auf dem Weg zu Faust Kultur. Das feine Online-Magazin (betrieben von ehemaligen Suhrkampleuten) feierte sein einjähriges Bestehen. Die Verlage Anabas und Büchse der Pandora hatten Faust eingeladen, sich an ihrem Verlagsstand zu präsentieren. Die ersten vier Bände der schönen Edition Faust wurden natürlich auch gezeigt. Faust KulturEs dauerte eine Weile, bis ich den Rechner zum Laufen brachte, aber irgendwann lief alles. Dieser kleine Stand war mein Stützpunkt während der Messe. Ich konnte meine Jacke unterbringen und die Messebeute lagern.

Wie auch schon bei den Messen der letzten Jahre, spielte das Thema Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Wohin geht die Branche, gibt es in zehn Jahren noch gedruckte Bücher? Manchmal hat diese Diskussion etwas Verbissenes, Dogmatisches. Für die einen ist ein Text kein Text, wenn er nicht gedruckt ist, andere lesen nur noch digital. Ich bin altmodisch, lese nur gedruckte Bücher, „Holzbücher“ wie manch einer abschätzig meint. Aber das ist sicher kein in Stein gemeiseltes Statement. Der Inhalt geht bei dieser Diskussion oft unter, er scheint niemand mehr zu interessieren. Ein schlechter Text ist ein schlechter Text, egal in welcher Form er publiziert und vertrieben wird.

Am Mittwoch gab es dann gleich den 1. Twittwoch bei der Frankfurter Buchmesse. Ich hatte an so einem Twittwoch noch nie teilgenommen. Es war interessant, verschiedene Initiativen, Organisationen und Unternehmen stellten sich und ihre Social Media Aktivitäten vor. TwittwochNoch interessanter war dann aber am nächsten Tag der sog. Kick Off zum Virenschleuderpreis 2012. In diesem Jahr erstmals vergeben, zeichnet der Preis erfolgreiche und originelle Marketing- konzepte im Social Web aus. Die Vorträge der Vertreter aus der Game- und Filmbranche über deren Facebooknutzung waren interessant und durchaus lehrreich. Danach gab`s Bier.

Die Buchmesse ist nicht zuletzt ein großes Familientreffen. Manche Freunde, Kollegen treffe ich nur einmal im Jahr, in Frankfurt zur Messe. Andere, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, laufen mir plötzlich über den Weg. Man verabredet sich dann bestenfalls für den nächsten Tag auf einen Kaffee und erzählt und läßt sich das Leben der vergangenen Jahre erzählen. Bis zum nächsten Mal. Und dann lief mir auch noch in Halle 3.1. die S. über den… aber nein, das gehört hier nicht hin.Schauen ja, anfassen nein.

Meine Messegäste gaben sich quasi den Schlüssel in die Hand, haben sich aber trotzdem nicht gesehen. Jedenfalls haben sie sich klaglos mit der Einmannzeltluftmatraze zufrieden gegeben. Stefan M. aus H. erlebte seine erste Messe mit einer Übernachtung in Frankfurt. Ich nahm ihn mit zum Fest des S. Fischer Verlags, vorher mußte er aber noch Apfelwein trinken. Immer noch mein liebstes Messefest, eine Pflichtveranstaltung, auch wenn sich meine alte Doppelkopftruppe in alter Tradition zeitgleich im Klabunt zusammenfand um Karten zu spielen – ich mußte zu Fischer. Der Herr M. wollte das Klabunt dann auch kennenlernen, also sind wir nach Fischer noch dorthin. Die eine Hälfte der Dokotruppe saß auch noch dort. Große Freude.

Am Freitag löste dann der sympatische aber vergessliche TAZ Blogger Detlef K. den Herrn M. als Messegast ab. Es gab einige Komplikationen und Verwirrungen, die hier ebenfalls nicht hingehören. Letztendlich ging aber alles gut. Vor vier Jahren hatte ich eine Lesung mit Detlef im Klabunt organisiert. Es war eine schöne Lesung – daher kennen wir uns.

Freitagsabend findet traditionell die Party der sog. “Jungen Verlage”, manch einer sagt auch “Independants”. Dort wird immer der Preis der Hot List verliehen, eine Art Gegenveranstaltung zum Deutschen Buchpreis. Dieses Jahr ging der Preis an Nino Haratischwili. Anschliessend wurde getanzt. Es war laut im Sinkkasten und voll, nach einem Bier habe ich mich verabschiedet. Sinkkasten

Aber es wurde nicht nur gefeiert. Für mich haben sich doch immerhin einige Optionen ergeben, die eventuell ein gewisses Potential für die Zukunft haben. Ich könnte sagen, es war eine erfolgreiche Messe.

Befremdlich fand ich die hypermoderne Halle im Hof, die AUDI nach der kürzlichen IAA dort hat stehen lassen. Sie kostete sicher mehr als ca 90% der anwesenden Verlage im Jahr Umsatz machen. Media und EntertainmentIn dieser modernen Halle war unter anderem die Antiquariatsmesse untergebracht – ein schöner Anachronismus. Der AUDI Slogan, „Vorsprung durch Technik“ der groß an der Halle prangte, ließ sich, leicht abgewandelt, auch prima für die Buchbranche nutzen – „Vorsprung durch Wissen“. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob es bei der Messe um Wissen ging. Es wurde durchaus auch gelesen, aber meist ging es wohl um Entertainment. Es wurde auch gelesen.Nichts symbolisierte dies mehr als die Hunderte von Mangamädels und Jungs, die mit oft sehr phantasievollen Kostümen während der Publikumstage den verbliebenen Freiraum neben der Audihalle bevölkerten.

Der Sonntag ist dann der Schnorrertag. Für mich ist es keine Messe, wenn ich nicht mit einem stattlichen Bücherstapel nach Hause komme. Verleger Bittermann schenkte mir sein neues Buch und ein älteres gleich dazu. Bittermann hat sich ohnehin um die Literatur verdient gemacht, er hat „Harold“ von einzlkind verlegt. Nicht ohne Stolz verwies er auf die vielen Auslandslizenzen, die er von diesem wunderbaren Roman verkauft hat. Nicht weniger stolz war er auf das Interview, dass die FAZ für ihre Messezeitung Nr. 5 mit ihm gemacht hat. Sehr witzig.

Erstmals auf der Messe vertreten war der kleine, aber feine Hablizel Verlag aus Lohmar. Der Verleger und sein Stand - Markus HablizelMan wünschte ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit, er hat`s verdient. Den besten Espresso gibt`s immer noch bei Liebeskind, und sogar noch Äpfel. Vitamine kommen in der Regel zu kurz bei der Messe.

Letztmals auf der Messe war der Eichborn Verlag. Die Kolleginnen und Kollegen dort nahmen diese Abschiedsvorstellung offensichtlich mit Galgenhumor. Sie sind Leid gewohnt und mir wird der Verlag fehlen.

Am Sonntag war dann Verkaufstag und viele Verlage nutzten die Gelegenheit. Manch einer ging dabei recht leger mit der Buchpreisbindung um. Was soll´s, es ist Messe.

Und dann waren plötzlich die fünf Tage vorbei und es wurde abgebaut. Und dabei habe ich… – aber das gehört auch nicht hierher. Bis nächstes Jahr.

P.S. Bedanken muss ich mich auch bei Schöffling & Co., DuMont, Piper, Kein und Aber, dem Berlin Verlag und besonders bei Corso, für das Willkommensein und für lebensverlängernde Maßnahmen wie Kaffee und wunderschöne Bücher.

Der Frankfurter Autofahrer

Der Frankfurter Autofahrer (im weiteren Verlauf FA genannt) ist, wie alle anderen Autofahrer auch, ein eigenwilliges Wesen. Auffallend ist die ausgeprägte Abneigung des FA, den Blinker zu benutzen. Geschätzte 80% aller FA halten es für überflüssig die anderen Verkehrsteilnehmer zu informieren ob sie an der Kreuzung abbiegen wollen oder nicht. Vielleicht ist es zu anstrengend, den Blinker zu betätigen, vielleicht ist gerade keine Hand frei, wer weiß. Möglicherweise ist die Blinkunwilligkeit aber auch durch das ausgeprägte Einbahnstraßensystem in Frankfurt begründet, das oft keine Wahl lässt, als z.B. rechts abzubiegen. Wenn man sich aber, als Radfahrer etwa, freundlich erkundigt, ob die Karre keinen Blinker hätte, wird man gerne mit einem deftigen „Halt`s Maul du Arschloch“ bedacht. Aber auch das ist sicher keine spezielle Frankfurter Ausdrucksweise.
Es lässt sich aber nicht generell sagen, dass der FA nicht gerne blinkt. Das tut er sogar recht ausführlich und am liebsten auf allen 4 Kanälen. Das Warnblinksystem ist des FA liebstes Accessoire und wird bei allen sich bietenden Gelegenheiten genutzt. Beim regelwidrigen Parken auf Radwegen, Bürgersteigen oder in der zweiten Reihe etwa. Das heißt dann soviel wie „jaja, ich weiß, dass ich hier nicht stehen darf“, oder „bin gleich wieder da“ oder oft auch einfach nur „Obacht, ich stehe hier“. Auch kurz vor dem Wenden wird gerne die Warnblinkanlage betätigt, das bedeutet dann „Achtung, ich mache gleich was“.

Dass der FA auch gerne beim Fahren telefoniert, und zwar ohne eine lästige Freisprechanlage, versteht sich fast schon von selbst und unterscheidet ihn nicht von Autofahrern andernorts. Eine fast schon sportlich zu nennende Leidenschaft entwickelt der FA, wenn es darum geht, noch eben bei Rot über die Ampel zu brettern. Die Fußgänger und Radfahrer werden schon beiseite springen. Im Bemühen, stets den direktesten Weg zu finden, erweist sich der FA als äußerst trickreich. Da wird dann schon mal abgebogen, wo dies verboten ist oder entgegen der Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen gefahren. Der FA entwickelt also eine beachtliche kriminelle Energie, wenn er sich hinter das Steuer setzt. Aber auch das unterscheidet ihn nicht unbedingt von anderen Autofahrern anderswo.

Eines allerdings hat der FA allen Anderen voraus und das nutzt er intensiv – das Kennzeichen. Mit einem F und zwei weiteren Buchstaben lässt sich eine ganze Menge anfangen. Die am weitesten verbreitete Variante ist das F.FM. Dies ist freilich ähnlich originell wie das B.MW, mit dem jeder zweite hauptstädtische BMW Fahrer seine Karosse kennzeichnet. Im Falle eines Totalschadens ist dann aber wenigstens noch das Fabrikat ablesbar. Der FA ist ein überzeugter Vertreter der Spaßgesellschaft. Daher erfreut sich die Kombination F.UN großer Beliebtheit. Oft zu finden auf kleinen Fahrzeugen wie Smart, VW Beetle oder Mini Cooper. Die enorme Kriminalitätsrate Frankfurts spiegelt sich selbstverständlich auch in den Autokennzeichen wieder, F.BI. Das findet sich gerne an tiefergelegten 3er BMW oder auch an den SUV genannten Bürgerkriegsautos, die sich in Frankfurt, wie überall, großer Beliebtheit erfreuen. Dieses Kennzeichen kann der FA allerdings nicht uneingeschränkt genießen, der ungeliebte Nachbar aus Friedberg kann das nämlich auch, FB.I. Dass der Frankfurter gerne Sport treibt und sich fit hält, weiß jeder, der mal an einem sonnigen Tag einen Spaziergang am Main gemacht hat. Jogger, Radfahrer und Skater ohne Ende bevölkern die Uferpromenade. Auch für diese Begeisterung gibt es das entsprechende Kennzeichen, F.IT. Auch ernährungsbewusste Frankfurter, die sich natürlich auch fit halten, haben die Möglichkeit, ihre einfache Wahrheit per Kennzeichen zu kommunizieren, F.DH. Leider gibt es keine Möglichkeit für den FA, seine Anhängerschaft für die Eintracht per Autokennzeichen zu bekunden. Aber für den kleinen Bruder, den Bornheimer Zweitligaclub, geht das schon, F.SV. Ebenso wie für irgendwelche FC Vereine, F.CK, F.CB. Ansonsten kann der FA natürlich F.AN sein, von was auch immer. Auch politisch Interessierte kommen nicht zu kurz, allerdings ist die Auswahl hier naturgemäß eingeschränkt. Aber die Anhänger der liberalen Partei haben schon die Möglichkeit, sich zu outen, F.DP. Wer der untergegangenen DDR nachtrauert, kann dies mit einem F.DJ Kennzeichen bekunden, leider nicht in blau. Und wer gerne auch außerhalb Bayerns die dortige Lokalpartei wählen würde, ist mit einem F.JS prima bedient. Auch die Freunde einer mittlerweile verbotenen Nazipartei können unverfänglich ihre Präferenz demonstrieren, F.AP. Na gut, da wollen wir mal keine böse Absicht unterstellen. Dass der Frankfurter ein aufgeschlossener, unverklemmter Zeitgenosse ist, stellt er gerne durch folgende Buchstabenkombination unter Beweis: F.KK. Manchmal ist es dann allerdings doch bedauerlich, dass nur drei Buchstaben zur Verfügung stehen. Aber da ist der FA kreativ und begnügt sich mit der phonetischen Lösung, F.IK (auch möglich in den Varianten F.UK, F.IC, F.UC). Manchen geht diese so offen zur Schau gestellte Sinnesfreude allerdings zu weit. Sie plädieren für die Freiwillige Selbstkontrolle, F.SK. Was allerdings auch für eine langgediente Popband um Thomas Meineke stehen könnte. Ist allerdings unwahrscheinlich. Auch eine gewisse Selbstironie kann man dem FA nicht absprechen. Den örtlichen Gegebenheiten angepasste Kleinwagen werden gerne mit dem Kennzeichen F.LO ausgestattet. Märchenfreunde hingegen freuen sich, wenn sie die gute F.EE nach hause trägt. Manch FA bezieht sich gerne auf lokale Gegebenheiten, die naturgemäß außerhalb nicht zwingend nachvollziehbar sind. Die Hörer eines privaten Radiosenders können so beispielsweise ihre Vorliebe für flachste Musikunterhaltung durch ihr Kennzeichen öffentlich machen, F.FH. Die Nähe des eigentlichen Wahrzeichens der Stadt, des berühmten Flughafens, sowie der Sitz einer bedeutenden überregionalen Tageszeitung, findet natürlich auch ihren Widerhall im Straßenverkehr, F.LY und F.AZ.

Der größte Feind des Frankfurters ist der Offenbacher. Dessen Kennzeichen, OF, wird in der Regel mit „Ohne Führerschein“ interpretiert. Sollte Ihnen jedoch mal ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen F begegnen, dann raten wir zu äußerster F.ORSICHT!

Streetart oder Die Stadt als Museum

Sie sind aus unseren Städten nicht mehr wegzudenken, diese Zeichen der Kreativität und der Phantasie. Sie kleben auf Regenrohren, Telefonkästen, Verkehrsschildern oder Hauswänden und sind aus Papier, Klebefolie oder Filz gefertigt, oder werden über Schablonen gesprüht. Diesen oft rätselhaften Symbolen, Comics oder Slogans sind zwei Dinge gemein – sie sind vergänglich und sie transportieren die Frage „Wem gehört die Stadt?“. Die Künstler hinter diesen Werken sind unbekannt, selbst die großen „Stars“ der Szene, wie Banksy, legen größten Wert auf ihre Anonymität. Aber alle eint ihr Engagement für die Stadt als Lebensraum, ihre Kunst ist Ausdruck der Aneignung des städtischen Raums.

Wer durch die Stadt hetzt, zu Fuß, per Fahrrad oder gar mit dem Auto, wird diese flüchtigen Zeichen in der Regel übersehen. Für den Flaneur jedoch sind diese Ikonen der Urbanität Lohn und willkommener Anlaß innezuhalten.

 

Aber natürlich ist der Begriff von der Stadt als Museum im Zusammenhang mit Streetart völlig fehl am Platze. Museen haben die ehrenvolle Aufgabe zu sammeln, zu bewahren, zu archivieren und zu zeigen. Museen sind Bunker der Erinnerung und des Wissens. Streetart hingegen ist flüchtig, vergänglich und nicht konservierbar. Sie entzieht sich somit dem Zugriff der Museen. Die Stadt als Galerie wäre wahrscheinlich der treffendere Ausdruck, das klingt aber nicht so gut. Ich lasse es also wie es ist. Die Stadt als Museum – des Flüchtigen.

 

Die alltägliche Überwachung


Diese Ampelanlage steht nicht in der Nähe des Kanzleramtes, der amerikanischen Botschaft oder sonst einem gefährdetem Objekt. Nein, diese Ampelanlage mit der Überwachungskamera wurde unlängst an einem Fußgängerüberweg in Frankfurt Bornheim, Saalburgstraße / Berger Straße, installiert. Was läßt sich da überwachen? Die Bornheimer, die mittwochs oder samstags mit vollen Einkaufstaschen vom Wochenmarkt zurückkehren, oder die Ausgeh- und Amüsierwilligen, die in die Bars, Cafes, Apfelweinwirtschaften und Restaurants der oberen Berger Straße strömen. Wird man jetzt gefilmt, wenn man bei Rot die Straße kreuzt, während Kinder mit ihren Eltern darauf warten, dass die Ampel auf Grün schaltet. Obwohl man das besser unterläßt, lautstarke Verfluchungen seitens empörter Passanten sind einem im Sündenfall sicher. Vielleicht soll auch die Revolution überwacht werden, die dort gelegentlich ihren alten Hanomag parkt und die Ladefläche nutzt um klassenkämpferische Parolen zu skandieren. In englischen Städten wurden nach den kürzlich ausgebrochenen Krawallen Fotos von Beteiligten an öffentliche Monitorpranger gestellt. Diese Bilder wurden von Überwachungskameras im öffentlichen Raum aufgenommen. Erwartet man dergleichen auch in Frankfurt und will vorbereitet sein? Auszuschliessen ist, dass die Überwachungsanlage dazu dient, Autofahrer zu ermitteln, die trotz roter Ampel den Fußgängerübergang kreuzen (ein in Frankfurt recht weit verbreitetes Autofahrervergnügen). Dazu hätte die Obrigkeit eine Blitzanlage installieren müssen. Die freilich gibt es dort nicht.

Ich werde also fürderhin darauf achten, mich an dieser Fußgängerampel noch vorbildlicher als ohnehin zu verhalten. Eventuell öffne ich auch meine Einkaufstasche, um jeden noch verbleibenden Restverdacht auszuschliessen. Wir sind alle verdächtig.

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